Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Thomas Carlyle >

Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 34
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel.
Die Laterne.

Der Fall der Bastille hat, wie man wohl sagen darf, ganz Frankreich bis in seine Grundfesten erschüttert. Das Gerücht von den geschehenen Wundern fliegt mit der natürlichen Schnelligkeit des Gerüchtes nach allen Richtungen und bringt Wirkungen hervor, die man nicht für etwas Natürliches, sondern für Folgen von Verschwörungen erklärt. Hat Orléans oder Laclos oder gar Mirabeau (der zu dieser Zeit an seinem Geld nicht allzuschwer trug) reitende Kuriere von Paris abgeschickt, damit sie »auf allen Radien« oder Landstraßen nach allen Punkten Frankreichs galoppierten? Es bleibt ein Wunder, das auch der Scharfsinnigste nicht in Abrede stellen kann.

Schon waren in den meisten Städten Wahlausschüsse zusammengetreten, um durch Reden und Beschlüsse 207 auszusprechen, wie schmerzlich Necker vermißt werde, ja in manchen Städten, wie in Rennes, Caen, Lyon drückt das aufbrausende Volk sein Bedauern durch Steinwürfe und Musketenfeuer aus. In allen Städten Frankreichs langen, wie man eben anlangt, jetzt in diesen Schreckenstagen an den Stadtthoren »Leute« an, auch »Leute zu Pferde;« reist doch das Gerücht meistens zu Pferde. Diese Leute erzählen mit bestürzter Miene, die Brigands seien im Anzuge, ja sie seien schon in nächster Nähe, und reiten dann weiter, um ihren sonstigen Geschäften nachzugehen. Kaum sind sie fort, eilt die ganze Bevölkerung einer solchen Stadt zu den Waffen, um sich zu verteidigen. Laßt bald auch eine Petition an die Nationalversammlung abgehen! In solcher Gefahr oder Furcht vor Gefahr kann euch ja die Erlaubnis, euch zu organisieren, nicht verweigert werden. Die bewaffnete Bevölkerung wird überall eine regelrechte Nationalgarde. So und mit solcher Wirkung reitet das Gerücht im Galopp auf allen Radien von Paris hinaus; in wenigen Tagen, einige behaupten in wenigen Stunden starrt ganz Frankreich bis an seine äußersten Enden von Bajonetten. Das ist in der That staunenerregend und läßt sich nicht in Abrede stellen, – mag es ein Wunder sein oder nicht! Aber kann nicht auch eine chemisch behandelte Flüssigkeit im flüssigen Zustande bleiben, selbst wenn sie bis zum Gefrierpunkt oder noch tiefer herab abgekühlt ist? Und macht sie nicht das leiseste Stoßen oder Schütteln sofort zu Eis erstarren? So hat man auch Frankreich lange Monate und Jahre hindurch chemisch behandelt und unter Null gebracht, und so erstarrt es jetzt, erschüttert durch den Fall der Bastille, in einem Augenblicke zu einer einzigen krystallisierten Masse scharf schneidenden Stahls. Guai a chi la tocca! Wehe dem, der es anrührt!

In Paris fordern der Wahlausschuß, der neue Maire und der neue General die kriegerischen Arbeiter mit eindringlichen Worten auf, wieder zu ihrem Handwerk zurückzukehren. Die handfesten Damen der Markthalle (Dames de la Halle) halten Beglückwünschungsansprachen und weihen dem Schrein der hl. Genoveva Blumensträuße. Leute, die nicht zur Nationalgarde gehören, liefern, freilich nicht so bereitwillig, als man wünschen mochte, ihre Waffen ab und erhalten dafür »neun Francs.« Nach dem Te Deum, dem Besuche des Königs und der sanctionierten Revolution herrscht überall halcyonisches, ja beinahe übernatürlich heiteres Wetter: der Sturm hat ausgetobt.

208 Nichtsdestoweniger gehen natürlich die Wogen noch immer hoch, und in den Felsenhöhlen hört man es noch rauschen. Wir schreiben erst den 22. des Monats, zählen kaum mehr als acht Tage nach dem Falle der Bastille, als plötzlich das Gerücht auftaucht, der alte Foulon lebe noch, ja er habe sich eines Morgens früh hier in den Straßen von Paris blicken lassen, er, der Erpresser und Verschwörer, der das Volk Gras fressen lassen wollte und der ein Lügner war von allem Anfang an! Es verhält sich thatsächlich so. Das irreführende prunkvolle Begräbnis (irgend eines gerade damals verstorbenen Dieners), das Versteck in Vitry bei Fontainebleau haben dem bejammernswerten Greis nichts genützt; ein lebender Diener oder Untergebener – denn niemand liebt Foulon – hat ihn dem Dorfe verraten. Unbarmherzige Bauern aus Vitry spüren ihn auf und fallen wie Höllenhunde über ihn her. Fort mit dir nach dem Westen, du alter Schurke, fort nach Paris, daß man dich im Hôtel de Ville richte! Sein altes von achtundsiebzig Jahren gebleichtes Haupt ist entblößt, sein Rücken trägt als bezeichnendes Sinnbild ein angebundenes Grasbündel, sein Hals einen Kranz von Nesseln und Disteln; so muß er, an Stricken geführt, von Verwünschungen und Drohungen getrieben, seine alten Glieder vorwärtsschleppen, der bemitleidenswerteste und doch von niemand bemitleidete Greis!

Im rußigen St. Antoine und in jeder Straße, durch die er kommt, eilen die Leute scharenweise herbei: die Halle des Stadthauses, ja der Grèveplatz selbst hat kaum Raum genug, um ihn und die begleitende Menge zu fassen. Man möge Foulon zwar nach Recht und Gesetz, aber sogleich hier an Ort und Stelle ohne jeden Aufschub richten. Ernennt sieben Richter, ihr Stadträte, oder siebenundsiebzig, ernennt sie selbst, oder wir wollen sie ernennen, aber richtet ihn!Hist. Parl., II, 146-149. Vergeblich wendet der Ausschuß alle Redekunst auf, vergeblich verschwendet Maire Bailly stundenlang seine Beredsamkeit, um das Schöne des gesetzlich vorgesehenen Aufschubs begreiflich zu machen. Aufschub und immer Aufschub! Sieh, Maire des Volkes, aus dem Morgen ist Mittag geworden, und er ist noch nicht gerichtet! – Lafayette, zu dem man Boten mit dringenden Bitten sendet, erscheint und spricht also: »Dieser Foulon, ein bekannter Mann, ist ohne Zweifel schuldig; aber kann er nicht Mitschuldige haben? Sollte man nicht auf 209 schlaue Art – etwa in der Abtei – die Wahrheit aus ihm herauspressen? Dieser Vorschlag stellt die Sache in ein neues Licht. Der Sansculottismus klatscht mit den Händen Beifall, unglückseligerweise (vor Freude, so wollte es sein Schicksal) auch der alte Foulon. – Seht, wie sie sich untereinander verstehen! schreit mit der Wut aufflammenden Verdachtes der wilde Sansculottismus. »Freunde,« ruft hervortretend ein anständig gekleideter Mann, »wozu noch einen langen Prozeß gegen diesen Mann? Ist er nicht schon seit dreißig Jahren gerichtet?« Mit hundert Händen zugleich greift ihn der Sansculottismus und zerrt ihn unter wildem Geheul zu einer Laterne, d. h. zu einem Laternenpfahl, der an der Ecke der Rue de la Vannerie steht; flehentlich bittet Foulon um sein Leben – leider nur zu tauben Ohren. Erst mit dem dritten Strick (zwei Stricke sind gerissen, und die zitternde Stimme fleht noch immer) gelingt es endlich, ihn zu henken! Seinen Leichnam schleift man durch die Straßen, dem abgehauenen Kopf steckt man ein Heubüschel in den Mund und trägt ihn hoch auf einer Pike unter dem Höllenlärm eines grasfressenden Volkes herum.Deux Amis, II, 60 – 66.

Wahrlich, wenn Rache eine »Art von Gerechtigkeit« ist, dann ist es eine grausame Art. Rasender Sansculottismus! hast du dich in deinem Dunkel, Ruß und deinen Lumpenhüllen wie der unter seinem Trinakria lebendig begrabene Enceladus unvermutet aufgerichtet? Müssen diejenigen, welche Gras zu deiner Nahrung machen wollten, nun selbst und auf solche Art Gras fressen? Ist nach vielen Geschlechtern, die so lange stumm seufzten, plötzlich die Reihe an dich gekommen? – Solch abgrundtiefem Sturze, solch furchtbarer und plötzlicher Verschiebung des Schwerpunktes gehen, wenn sie es doch wüßten, alle menschlichen Solöcismen entgegen und dies umsomehr, je unwahrer und je leichter sie wegen ihres hochliegenden Schwerpunktes dem Sturze ausgesetzt sind.

Um den Schrecken Baillys und seiner Munizipalräte noch zu vermehren, trifft die Nachricht ein, auch Berthier sei verhaftet und auf dem Wege von Compiègne nach Paris, Berthier, der Intendant (richtiger Steuereintreiber) von Paris, der Sykophant, Tyrann und Kornwucherer, der Soldatenlager gegen das Volk verlangte, kurz, ein gar vieler Verbrechen beschuldigter Mann. Ist er nicht Foulons Schwiegersohn, muß er nicht schon deshalb allein in allem schuldig scheinen, 210 zumal in der gegenwärtigen Stunde, da das Blut der Sansculotten kocht? Die schaudernden Stadträte senden aus ihrer Mitte ein Mitglied, um Berthier unter Bedeckung berittener Nationalgarde nach Paris bringen zu lassen.

Gegen Sonnenuntergang langt der unselige Berthier, dessen Gesicht noch Mut verrät, im offenen Wagen bei der Barrière an; neben ihm sitzt unser Munizipalrat, während fünfhundert Reiter mit gezogenem Säbel und eine ungezählte Schar Unbewaffneter zu Fuß natürlich unter Höllenlärm das Geleite bilden. Große Tafeln, auf denen der Sansculottismus in rechtswidriger Kürze mit Riesenlettern die Anklage gegen ihn aufgeschrieben hat, werden vor ihm hin und her geschwenkt.Il a volé le Roi et la France: Er hat das Gut des Volkes verschlungen; er war der Knecht der Reichen und der Tyrann der Armen; er trank das Blut der Wittwe und der Waise; er verriet sein Vaterland. Siehe Deux Amis, 67-73. Paris kommt ihm entgegen, empfängt ihn mit Händeklatschen, mit weit geöffneten Fenstern, mit Tanz und Triumphliedern, deren Weisen dem Gesang der Furien gleichen, zuletzt mit Foulons Kopfe; auch der wird ihm auf einer Pike entgegengetragen.

Wohl mögen »seine Augen bei diesem Anblick zu Glas erstarren,« wohl mögen ihn seine Sinne verlassen. Und doch, wie auch des Mannes Gewissen sein mag, seine Nerven sind von Eisen. Im Stadthause will er auf keine Frage antworten; er behauptet, er habe nur höheren Befehlen gehorcht; man habe seine Papiere, man möge prüfen und entscheiden; er für seine Person verlange vor allem, daß man ihn schlafen lasse, denn er habe zwei Nächte kein Auge geschlossen. Ein bleierner Schlaf, unglücklicher Berthier! Wachen erheben sich mit ihm und setzen sich nach der Abbaye in Bewegung; aber schon an der Thür des Stadthauses werden sie gepackt und von einem förmlichen Knäuel rasender Arme auseinander geschleudert; Berthier wird wie im Wirbel zur Laterne gebracht. Er erfaßt ein Gewehr, haut und schlägt zu, wehrt sich wie ein wütender Löwe, wird aber zu Boden geworfen, mit Füßen getreten, gehenkt und verstümmelt; auch sein Kopf und sogar sein Herz fliegen auf einer Pike durch die Stadt.

In Ländern, in denen gleiches Recht für alle herrscht, würde dies als etwas Entsetzliches gelten. Nicht so unnatürlich erscheint es aber in Ländern, die ein solches nie gekannt haben. »Le sang qui coule, est-il donc si pur?« fragt 211 Barnave und deutet damit an, der Galgen habe nur das, was ihm gehöre, freilich auf ungesetzlichem Wege. – Auch dir, o Leser, wird es wenn du um die Ecke der Rue de la Vannerie biegst und dieselbe schreckliche, alte Eisenstange erkennst, an Anregung zu Betrachtungen nicht fehlen. Noch immer steckt sie dort über einem Krämerladen oder etwas Ähnlichem, – unter ihr eine Nische mit der Büste Ludwigs XIV., die vielleicht auch schon fehlt – in der Mauer und hält noch immer eine fischthrangefüllte Laterne mit ihrem matten Lichte hinaus; sie hat Welten in Trümmer stürzen gesehen – und schweigt.

Aber welch drohende Gewitterwolke steigt während des strahlenden Glanzes eines halcyonischen Wetters vor dem Auge des erleuchteten Patriotismus auf, eine Wolke, schwarz wie Höllenfinsternis, die eine ungeheuere Menge latenter Elektricität anzeigt! Maire Bailly und General Lafayette legen voll Entrüstung ihre Stellen nieder und lassen sich nur durch vieles Bitten umstimmen. Die Wolke verschwindet, wie es bei Gewitterwolken vorzukommen pflegt; das halcyonische Wetter kehrt zurück, aber in mehr düsteren Farben und nimmt augenscheinlich einen immer weniger übernatürlichen Charakter an.

Jedenfalls soll, gleichviel auf welche Art, die Bastille geschleift werden und von unserer Erde verschwinden, mit ihr zugleich der Feudalismus und Despotismus, ja, wie man hofft, jede Art von Schurkentum und Bedrückung des Menschen durch den Menschen. Ach, Schurkentum und Bedrückung sind nicht so leicht auszurotten! Was aber die Bastille betrifft, so sinkt sie von Tag zu Tag, von Monat zu Monat zusammen; unaufhörlich stürzen auf den ausdrücklichen Befehl unserer Stadträte ihre Quadern und Steine nieder. Scharen von Neugierigen gehen in ihre Gewölbe, starren auf die Skelette, die man eingemauert gefunden hat, auf die Oubliettes, die eisernen Käfige und die gewaltigen Steinblöcke, an denen Ketten mit Vorhängschlössern hängen. Eines Tages sehen wir dort auch Mirabeau an der Seite des Genfer Dumont.Dumont, Souvenirs sur Mirabeau p. 305. Arbeiter und Zuschauer machen ihm ehrerbietig Platz, werfen ihm unter Vivatrufen Verse und Blumen auf den Weg, Bastillenpapiere und andere Merkwürdigkeiten in den Wagen. Fähige und gewandte Schriftsteller schreiben ganze Bände aus den unverbrannten Resten der Bastille-Archive. Der Schlüssel dieser Räuberhöhle wird über den Ocean wandern 212 und auf Washingtons Tisch Platz finden. Die große Uhr tickt jetzt in der Privatwohnung eines patriotischen Uhrmachers, schlägt nicht mehr Stunden von ewiglanger Dauer. Die Bastille ist verschwunden, was wir verschwunden nennen; ihr Körper, d. h. die Sandsteine werden noch Jahrhunderte lang in gesegneter Verwandlung als Pont Louis SeizeDulaure, Histoire de Paris, VIII, 434. über den Wassern der Seine schweben; ihre Seele wird vielleicht noch länger im Gedächtnis der Menschen fortleben.

Soweit habt ihr, hohe Senatoren, uns mit eurem Schwur im Ballhaus, mit eurer Unthätigkeit und eurer ungestümen Thätigkeit, mit eurer Klugheit und Beharrlichkeit gebracht. »Bedenkt aber, ihr Herren,« wie die Bittsteller mit Recht betonen, »ihr, unsere Retter, bedurftet selbst der Retter,« – der braven Bastillenmänner nämlich, der Pariser Arbeiter, von denen viele mit harter Not zu kämpfen haben.Moniteur, Séance du Samedi 18. juillet (in Hist. Pari., II, 137). Man eröffnet Subscriptionen, hält Reden und stellt Listen zusammen, die genauer sind als die von Elie. Gleich den Argonauten kam eine ziemlich vollständige Schar von Helden der Bastille zusammen, und sie hofften wie jene, von Dauer zu sein; aber in wenig mehr als einem Jahre warf sie der Strom der Zeit auseinander, und sie sanken unter. Auf so viele menschliche Leistungen im höchsten Superlativ folgen immer neue, noch größere Thaten, und jene Superlative schrumpfen zu Komparativen und Positiven zusammen! Die Belagerung der Bastille, der gegenüber auf der Wage der Geschichte die meisten Belagerungen, die von Troja nicht ausgenommen, nur wie Spinnengewebe ins Gewicht fallen, kostete, wie wir finden, auf Seite der Belagerer an Toten und tödlich Verwundeten etwa dreiundachtzig Personen, auf Seite der Belagerten trotz allem Strohverbrennen, Feuersprühen und einer Sündflut von Gewehrfeuer, einen einzigen armen Invaliden, der auf den Zinnen mausetot (roidemort) geschossen wurde.Dusaulx, Prise de la Bastille, p. 447 etc. Die Bastille wurde gleich der Stadt Jerichow nur durch wunderbaren Schall in Trümmer gelegt. 213

 


 

 << Kapitel 33  Kapitel 35 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.