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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 36
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.
Die erste konstituierende Versammlung.

Zu etwas aber taugt diese auserwählte Versammlung der Zwölfhundert ganz vortrefflich: zum Zerstören, was ja im Grunde nur der ausgesprochenen Bethätigung ihres natürlichen Talentes zum Nichtsthun gleichkommt. Thut nichts, agitiert und debattiert nur weiter, und alles wird sich von selbst zerstören.

So und nicht anders bewährte es sich bei der hohen Nationalversammlung. Sie nannte sich die »Konstituierende,« als wenn es ihres Amtes gewesen wäre, zu konstruieren oder zu bauen, was sie von ganzer Seele zu thun versuchte, aber das Schicksal und der natürliche Lauf der Dinge hatte ihr die allerentgegengesetzteste Aufgabe zugeteilt. Seltsam, an welche Evangelien die Menschen glauben, sogar an das Evangelium nach Jean Jacques. Es war der felsenfeste Glauben der Nationaldeputierten und aller denkenden Franzosen, daß man die Konstitution machen könne, und daß gerade sie hier und jetzt dazu berufen wären. Wie zähe hält mit der Zähigkeit der alten Hebräer oder ismaelitischen Moslemin das sonst 220 so leichtfertige, ungläubige Volk an diesem seinem Credo, quia impossibile fest, wie trotzt es damit einer Welt in Waffen, und wird fanatisch, ja heroisch und verrichtet Heldenthaten. Die Konstitution der konstituierenden Versammlung und noch manche andere werden, da sie gedruckt und nicht Manuskript allein sind, kommende Geschlechter überleben als ein lehrreiches, fast unglaubliches Dokument der Zeit: als das getreueste Bild des damaligen Frankreichs oder mindestens als das Bild des Bildes, das sich jene Männer davon machten.

Doch in Wahrheit und allen Ernstes, was hätte die Nationalversammlung thun können? Die Aufgabe, die zu lösen war, bestand wirklich, wie sie sagten, darin, Frankreich zu regenerieren, das alte Frankreich zu beseitigen und ein neues zu schaffen, sei es auf friedlichem Wege oder auf gewaltsame Weise, sei es durch Nachgiebigkeit oder durch Zwang: das war nach dem Naturgesetz unvermeidlich geworden. Der Grad der Gewaltthätigkeit hängt freilich von der Weisheit derer ab, welche an der Spitze stehen. Hätte wahre Weisheit die Nationalversammlung geleitet, so wäre wohl alles ganz anders gekommen; aber ob es überhaupt friedlich, ja ob es anders als blutig und krampfhaft hätte abgehen können, bleibt eine offene Frage.

Man muß jedoch zugeben, daß diese konstituierende Versammlung während der ganzen Dauer ihres Bestandes eine gewisse Bedeutung hat. Mit Bedauern sieht sie sich beständig von ihrer unendlichen, göttlichen Aufgabe, »die Theorie der unregelmäßigen Zeitwörter zu vervollkommnen« abgezogen und zu endlichen, irdischen Aufgaben gedrängt, die für uns noch immer Wert haben. Die Nationalversammlung ist der Leitstern des revolutionären Frankreich. Alle Regierungsarbeit ist in ihre Hand oder unter ihre Aufsicht gekommen, alle Menschen blicken auf sie als ihre Führerin. Inmitten des gewaltigen Aufruhrs von fünfundzwanzig Millionen ragt sie empor als Carroccio oder Schlachtenbanner, im wirren Wechsel bald die führende, treibende, bald die geführte, getriebene Kraft; wenn sie auch nicht wirklich führen kann, so wird sie doch immer zu führen scheinen. Sie erläßt mit mehr oder weniger Erfolg beruhigende Proklamationen und zwar in keiner geringen Zahl; sie bewilligt die Bildung von Nationalgarden, damit nicht die Brigands kommen, uns verschlingen und die noch unreife Ernte rauben; sie giebt Erlässe heraus, um »Gährungen« zu unterdrücken und Leute von der Laterne zu befreien; sie kann Beglückwünschungsadressen, die 221 täglich sackweise, zumeist nach König Kambyses' Art anlangen, ebenso Bitt- und Beschwerdeschriften aller Sterblichen entgegennehmen, so daß jedes Sterblichen Klage, wenn schon keine Abhilfe finden, so doch sich vernehmlich machen kann. Überdies kann die hohe Nationalversammlung parlamentarische Beredsamkeit entfalten und Ausschüsse ernennen: einen Verfassungs-, Berichterstattungs-, Untersuchungsausschuß und manchen anderen Ausschuß, eine Thätigkeit, die wieder Berge von Druckpapier und Stoff zu neuer parlamentarischer Beredsamkeit liefert, die in leidenschaftlichen Ausbrüchen hervorstürzt oder in sanften Wellen ruhig dahinfließt. Und so tauchen aus dem chaotischen Strudel, in dem alles durcheinander wirbelt und kreist, organische Gesetze oder etwas ihnen Ähnliches langsam empor.

Unter endlosen Debatten gelangen wir zu der Abfassung und Erklärung der Menschenrechte, der echten und rechten papierenen Grundlage aller papierenen Konstitutionen. Nur vergißt man dabei die Erklärung der Menschenpflichten! rufen die Gegner. Wir aber sagen, man unterläßt die Bestimmung und Erklärung der Menschenkräfte; – eine verhängnisvolle Unterlassungssünde. – Ja, bisweilen, wie am 4. August, erledigt unsere Versammlung in einem plötzlichen Anfall einer fast übernatürlichen Begeisterung in einer einzigen Nacht ganze Berge von Arbeit. Eine denkwürdige Nacht, die Nacht des 4. August: Weltliche und geistliche Würdenträger, Pairs, Erzbischöfe, Parlamentsmitglieder kommen hintereinander und legen einer den anderen an patriotischer Opferwilligkeit überbietend, ihren jetzt unhaltbar gewordenen Besitz auf den »Altar des Vaterlandes.« Unter lauten und immer lauter schallenden Vivats – es ist ja auch »nach Tisch« – schaffen sie Zehent, Lehensrechte, Gabelle, übermäßiges Hegen des Wildes, ja Privilegien und Steuerfreiheit, mit einem Worte, den Feudalismus mit Stumpf und Stiel ab; dann ordnen sie noch ein Tedeum dafür an und gehen endlich, in ihrer erhabenen Größe die Sterne berührend, gegen drei Uhr morgens auseinander. Das ist jene unvorhergesehene, aber für alle Zeiten denkwürdige Nacht des 4. August 1789, in der einige ein Wunder oder wenigstens ein halbes Wunder erblicken wollen. Sollen wir sie im Sinne der neuen Zeit und des neuen Evangeliums von Jean Jacques Rousseau die neue Pfingstnacht nennen? Sie hatte ihre Ursachen und wird auch ihre Wirkungen haben.

So arbeiten die Abgesandten der Nation angestrengt und 222 geräuschvoll, vervollkommnen ihre Theorie der unregelmäßigen Zeitwörter, regieren Frankreich und werden von ihm regiert, zerschneiden alte, unerträgliche Bande und spinnen emsig Stricke aus Sand für neue Fesseln. Mag ihre Arbeit ein Nichts oder Etwas bedeuten, die Geschichte kann sie, zumal die Augen ganz Frankreichs mit Ehrfurcht auf sie blicken, niemals ganz außer Betracht lassen.

Werfen wir jetzt einen Blick in den Versammlungssaal, so finden wir, daß es hier begreiflicherweise noch »ganz regellos« zugeht. »Nicht weniger als hundert Mitglieder sind gleichzeitig auf den Beinen;« es giebt keine Regel bei der Stellung von Anträgen, ja nicht einmal einen Anlauf dazu; die Zuschauer auf der Galerie dürfen Beifall klatschen oder sogar »zischen;«Arthur Young, I, 111. taucht einmal das Haupt des Präsidenten, der alle vierzehn Tage ernannt wird, aus den parlamentarischen Wogen auf, so läßt es oft kein gar heiteres Gesicht sehen. Trotzdem beginnt, wie in allen menschlichen Vereinigungen, das Gleiche sich dem Gleichen zu gesellen; die uralte Regel: Ubi homines sunt, modi sunt bewährt sich auch hier. Man bemerkt die ersten Ansätze zu Systemen und Parteien. Es giebt eine rechte Seite (Côté droit) und eine linke Seite (Côté gauche), jene zur Rechten, diese zur Linken des Herrn Präsidenten, jene ist die erhaltende, konservative, diese die zerstörende, destructive Partei; zwischen beiden steht der für englische Einrichtungen schwärmende Konstitutionalismus oder Zweikammer-Royalismus mit seinen Mouniers und Lallys, die gar schnell zur Bedeutungslosigkeit hinabsinken.

Auf der Rechten ragt der Dragoner-Hauptmann Cazalès hervor; er verficht mit beredten Worten voll inniger Wärme seine Sache und verdient sich wenigstens den Schatten eines Namens. Hier poltert auch nicht ohne Witz Tonne Mirabeau, der jüngere Mirabeau; der düstere d'Espréménil thut nichts als sich räuspern und spucken; er könnte, wie man gern glauben will, selbst den älteren Mirabeau in den Sand strecken, wenn er es nur versuchen wollte;Biographie Universelle, § D'Espréménil (v. Beaulieu). – er thut es aber nicht. Als Letzten und Größten beseht euch einen Augenblick den Abbé Maury, den Mann mit dem jesuitischen Blick, dem starren ehernen Gesicht, »dies Bild aller Kardinalsünden.« Unbeugsam und unermüdlich kämpft er mit gewaltiger Lunge, mit festem Mut, mit jesuitischer Beredsamkeit für den Thron, 223 in erster Linie aber für den Altar und den Zehnt, so daß einmal eine gellende Stimme von der Galerie hinabruft: »Ihr Herren vom Clerus, ihr müßt geschoren werden; windet und wehrt ihr euch allzusehr, wird man euch schneiden.Dictionnaire des Hommes marquants, II, 519.

Die linke Seite heißt auch die Orléans-Seite, zuweilen spottweise auch das Palais-Royal; aber so verworren, Schein und Wahrheit zugleich, ist alles, daß man, wie Mirabeau sagt, »zweifelt, ob Orléans selbst zur Orléans-Partei gehört.« Was man wissen und sehen kann, ist nur, daß von dorther sein Mondgesicht leuchtet. Dort sitzt auch der meergrüne Robespierre, der ganz nachdrücklich, wenn auch noch nicht ausschlaggebend sein leichtes Gewicht in die Wagschale wirft: ein dürrer, magerer Puritaner und Pedant, alle Formeln möchte er abschaffen und steckt selbst, wie er leibt und lebt, in Formeln, allerdings in Formeln anderer Art. »Volk,« das sollte nach Robespierre die Art sein, wie der König Gesetze bekannt giebt, »Volk, das ist das Gesetz, welches ich für dich geschaffen habe; nimmst du es an?« – Unauslöschliches Gelächter schallt als Antwort von der Rechten, von der Linken und vom Centrum.Moniteur 67 in H. P. Einsichtsvolle Leute erkennen trotzdem, der Meergrüne werde es vielleicht noch weit bringen. »Dieser Mann,« sagt Mirabeau, »wird etwas erreichen; denn er glaubt jedes Wort, das er spricht.«

Abbé Sieyès geht ganz in der Verfassungsarbeit auf; leider zeigen sich seine Mitarbeiter dabei weniger nachgiebig als sie es einem Manne gegenüber sein sollten, der die Höhe der ganzen politischen Wissenschaft erklommen hat. Doch nur Mut, Sieyès. Noch etwa zwanzig Monate heroischer Arbeit, und die Konstitution wird trotz allen Widerspruchs von seiten der Thoren gebaut, ihr Schlußstein oder richtiger ihr Schlußpapier (denn alles ist Papier) unter Jubel gelegt sein, und du hast dann dabei geleistet, was Himmel oder Erde verlangen konnten, – dein Möglichstes. Beachtet auch jenes in mehrfacher Beziehung beachtenswerte Dreigestirn, wäre es auch nur darum beachtenswert, weil seine Geschichte in einem Epigramme verewigt ist. Es lautet: »Was immer die Drei unter den Händen haben, das denkt Duport, spricht Barnave, thut Lameth.Siehe Toulongeon, I, c. 3.

Aber König Mirabeau? Dieser Mann ragt aus allen 224 Parteien hervor und steigt, weit über alle erhaben, immer höher und höher. Er hat eben, wie wir schon oft bemerkten, Augen, er ist eine Wirklichkeit, während andere nur Formeln sind und durch Augengläser sehen. Im Vergänglichen entdeckt er das Unvergängliche, weiß sogar inmitten von Papierwirbeln festen Grund zu finden. Sein Ruf ist weit hinaus in alle Lande gedrungen, und das bereitete sogar dem alten, mürrischen Menschenfreunde noch vor dem Tode eine Herzensfreude. Selbst die Postillons in den Gasthöfen haben von Mirabeau gehört; wenn ein ungeduldiger Reisender über unzulängliche Leistungsfähigkeit der Pferde klagt, antwortet der Postillon: »Ja, mein Herr, die Stangenpferde sind wohl schwach, aber sehen Sie – mon mirabeau (Hauptroß) est excellent.Dumont, Souvenirs sur Mirabeau, p. 255.

Und nun, lieber Leser, sollst du die Nationalversammlung, diese lärmende Verkörperung des Widerstreites, verlassen, nicht ohne Teilnahme, wofern ein menschlich Rühren in dir lebt. Zwölfhundert Menschen stehen im Mittelpunkte von fünfundzwanzig Millionen; hier kämpfen sie voll Leidenschaft gegen das Schicksal und gegeneinander, ringen, wie die meisten Adamssöhne, auf Leben und Tod um etwas völlig Wertloses. Ja, es geht dabei im allgemeinen, wie man es selbst zugiebt, auch recht langweilig zu. »Langweilig, wie die heutige Sitzung,« sagte ein Abgeordneter. »Wozu ein Datum angeben? (pourquoi dater?),« antwortete Mirabeau.

Bedenke, daß ihrer Zwölfhundert sind, daß sie nicht nur reden, sondern auch ihre Reden lesen, daß sie sogar ihre Reden borgen und stehlen, um sie zu lesen! Bei zwölfhundert zungengewandten Rednern und einer wahren Sündflut von lärmenden Gemeinplätzen mag die unerreichbare Ruhe des Schweigens wohl als des Lebens größter Segen erscheinen. Und nun denke man sich noch zwölfhundert Pamphletisten hinzu, die ohne Unterlaß ihre Pamphlete in alle Welt hinausposaunen, und daß niemand da ist, der ihnen den Mund schlösse! Auch die Einrichtungen und Vorkehrungen zeigen, wie es scheint, nicht die Vollkommenheit des amerikanischen Kongresses. Kein Senator hat hier sein eigenes Pult und seine Zeitung; für Tabak oder gar für Pfeifen ist gar nicht vorgesorgt; sogar die Unterhaltung darf nur im Flüstertone und unter beständigen Unterbrechungen geführt werden; »Bleistiftnotizen allein« kreisen frei und in unglaublicher Menge bis 225 zum Fuße der Rednertribüne.«Siehe Dumont (pp. 159-67); Arthur Young etc. Ja. es ist eine gar schwere Aufgabe, eine Nation zu regenerieren oder seine Theorie der unregelmäßigen Zeitwörter zu vervollkommnen!

 

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