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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 35
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Konsolidierung.

Erstes Kapitel.
Macht die Konstitution!

Es ist vielleicht hier am Platze, etwas genauer festzustellen, was die beiden Worte »französische Revolution« bedeuten sollen; denn bei näherer Betrachtung erfahren sie ebenso viele Deutungen, als es Menschen giebt, die über sie sprechen. Alles ist in Revolution, von einem Augenblick zum anderen in einem steten Wechsel begriffen, in einer Veränderung, die freilich nur von Epoche zu Epoche sichtbar zu Tage tritt; in unserer zeitlichen Welt giebt es eigentlich nur Veränderung, ja, es läßt sich nichts anders vorstellen. Revolution, sagt man, heißt schneller Wechsel. Darauf können wir noch immer mit der Frage erwidern: Wie schnell? Bei welchem Grade der Schnelligkeit, in welchen besonderen Zeitpunkten dieses veränderlichen Laufes, dessen Schnelligkeit auch wechselt, der doch nicht enden kann, ehe nicht die Zeit selbst endet, beginnt und endet also eine Revolution? Wann hört sie auf und wann beginnt sie wieder eine gewöhnliche Veränderung zu sein? Das sind Fragen, deren Beantwortung mehr oder weniger von der persönlichen Auffassung abhängt.

Wir für unsere Person antworten: französische Revolution bedeutet hier die offene, gewaltthätige Auflehnung und den Sieg der entfesselten Anarchie über die verderbte und abgebrauchte Autorität. Sie zeigt, wie die Anarchie die Kerker sprengt, aus der unendlichen Tiefe hervorbricht, maß- und zügellos wütet und, eine ganze Welt mit sich fortreißend, eine Phase des Fieberwahnsinns nach der anderen durchläuft – bis endlich der Wahnsinn sich selbst verzehrt hat und alle Elemente der neuen Ordnung, die er in sich birgt (denn jede Kraft enthält sie), sich entwickeln, bis das Zügellose, wenn nicht wieder eingekerkert, doch wenigstens gezügelt ist und seine Kräfte gezwungen werden, wie gesunde, geregelte Kräfte ihrem Zwecke gemäß zu arbeiten. Denn wie Hierarchien und 214 Dynastien aller Arten, Theokratien, Aristokratien, Autokratien und Hetärokratien über die Welt geherrscht haben, so war es in den Beschlüssen der Vorsehung bestimmt, daß auch jene siegreiche Anarchie, mögen die Sterblichen sie Jakobinismus, Sansculottismus, französische Revolution, Greuel der französischen Revolution oder wie immer benennen, an die Reihe kommen sollte. Die »zerstörende Wut des Sansculottismus,« die ist es, die wir besprechen, da uns leider die Stimme fehlt, sie zu besingen.

Wahrlich, es ist ein großes, ja ein transcendentales Phänomen, das über alle Regeln und Erfahrungen hinausgeht, die Krone aller Phänomene unserer neuesten Zeit; denn hier erscheint wieder ganz unerwartet in neuem und neuestem Gewande der antike Fanatismus, Wunder wirkend wie jeder Fanatismus: nennt ihn den Fanatismus der »Formenvernichtung« (de humer les formules). Die Welt der Formeln, die geformte, geregelte Welt, wie es jede bewohnbare Welt ist, muß naturnotwendig solchen Fanatismus mit tödlichem Hasse verfolgen und mit ihm einen Kampf auf Leben und Tod führen; die Welt der Formeln muß ihn bezwingen, oder, wenn sie unterliegt, ihn verwünschen und mit einem Fluche auf den Lippen sterben, aber sie kann in keiner Weise verhüten, daß er ist und gewesen ist. Der Bannfluch ist da, aber das wunderwirkende Wesen des Fanatismus ist auch da.

Woher kam er? Wohin führt er? – Als die Zeit der Wunder wie eine unglaubliche Überlieferung verblaßt in weiter Ferne lag und selbst die Zeit des Konventionellen schon alt geworden war; als des Menschen Dasein lange Geschlechter hindurch auf bloßen Formeln beruht hatte, die im Zeitenlaufe hohl geworden waren; als es keine Wirklichkeit mehr, sondern nur Trugbilder des Wirklichen, als Gottes Welt vornehmlich das Werk von Schneidern und Dekorateuren und die Menschen steifleinene Masken zu sein schienen, die kopfnickend und fratzenschneidend darauf umhergingen; – – da thut sich plötzlich die Erde gähnend auf, und im Höllenrauch und Feuerschein hervorlodernder Höllenflammen steigt der Sansculottismus tausendköpfig, feueratmend empor und fragt: »Was denkt ihr von mir?« Wohl mögen dann die steifleinenen Masken vor Entsetzen »zu ausdrucksvollen, schön geordneten Gruppen« erstarren. Ja, Freunde, es ist in der That eine höchst überraschende, eine höchst schreckensvolle Erscheinung! Jeder, der nur eine steifleinene Maske und ein Trugbild ist, möge jetzt auf der Hut sein: übel dürfte es ihm ergehen und lange wird 215 seines Bleibens hier wohl nicht mehr sein. Wehe aber auch gar manchem, der nicht ganz steifleinen, sondern zum Teil noch menschlich und wirklich ist! Die Zeit der Wunder ist wiedergekommen. »Seht, wie der Weltphönix im Feuer stirbt und im Feuer wiedergeboren wird; weit breitet er seine Schwingen aus, laut tönt sein Todessang von Schlachtendonnern und in Trümmer sinkenden Städten; himmelan lohen, das All umgreifend, die Leichenflammen: es ist die Todesgeburt einer Welt!«

Und doch kann daraus, wie wir schon oft bemerkten, ein unaussprechlich großer Segen erwachsen, der Segen, daß der Mensch und sein Leben nicht mehr auf Hohlheit, Trug und Lüge, sondern auf festem Grunde und wenigstens einer Art von Wahrheit stehen werden. Willkommen sei uns selbst die armseligste, ärmlichste Wahrheit; ist sie nur wirklich eine Wahrheit, so nehmen wir sie gern statt des königlichsten Scheins. Jede Wahrheit gebiert ja immer eine neue, bessere Wahrheit, gleichwie auch der harte Granitfels unter dem gesegneten Einfluß der Himmelsluft zu fruchtbarem Erdreich wird und sich mit Grün und Früchten und Schatten bedeckt. Die Lüge hingegen, die im Gegenteile immer unwahrer wird, – was kann, was soll sie, wenn sie reif ist, anders thun als sterben, sich selbst, sei es auf friedliche Art oder unter gewaltigen Erschütterungen, nur zu wahrscheinlich in einem Meer von Flammen, auflösen und zu ihrem Vater zurückkehren?

Der Sansculottismus wird zwar vieles verbrennen; was aber unverbrennbar ist, wird er nicht vernichten. Fürchtet also den Sansculottismus nicht, erkennet vielmehr in ihm das, was er ist, das schreckliche, unvermeidliche Ende, aber auch den wunderbaren Anfang gar vieler Dinge. Und noch etwas möget ihr beherzigen: auch er ist wie alles Sein von Gott gekommen; und ist er nicht auch gewesen? Gottes Wege gehen, also steht es geschrieben, von allem Anfang an in der großen Tiefe der Dinge, furchtbar und wunderbar jetzt wie im Anbeginn: Er spricht auch im Brausen des Windes, und auch des Menschen Zorn ist geschaffen »Ihn zu loben und zu preisen.« Aber versuche nicht, dieses unmeßbare Etwas zu messen, zu wägen oder gar, wie man es nennt, zu »erklären« und in eine tote logische Formel zu bringen! Noch weniger sollst du ihm fluchen, bis du dabei heiser wirst; denn dies ist schon längst zur Genüge geschehen. Als ein wirklich lebender Sohn der Zeit versenke dich vielmehr oft mit teilnehmender, allumfassender Aufmerksamkeit in stumme 216 Betrachtung dessen, was die Zeit geboren hat; du wirst darin je nach deiner Anlage Erbauung, Belehrung und geistige Nahrung oder zum mindesten ergötzlichen Zeitvertreib finden.

Eine andere Frage, die uns immer von neuem entgegentritt und immer wieder eine neue Beantwortung verlangt, lautet: Wo ist eigentlich die französische Revolution? Im Palaste des Königs, in den Anordnungen, Mißgriffen und Kabalen, in den Schwächen und Leiden Seiner und Ihrer Majestät, antworten einige; – diesen wollen wir gar nicht erwidern. In der Nationalversammlung, antwortet eine große buntgemischte Menge; sie ist es, die sich auf den Platz des Berichterstatters setzt und hier alles notiert, was ihr drinnen an Proklamationen, Akten, Berichten, Stellen aus Wortgefechten, Ausbrüchen parlamentarischer Beredsamkeit wichtig erscheint, und was ihr von draußen an Tumulten oder Gerüchten über Tumulte zu Ohren kommt; damit füllt sie einen Band nach dem anderen und veröffentlicht in aller Selbstzufriedenheit das Ganze unter dem Titel: Französische Revolution. Das Nämliche beinahe bis zu jedem Umfange zu thun, wäre bei den vielen Stößen von Zeitungen, Choix des Rapports, Histoires Parlementaires, die in ganzen Wagenladungen vorhanden sind, ein leichtes für uns. Leicht, aber wertlos. Die Nationalversammlung, die sich jetzt Konstituierende Versammlung nennt, geht ihren Weg und macht die Konstitution; aber die französische Revolution geht auch ihren Weg.

Können wir nicht allgemein behaupten, die französische Revolution sei im Herzen und im Kopfe jedes leidenschaftlich sprechenden oder leidenschaftlich denkenden Franzosen? Wie aber die fünfundzwanzig Millionen in ihrer verworrenen Zusammensetzung wirkend und entgegenwirkend Ereignisse hervorbringen können, welches unter den aufeinander folgenden Ereignissen das Hauptereignis sei, und von welchem Standpunkt es am besten überblickt werden könne, das ist ein Problem. An die Lösung dieses Problems mag der größte Scharfsinn gehen, indem er überall nach Licht sucht und seinen Standpunkt immer dorthin verlegt, woher er eine Übersicht gewinnen oder wenigstens einen flüchtigen Ausblick erhaschen kann; er kann gar sehr zufrieden sein, wenn ihm auch nur eine leidlich befriedigende Lösung gelingt.

Was die Nationalversammlung betrifft, insoweit sie wie ein Carroccio auf seinem Wagen noch immer, wenn auch nicht mehr im Vordertreffen, hoch über Frankreich emporragt 217 und Zeichen zum Angriff oder Rückzug giebt, – so ist und bleibt sie eine Wirklichkeit unter anderen Wirklichkeiten; insofern sie nur dasitzt und die Konstitution macht, ist sie aber ein leerer Schein, eine bloße Chimäre. Und wenn die ganze Welt dazu jubelt, welchen Wert haben denn die noch so kühn aufgebauten Kartenhäuser eines Montesquieu-Mably? Bei einer solchen Beschäftigung gilt uns die hohe Nationalversammlung kaum mehr als ein Sanhedrim von Pedanten einer zwar nicht schulmeisterlichen, aber sicherlich auch nicht nützlicheren Sorte. Ihre Beschwerden und lauten Debatten über Menschenrechte, das Recht über Krieg und Frieden, über das Veto suspensif und Veto absolu, was sind sie anderes als ebenso viele Flüche von Pedanten; »Hol' euch der Henker mit eurer Theorie der unregelmäßigen Zeitwörter!«

Eine Konstitution kann man bauen, ja Konstitutionen à la Sieyès lassen sich in schwerer Menge bauen; die große Schwierigkeit liegt nur darin, Leute zu finden, die in diesem Baue wohnen wollen. Hätte Sieyès Donner und Blitz vom Himmel herabholen können, dann wäre es gut gewesen; aber ohne Donner und Blitz? Ist es denn nicht auch heute noch wahr, daß eine Konstitution ohne eine himmlische Sanction, mag sie sichtbar unter Donner und Blitz oder unsichtbar auf irgend eine andere Art erteilt werden, im Laufe der Zeit ebenso wertlos wird wie das wertlose Stück Papier, auf dem sie geschrieben steht? Die rechte Konstitution d. h. die Sammlung von Gesetzen oder vorgeschriebenen Normen des Handelns, nach denen die Menschen leben sollen, ist nur diejenige, in der sich ihre Überzeugungen widerspiegeln, die ihren Anschauungen über diese wunderbare Welt, ihren Rechten und Pflichten und ihrer Stellung darin entspricht. Eine solche Konstitution erhält von der Notwendigkeit selbst und, wenn nicht von einer sichtbaren, dann gewiß von einer unsichtbaren Gottheit ihre Sanction; alle anderen Gesetze dagegen, von denen immer genug »fertige« bereitliegen, sind nur Usurpationen. Ihnen gehorchen die Menschen nicht, sondern lehnen sich dagegen auf und schaffen sie bei der ersten günstigen Gelegenheit ab.

Die Frage aller Fragen lautet demnach: »Wer ist es, der eine Konstitution, zumal für Rebellen und Zerstörer, machen kann? Offenbar derjenige, welcher den Glauben der Gesamtheit, wofern es einen giebt, zum Ausdruck bringen oder, wenn es keinen giebt, ihn einflößen kann: ein gar seltener Mann, fürwahr und wie in alter Zeit immer ein 218 Gottgesandter. Indessen thut in Ermangelung eines solchen alle überragenden höchsten Mannes die Zeit schon sehr viel mit ihrer unendlichen Reihe bloß höherer Männer, von denen jeder seinen bescheidenen Beitrag leistet. – Auch die Gewalt wird dabei immer einige Arbeit finden; hatte doch, wie altertumskundige Gelehrte lehren, anfangs das königliche Scepter etwas vom Hammer an sich, der solche Köpfe, welche sich nicht überzeugen ließen, einschlagen sollte. Und so muß sich die Konstitution wie jedes Menschenwerk unter beständigem Abschaffen und Wiederherstellen, unter Zerreißen und Ausbessern, unter Streit und Kampf, unter Übeln der Gegenwart und hoffnungsvollem Streben nach einer besseren Zukunft entweder weiter ausbauen oder sich zerstören und zusammenbrechen, wie sie eben kann und mag. O Sieyès, ihr Ausschußmänner und ihr zwölfhundert aus allen Teilen Frankreichs herbeigewehten Leute, sagt, wenn ihr es wißt, sagt doch, zu welchem Glauben bekennt ihr euch, zu welchem Glauben bekennt sich Frankreich? Eigentlich zu keinem anderen als zu dem, daß es keinen Glauben geben solle und daß alle Formeln vernichtet werden müssen. Und die Konstitution, die diesem Glauben entspricht? Ach, das kann offenbar nur eine Nicht-Konstitution, eine Anarchie sein; – auch diese soll euch zu rechter Stunde werden.

Aber was kann schließlich die unglückliche Nationalversammlung thun? Bedenkt doch: hier sitzen zwölfhundert buntzusammengewürfelte Individuen, von denen jedes seinen eigenen Denkapparat, seinen eigenen Sprechapparat hat. In jedem dieser Individuen lebt, freilich in jedem in verschiedener Weise, der Wunsch und die Überzeugung, daß Frankreich regeneriert werden müsse, und der Glaube, daß auch er daran arbeiten solle. Erwägt: zwölfhundert Einzelkräfte, die man kunterbunt an alle Seiten eines und desselben Wagens gespannt hat; – und nun sollen sie auf Befehl aus Leibeskräften anziehen!

Oder liegt es überhaupt in der Natur der Nationalversammlungen, unter endlosem Mühen und Lärmen Nichts zu thun? Ist jede repräsentative Regierung im Grunde auch nichts anderes als eine Tyrannis? Sollen wir sagen, daß auch hier nur Tyrannen, d. h. die ehr- und streitsüchtigen Leute aus allen Ecken und Enden des Landes an einem Orte versammelt sind und sich, wie die fabelhaften Katzen von Kilkenny, unter Lärm und Geschwätz, mit Anträgen und Gegenanträgen auf Leben und Tod bekämpfen und als 219 Ergebnis ein Nichts, eine Null hervorbringen: – während unterdessen das Land durch die anerkannte oder in der Regel nicht anerkannte Weisheit, die hie und da in den Köpfen Einzelner vorhanden ist, sich selbst regiert und leitet? Selbst dies wäre schon ein großer Fortschritt; denn früher, wie zur Zeit der Welfen- und Ghibellinenpartei, der Weißen und der Roten Rose pflegten sie auch das ganze Land mit zu grunde zu richten. Auch bekämpfen sie jetzt einander auf einem viel engeren Kampfplatz; er beschränkt sich auf den Raum innerhalb der vier Wände ihres Versammlungshauses und hie und da noch auf Holztribünen oder umgekippte Fässer als Vorposten; sie streiten endlich mit Zungen und nicht mit Schwertern. Sind das nicht großartige Fortschritte in der Kunst, ein Nichts, eine Null hervorzubringen? Ja, einige glückliche Kontinente (wie z. B. der westliche mit seinen Savannen, wo jeder, der vier willige Glieder hat, Nahrung unter den Füßen und einen unendlichen Himmel über dem Kopfe findet) brauchen, und das ist das Allerbeste, gar keine Regierung. Welch dunkle Sphinxfragen! Die tollgewordene Welt, und zwar noch das heutige Geschlecht, muß darauf die Antwort finden oder sie muß untergehen!

 

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