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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 43
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.
Die Mänaden.

Wenn Voltaire einmal in übler Laune seine Landsleute fragt: »Aber ihr, Gualchen, was habt ihr erfunden?« so können sie nunmehr antworten: Die Kunst des Aufstandes. Es war eine Kunst, deren man in diesen letzten, eigenartigen Zeiten bedurfte, eine Kunst, für die sich gerade das französische Naturell, so voll Leidenschaftlichkeit, so bar aller Tiefe, vielleicht am allermeisten eignete.

Zu welcher Höhe der Vollkommenheit, könnte man sagen, ist denn auch dieser Zweig menschlicher Thätigkeit im Verlaufe des letzten halben Jahrhunderts durch Frankreich gebracht worden! Der Aufstand, der nach Lafayettes Ansicht unter Umständen »die heiligste der Pflichten« sein kann, zählt nun für das französische Volk zu jenen Pflichten, die es zu erfüllen versteht. In anderen Ländern ist das gemeine Volk, der Pöbel, eine gedankenlose Masse, die sich mit gedankenloser, wilder Zähigkeit, mit gedankenloser, wilder Leidenschaft fortbewegt, ohne auch nur einen Funken des Genies aufblitzen zu lassen. Der Mob des französischen Volkes dagegen gehört zu den lebendigsten Phänomen dieser Welt: so rasch und verwegen, so klarblickend und erfinderisch, so flink und gewandt in der Benutzung des Augenblicks voll Leben bis in die Fingerspitzen. Besäße das französische Volk kein anderes Talent als das, en queue zu stehen, so würde es sich schon dadurch allein von allen Völkern des Altertums und der Neuzeit unterscheiden.

Der Leser dürfte auch zugeben, daß es im großen und ganzen vielleicht wenige irdische Erscheinungen giebt, die eine Betrachtung mehr verdienten als gerade die Volksmassen. 253 Das gemeine Volk ist ein echter, unverfälschter Ausfluß der Natur, es wurzelt in den tiefsten Tiefen der Natur oder steht mit ihnen in steter Verbindung. Während sonst so vieles als leblose Form grinsend und fratzenschneidend einhergeht und unter der steifleinenen Hülle kein Herz schlägt, herrscht, wenn sonst nirgends, sicherlich hier Aufrichtigkeit und Wirklichkeit. Entsetze dich darob oder schreie darüber, so du es nicht lassen kannst, aber betrachte es aufmerksam. Welche Summe von Individualitäten und menschlichen Kräften, in einem Zustande beinahe übernatürlicher Spannung hinausgeschleudert, um unter Druck und Gegendruck auf einander einzuwirken und das zu vollbringen, was sie vollbringen können! Was sie thun werden, weiß niemand, am allerwenigsten sie selbst. Es ist das entzündlichste, unberechenbarste Feuerwerk, das sich selbst hervorbringt und verzehrt: unter welchen Erscheinungen, in welchem Umfange und mit welchem Enderfolge es abbrennen wird, darüber stellen Philosophie und Scharfsinn vergeblich Vermutungen an.

»Der Mensch ist,« wie es irgendwo geschrieben steht, »für den Menschen immer interessant, ja eigentlich giebt es außer ihm nichts Interessantes.« Können wir nicht von diesem Gesichtspunkt aus leicht sehen, warum die meisten Schlachten so langweilig geworden sind? In unseren Tagen werden die Schlachten rein mechanisch geschlagen, unter möglichst geringer Entfaltung menschlicher Individualität oder Eigenthätigkeit: die Menschen sterben eben, ja sie töten sogar einander auf künstliche Art. Deshalb haben seit den Zeiten Homers, da sich noch wirklich kämpfende Volksmassen gegenüberstanden, die meisten Schlachten aufgehört, etwas Sehenswertes, Lesenswertes oder Erinnernswertes zu sein. Wie bemüht sich die Geschichte noch immer, uns viele, langweilige blutige Schlachten zu schildern oder gar mit rauher Stimme zu besingen – und sie wollte diesen einzigen Weiberaufstand stillschweigend übergehen oder nur oberflächlich und gleichgiltig darüber hinweggleiten?

Wir sagten: Ein Gedanke oder das noch unklare Rohmaterial zu einem Gedanken gährte allgemein während dieser Nacht in den Köpfen der Weiber und drängte zum Ausbruch. Gar manche Mutter erwacht Montags und hört ihre Kinder nach Brot schreien. Die Mutter muß hinaus auf die Straßen, auf den Gemüsemarkt und zu den Bäckerqueues; dort begegnet sie anderen auch vom Hunger gequälten, darum gleichfühlenden und erbitterten Müttern. O wir unglücklichen Weiber! 254 Aber warum ziehen wir nicht, statt vor den Bäckern Queues zu bilden, zu den Palästen der Aristokraten, welche die Wurzel des ganzen Übels sind? Allons! Versammeln wir uns und dann auf zum Stadthaus, nach Versailles, an die Laterne!

In einem der Wachthäuser des Quartier St. Eustache ergreift »ein junges Weib« eine Trommel – die Nationalgarde wird doch nicht auf Weiber, zumal auf ein junges Weib, schießen? – Das junge Weib ergreift also die Trommel, geht trommelnd und »über die Kornteuerung« schreiend weiter. Kommt herab, ihr Mütter alle, ihr Judiths, kommt herab zu Speise und Rache! – Alle Weiber eilen herbei und gehen mit; ganze Scharen stürmen die Treppen hinauf und führen mit Gewalt die Weiber heraus. Die Macht des Weiberaufstandes gleicht nach Camille der englischen Seemacht: es findet ein allgemeines »Weiberpressen« statt. Handfeste Damen der Halle, schmächtige Mantillennäherinnen, die mit der frühen Morgendämmerung aufstehen, alte Jungfern, die zur Frühmesse trippeln, die Hausmagd mit dem Morgenbesen – alles muß mit. Heraus, ihr Weiber! Die faulen Männer wollen nicht handeln; sie sagen, wir selbst sollen handeln!

Und so strömt es, wie wenn der schmelzende Schnee von den Bergen rinnt, – jede Treppe ein geschmolzener Bach – unter Lärm und wildem Geschrei zum Rathause. Unter Lärm, mit oder ohne Trommelmusik: denn die Vorstadt St. Antoine hat sich auch schon in die Kleider geworfen und stürmt herbei mit Besenstangen, Feuerhaken, ja sogar mit verrosteten, aber ungeladenen Pistolen. Die laute Kunde davon fliegt mit der Geschwindigkeit des Schalles bis zu den äußersten Barrieren. Gegen 7 Uhr dieses rauhen Oktobermorgens, des fünften im Monate, soll das Hotel de Ville seine Wunder schauen! Als wollte es der Zufall so haben, ist auch schon eine Gruppe von Männern am Platze und drängt sich lärmend um eine Nationalpatrouille und um einen Bäcker, den man bei zu knappem Gewichte ertappt hat. Sie sind da und haben bereits den Laternenstrick herabgelassen. Heimlich müssen die behördlichen Organe den schlecht wägenden Bäcker durch Hinterthüren hinausschmnggeln und sogar »in alle Distrikte« um Verstärkungen senden.

Großartig war es, sagt Camille, so viele Judiths, acht- bis zehntausend im ganzen, hinausstürzen zu sehen, um nach der Wurzel alles Übels zu suchen. Es muß wohl etwas 255 Entsetzliches, etwas Komisches und Schreckliches zugleich gewesen sein, das jeder Zucht und Ordnung spottete. Um diese Stunde sind die übernächtigen Dreihundert noch nicht aus den Betten; außer einigen Schreibern, einer Compagnie Nationalgarden und Generalmajor M. de Gouvion ist noch niemand da. Gouvion hat in Amerika für die Sache der Freiheit gekämpft, er ist ein Mann von nicht geringem Mute, aber leider schwachem Kopfe. Eben sucht er in seinem Hinterzimmer den Gerichtsboten und ehemaligen Bastillesergeanten Maillard zu beschwichtigen, der wie viele andere mit »Vorstellungen« gekommen ist. Der Beschwichtigungsversuch ist noch nicht ganz gelungen, als unsere Judiths anlangen.

Die Nationalgarden nehmen mit gefälltem Bajonett auf der äußeren Treppe Aufstellung; die zehntausend Judiths dringen hinauf, unaufhaltsam, mit ausgestreckten Händen, mit Bitten und Beschwörungen – sie wollen ja nur mit dem Maire sprechen. Die Hinteren drängen nach, ja es kommen auch schon Steine geflogen, die von Männerhänden aus dem Hintertreffen geschleudert werden. Die Nationalgarde kann nur zwischen zwei Dingen wählen: entweder muß sie den Grèveplatz mit Kanonen säubern oder nach rechts und links Durchlaß gewähren. Sie thut das Letzte, und die lebendige Sündflut ergießt sich hinein. Alle Zimmer und Kabinette, alle Räume bis zum Glockenstuhl hinauf durchsucht sie, sucht gierig nach Waffen, sucht den Maire, sucht Gerechtigkeit. Einige besser Gekleidete dagegen reden freundlich mit den Schreibern, setzen ihnen das Elend dieser armen Weiber auseinander, erzählen aber auch von ihren eigenen Leiden, von denen einige ganz anderer Natur sind.Deux Amis, III, 141-166.

Der arme M. de Gouvion weiß in seiner Not keinen Rat, er ist überhaupt ratlos, ein verworrener Kopf, der noch einmal durch Selbstmord enden wird. Welches Glück für ihn, daß eben jetzt der Gerichtsbote Maillard, dieser Schlaukopf, zur Stelle war, um Vorstellungen zu machen! Fliege zurück, pfiffiger Maillard, suche die Bastille-Compagnie, komme rasch mit ihr, komme vor allem mit dem schlauen Kopfe zurück! Denn unsere Judiths können keinen Maire, können keinen Municipialrat finden; nur hoch oben im Glockenstuhl finden sie den armen Abbé Lefèvre, den Pulver-Verteiler, und hängen in Ermangelung eines Besseren ihn auf im fahlen Morgenlichte, hier hoch oben über Paris, das undeutlich vor den 256 Augen schwimmt. Ein schreckliches Ende, nicht wahr? Nein, kein Ende, der Strick riß, wie es französischen Stricken öfter geschah, oder es durchschnitt ihn eine von den Amazonen. Abbé Lefèvre fällt etwa 20 Fuß tief hinab, schlägt krachend auf das Bleidach auf, aber er bleibt am Leben und lebt noch lange Jahre, wenn auch immer »mit einem Zittern in den Gliedern.«Dusaulx, Prise de la Bastille, Note S. 281.

Und jetzt fliegen unter Axthieben die Thüren auf; die Judiths haben den Waffensaal erbrochen; sie bemächtigen sich der Gewehre und Kanonen, dreier Säcke Geld und ganzer Stöße Papier. Fackeln lodern auf: in wenigen Minuten wird unser stattliches Hotel de Ville, das aus der Zeit Heinrichs IV. stammt, mit allem, was es birgt, in Flammen stehen!

 

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