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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 40
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Weiberaufstand.

Erstes Kapitel.
Patrouillotismus.

Diese Revolution, Freunde, ist nicht so geartet, daß sie sich konsolidieren ließe. Wachsen nicht Feuer, Fieber, bestellte Saaten, chemische Mischungen, Menschen, Ereignisse, kurz alle Verkörperungen von Kraft, die in diesem wunderbaren Inbegriff von Kräften, welchen wir Weltall nennen, wirksam sind, wachsen sie nicht alle nach ihrer Weise durch alle Entwicklungsstufen hindurch, bis sie ihren Höhepunkt erreichen, dann sichtlich verfallen, schließlich zusammensinken und verschwinden oder, wie wir es nennen, sterben? Alles wächst, es giebt überhaupt nichts, was nicht wächst und der ihm eigentümlichen Entfaltung zustrebt, sobald ihm nur die Möglichkeit zur Entwicklung gegeben ist. Beachte auch, daß alles mit einer Schnelligkeit wächst, die im allgemeinen zu dem ihm innewohnenden Übermaß krankhafter Triebkraft im graden Verhältnis steht; langsames, regelmäßiges Wachstum hingegen, so gewiß auch dieses mit dem Tode endet, nennen wir Wohlbefinden und Gesundheit.

Ein Sansculottismus, der Bastillen zertrümmert, der Gewehr und Pike erhalten hat und jetzt Schlösser einäschert, der Beschlüsse faßt und unter Dach oder unter freiem Himmel Reden hält, der ist, wie man mit Recht behaupten darf, aufgeschossen und muß nun nach dem Gesetz der Natur wachsen. Urteilt man sowohl nach dem ihm innewohnenden Übermaß krankhafter Triebkraft, als auch nach dem Nährboden und der ihn umgebenden Atmosphäre, in welcher er sich entwickelt, so läßt sich wohl erwarten, daß die Schnelligkeit und Ungeheuerlichkeit seines Wachstums jedes Maß überschreiten werden.

Manches, zumal alles Krankhafte, wächst auch stoß- und ruckweise. Der erste große Vorstoß, den der Sansculottismus machte, bestand in der Eroberung des Königs durch sein Paris; denn Baillys Redefigur entsprach der traurigsten 242 Wahrheit. Der König ist erobert, er darf sich auf Ehrenwort frei bewegen, aber nur unter der Bedingung eines vollkommen zufriedenstellenden Verhaltens, eine Bedingung, die unter den bestehenden Verhältnissen leider nicht mehr und nicht weniger als den Verzicht auf jedes Verhalten überhaupt bedeutet. Ist es nicht ein durchaus unhaltbarer Zustand, daß einer Majestät Stellung von ihrem Wohlverhalten abhängen soll? Ach, ist es nicht ebenso natürlich, daß alles Lebende sich am Leben zu erhalten sucht? Daher wird denn auch des Königs Verhalten bald tadelnswert erscheinen, und der zweite große Vorstoß des Sansculottismus, die Inhaftnahme des Königs kann nicht lange auf sich warten lassen.

Necker stimmt wie gewöhnlich in der Nationalversammlung sein Klagelied über das Defizit an: Die Barriere und Zollämter sind niedergebrannt, die Steuereinnehmer jagen nicht, sondern werden gejagt, der königliche Staatsschatz ist beinahe leer. Abhilfe soll ein Dreißigmillionen-Anlehen bringen, ferner unter noch verlockenderen Bedingungen eines von achtzig Millionen; leider wollen sich die Geldspekulanten weder auf das eine noch auf das andere einlassen; der Geldspekulant kennt eben kein Vaterland, er erkennt nur seinen schwarzen Agio-Pfuhl.

Und doch, welche Glut von Patriotismus brennt gerade jetzt in den Herzen aller Menschen, die ein Vaterland haben, eine Glut, die sogar bis zum Geldbeutel dringt! So wurde schon am 7. August von einer Anzahl Pariser Frauen ein Don patriotique, »eine patriotische Gabe von Juwelen in beträchtlichem Werte,« feierlich übergeben und ebenso feierlich und unter ehrender Erwähnung angenommen, ein Beispiel, das alle Welt in edlem Wetteifer nachahmt. Patriotische Gaben, stets von heroischen Ansprachen begleitet, welche der Präsident erwidern und die Versammlung anhören muß, fließen von nah und fern ein und zwar in solcher Menge, daß die ehrende Erwähnung nur noch in »Listen ausgedrückt wird, die man in bestimmten Zeiten veröffentlicht.« Jeder giebt, was er kann: sogar die Schuhmacher zeigen sich freigebig; ein Grundbesitzer schenkt einen Wald; die vornehme Welt opfert ihre Schuhschnallen und greift fröhlichen Mutes zu Schuhbändern; Freudenmädchen schenken, was sie in ihrem Venusdienste erworben haben. – Was sagt doch Vespasianus: Alles Geld riecht gut!

Herrlich, aber es genügt nicht. Der Klerus muß »eingeladen« werden, seine überflüssigen Kirchengeräte – in der 243 Königlichen Münze einschmelzen zu lassen, und schließlich muß man sich doch, wenn auch ungern, zu einer zwangsweisen patriotischen Beisteuer entschließen: nur dies eine Mal erlegt den vierten Teil eures unbekannten Jahreseinkommens, und die Nationalversammlung wird, wenigstens ohne durch den Bankerott gestört zu sein, die Konstitution vollenden. Die Diäten der Abgeordneten selbst betragen nach der Feststellung vom 17. August nur achtzehn Francs für den Tag und Mann; aber der Staatsdienst muß Nerven, muß Geld haben! Und trotz alledem ist es, wie man Mirabeau äußern hört, gerade »das Defizit, das uns rettet.«

Gegen Ende August ist unsere Versammlung in ihrer Verfassungsarbeit schon bei der Vetofrage angelangt. Soll der König gegen Nationalbeschlüsse ein Veto haben oder nicht? Welche Menge von Reden hört man drinnen und draußen, welche klare und leidenschaftliche Logik, welche Verwünschungen und Drohungen! – Der größte Teil davon ist glücklicherweise zum Hades hinabgesunken. Auch das Palais Royal wiederhallt dank dem verrückten Hirn und den unverrückten Lungen des Marquis Saint Huruge vom Gebrüll über das Veto. Und die Presse ist nicht müßig; in ganz Frankreich schallt und hallt es vom Veto. Dumont erzählt: »Niemals werde ich der Fahrt vergessen, die ich an einem jener Tage mit Mirabeau nach Paris machte, und des Menschengedränges, das wir bei der Buchhandlung »Le Jay« auf seinen Wagen warten sahen. Die Leute warfen sich vor ihm nieder und beschworen ihn unter Thränen, das Veto absolu nicht zuzugeben. Dabei gebärdeten sie sich wie Wahnsinnige: Herr Graf, Sie sind der Vater des Volkes, Sie müssen uns retten, Sie müssen uns gegen diese Schurken verteidigen, welche den Despotismus zurückbringen wollen. Wenn der König das Veto erhält, was frommt uns eine Nationalversammlung? Wir sind dann Sklaven, und alles ist verloren.«Souvenirs sur Mirabeau, p. 156. Mirabeau, fügt Dumont hinzu, zeigte sich bei solchen Gelegenheiten wahrhaft großartig; er gab eine ausweichende Antwort, bewahrte seine patrizische Seelenruhe und verpflichtete sich zu nichts.

Man schickt Abordnungen ins Stadthaus und anonyme Briefe an die Aristokraten in der Nationalversammlung mit der Drohung, daß fünfzehntausend, manchmal, daß gar sechzigtausend Mann »abmarschieren werden, um ihnen ein Licht aufzustecken.« Die Pariser Distrikte werden lebendig und 244 unterzeichnen Petitionen; Saint Huruge bricht vom Palais Royal mit einer Eskorte von fünfzehnhundert Individuen auf, um in Person zu petitionieren. Entschlossen oder scheinbar entschlossen ist der lange, struppige Marquis, entschlossen ist das Café de Foy, aber entschlossen ist auch Lafayette. Alle Straßen sind von Patrouillen besetzt, Saint Huruge wird an der Barrière des Bons Hommes angehalten; er mag brüllen wie ein Stier von Basan, umkehren muß er unbedingt. Die Brüder des Palais Royal »ziehen die ganze Nacht herum« und stellen Anträge unter freiem Himmel, da alle Kaffeehäuser geschlossen sind. Lafayette und das Stadthaus bleiben doch Sieger: Saint Huruge muß ins Gefängnis wandern, das Veto absolu verwandelt sich in ein Veto suspensif, das heißt in ein Einspruchsrecht, das nicht für immer, sondern nur für eine bestimmte Zeit Geltung hat, – und auch dieser Höllenlärm wird wie alle anderen verstummen.

So weit ist die Konsolidierung, wenn auch mit Überwindung vieler Schwierigkeiten, gediehen, daß sie die Unterwelt des Sansculottismus im Zaume hält, – und die Konstitution wird gemacht werden. Unter Schwierigkeiten, sagten wir: unter Festesjubel und Hunger, unter patriotischen Gaben und Queues vor den Bäckern, unter Festreden des Abbé Fauchet mit ihrem Amen von Peletonfeuer! Scipio Americanus hat sich den Dank der Nationalversammlung und den Dank Frankreichs verdient. Man bietet ihm Sold und andere Einkünfte in beträchtlicher Höhe an; aber er, dessen Sinnen und Trachten nach einem ganz anderen Glück als bloßem Geld verlangt, lehnt ohne Bedenken alle Anerbietungen in seiner ritterlichen Weise ab.

Dem gemeinen Mann in Paris bleibt indessen eine Thatsache unbegreiflich: daß jetzt nach dem Falle der Bastille und der Wiederherstellung der französischen Freiheit, das Korn immer noch so teuer bleibt. Unsere Menschenrechte sind beschlossen, der Feudalismus und alle Tyrannenmacht abgeschafft, und doch stehen wir en queue. Stecken aristokratische Aufkäufer dahinter, oder ist es der Hof, der noch immer nicht von seinen Ränken lassen will? Etwas muß irgendwo faul sein!

Aber was ist zu thun? Lafayette mit seinen Patrouillen verbietet alles, selbst das Klagen, Saint Huruge und andere Veto-Helden sitzen hinter Schloß und Riegel; Marats Volksfreund wird mit Beschlag belegt, die Drucker von patriotischen Zeitungen sind gebunden und geknebelt, ihre Blätter verboten, ja sogar die Ausrufer dürfen nicht ohne Erlaubnis und 245 bleierne Abzeichen ausrufen. Blaue Nationalgarden zerstreuen rücksichtslos alle Ansammlungen und säubern mit gefälltem Bajonett sogar das Palais Royal. Gehst du in Geschäften die Rue Taranne hinunter, ruft die Patrouille mit vorgehaltenem Bajonett: Links! Biegst du in die Rue St. Bénoit ein, ruft sie: Rechts! Ein vernünftiger Patriot, wie es Camille Desmoulins in diesem Falle ist, sieht sich um des Friedens willen gezwungen in der Gosse zu gehen.

O vielduldendes Volk, unsere glorreiche Revolution geht in eitel Dunst von trikoloren Festlichkeiten oder lobhudelnden Ansprachen auf. An Reden sind nach Loustalots beißenden Berechnungen »im Stadthaus allein während des letzten Monats mehr als zweitausend gehalten worden.« Und uns will man den, noch immer nicht mit Brot gesättigten Mund durch Strafen schließen? Ein Karikaturenzeichner verbreitet seine sinnbildliche Darstellung: Le Patrouillotisme chassant le Patriotisme, des Patrouillotismus Jagd auf den Patriotismus. Rücksichtslose Patrouillen, lange, überfeine Reden und karges, schlecht gebackenes Brot, das eher gebackenen Ziegelsteinen gleicht und Schmerzen in den Gedärmen verursacht! Was wird das Ende davon sein? Die Konsolidierung?

 

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