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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 44
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.
Der Gerichtsbote Maillard.

Ja, in Flammen – wäre nicht der Bote Maillard, der schnellfüßige Schlaukopf, zurückgekommen!

Maillard ergreift aus eigenem Entschluß – denn Gouvion und die übrigen hätten ihm ihre Zustimmung nicht erteilt – eine Trommel, steigt die Haupttreppe hinab und schlägt mit lautem Wirbel seinen Schalksmarsch: Rataplan, Rataplan; Allons à Versailles! Wie wenn man auf eine Wärmpfanne schlägt, um gereizte Bienen oder, sagen wir, um verzweifelt umherschwärmende Wespen einzufangen; wie sich die verzweifelten Tiere um den vernommenen Ton einfach wie um eine vermißte Führung scharen: also scharen sich jetzt die Mänaden um den schlauen Maillard, den reitenden Boten des Châtelet. Die schon erhobene Axt hält inne, Abbé Lefèvre läßt man halbgehangen zurück, alles stürmt vom Glockenturme hinunter. Was ist das für ein Trommelwirbel? Wie? Stanislaus Maillard, der Bastillenheld Maillard, will uns nach Versailles führen? Heil dir, Maillard, gesegnet seist du vor allen reitenden Boten! Auf denn, auf nach Versailles!

Die erbeuteten Kanonen werden mit erbeuteten Pferden bespannt; als Kanonierin mit Helm und Pike sitzt oben »stolzen Blickes und heiteren Angesichts« die braunlockige 257 Demoiselle Théroigne; sie gleicht, wie einige meinen, der Jungfrau von Orleans, oder sie erinnert sogar an das Bild der Pallas Athene.Deux Amis, III, 157. Maillard, dessen Trommel weiter wirbelt, wird unter himmelerschütterndem Geschrei zum General erklärt, Maillard beschleunigt den trägen Marsch, Maillard schlägt im Takte sein kräftiges Rataplan und führt seinen Mänadenschwarm – keine leichte Aufgabe! – die Quais entlang weiter. Ein solcher Schwarm marschiert nicht schweigend. Der Fährmann am Flusse hält inne; alle Fuhrleute und Kutscher ergreifen die Flucht; aus den Fenstern schauen Männer – nicht Frauen, sonst würden sie gepreßt. O Schauspiel aller Schauspiele: Bacchantinnen in diesen allerletzten Zeiten der Förmlichkeiten! Der erzene Heinrich sieht von seinem Pont-Neuf auf sie herab, das monarchische Louvre, die mediceischen Tuilerien erleben einen Tag, wie sie ihn noch nicht erlebt haben.

Und nun hat Maillard seine Mänaden in den Elysäischen Feldern (jetzt eher Gefilde des Tartarus) – und das Stadthaus hat verhältnismäßig wenig gelitten. Erbrochene Thüren, Abbé Lefèvre, der niemals mehr Pulver verteilen wird, drei Säcke Geld, wovon der größte Teil zurückgestellt werden wirdHist. Parl. III, 310. (denn der Sansculottismus hat trotz seines Hungers Ehre im Leibe), das ist der ganze Schaden. Großer Maillard! Ein kleiner Kern von Ordnung umgiebt seine Trommel, aber an seinen Flanken wogt es gleich dem wildtobenden Ocean; denn aus allen vier Windrichtungen flutet ihm männliches und weibliches Gesindel zu, und die Führung ruht einzig und allein in seinem Kopfe und in seinen zwei Trommelschlägeln.

O Maillard, wo stand seit der Zeit, da der erste Krieg geführt wurde, der Anführer einer Streitmacht vor einer solchen Aufgabe wie du an diesem Tage? Walther von Habenichts rührt noch heute jedes fühlende Herz; aber Walther und sein Unternehmen hatten die Sanktion, er hatte Zeit und Raum für seine Bewegungen, und seine Kreuzfahrer waren Männer; du hingegen bist weder vom Himmel noch von der Erde anerkannt und bist heute General von Mänaden. Ihre unverständliche Tollheit sollst du nicht nur in verständliche Worte bringen, sondern sogar in nicht tolle Thaten umsetzen. Dein Unternehmen muß auf die eine oder andere 258 Weise mißglücken; vor dir steht die gestrenge Behörde mit Gesetzesbuch und Strafen, hinter dir stürmen die Mänaden. Wenn sie einst das melodienreiche Haupt eines Orpheus abschlugen und in die Fluten des Peneus schleuderten, was werden sie wohl mit dir anfangen, der du keine Melodien, sondern nur Rhythmus, und keine andere Musik als die Musik eines Kalbfelles bietest? Und doch mißglückte dein Unternehmen nicht. Merkwürdiger Maillard – wäre nicht Ruhm ein bloßer Zufall, und wäre nicht die Geschichte nur eine Destillation von Gerüchten, wie merkwürdig müßtest du sein!

Auf den Elysäischen Feldern macht man Halt und überlegt; aber für Maillard giebt es keine Umkehr. Er redet seinen nach dem Arsenal und nach Waffen ungestüm verlangenden Mänaden ein, im Arsenal gäbe es gar keine Waffen, und überdies sei ein unbewaffneter Aufzug und eine Petition an die Nationalversammlung das Beste, was man thun könne; er ernennt in aller Eile Hauptmänninnen und Generalinnen für je zehn oder fünfzig Weiber und marschiert dann mit seinen Mänaden in recht lockerer Ordnung weiter, während Bastillen-Freiwillige die Nachhut bilden.,

Chaillot, das bereitwillig Brot liefert, wird nicht geplündert, auch in Sèvres wird nichts zerbrochen. Die alten Bogen der Sèvresbrücke wiederhallen vom Tritte der Mänaden, der Seinefluß strömt dahin mit seinem ewigen Rauschen, und Paris sendet uns den Klang von Sturmglocke und Alarmtrommel nach, wenn man auch hier in dem kreischenden Weibergeschrei und niederklatschenden Regen nichts davon vernimmt. Sowohl nach Meudon als auch nach St. Cloud ist die Kunde von ihnen gedrungen, und am häuslichen Herde wird es heute abend an Gesprächsstoff nicht fehlen. Das Weiberpressen währt noch fort; es gilt ja die Sache aller Evastöchter, aller Mütter, die es sind oder werden sollen. Keine Dame im Wagen begegnet ihnen, die nicht aussteigen müßte, und wenn sie einen hysterischen Anfall erlitte; sie muß in ihren Seidenschuhen in den Straßenkot treten und mitgehen.Deux Amis, III, 159. So ziehen sie im stürmischen Oktoberwetter gleich einem wilden Schwarm unbeschwingter Störche durch das erstaunte Land ihres Weges weiter. Alle Reisenden halten sie an, besonders die Reisenden oder Kuriere aus Paris. Erstaunt schaut der elegant gekleidete Deputierte Lechapelier durch seine Brille aus seinem eleganten Wagen heraus; er 259 fürchtet für sein Leben und erklärt mit großem Eifer, er sei der patriotisch gesinnte Abgeordnete Lechapelier, der Alterspräsident Lechapelier, der in der bekannten Pfingstnacht den Vorsitz geführt habe, er sei auch gründendes Mitglied des bretonischen Klubs. Darauf erhebt sich ein »gewaltiges Beifallsrufen: Vive Lechapelier! und mehrere Bewaffnete springen hinten und vorn auf, um ihm ein sicheres Geleite zu geben.«Deux Amis, II, 177; Dictionnaire des Hommes Marquants II, 379.

Nichtsdestoweniger sind auf Seitenwegen Nachrichten und Depeschen von Lafayette oder unbestimmte Alarmgerüchte durchgedrungen. In der Nationalversammlung ist man mit der Erledigung der Tagesordnung beschäftigt, man giebt auch dem Bedauern über antinationale Gastmähler im Opernsaale Ausdruck, man bedauert, daß Seine Majestät noch immer mit der Anerkennung der Menschenrechte zögere und seine Wenn und Aber entgegensetze – da geht Mirabeau zum Präsidentensitz, den zufällig der erfahrene Mounier einnimmt, und flüstert ihm mit seiner Baßstimme zu: »Mounier, Paris marche sur nous!« – »Je n'en sais rien!« – »Ob Sie es glauben oder nicht, kümmert mich nicht; aber ich sage, Paris marschiert gegen uns. Schützen sie ein plötzliches Unwohlsein vor, gehen Sie ins Schloß hinüber und melden Sie es ihnen dort; es ist kein Augenblick zu verlieren.« »Paris marschiert gegen uns?« antwortet Mounier in ärgerlichem Tone. »Gut, um so besser, desto schneller werden wir eine Republik sein.« Mirabeau verläßt ihn, wie man eben einen erfahrenen Präsidenten verläßt, der mit verbundenen Augen in tiefes Wasser stürzt, und die Tagesordnung geht wie früher ihren Gang weiter.

Ja, Paris marschiert gegen uns und mehr als nur die Weiber von Paris. Kaum war Maillard fort, als Gouvions Botschaften in alle Distrikte und das Schlagen des Generalmarsches ihre Wirkung zu äußern begannen. Bewaffnete Nationalgarden kommen aus jedem Distrikte, besonders die Grenadiers du Centre, unsere ehemaligen Gardes Français, langen rasch hintereinander am Grèveplatz an. Eine ungeheure Volksmenge ist da; St. Antoine drängt sich mit Pike und rostigem Feuergewehr herein, mag es willkommen sein oder nicht. Die Centralgrenadiere werden mit jubelndem Beifall empfangen. »Wir bedürfen nicht des Beifalls,« antworteten sie finster; »die Nation ist verhöhnt worden; zu den 260 Waffen, kommt mit uns, um Befehle einzuholen!« Ha, bläst der Wind daher? Patriotismus und Patrouillotismus sind jetzt eins.

Die Dreihundert sind versammelt, alle Ausschüsse in voller Thätigkeit; Lafayette diktiert eben Depeschen nach Versailles, als eine Abordnung der Centralgrenadiere sich bei ihm anmeldet. Die Abordnung leistet die militärischen Ehrenbezeugungen und spricht nicht ohne Überlegung also: »Mon Général, wir sind die Abgesandten der sechs Grenadier-Compagnien. Wir halten Sie nicht für einen Verräter, aber wir glauben, die Regierung verrät Sie; es ist Zeit, daß die Sache ein Ende nimmt. Wir können unsere Bajonette nicht gegen Frauen kehren, die zu uns um Brot schreien. Das Volk schmachtet im Elend, die Quelle des Unheils liegt in Versailles; wir müssen den König aufsuchen und ihn nach Paris bringen; das Regiment Flandern und die Garde du Corps, die sich erdreistet haben, die Nationalkokarde mit Füßen zu treten, müssen wir ausrotten (exterminer). Wenn der König zu schwach ist, die Krone zu tragen, so mag er sie niederlegen. Sie werden seinen Sohn krönen, einen Regentschaftsrath ernennen, und alles wird besser werden.« Vorwurfsvolles Erstaunen malt sich auf Lafayettes Antlitz, spricht von seinen beredten, ritterlichen Lippen: vergebens. »Mon Général,wir würden den letzten Blutstropfen für Sie vergießen; aber die Wurzel alles Übels liegt in Versailles; dorthin müssen wir gehen und müssen den König nach Paris bringen; das ganze Volk wünscht es (tout le peuple le veut).«

Mein General begiebt sich zur äußeren Treppe hinab und hält eine Ansprache: abermals vergebens. »Nach Versailles! Nach Versailles!« Maire Bailly, um den man mitten durch die Fluten des Sansculottismus geschickt hat, versucht von seiner vergoldeten Staatskutsche aus eine akademische Rede zu halten, aber die Wirkung ist nur ein nicht endenwollendes Geschrei: Brot! Brot! Nach Versailles! So ist er froh, sich wieder zurückziehen zu können. Lafayette besteigt sein weißes Streitroß, hält noch einmal eine Rede und dann noch eine voll Beredsamkeit, Festigkeit, zorniger Entrüstung, kurz eine Rede, der nichts fehlt als – die Kraft der Überzeugung. »Nach Versailles! Nach Versailles!« So währt es Stunde für Stunde, einen halben Tag lang.

Der große Scipio Americanus vermag nichts, er kann nicht einmal selbst entkommen. »Morbleu, mon Général,« rufen die Grenadiere und schließen die Reihen dichter, da das weiße 261 Schlachtroß eine diese Absicht verratende Bewegung macht, »Sie werden uns nicht verlassen, Sie werden bei uns bleiben!« Eine gefährliche Situation: Maire Bailly und die Stadträte sitzen zitternd und schlotternd drinnen, draußen ist der Herr General ein Gefangener, der Grèveplatz mit seinen dreißigtausend regulären Truppen, seinem ganz irregulären St. Antoine und St. Marceau bildet eine einzige drohende Masse von blankem oder rostigem Stahl, alle Herzen streben mit gereizter Spannung und Ungeduld nur einem Ziele zu. Ja, gereizt und gespannt sind alle Herzen, ruhig ist keines, es wäre denn das Herz des weißen Streitrosses, das mit gebogenem Halse hier scharrt und ruhig an seinem Gebisse kaut – als sollte keine Welt samt Dynastien und Zeitepochen zusammenbrechen. Der regnerische Tag neigt sich dem Abend zu, und noch immer erschallt der Ruf: Nach Versailles!

Aber jetzt dringen aus der Ferne unheilkündende Rufe mit einem heiseren, langgezogenen Echo dumpfen Murrens, aus dem einzelne Silben nur zu deutlich an das Wort »Lanterne« anklingen. Vielleicht ist der irregnläre Sansculottismus mit Piken, ja mit Kanonen auf eigene Faust abmarschiert? Der unbeugsame Scipio läßt endlich durch einen Adjutanten bei den Stadträten anfragen, ob er gehen dürfe oder nicht. Ein Brief wird ihm über die bewaffneten Köpfe hinweg eingehändigt; sechzigtausend Gesichter blicken gespannt auf ihn; es herrscht Totenstille, und alles hält den Atem an, bis er gelesen hat. Beim Himmel, er erbleicht plötzlich! Erlauben es die Stadträte? – »Sie erlauben und befehlen es sogar,« – zumal ihm keine andere Wahl übrig bleibe. Rauschender Beifall erschüttert die Lüfte. In Reih und Glied also, marschieren wir!

Es ist nach unserer Berechnung gegen 3 Uhr nachmittags. Die zornige Nationalgarde mag für diesmal ihr Mittagsmahl aus dem Brotsack nehmen; indessen, ob es ein Mittagessen giebt oder nicht, sie marschiert, als wäre sie ein Herz und ein Sinn. Paris reißt die Fenster auf und »klatscht in die Hände,« als die Rächer mit ihren lauten Trommeln und Schalmeien vorüberziehen; später wird es sorgenvoll und nachdenklich dasitzen und eine recht schlaflose Nacht haben.Deux Amis, III, 165. Lafayette, der auf seinem weißen Rosse hin und her reitet und beredte Worte spricht, bewegt sich mit seinen dreißigtausend Leuten so langsam wie möglich vorwärts. St. Antoine 262 ist ihm bereits mit Piken und Kanonen vorangezogen, eine bunte Menge Bewaffneter und Unbewaffneter marschiert ihm zur Seite und hinter ihm; das Landvolk bleibt noch einmal stehen und gafft: Paris marche sur nous.

 

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