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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 32
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.
Keine Revolte.

Wozu sollen wir bei dem, was nun folgt, lange verweilen? Man hätte Hulins Offizierswort halten sollen, man hat es nicht vermocht. Die Schweizer stehen in Reih' und Glied da, in weiße Leinenkittel verkleidet, die Invaliden ohne Verkleidung, die Waffen sind an die Mauer gelehnt. Die erste Flut der Sieger, trunken vor Freude über die überstandene Todesgefahr, fällt ihnen um den Hals; aber neue und immer neue Sieger fluten herein, auch sie sind wie trunken, aber nicht von reiner Freude allein. Kurz, es ist eine lebende Sündflut, die sich Hals über Kopf hineinstürzt; hätten sich nicht die Gardes Français in ihrer kaltblütigen Soldatenart, »mit erhobener Waffe umgekehrt,« so wären die Leute selbstmörderisch zu Hunderten und Tausenden in den Bastillegraben hinabgestürzt.

Und so stürmt und wogt es regellos, zügellos durch Hof und Gänge weiter, und im glühenden Wahnsinn des Triumphes, des Schmerzes und der Rache für die Erschlagenen schießt man aus den Fenstern auf die eigenen Leute herab. Den armen Invaliden wird es schlecht ergehen; ein Schweizer im weißen Kittel, der entrinnen will, wird mit tödlichem Stoße zurückgetrieben. Führt alle Gefangenen nach dem Stadthause, daß ihnen der Prozeß gemacht werde! – Ach, einem armen Invaliden hat man bereits die rechte Hand abgehauen, der verstümmelte Körper wird zum Grèveplatz geschleift und dort aufgeknüpft. Die nämliche rechte Hand hat, wie man erzählt, de Launay vom Pulvermagazine zurückgehalten und Paris gerettet.

De Launay im grauen Rocke mit mohnfarbenem Ordensband wird in dem Augenblicke entdeckt, da er sich mit seinem 199 Stockdegen erstechen will. Fort mit ihm zum Stadthause! Hulin, Maillard und andere eskortieren ihn; Elie »mit dem Kapitulationspapier auf seiner Degenspitze« marschiert voran. Von Flüchen und Verwünschungen umheult, gedrängt, gestoßen, ja geschlagen, bewegt man sich weiter, bis schließlich die Eskorte beiseite gestoßen und zu Boden geworfen wird; Hulin sinkt erschöpft auf einem Steinhaufen zusammen. Der unglückliche de Launay! Er wird nicht mehr das Stadthaus betreten, »nur sein blutiger Haarzopf, von blutiger Hand emporgehalten, wird als Siegeszeichen hineingelangen.« Der blutige Rumpf liegt dort auf den Stufen, den abgeschlagenen Kopf trägt man auf einer Pike durch die Straßen, – ein grausiger Anblick!

»Freunde, tötet mich schnell!« Das waren de Launays letzte Worte. Auch der barmherzige de Losme muß sterben, obgleich ihn in dieser Stunde des Schreckens die Dankbarkeit schützend umklammert und für ihn sterben will; – es ist umsonst. Brüder, eure Wut ist grausam. Euer Grèveplatz ist zum Rachen eines brüllenden, blutdürstigen Tigers geworden! Noch ein Offizier wird hingeschlachtet, ein zweiter Invalide am eisernen Laternenpfahl gehängt; nur mit schwerer Mühe und edelmütiger Ausdauer retten die Gardes Français die übrigen. Vorsteher Flesselles, dessen Gesicht schon Todesblässe bedeckt, muß von seinem Amtsstuhl herabsteigen, »um im Palais Royal gerichtet,« – ach, nein, um an der ersten Straßenecke von unbekannter Hand erschossen zu werden!

O Juliabendsonne, deine schrägen Strahlen fallen in dieser Stunde auf Schnitter auf friedlichen, waldumsäumten Feldern, auf alte Mütterchen am Spinnrocken in ihrer Hütte, auf Schiffe weit draußen im schweigenden Ocean, auf die Orangerie von Versailles, wo jetzt geschminkte Palastdamen mit Husaren-Offizieren in Waffenrock und Dolman tanzen – sie fallen auch auf diese heulende Höllenpforte des Hôtel de Ville! Selbst der Turm von Babel mit seiner Sprachenverwirrung gäbe kein vollständiges Bild, man müßte noch ein Bedlam mit dem lohenden Brande seiner verheerenden Gedankenverwirrung hinzufügen. Ein endloser Wald drohenden Stahls starrt dem Wahlausschuß entgegen und richtet seine furchtbar-strahlenden Spitzen gegen die Brust dieses oder jenes Angeklagten. Es war ein Kampf der Titanen gegen den Olymp, und sie haben, o Wunder aller Wunder, gesiegt und können es selbst noch kaum glauben; nun rasen sie, wie es nicht anders sein kann. Anklage und Rache und glänzender Triumph, 200 kurz die ganze innere und äußere Welt, alles ein einziger Trümmerhaufen des Wahnsinns!

Das Wahlkomitee? Es würde nicht genügen, wenn es tausend Kehlen von Erz hätte. Abbé Lefèvre, schwarz wie Vulkan, verteilt unten in den Gewölben »jene fünftausend Pfund Pulver;« aber unter welchen Gefahren während dieser achtundvierzig Stunden! Vergangene Nacht bestand ein betrunkener Patriot darauf, über einem dieser Pulverfässer seine Pfeife zu rauchen; hier rauchte er, unbekümmert um die Welt, bis ihm der Abbé die Pfeife »für drei Franken abkaufte« und sie weit wegschleuderte. In dem großen Saale des Stadthauses, unter den Augen des Wahlausschusses sitzt Elie »mit gezogenem, an drei Stellen verbogenem Schwerte,« mit zerhauenem Helm (denn er hat im Kavallerie-Regimente der Königin gedient), mit zerrissener Uniform, mit versengtem und beschmutztem Gesicht, »einem antiken Krieger vergleichbar,« wie einige meinen. – Er richtet das Volk und stellt eine Liste der Helden der Bastille zusammen. »O Freunde, befleckt nicht mit Blut den grünsten Lorbeer, der je in dieser Welt erobert ward:« das ist der immer wiederkehrende Grundton in Elies Liede; hätte man nur auf ihn gehört! Mut Elie, Mut ihr Munizipal-Wahlmänner! Die untergehende Sonne, das Bedürfnis nach Nahrung und Mitteilung des eben Erlebten wird Beruhigung und Zerstreuung bringen; alles Irdische muß ja ein Ende nehmen.

Sieben Gefangene der Bastille, die man auf den Schultern trägt, sieben Köpfe auf Piken, die Schlüssel der Bastille und vieles andere machen die Runde durch die Straßen von Paris. Seht auch, wie die französischen Garden mit gleichmäßigem, militärischem Schritt in ihre Kaserne ziehen, mit ihnen die Invaliden und Schweizer, um die sie gutherzig ein Karree bilden. Ein Jahr und ein Monat ist es her, seit dieselben Männer teilnahmslos mit Brennus d'Agoust beim Palais de Justice standen, als d'Espréménil von seinem Schicksal ereilt wurde; jetzt haben sie teilgenommen und werden teilnehmen, von nun an nicht mehr als Gardes Français, sondern als Centre Grénadiers der Nationalgarde, Leute von eiserner Zucht und Gesinnung, die auch eine gewisse selbstständige Meinung besitzen.

Noch in der Abenddämmerung hört man den dumpfen Donner niederstürzender Bastillensteine; die Papiere aus ihren Archiven fliegen wie Schneeflocken umher. Alte Geheimnisse kommen ans Licht, und lang begrabene Verzweiflung 201 spricht mit vernehmlicher Stimme. Lies nur folgenden Abschnitt eines Briefes:Datiert in der Bastille 7. X. 1752, unterzeichnet Quéret-Démery. Bastille Dévoilée in Linguets Mém. s. l. Bast. (Paris 1821) p. 199. »Wollte Monseigneur mir nur zu meinem Troste um Gottes und der heiligen Dreieinigkeit willen gewähren, daß ich Nachricht von meinem teueren Weibe erhielte, wäre es auch nur ihr Name auf einem Blatt Papier, zum Beweise, daß sie noch lebt. Es wäre der größte Trost, der mir werden könnte, und ich würde mein Leben lang Monseigneurs Hochherzigkeit und Großmut segnen.« – Armer Gefangener, der du dich selbst Quéret-Démery nennst und keine andere Geschichte hast, – dein liebes Weib ist tot, und du bist auch nicht mehr! Fünfzig Jahre sind verflossen, seit dein brechendes Herz diese Bitte stellte, um jetzt zum erstenmal gehört zu werden und noch lange in den Herzen der Menschen fortzuklingen.

Und so geht die Juliabenddämmerung in Nacht über, und Paris muß sich, wie es kranke Kinder und alle überreizten Geschöpfe thun, zuletzt in eine Art von Schlaf schreien. Die Munizipal-Wahlherrn, ganz erstaunt, den eigenen Kopf noch oben zu haben, sind heimgegangen, nur Moreau de Saint-Méry, der Geburt und dem Herzen nach ein Südländer, dabei aber ein Mann von ruhigstem Urteil soll mit zwei anderen Wahlherrn permanent im Stadthause bleiben. Paris schläft; ein heller Schein liegt über der erleuchteten Stadt, Patrouillen ohne gemeinsames Losungswort ziehen klirrend umher; Gerüchte, beängstigende Kriegsnachrichten sind im Umlauf, ja man spricht sogar von fünfzehntausend Mann, die schon durch die Vorstadt St. Antoine marschieren, – die in Wirklichkeit niemals durchmarschierten. Die Erregung des Tages läßt sich am besten daraus beurteilen, daß in der einen Nacht Moreau de Saint-Méry, bevor er von seinem Sitze aufstand, über dreitausend Befehle hinausgab.Dusaulx Was für ein Kopf, nur dem Kopfe Bacons, des Mönches, zu vergleichen! Er faßt ganz Paris. Rasch muß die Antwort sein, sie mag richtig oder unrichtig sein. Außer ihm giebt es in Paris augenblicklich keine andere Autorität. Fürwahr, ein klarer Kopf; – dafür wirst du, wackerer Saint-Méry, in vielen Stellungen, vom hohen Senator bis zum Beamten der Kaufmannsschaft, als Buchhändler und Vicekönig an gar manchen Orten von Virginien bis Sardinien Verwendung finden und immer ein wackerer Mann sein.Biographie Universelle, § Moreau Saint-Méry (von Fournier-Pescay).

Besenval ist in der Dämmerung abmarschiert – »inmitten einer großen herbeiströmenden Menschenmenge,« die ihn aber nicht belästigt; er marschiert die ganze Nacht hindurch, mit immer langsamerem Schritt am linken Seineufer hinunter – der weiten Ferne zu. Besenval selbst wird in Untersuchung gezogen, zurückkehren und nur mit Mühe freigesprochen werden. Seine königlichen Truppen, sein Regiment Royal-Allemand, sind für immer abgezogen.

Ball und Limonade in Versailles sind zu Ende. In der Orangerie herrscht Stille, welche nur durch den Schrei der Nachtvögel unterbrochen wird. Drüben in der Salle des Menus sitzt bei ungeputzten Lichtern Vicepräsident Lafayette mit beiläufig hundert Mitgliedern, die um ihn her auf den Tischen ausgestreckt liegen, aufrecht da und wacht länger als der große Bär am Himmel. Heute ist eine zweite feierliche Deputation zu Seiner Majestät gegangen, eine zweite und dann eine dritte dazu, aber ohne Erfolg. – Wie wird alles enden?

Am Hofe ist alles Geheimnis; doch flüstert man von schrecklichen Dingen, wenn auch ihr, thörichte Frauen, von Limonade und Epauletten träumt. Seine Majestät der König, den man in glücklicher Unwissenheit gehalten hat, träumt vielleicht von Doppelflinten und den Wäldern von Meudon. Spät in der Nacht erlangt der Herzog von Liancourt, der kraft seines Amtes freien Zutritt hat, Einlaß in die königlichen Gemächer und meldet in seiner gewohnten ernsten, klaren Weise die Hiobspost. Mais c'est une révolte, sagte der arme Ludwig. »Sire,« antwortet Liancourt, »es ist keine Revolte, – es ist eine Revolution.«

 

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