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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 38
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.
En Queue.

Werfen wir jetzt einen Blick auf Paris, so fällt eins besonders auf: die Bäckerläden haben ihre Queues oder Schweife, d. h. lange Reihen von Käufern, die hintereinander stehend einen Schweif bilden, sodaß der erste zuerst bedient wird – wenn der Laden nur erst einmal offen ist. Dies Warten im Gänsemarsch, das man seit den ersten Julitagen nicht mehr gesehen hat, kommt im August wieder zum Vorschein. Mit der Zeit werden wir es durch Übung fast zu einer Kunst vervollkommnet sehen, und die Kunst oder Quasi-Kunst, en queue zu stehen, wird zu einem charakteristischen Merkmale des Pariser Volkes, wodurch es sich von jeder anderen Stadtbevölkerung unterscheidet.

Bedenkt jedoch, daß gerade jetzt, da die Arbeit selbst so karg ist, der Mann nicht bloß Geld verdienen, sondern auch (wenn sein Weib zum Warten und Drängen zu schwach ist), oft halbe Tage en queue stehen und warten muß, bis er sein Geld gegen teures und schlechtes Brot eintauscht! Notwendigerweise entstehen in diesen verzweifelten Queues Streitigkeiten, die bisweilen zu blutigen Schlägereien ausarten.. Kommt es nicht zu Streit, so hört man ein einstimmiges Pange lingua von Klagen gegen die gegenwärtigen Machthaber. Frankreich hat sein langes Curriculum des Hungerns begonnen, das 235 weit lehrreicher und fruchtbarer als manches akademische Curriculum, durch volle sieben strenge Jahre währt. Wie sagt doch Jean Paul von seinem eigenen Leben: »Im Hungern kann man es oft gar weit bringen.«

Bedenkt dagegen, welch grellen Gegensatz dazu die Jubelfeierlichkeiten bilden! Paris zeigt im Augenblick folgende zwei Züge: Jubelfeierlichkeiten und Brotmangel. Jubelprozessionen ziehen in Menge auf, Prozessionen von jungen Weibern, die, geputzt und insgesamt mit dreifarbigen Bändern behängt, unter Gesang und Trommelschlag zum Schrein der heiligen Genoveva gehen, um ihr für den Fall der Bastille zu danken. Die handfesten Männer und Weiber der Halle mit ihren Reden und Blumensträußen fehlen nicht dabei. Abbé Fauchet, in solcher Arbeit berühmt (Abbé Lefèvre konnte ja nur Pulver verteilen), segnet dreifarbiges Tuch für die Nationalgarde ein und macht es zum dreifarbigen Nationalbanner, das über die ganze Welt der bürgerlichen und religiösen Freiheit siegbringend oder siegverheißend flattern soll. Fauchet ist, wie gesagt, der Mann der Tedeums und öffentlichen Einweihungen, wobei wie im Falle unserer Fahnenweihe die Nationalgarde, obwohl es in der Kirche und Kathedrale ist,Hist. Parlementaire, III, 20; Mercier, Nouveau Paris etc. »mit Musketensalven antwortet« und Notre-Dame mit einem bedeutungsvollen Amen von Lärm und Pulverdampf erfüllt.

Im ganzen können wir sagen, daß unser neuer Maire Bailly und unser neuer Kommandant Lafayette auch »Scipio Americanus« genannt, ihre Ehren teuer erkauft haben. Bailly fährt zwar prunkvoll und von Leibgardisten begleitet, in vergoldeter Staatskutsche, und Scipio besteigt trotz der boshaften Bemerkungen, die Camille Desmoulins und andere machen, sein »weißes Schlachtroß,« und bürgerliche Federn wallen im Angesichte ganz Frankreichs von seinem Hute herab; aber keiner von beiden thut es umsonst, vielmehr um einen mehr als hohen Preis, um den Preis, Paris zu füttern und die Stadt von Streit und Kampf abzuhalten. Auf Kosten des Stadtsäckels beschäftigt man gegen einen Taglohn von zehn Pence, wofür man nach dem Marktpreis höchstens zwei Pfund schlechten Brotes kaufen kann, gegen siebzehntausend der Allerärmsten mit Erdarbeiten auf dem Montmartre: Lafayette, der hingeht, um an sie eine Ansprache zu halten, findet, daß sie recht gelb aussehen. Das Stadthaus ist Tag und Nacht an der Arbeit; es soll Brot, eine städtische Verfassung, 236 Verordnungen aller Art, Zügel für die sansculottische Presse, vor allem aber Brot und noch einmal Brot schaffen.

Hungrigen Löwen gleich durchstreifen Lieferanten weit und breit das Land, spüren verborgenes Korn aus, kaufen offen angebotenes Korn; mag es auf friedlichem Wege oder durch Gewalt geschehen, Korn wollen und müssen sie finden. Eine gar undankbare, schwierige und gefährliche Aufgabe, selbst wenn man eine Kleinigkeit dabei gewönne. Am 19. August hat man nur noch für einen Tag Lebensmittel.Bailly, Mémoires, II, 137-409. Klagen werden laut, das Mehl sei verfälscht und wirke schädlich auf die Eingeweide, es sei nicht Korn, sondern Pariser Gips! Eine Kundmachung des Stadthauses ermahnt, man möge der übeln Wirkung auf die Eingeweide nicht achten, »auch nicht des Brennens im Gaumen und Halse,« man möge dies vielmehr als äußerst zuträgliche Wirkung betrachten. Den Maire von St. Denis hat das an Verdauungsstörungen leidende Volk an die Laterne gehenkt, so schwarz war sein Brot. Nationalgarden schützen den Pariser Kornmarkt; anfangs genügen zehn Mann, später braucht man sechshundert.Hist. Parl. II, 421. Ja, ihr habt viel zu thun, Bailly, Brissot de Warville, Condorcet und ihr anderen!

Wie schon erwähnt wurde, ist ja auch eine neue Munizipal-Konstitution zu schaffen. Nachdem die alten Bastille-Wahlherren etwa zehn Tage lang nur Loblieder über ihren glorreichen Sieg gehört hatten, begann man ärgerlichen Tones an sie die Frage zu stellen: Wer hat euch auf diesen Platz gestellt? So mußten sie denn, nicht ohne Klagen und lautes Murren auf beiden Seiten, einer neuen, größeren, eigens dazu erwählten Körperschaft Platz machen. Diese neue, veränderte, vermehrte, schließlich auf dreihundert Mitglieder festgesetzte Körperschaft tagt jetzt hier unter dem Titel: Représentants de la Commune und arbeitet, in Ausschüsse gehörig eingeteilt, zu jeder Stunde, in der sie nicht nach Korn sucht, gar emsig an einer Konstitution.

Und an was für einer Konstitution! Sie grenzt beinahe ans Wunderbare, sie wird »die Revolution konsolidieren.« So ist denn die Revolution zu Ende? Maire Bailly und alle angesehenen Freiheitsfreunde möchten es gerne glauben. Euere Revolution hat man also nur wie ein gekochtes Gelee in Konstitutionsformen zu gießen und sie darin »konsolidieren« 237 zu lassen? Ja, käme es bis zum Erkalten; aber gerade dies ist zweifelhaft oder steht vielmehr außer allem Zweifel.

Unglückliche Freunde der Freiheit, die ihr eine Revolution konsolidieren wollt! Ihr müßt dasitzen und arbeiten, während euer Zelt über einem wirklichen Chaos zwischen zwei feindlichen Welten, der Oberwelt des Hofes und der Unterwelt des Sansculottismus, schwebt; und von beiden bedrängt, müßt ihr euch peinvoll und gefahrvoll abquälen; und arbeitet doch nur im traurigsten, buchstäblichen Ernst an dem »Unmöglichen.«

 

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