Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Thomas Carlyle >

Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 37
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel.
Der allgemeine Umsturz.

Vom königlichen Höfe läßt sich im Augenblicke fast nichts berichten. Still und verödet sind seine Hallen. Von seinem Kriegsgotte und allen seinen Hoffnungen verlassen, schmachtet das Königtum dahin, bis sich das zersprengte Oeil de Boeuf wieder sammelt. Das Scepter ist von König Ludwig gewichen., ist auf die Salle des Menus, auf das Pariser Stadthaus übergegangen oder, Gott weiß wohin, geraten. In den Julitagen., da alle Ohren noch vom Fall der Bastille betäubt waren, da Minister und Prinzen sich nach allen vier Winden zerstreut hatten, schienen selbst die Kammerdiener schwerhörig geworden zu sein. Besenval, der, auch auf der Flucht in die ungewisse Ferne, sich noch eine Weile in Versailles aufhält, wendet sich eben persönlich an Seine Majestät, um einen Befehl wegen Beistellung von Postpferden zu erwirken, als sich »der dienstthuende Kammerdiener ganz vertraulich zwischen Seine Majestät und mich stellt« und seinen schurkischen Hals vorstreckt, um zu hören, was es gebe! Seine Majestät dreht sich in einer Aufwallung des Zornes um und greift nach der Feuerzange. »Ich halte ihn sachte zurück; er drückt mir dankbar die Hand, und ich sehe Thränen in seinen Augen.«Besenval III, 419.

Armer König! auch französische Könige sind ja Menschen. Auch Ludwig XIV. griff einmal nach der Feuerzange und warf sogar mit ihr; damals galt es Louvois, und Dame Maintenon eilte herbei. – Die Königin, umgeben von hilflosen Frauen, sitzt weinend in ihren inneren Gemächern; sie steht »auf der Höhe der Unpopularität« und gilt allgemein als der böse Geist Frankreichs. Ihre Freunde und vertrauten Ratgeber sind alle geflohen, sicherlich mit dem thörichtsten Auftrag! Inmitten von blühenden Gefilden und den blauen Bergen der AuvergneArthur Young, I, 165. dräut noch immer das Schloß Polignac von seinem »kühnen Riesen-Felsenwürfel;« aber kein Herzog, 226 keine Herzogin schauen von ihm herab; sie sind geflohen, »sie sind in Basel mit Necker zusammengetroffen;« – sie werden nicht mehr zurückkehren. Daß Frankreich es erleben mußte, wie sein Adel den Kampf gegen das Unaufhaltbare, Unvermeidliche aufnahm, war beklagenswert; daß er es mit der Miene zornglühender Männer thun würde, stand zu erwarten; – aber mit der Miene und Empfindlichkeit verwöhnter Kinder? Das war eben seine Eigentümlichkeit. Der Adel verstand nichts, wollte nichts verstehen. Sitzt nicht, versunken in seine Betrachtungen, gerade jetzt in der Feste HamIm Jahre 1835. ein neuer Polignac, der Erstgeborene jener beiden? Er, der Verworrenste unter allen lebenden Sterblichen, wird wohl nie mehr aus dem Staunen herauskommen.

König Ludwig hat sein neues Ministerium, durchwegs populäre Männer: der greise Präsident Pompignan, Necker, der im Triumphe zurückkehrt und andere;Montgaillard, II, 108. aber was wird es ihm nützen? Das wirkliche Scepter, nicht der vergoldete Holzstab, ist in ganz andere Hände geraten. Willensstärke und Entschlossenheit finden wir nicht in diesem Manne, nur Lauterkeit und Willensschwäche; er vertraut allen, nur nicht sich selbst, er baut auf alle Möglichkeiten, nur nicht auf die, welche noch in seiner Macht liegen. Eine solche innere Verworrenheit zeigt unser Versailles und all sein Thun. Schön und strahlend wie eine Sonne, wenn man es aus der Ferne ansieht, gleicht es, in der Nähe betrachtet, einer bloßen Sonnen-Atmosphäre, die Finsternis, Elend und alle möglichen Keime des Untergangs, der Vernichtung verbirgt.

Ja, in ganz Frankreich vollzieht sich eine ganz unleugbare »Vernichtung der Formeln« und eine daraus hervorgehende Umwandlung zu Wirklichkeiten. Wie viele Millionen Menschen, deren Leben oder doch deren Verdauung und Hunger nur zu wirklich sind, liegen in den Fesseln und Banden von Formeln, ja werden von ihnen beinahe erwürgt! Der Himmel hat endlich eine gesegnete Ernte beschert; was hilft sie dem Armen, wenn die Erde mit ihren Formeln dazwischentritt? Die Industrie muß in diesen Tagen des Aufruhrs notgedrungen feiern, da das Kapital nicht wie sonst zirkuliert, sondern aus Furcht sich in versteckten Winkeln ruhig verhält. Dem Armen fehlt es an Arbeit, daher an Geld; ja, hätte er auch Geld, er könnte dafür kein Brot kaufen. Mag ein Komplott der 227 Aristokraten oder ein Komplott der Orléans dahinterstecken, mögen Brigands, übernatürlicher Schrecken oder Phoebus Apollos erklingender Silberbogen die Ursache sein, auf den Märkten herrscht Mangel an Korn, Überfluß nur an Tumult. Die Landleute scheinen träge beim Dreschen zu sein; vielleicht sind sie »bestochen,« vielleicht bedarf es bei dem fortwährenden Steigen der Preise gar keiner Bestechung, vielleicht drängt auch nicht die Bezahlung des Pachtzinses. Merkwürdigerweise machen auch Verordnungen der Munizipalität, wie z. B. die, daß man »mit einer Menge Weizen zugleich die gleiche Menge Korn zu verkaufen habe,« und andere, die Sache nicht besser. Dragoner mit gezogenem Säbel stehen reihenweise zwischen den Getreidesäcken, oft sieht man mehr Dragoner als Säcke.Arthur Young, I. 129 ff. Allenthalben brechen Kornrevolten aus und wachsen zu Aufständen schlimmster Art an.

Hungersnot war dem französischen Volke schon früher bekannt: bekannt und vertraut. Sehen wir nicht, wie es im Jahre 1775 mit bleichem Gesichte, in Elend und Lumpen seine Beschwerdeschrift überreichte und als Antwort einen funkelnagelneuen, vierzig Fuß hohen Galgen erhielt? In Hunger und Dunkelheit hat es lange Jahre gelebt. Blicken wir nur auf den früheren Pariser Aufstand zurück. Eine durch Ausschweifungen erschöpfte hohe Persönlichkeit, so hieß es, brauche Blutbäder; Mütter, unter deren Lumpenhüllen doch warme Herzen schlagen, »erfüllen die öffentlichen Plätze« mit ihrem wilden Rachel-Geschrei; – der Galgen hat auch diesen Aufschrei zum Schweigen gebracht. Zwanzig Jahre sind es her, seit der Menschenfreund, der leider tauben Ohren predigte, uns von den Bauern in Limousin erzählte, sie hätten einen schmerzerfüllten Dulderblick (souffre-douleur), einen Blick, der zu klagen schon lange verlernt habe, »als wäre Bedrückung durch die Großen etwas Unabänderliches, Unvermeidliches, ein Naturgesetz wie etwa Hagel und Donner.«Fils Adoptif; Mémoires de Mirabeau, I, 364-394. Wie aber, wenn einmal in einer großen Stunde die durch die fallende Bastille hervorgerufene Erschütterung euch aufrüttelte, wenn es sich herausstellte, man habe es nur mit einem künstlichen Gesetz, einer künstlichen Ordnung zu thun, die man abändern oder umstoßen könne! – Oder habt ihr jenen «Strom von Wilden« vergessen, der vor den Augen des nämlichen Menschenfreundes vom Gebirge Mont d'or hinabflutete? Hagere 228 Gestalten mit schlichtem Haar und hohlen Gesichtern, hohen Holzschuhen, wollenen Kitteln und ledernen, mit Kupfernägeln beschlagenen Gürteln! Sie wiegen sich von einem Fuß auf den anderen, schlagen mit den Ellbogen den Takt dazu, bis Streit und Kampf, die nicht lange auf sich warten lassen, ausbrechen; sie erheben ein wildes Geheul und verzerren ihre mageren Gesichter zu einer Art grausamen Lachens; denn ihre Herzen sind verdüstert und verhärtet. Waren sie ja doch lange Jahre nur ein Gegenstand der Ausbeutung für Accise- und Steuereinnehmer, für die »Schreiber mit dem kalten Spritzen ihrer Feder.« Unser alter Marquis sprach damals die bestimmte, leider von niemand beachtete Prophezeiung aus, eine »solche Blindekuh spielende Regierung müsse, wenn sie zu weit stolpere, mit allgemeinem Umsturz (Culbute Générale) enden.«

Niemand wollte hören; jeder ging gedankenlos seinen eigenen Weg, – und Zeit und Schicksal schritten auch weiter. Die Regierung, die mit der Binde vor den Augen weiter stolperte, ist bei dem unvermeidlichen Abgrund angelangt. Die stumpfen, von Schreibern mit dem kalten, feigen Spritzen ihrer Feder vorwärts getriebenen Sklaven sind nun – in eine Gemeinschaft von Sklaven hineingetrieben worden. Jetzt haben überdies Pariser Zeitungen auf ihren papierenen Flügeln oder, wo es keine Zeitungen giebt,Arthur Young, I, 137, 150 etc. Gerüchte und Vermutungen die seltsamste, verworrenste Kunde zu ihnen gebracht: die Bedrückung ist nicht unvermeidlich, die Bastille liegt in Trümmern, und die Konstitution geht rasch ihrer Vollendung entgegen. Wenn diese Konstitution ein Etwas und nicht ein Nichts ist, kann sie etwas anderes sein als Brot zum Essen?

Unser »Reisender,«Arthur Young, I, 134. der »den Zügel in der Hand, bergauf geht,« holt ein armes Weib ein; wie fast jede ihresgleichen ist auch sie ein Bild von Mühsal und Elend; sie sieht wie eine Sechzigerin aus und zählt doch erst achtundzwanzig Jahre. Sie haben sieben Kinder, ihr armer Mitsklave und sie, eine Pacht mit einer Kuh, die es ermöglicht, daß doch die Kinder etwas zu schlucken haben, dazu ein kleines Pferd oder einen Klepper. Sie haben Pacht und Erbzins zu zahlen, Hühner an diesen Seigneur, Säcke Hafer an jenen abzuliefern, dazu königliche Steuern, Frohnarbeiten, Kirchensteuern, kurz 229 Steuern im Überfluß; – die Zeit sei, wie sie sagt, unsagbar hart. Sie hat gehört, daß irgendwo und irgendwie irgendetwas für den Armen geschehen soll. »Gott gebe es bald; denn die Abgaben und Steuern erdrücken uns (nous écrasent).«(Arthur Young) d. Übers.

Goldene Berge hat man prophezeit, aber die Weissagungen sind nicht in Erfüllung gegangen. Was haben wir nicht alles gesehen! Notabeln und andere Versammlungen sind gekommen und gegangen; es hat Ränke und Schliche, parlamentarische Beredsamkeit und Redeschlachten gegeben; Macht stand gegen Macht im Kampfe; so währt es schon lange, und doch kommt noch immer kein Brot. Die Frucht ist geschnitten und eingeheimst und – noch immer kein Brot. Was kann das geplagte Elend, von Verzweiflung und Hoffnung getrieben, anderes thun als, wie es vorausgesagt wurde, sich erheben und den allgemeinen Umsturz herbeiführen?

Denkt euch nun, etwa fünf volle Millionen dieser dürren Gestalten mit den mageren Gesichtern (figures hâves), den wollenen Kitteln, den kupferbeschlagenen Ledergürteln und den hohen Holzschuhen würden sich nach jahrhundertelanger Nichtbeachtung erheben, um mit Urwaldsstimmen an die gewaschenen höheren Klassen die nachdrückliche Frage zu richten: Wie habt ihr uns behandelt, belehrt, gespeist und geleitet, während wir uns für euch mühten und plagten? Die Antwort kann man in Flammenschrift oben am nächtlichen Sommerhimmel lesen! Die Nahrung und Leitung, die uns von euch kam, heißt Leere: Leere in der Tasche und im Magen, Leere im Kopfe und im Herzen! Seht, wir haben nichts in uns, nichts als das, was die Natur ihren wilden Wüstenkindern giebt: Wildheit, Gier und die Stärke des Hungers. Habt ihr auch unter den Menschenrechten verzeichnet, daß der Mensch so lange, als von ihm geerntetes Brot vorhanden ist, nicht Hungers sterben soll? Unter den Menschenkräften dürftet ihr es finden.

Zweinndsiebzig Schlösser sind allein im Mâconnais und Beaujolais in Rauch und Flammen aufgegangen. Hier scheint das Centrum, der Hauptherd des Brandes zu sein, der sich über die Dauphiné, das Elsaß und Lyonnais verbreitet hat. Der ganze Südosten ist eine einzige Flammenglut. Im ganzen Norden von Rouen bis Metz herrscht weit und breit Aufruhr und Empörung; bewaffnete Banden von Salzschmugglern ziehen ganz offen herum, die Mautschranken der Städte werden 230 verbrannt, die Zoll- und Steuereinnehmer zur Flucht gezwungen. »Es war vorauszusehen,« sagt Young, »daß das Volk vor Hunger revoltieren werde,« und wir sehen, daß es eingetreten ist. Arme Teufel, die in ihrer Verzweiflung lange planlos umhergeirrt sind und nun in der Verzweiflung selbst eine Hoffnung finden, bilden überall den Kern- und Sammelpunkt. Sie läuten die Kirchenglocken, und auf dies Sturmsignal zieht die Gemeinde zur Arbeit hinaus.Histoire Parlem. II, 243-6. Wildheit und Grausamkeit, Hunger und Rache: die Arbeit können wir uns vorstellen!

Schlimm steht es jetzt um den Seigneur, der z. B. »den einzigen Brunnen seines Dorfes vermauern ließ,« der voll Stolz auf seine Freibriefe und Pergamente pochte, der das Wild nicht maßvoll, sondern nur zu gut hegen ließ. Auch Kirchen und geistliche Pfründen werden ohne Gnade und Barmherzigkeit geplündert; man hat die Herde zu kahl geschoren, des Futters aber hat man vergessen. Wehe dem Lande, über das der Sansculottismus an seinem Tage der Rache in seinen Holzschuhen dröhnenden Schrittes hinwegstampft! Hochgeborene Seigneurs müssen mit ihren zarten Frauen und Kindern »halbnackt« im Dunkel der Nacht fliehen, froh den Flammen oder noch Schlimmerem zu entgehen. Ihr begegnet ihnen bei den Tables d'hôte in den Gasthäusern, wo sie weise oder thörichte Betrachtungen darüber anstellen, daß »alle Standesunterschiede vernichtet sind;« sie wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen.Young, I, 149 etc. Der Métayer wird es für angezeigt halten, sich mit der Zahlung des Pachtes nicht zu beeilen. Der Zolleinnehmer, der als zweibeiniges Raubtier so lange gejagt hat, sieht sich jetzt selbst gejagt; Seiner Majestät Schatzkammer wird wohl in diesem Jahre »das Deficit nicht decken.« Viele sind der Meinung, der patriotische König, der Wiederhersteller der französischen Freiheit, habe die meisten Steuern abgeschafft, doch werde dies von gewissen Leuten um ihrer Privatzwecke willen noch geheim gehalten.

Wo wird das enden? Im Abgrunde, kann man prophezeien, dort, wohin jederzeit aller Trug seinen Weg nimmt und wo auch der gegenwärtige Trug eben angelangt ist; denn wenn je eine Wahrheit uralt ist, so ist es, wie schon oft erwähnt wurde, die: Eine Lüge kann nicht ewig währen. Die Wahrheit muß wohl ihr Gewand von Zeit zu Zeit ändern und eine 231 Wiedergeburt erleben; aber aller Lüge ist das Todesurteil beim himmlischen Gerichtshof selbst geschrieben, und langsam oder schnell rückt sie unaufhörlich ihrer letzten Stunde näher. »Das Zeichen, woran man erkennt, daß irgendwo ein Grand-Seigneur Gutsherr ist,« sagt der lebhafte, offene Arthur Young, »sind Wüsteneien, Einöden, Heiden; und suchst du nach seinem Wohnsitz, so findest du ihn inmitten eines Waldes, den Hochwild, Wölfe und Wildschweine bevölkern. Die Felder bieten das Bild kläglicher Bewirtschaftung, die Hütten das Bild des Elends. So viele Millionen von Menschenhänden, die gerne fleißig wären, müßig und hungernd sehen zu müssen! O, wäre ich nur einen einzigen Tag Frankreichs Gesetzgeber, ich wollte diese großen Herren wieder springen machen!«Arthur Young, I, 12, 48, 84 etc. O Arthur, jetzt siehst du sie wirklich springen; – wirst du auch darüber brummen und murren?

Lange Jahre und viele Geschlechter hindurch hat es gewährt, aber nun ist die Zeit gekommen. Dem gedankenlosen Leichtsinn, der keiner Mahnung der Vernunft sich zugänglich zeigte, mußten lodernde Feuerbrände Erleuchtung bringen; es blieb kein anderes Mittel übrig. Seht doch und überlegt! Die Witwe sammelt Nesseln für das Mittagsmahl ihrer Kinder; ein parfümierter Seigneur, der im Oeil de Boeuf im Wohlleben die Zeit totschlägt, besitzt eine Alchemie, durch die er der Armen jede dritte Nessel abpreßt, – und das nennt er gesetzlichen Zins! Ein solches System muß ein Ende nehmen; oder nicht? Aber wie schrecklich ist ein solches Ende! Mögen diejenigen, welchen Gott in seiner großen Barmherzigkeit Zeit und Gelegenheit gegeben hat, ein anderes und freundlicheres Ende vorbereiten!

Mancher mag sich darüber wundern, daß die Seigneurs in gar keiner Weise zur Selbsthilfe schritten, daß sie sich z. B. nicht verbanden und bewaffneten; es waren ihrer doch an die »Einhunderundfünfzigtausend,« alle durchwegs tapfere Männer. Leider können sich einhundertundfünfzigtausend Leute, zumal wenn sie über weite Provinzen zerstreut und durch gegenseitige Anfeindungen entzweit sind, nicht verbinden. Die höchsten Seigneurs waren, wie wir sahen, bereits ausgewandert – in der Absicht, Frankreich die Schamröte ins Gesicht zu treiben. Auch sind Waffen nicht mehr das besondere und ausschließliche Eigentum der Seigneurs, sondern jedes 232 Sterblichen, der zehn Schilling hat, um sich dafür ein gebrauchtes Gewehr zu kaufen.

Schließlich haben die hungernden Bauern denn doch nicht vier Füße und Klauen, daß man sie dauernd niederhalten könnte; sie sind auch nicht Schwarze von Geburt, sie sind vielmehr nichts anderes als ungewaschene Seigneurs, und auch ein Seigneur hat menschliche Eingeweide! – Die Seigneurs thaten, was sie konnten, meldeten sich zur Nationalgarde oder flohen und erfüllten Himmel und Erde mit ihrem Jammergeschrei. Ein Seigneur, der berüchtigte Memmay von Quincay bei Besoul lud alle Bauern seiner Nachbarschaft zu einem Gastmahle ein, sprengte sein Schloß samt den Gästen mit Pulver in die Luft und verschwand sofort, niemand weiß noch wohin.Hist. Parlem. II, 161. Ungefähr sechs Jahre später kam er zurück und bewies, daß das Unglück durch Zufall geschehen war.

Auch die Behörden sind nicht müßig, obgleich leider alle Behörden, Municipalitäten und ähnliche sich in einem ungewissen Übergangsstadium befinden; sollen sie doch aus alten., monarchischen zu neuen, demokratischen Behörden umgeformt werden; kein Beamter weiß klar, was er ist. Trotzdem werden von alten und neuen Maires Nationalgarden, Maréchaussées und Linientruppen gesammelt. Es fehlt nicht an einer Justiz mit einem oft höchst summarischen Verfahren. Der Wahlausschuß von Mâcon, obgleich nur ein Ausschuß, geht so weit, daß er aus eigener Machtvollkommenheit nicht weniger als Zwanzig henken läßt. Der Prévost der Dauphiné durchzieht das Land »mit einer fliegenden Kolonne,« mit Bütteln und Stricken; als Galgen kann der nächstbeste Baum dienen und seinen Schuldigen oder sogar ihrer »dreizehn« tragen.

Unglückliches Land! Wie wird das herrliche Gold und Grün des reifen, sonnigen Jahres durch gräßliches Schwarz, durch die schwarze Asche von Schlössern und die schwarzen Leichen Gehenkter geschändet! Die Industrie muß feiern; statt des Lärms von Hammer und Säge hört man nur noch Sturmglocke und Alarmtrommel. Das Scepter ist – niemand weiß, für wie lange – entschwunden, ist durch eigene Schuld in Stücke gegangen: hier herrscht Ohnmacht, dort Tyrannei. Die Nationalgarden sind ungeschult und in ihrer Haltung unverläßlich, die Soldaten neigen zur Meuterei, und die Gefahr, daß die beiden aneinander geraten, ist nicht geringer als die Gefahr, daß sie einig werden. Straßburg hat seinen 233 Aufstand erlebt: das Stadthaus ist förmlich in Stücke gerissen, die Archive sind in alle Winde verstreut. Drei Tage lang umarmen trunkene Soldaten trunkene Bürger und bringen Maire Dietrich und Marschall Rochambeau beinahe zur Verzweiflung.Arthur Young, I, 141; Dampmartin, Evénements, qui se sont passés sous mes yeux, I, 105-127.

Inmitten dieser Erscheinungen sehen wir Monsieur Necker im Triumphzuge – so geben ihm bei seiner Durchreise durch Belfort fünfzig berittene Nationalgardisten und die vollständige Militärmusik das Geleite – aus Basel zurückkehren, strahlend wie die Mittagssonne, obgleich der arme Necker selbst schon eine Ahnung hat, wohin das führen muß.Biographie Universelle, § Necker (von Sally-Tollendal). Einen höchsten Tag, den Gipfelpunkt des Glanzes, erlebt er im Pariser Stadthause: hier erbrausen nicht endenwollende Vivats, hier knien Frau und Tochter öffentlich vor ihm nieder, um ihm die Hände zu küssen, hier willigt man in Besenvals Begnadigung – die man aber vor Sonnenuntergang widerruft: einen höchsten Tag, dann folgen niedrigere, immer niedrigere bis zum niedrigsten hinab. Eine solche zauberhafte Wirkung hat ein glänzender und ein verblassender Name. Wie Mambrinos Zauberhelm, der zum Siege durchaus notwendig ist, begrüßt die Welt mit Jubelruf und Cymbelklang diesen »Retter Frankreichs;« aber ach, kaum ist der Zauber geschwunden, wirft man ihn verächtlich wie eine Barbierschüssel über die Schranken. Gibbon »mochte wohl mit Recht wünschen,« ihn in diesem entwürdigten Zustande als Barbierbecken jedem ehrlichen und ernst denkenden Manne, der etwa Lust zeigte, sich von einem glücklichen oder unglücklichen Ehrgeiz die Seele ausbrennen zu lassen und ein caput mortuum zu werden,Gibbons Briefe. als warnendes Beispiel zu zeigen.

Nur noch eine Kleinigkeit wollen wir ohne jeden Zusatz erwähnen: wie nämlich in jenen Herbstmonaten unser leicht erregbarer Arthur «seit einigen Tagen durch Schüsse, durch Schrot und Kugeln beunruhigt wurde, die fünf- oder sechsmal in seinen Wagen einschlugen und ihm um die Ohren pfiffen;« war doch das ganze Landgesindel auf den Beinen, um Wild zu schießen.Gibbons Briefe. So ist es. Auf den Klippen von Dover, an allen Grenzmarken Frankreichs nimmt man in diesem Herbst 234 zwei Erscheinungen wahr: Schwärme auswandernder französischer Seigneurs und Schwärme auswandernden französischen Federwildes! Vorbei, können wir sagen, oder so gut wie vorbei ist es mit dem Wildhegen auf dieser Erde, vorbei für alle Zeit; ausgespielt ist die Rolle, die es in der Geschichte der Civilisation zu spielen hatte; plaudite! exeat!

So lodern die Flammen des Sansculottismus empor und beleuchten gar vieles; er ist es, der unter anderem, wie wir sahen, am 4. August jene halbwunderbare Pfingstnacht herbeiführte, jene halbwunderbare Nacht, die ihre Ursachen und Wirkungen hatte. Der Feudalismus ist vernichtet, nicht nur auf dem Pergament und durch Tinte, sondern wirklich, durch Feuer, sagen wir durch Selbstverbrennung. Dieser Brand im Südosten wird nachlassen, wird nach Westen oder sonstwohin getragen; aber erlöschen wird er nicht, bevor nicht aller Brennstoff aufgezehrt ist.

 

 << Kapitel 36  Kapitel 38 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.