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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 39
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.
Der vierte Stand.

Die Presse öffnet ihren abgrundtiefen Schlund immer weiter, um ihn nicht wieder zu schließen. Unsere Philosophen kehren ihr freilich nach dem Beispiele Marmontels, »der sich gleich am ersten Tage mit Widerwillen zurückzog,« den Rücken. Der in seinem Marseiller Domizil grau und ruhig gewordene Abbé Raynal ist mit dem Laufe der Dinge wenig zufrieden; seine letzte litterarische Leistung ist abermals ein Akt der Auflehnung: ein entrüstetes Schreiben an die konstituierende Versammlung; – die Antwort darauf lautet: »Übergang zur Tagesordnung.« Auch der Philosoph Morellet runzelt unzufrieden die Stirn; ist er doch durch jenen 4. August in seinen Pfründen bedroht: das geht doch offenbar zu weit. Wie befremdend, »daß sich diese hageren Gestalten in wollenen Kitteln nicht ebenso wie wir mit der Spekulation und siegreichen Analyse zufriedengeben wollen!«

Ach ja, Spekulation und Philosophismus, einst nur des Salons Eigentum und Zierde, wird sich jetzt zu lediglich praktischen Vorschlägen umprägen und allenthalben auf Wegen und Straßen in Umlauf kommen, und dies mit Erfolg! Ein vierter Stand von geschickten Zeitungsschreibern schießt empor, wächst, vermehrt sich ins Unendliche und läßt sich nicht unterdrücken. Neue Drucker tauchen auf und neue Journale und immer wieder neue; so vielverlangend ist die Welt. Mögen unsere Dreihundert sie nur zügeln und konsolidieren, soviel sie können! Loustalot giebt unter den Fittichen Prudhommes, des langweiligen, prahlerischen Druckers, wöchentlich seine beißend und rücksichtslos geschriebenen »Révolutions de Paris« heraus. Beißend und ätzend wie Schlehengeist und Vitriol ist Marat im »Ami du Peuple;« bei ihm steht es schon fest, daß die 238 Nationalversammlung, in der es von Aristokraten wimmelt, »nichts thun kann« als sich selbst auflösen und einer besseren Platz machen, daß die Stadtrepräsentanten wenig mehr als Schwätzer und Schwachköpfe, wenn nicht gar Schurken sind. Der Mann ist ein armer Teufel; er ist schmutzig, wohnt in Dachkammern, sein Inneres und Äußeres wirkt gleich abstoßend auf uns; er ist von Gott gezeichnet und jetzt ist er von einer fixen Idee besessen und wird zum Fanatiker. Grausames Spiel der Natur. Armer Marat, hat dich die Natur nur wie zum grausamen Zeitvertreib aus ihren Abfällen und einem Gemenge unbrauchbaren Lehms geknetet, und wie eine Stiefmutter dich, das Bild der Zerrissenheit, in dieses zerrissene 18. Jahrhundert hineingeschleudert? Die Arbeit, welche dir darin beschieden ist, wirst du verrichten. Die Dreihundert haben Marat vorgeladen und werden es wieder thun, aber immer weiß er eine ausreichende Antwort zu krächzen, immer wird er ihnen trotzen oder sich ihren Händen entwinden, und sich nicht knebeln lassen.

Carra, »Exsekretär eines geköpften Hospodaren« und später des Halsbandkardinals, auch Pamphletist, Abenteurer in gar vielen Landen und auf gar vielen Schauplätzen, drängt sich an Mercier vom »Tableau de Paris« heran und macht schäumenden Mundes den Vorschlag zu den »Annales Patriotiques«. Der Moniteur blüht und gedeiht weiter; Barrière »weint« in seinem bis jetzt noch loyalen Blatte; Rivarol und Royou bleiben nicht müßig. Die Tiefe ruft zur Tiefe: euer Domine Salvum Fac Regem wird ein Pange Lingua wecken; neben dem »Ami du Peuple« besteht eine königsfreundliche Zeitung »Ami du Roi«. Camille Desmoulins hat sich zum »Procureur-Général de la Lanterne«, zum General-Anwalt der Laterne, aufgeworfen und verficht unter einem blutrünstigen Titel in einer durchaus nicht blutrünstigen Art seine Sache; er giebt wöchentlich seine glänzenden »Révolutions de Paris et Barbant« heraus. Die glänzenden sagen wir; denn wenn dich in der dumpfen Schwüle der Tagespresse mit ihrem leeren Phrasenschwulst, mit ihrer verhaltenen oder ungezügelten Wut irgend ein Strahl des Genies begrüßt, so sei dessen gewiß, er kommt von Camille. Was Camille berührt, schmückt er mit leichter Hand; in die schrecklichste Verwirrung bringt er unerwartet und spielend Klarheit; Camilles Worte sind oft lesenswert, wenn keines anderen Worte gelesen zu werden verdienen. Rätselhafter Camille, wie schimmert aus dir das immer noch halbhimmlische Licht eines gefallenen 239 Himmelsrebellen gleich dem Sternenlicht auf Lucifers Stirn! Sohn des Morgens, in welche Zeit, in welches Land bist du gefallen!

Aber in allen Dingen liegt etwas Gutes, wenn auch nichts Gutes für»die Konsolidierung von Revolutionen.« Tausende von Wagenladungen dieser Flugschriften und Zeitungen liegen in den öffentlichen Bibliotheken unseres Europa, wo sie langsam vermodern. Gleich Austern von bibliomanen Perlenfischern aus dem großen Schlund herausgefischt, müssen auch sie zuerst vermodern, dann erst kann das, was Camille oder andere an Perlen enthielten, erkannt werden und wird dauernden Wert haben.

Auch das öffentliche Reden hat trotz der sauren Gesichter, die Lafayette und seine Patrouillen dazu machen, nicht abgenommen. Laut geht es stets im Palais Royal zu, am lautesten im Café de Foy, wo eine gar bunte Menge von Bürgern und Bürgerinnen aus- und eingeht. »Dann und wann nützen,« wie Camille behauptet, »einige Bürger die Preß-Freiheit für ihre Privatzwecke aus, so daß dadurch dieser oder jener Patriot seine Taschenuhr oder sein Taschentuch einbüßt.« Im übrigen giebt es nach Camilles Meinung nichts, was ein anschaulicheres Bild vom Forum Romanum geben könnte. »Ein Patriot stellt seinen Antrag; findet er Unterstützung, so läßt man ihn auf einen Stuhl steigen und sprechen. Erntet er Beifall, so bringt er es weiter und redigiert; wird er ausgezischt, so geht er seines Weges.« So treiben sich diese Patrioten allerorten herum und halten hochtrabende Reden. Vor allen aber sieht und hört man den langen, struppigen Marquis Saint-Huruge, einen Mann, der Verluste gehabt und sie verdient hat. »Brüllen« ist das Merkmal seiner Stimme, er brüllt wie ein Stier von Basan mit einer Stimme, die alle anderen übertönt und gar oft die Herzen erzittern macht. Verrückt oder halbverrückt ist des Marquis Kopf; aber seine Lungen sind »unverrückt« auf ihrem Platze: das Verrückte und das Unverrückte wird ihm gleichviel nützen.

Bedenkt noch, daß jeder von den achtundvierzig Distrikten seinen eigenen Ausschuß besitzt, der ohne Ende Reden hält und Anträge stellt, der beim Suchen nach Korn, beim Suchen nach einer Konstitution mithilft, indem er die armen Dreihundert im Stadthaus bald zurückhält, bald antreibt; bedenkt, daß Danton mit seiner »Stimme, die von den Gewölben wiederhallt,« Präsident des Cordeliers-Distriktes ist, das schon Gosen 240 des Patriotismus geworden ist; bedenkt, daß es, abgesehen von den »siebzehntausend Allerärmsten, die am Montmartre graben«, von denen man die meisten mit vier Schilling entlassen und ins Weite geschickt hat, einen Streik oder Verband von stellenlosen Hausknechten giebt, die sich zu öffentlichen Beratungen versammeln; ferner einen Streik der Schneider, denn auch sie wollen streiken und reden; ferner einen Streik der Schuhmachergesellen, einen Streik der Apotheker: – so teuer ist das Brot.Hist. Parl., III, 359, 417, 423. Da nun einmal alle diese in den Streik getreten sind, so müssen sie auch, zumeist unter freiem Himmel, Reden halten und Beschlüsse fassen – während Lafayette und seine Patrouillen sie mit argwöhnischen Augen aus der Ferne beobachten.

Unglückliche Sterbliche! Welch ein Ringen und Kämpfen, welch gegenseitiges Würgen, nur damit die ganze Summe menschlichen Glückes auf dieser Erde so verteilt werde, daß sie keinem ganz unerträglich erscheine, während doch die ganze zur Verteilung gelangende Summe ein bloßes «Schaugericht« ist. – Thätig sind die dreihundert; niemand kommt in der Behandlung des Pöbels unserem Scipio Americanus gleich; aber all dies bedeutet wahrlich nichts Gutes für das Konsolidieren einer Revolution. 241

 


 

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