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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 42
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.
Schwarze Kokarden.

Denkt euch nun, welche Wirkung dieses Thyestesmahl und gar die Kunde von der mit Füßen getretenen Nationalkokarde auf die hungernden Bäckerqueues in Paris und auf die Salle des Menus haben mußte! Ja, wie es scheint, sollen diese Thyestesmahle Wiederholungen erleben. So hat Flandern zur Erwiderung die Schweizer und Hundert-Schweizer zu einem Festessen geladen, und am Sonnabend hat noch eines stattgefunden.

Ja, hier bei uns herrscht Hungersnot, dort in Versailles aber giebt es Nahrung in Hülle und Fülle. Zitternd vor Hunger und verfolgt vom Patrouillotismus muß der Patriotismus en queue stehen, während blutdürstige Aristokraten, von allzu üppigem Wohlleben erhitzte Aristokraten, die Nationalkokarde mit Füßen treten. Soll die Greuelthat wahr sein? Ja, seht nur: grüne, rotbesetzte Uniformen, schwarze Kokarden, – die Farbe der Nacht! Sollen wir vom Militär überfallen werden und noch dazu Hungers sterben? Denn seht, das Kornschiff aus Corbeille, das doch sonst zweimal des Tages mit seinem Pariser Gipsmehl ankam, kommt jetzt nur einmal. Das Stadthaus hat taube Ohren, und die Männer sind träge, feige Memmen! – Im Café de Foy sieht man am heutigen Sonnabend etwas ganz Neues, eine Erscheinung, die in ihrer Art nicht vereinzelt bleiben wird: eine Frau, die öffentlich spricht. Ihr armer Mann, sagt sie, sei durch seinen Distrikt zum Schweigen verurteilt, da die Präsidenten und Beamten ihn nicht sprechen lassen wollten. Darum wolle sie mit ihrer kreischenden Stimme hier, solange nur ihr Atem ausreiche, 251 reden und Klage führen über das Corbeiller Schiff, über das Pariser Gipsmehl, über die fluchwürdigen Opernhausgelage, über die grünen Uniformen, über die adeligen Piraten und ihre schwarzen Kokarden!

Wahrlich, es ist an der Zeit, daß wenigstens die schwarzen Kokarden verschwinden; sie will nicht einmal der Patrouillotismus schützen. Ja, der heißblütige »Monsieur Tassin« vergißt am Sonntag morgens bei der Tuilerienparade aller nationalen Soldatenzucht, er springt aus Reih und Glied heraus, reißt eine schwarze Kokarde, die dort herausfordernd prunkt, herab und stampft sie voll Ingrimm in den Boden Frankreichs hinein. Selbst der Patrouillotismus ist nicht frei von einer verhaltenen Wut. Auch die Distrikte beginnen sich zu rühren; die Stimme des Präsidenten Danton wiederhallt in den Cordeliers, Volksfreund Marat ist nach Versailles hin und von dort zurück geflogen; – ein schwarzer Vogel, der kein heiteres Wetter kündet. –

Und so begegnet an diesem Sonntage bei seinem Spaziergange ein Patriot dem anderen und sieht, wie sich seine eigene düstere Sorge im Gesichte des anderen widerspiegelt. Trotz des Patrouillotismus, der übrigens kein so wachsames Auge wie sonst zeigt, wogen eifrig sprechende Gruppen auf den Brücken, auf den Quais, in den patriotischen Cafés auf und ab. Und so wie nur eine schwarze Kokarde auftaucht, bricht ein hundertstimmiges Heulen und Brüllen los: A bas! Herunter damit! Alle schwarzen Kokarden werden schonungslos herabgerissen; ein Individuum rafft die seinige wieder auf, küßt sie und versucht sie wieder anzustecken; aber hundert Stöcke fliegen empor, und er muß davon abstehen. Noch schlimmer erging es einem anderen; ein improvisiertes Plebiscit hatte ihn zum Laternenpfahl verurteilt, und nur mit schwerer Mühe wurde er von einigen gerade dienstthuenden Corps de Garde gerettet. – Lafayette sieht die Anzeichen einer Gährung, verdoppelt seine Patrouillen, verdoppelt seinen Eifer, ihr vorzubeugen. So vergeht der Sonntag der 4. Oktober 1789.

Düsterer Unmut wohnt im Herzen des Mannes, das der Patrouillotismus niederdrückt, leidenschaftlicher Zorn im Herzen des Weibes, das sich nicht niederdrücken läßt. Die Volksrednerin im Palais Royal blieb nicht allein: – Männer wüßten nicht, was es heiße, wenn die Speisekammer leer zu werden drohe, das wüßten nur die Hausmütter. O Weiber, Gattinnen von Männern, die immer nur rechnen, nie handeln 252 wollen! Der Patrouillotismus ist stark, stärker aber der Tod durch Hunger und Überfall. Der Patrouillotismus unterdrückt den Patriotismus der Männer; kann er auch den Patriotismus der Weiber unterdrücken? Werden es Garden, die sich »national« nennen, wagen, ihre Bajonette in die Brust von Weibern zu stoßen? Dieser Gedanke oder vielmehr das ungeformte Rohmaterial zu einem solchen Gedanken gährt allenthalben unter der weiblichen Nachthaube und wird beim ersten Morgengrauen beim leisesten Anstoß zum Ausbruch kommen.

 

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