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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 31
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.
Sturm und Sieg.

Für die Lebenden und Kämpfenden bricht ein neuer Tag, der 14. Juli, an. Unter allen Dächern dieser wahnsinnstollen Stadt drängt der Knoten eines nicht untragischen Dramas der Lösung zu. Welches Hasten und Vorbereiten, welches Drohen und Zittern, welche Thränen, die aus greisen Augen fallen! Meine Söhne, bei der Erinnerung an den Schimpf eurer Väter, bei der Hoffnung auf die Rechte eurer Kinder, heute zeiget euch als Männer. In glühendem Zorne droht die Tyrannei; rettet euch nicht die eigene Rechte, giebt es keine Hilfe für euch. Heute müßt ihr handeln oder sterben.

Vom frühesten Morgen an hat der schlaflose permanente Ausschuß den alten, nun schon rasend und meuterisch klingenden Ruf vernommen: Waffen, Waffen! Vorsteher Flesselles mag wie jeder Verräter unter euch der Charleviller Kisten gedenken. Unser sind einhundertundfünfzigtausend, und kaum der dritte Mann ist auch nur mit einer Pike versehen! Waffen sind das einzige, was wir brauchen; bewaffnet sind wir eine unbezwingbare Nationalgarde, die einer Welt trotzt; unbewaffnet sind wir ein Pöbel, den man mit Kartätschen hinwegbläst.

Glücklicherweise ist es ruchbar geworden, – kann doch kein Geheimnis gewahrt bleiben – daß im Invalidenhaus Musketen verwahrt liegen. Dahin laßt uns ziehen! Der königliche Prokurator M. Ethys de Corny, und was uns der permanente Ausschuß sonst noch an Autorität leihen kann, soll mit uns ziehen. Zwar ist dort Besenvals Lager; aber vielleicht wird er nicht auf uns feuern; und tötet er uns, – mehr als sterben können wir nicht.

Ach, der arme Besenval, dem die Truppen unter den Händen zusammenschmelzen, zeigt nicht die geringste Lust zum Feuern! Als er morgens um fünf Uhr, aller Sorgen vergessend, noch traumumfangen in der Militärschule lag, stand plötzlich »eine Gestalt« an seinem Bette »mit leidlich hübschem Gesichte, entzündeten Augen, mit rascher, kurzer Rede und verwegener Miene;« – solch eine Gestalt hat auch von Priamos Lager die Vorhänge weggezogen. Die Botschaft und Warnung der Gestalt lautet: »Widerstand ist hoffnungslos; fließt Blut, dann wehe dem, der es vergießt!« So sprach die Gestalt und verschwand. In ihren Worten lag eine ergreifende Beredsamkeit. Besenval giebt zu, er hätte die 190 Gestalt ergreifen lassen müssen, er habe es aber unterlassen.Besenval, III, 414. Wer war wohl diese Gestalt mit den entzündeten Augen und der raschen, kurzen Rede? Besenval weiß es, sagt es aber nicht. War es Camille Desmoulins? Oder der Pythagoreer Marquis Valadi, der durch die »allnächtlichen Aufregungen im Palais Royal« entzündet ist? Die Fama nennt den jungen M. Meillar«Tableaux de la Révolution: Prise de la Bastille etc. und schließt dann für immer ihre Lippen über ihn.

Doch seht, wie gegen neun Uhr morgens unsere Nationalfreiwilligen in unermeßlicher Flut südwestwärts nach dem Invalidenhaus strömen, um das eine, was notthut, zu suchen. Unter ihnen sind der königliche Prokurator M. Ethys de Corny und andere Beamte; der Pfarrer von St. Etienne du Mont marschiert ganz und gar nicht als Friedensbote an der Spitze seiner streitbaren Pfarrgemeinde. In ihrer Mitte marschieren auch in ihren roten Röcken die Schreiber der Basoche, jetzt Freiwillige der Basoche, und die Freiwilligen des Palais Royal: – Nationalfreiwillige, die nach Zehntausenden zählen, alle eines Herzens und eines Sinnes. Die Musketen des Königs gehören der Nation; denke nach, alter M. de Sombreuil, ob du sie der Nation in dieser äußersten Not verweigern darfst! Der alte Sombreuil möchte gern unterhandeln und Kuriere senden; umsonst: die Mauern werden erstiegen, kein Invalide giebt auch nur einen Schuß ab, und die Thore müssen weit auffliegen. Lärmend stürmt die Patriotenschar hinein, durchstöbert alle Zimmer und Gänge von der Schwelle bis zum Dachgiebel und sucht überall wie wahnsinnig nach Waffen. Welcher Keller oder Schlupfwinkel könnte ihrem Auge entgehen? Man findet die Waffen; unversehrt liegen sie da, alle in Stroh verpackt, augenscheinlich um verbrannt zu werden. Gieriger als hungernde Löwen auf die getötete Beute stürzt sich die Menge lärmend und schreiend auf sie, ringt, greift, reißt, – so daß schwächere Patrioten eingekeilt und gepreßt werden, Gliederbrüche davontragen und in Gefahr sind, erdrückt zu werden.Deux Amis, III, 302. Und so verwandelt sich unter lang anhaltendem Schmettern, ohrenbetäubender, mißtönender Orchestermusik die Scene, und achtundzwanzigtausend brauchbare Feuerwaffen werden auf 191 den Schultern von ebensovielen Nationalgarden aus dem Dunkel ins helle Tageslicht hinaufgetragen.

Besenval mag nur auf das Blinken dieser Musketen schauen, die an ihm vorüberblitzten. Französische Garden haben angeblich ihre Kanonen auf ihn gerichtet, bereit, im Notfalle von dem anderen Ufer der Seine den Kampf zu eröffnen.Besenval, III, 416. Regungslos sitzt er da; ja, wie man sich schmeicheln könnte, überrascht »von der stolzen Haltung (fière contenance) der Pariser.« Und jetzt nach der Bastille, ihr unerschrockenen Pariser! Dort drohen noch Kartätschen, dorthin wenden sich jetzt aller Schritte und Gedanken.

Der alte de Launay hat sich, wie gesagt, Sonntag bald nach Mitternacht »ins Innere« zurückgezogen; dort weilt er seither in dem traurigsten Widerstreit, in den ihn wie alle Herren vom Militär die Ungewißheit versetzt. Das Stadthaus »ersucht« ihn, Nationalsoldaten einzulassen, ein milder Ausdruck für Übergabe. Er hat jedoch bestimmte Befehle Seiner Majestät. Seine Besatzung besteht nur aus zweiundachtzig alten Invaliden, die durch zweiunddreißig junge Schweizer verstärkt sind; seine Mauern sind zwar neun Fuß dick, auch hat er Pulver und Kanonen, – aber leider nur für einen Tag Lebensmittel. Dazu ist die Stadt französisch, und auch die arme alte Besatzung besteht größtenteils aus Franzosen. Strenger de Launay, überlege was du thun wirst!

Seit neun Uhr erschallt den ganzen Vormittag überall der Ruf: Zur Bastille! Wiederholt sind dort »Bürgerdeputationen« gewesen und haben ungestüm Waffen begehrt; de Launay hat sie mit freundlichen Worten durch die Schießscharten abgewiesen. Gegen Mittag wird der Wahlmann Thuriot de la Rosière eingelassen, findet aber de Launay nicht geneigt, sich zu ergeben, – ja vielmehr entschlossen, die Festung in die Luft zu sprengen. Thuriot steigt mit ihm auf die Zinnen: da liegen Haufen von Pflastersteinen, altes Eisen und sonstiges Material zum Herabwerfen aufgestapelt, die Kanonen sind alle gehörig gerichtet, an jeder Schießscharte eine Kanone, nur noch ein wenig zurückgeschoben. Aber sieh nur, Thuriot, wie draußen die Massen, durch alle Straßen wogend, heranfluten, während die Sturmglocke wie wahnsinnig läutet und alle Trommeln den Generalmarsch schlagen; – wie ein Mann wälzt sich die ganze Vorstadt St. Antoine heran. Das ist eine (zwar gespensterhafte, aber 192 wirkliche) Vision, Thuriot, wie du sie hier in diesem Augenblicke von »deinem Berge der Verklärung« erblickst; sie zeigt prophetisch die anderen Phantasmagorien und laut kreischenden Gespenster der Wirklichkeit, die du zwar noch nicht schaust, aber schauen sollst. »Que voulez-vous,« sagte de Launay, bei diesem Anblick erblassend, mit vorwurfsvoller, beinahe drohender Miene. »Monsieur,« erwidert Thuriot voll erhabenen Mutes, »was wollen Sie? Bedenken Sie, daß ich uns beide von dieser Höhe hinabstürzen könnte,« – sagen wir in eine Tiefe von hundert Fuß, den gemauerten Graben nicht mitgerechnet. Darauf verstummte de Launay. Thuriot zeigt sich von einer Zinne, um die argwöhnische, aufrührerische Menge zu beruhigen, steigt dann hinab, richtet an die Invaliden eine Warnung, die nur einen gemischten, unbestimmbaren Eindruck auf sie macht, und entfernt sich unter Protest. – Die alten Köpfe gehören nicht zu den hellsten; außerdem hat angeblich de Launay reichlich Getränke verteilen lassen (prodigue des boissons). Sie wollten, erklären sie, solange es gehe, nicht schießen, wenn man nicht auf sie schieße; übrigens müßten sie sich ganz nach den Umständen richten.

Wehe dir, de Launay, wenn du in einer solchen Stunde zu keinem festen Entschluß kommen, wenn du nicht selbst die Umstände lenken kannst. Freundliche Worte sind fruchtlos, scharfe Kartätschenschüsse sind zweifelhaft, aber das Schwanken zwischen beiden zweifellos das Schlimmste. Immer wilder schwillt die Menschenflut an, immer lauter wird ihr unendliches Murren und steigert sich schließlich zu Verwünschungen, ja sogar zu knatterndem Gewehrfeuer; – freilich kann es an neun Fuß dicken Mauern keinen Schaden anrichten. Man hat die äußere Zugbrücke für Thuriot herabgelassen; auf ihr dringt nun eine neue Bürgerdeputation (die dritte und lärmendste von allen) in den äußeren Hof. Da freundliche Worte sie nicht zum Weichen bringen, läßt de Launay Feuer geben und die Brücke aufziehen. Ein leichtes Sprühfeuer, welches das gar zu leicht entzündbare Chaos in Flammen setzt und zu rasendem Flammenchaos macht. Beim Anblick des eigenen Blutes, denn das Sprühfeuer hat einige Leute getötet, bricht der Aufstand los und entladet sich in unaufhörlich krachendem Gewehrfeuer, in Raserei und Verwünschungen, während von der Höhe der Festung eines der schweren Geschütze dröhnend eine Kartätschenladung abgiebt: um zu zeigen, was wir könnten. Die Bastille ist belagert!

193 Auf denn, Franzosen, alle, die ihr ein Herz im Leibe habt! Söhne der Freiheit, brüllt alle aus voller Kehle, sie sei aus Knorpel oder Erz, spannt alle eure Körper- und Geisteskräfte bis zum äußersten an – jetzt ist die Stunde der Entscheidung da! Schlag zu, Louis Tournay, Wagner vom Marais, alter Soldat im Regiment Dauphiné, schlag zu auf die Kette der äußeren Zugbrücke, mag auch feuriger Hagel dich umsausen! Nie hat deine Axt solche Streiche auf Speiche oder Felge geführt. Nieder damit, Geselle, nieder damit zur Hölle; die ganze verfluchte Zwingburg stürze nach, und die Tyrannei sei für immer verschlungen! Louis Tournay steht nach einigen auf dem Dache der Wachstube, nach anderen auf Bajonetten, die man in Mauerfugen gesteckt hat, und schlägt mit aller Wucht drein; der wackere Aubin Bonnemère, gleichfalls ein ehemaliger Soldat, leistet ihm Beistand: die Kette giebt nach, bricht, und donnernd stürzt die gewaltige Zugbrücke hinab (avec fracas). Herrlich. Leider sind es erst die Außenwerke. Noch ragen die acht finsteren Türme mit dem Gewehrfeuer der Invaliden, mit den Pflastersteinen und Kanonenschlünden unbeschädigt in die Lüfte; – noch gähnt unüberschreitbar der Graben mit seinen Steinwänden entgegen, noch kehrt uns die innere Zugbrücke den Rücken zu – kurz, die Bastille ist noch zu nehmen.

Die Belagerung der Bastille, die man für eine der wichtigsten in der Geschichte hält, zu beschreiben, übersteigt vielleicht das Talent eines Sterblichen. Könnte man nach endlosem Lesen nur soweit kommen, wenigstens den Plan des Gebäudes zu verstehen. Da liest man aber von einer offenen Esplanade am Ende der Rue St. Antoine, von so vielen Vorhöfen, von Cour Avancée, Cour de l'Orme, von einem gewölbten Thorweg (wo jetzt Louis Tournay ficht), von neuen Zugbrücken, festen Brücken, Wallbastionen und den acht finsteren Türmen: mit einem Worte, von einer labyrinthischen, finster emporragenden Ringmasse jeden Alters, von zwanzig bis vierhundertundzwanzig Jahren – und diese Steinmasse wird jetzt in ihrer letzten Stunde vom wiedergekehrten Chaos belagert! Geschütze jeglichen Kalibers, Kehlen jeglicher Stärke, Leute mit allen Plänen, jeder Mann sein eigener Ingenieur: seit dem Kriege zwischen den Pygmäen und den Kranichen hat man wohl selten ein solches Kunterbunt gesehen. Der auf Halbsold gesetzte Elie ist nach Hause geeilt, um seine Uniform anzuziehen; denn in seinem bürgerlichen Gewande fand er keine Beachtung. Der auf Halbsold gesetzte Hulin 194 haranguiert auf dem Grèveplatze französische Garden. Wahnsinnige Patrioten lesen Kartätschenkugeln auf und tragen sie noch heiß (oder scheinbar heiß) zum Stadthause: seht, Paris soll eingeäschert werden. Flesselles wird «blaß bis in die Lippen;« denn das Brüllen der Menge wird immer stärker. Paris hat den Gipfel der Raserei erreicht und ist an allen Enden von einem panischen, tollen Wahnsinnswirbel erfaßt. An jeder Straßenbarrikade wallt und zischt ein kleiner Strudel und verstärkt die Barrikade – denn Gott allein weiß, was noch kommen kann – und alle kleinen Strudel wirbeln toll dem großen Feuermahlstrom zu, der die Bastille umbrandet.

Ja, so wogt es und tobt es. Cholat, der Weinhändler, ist unversehens Kanonier geworden. Seht wie der Seemann Georget, der soeben von Brest eingetroffen ist, die Kanone des Königs von Siam bedient. Wie sonderbar! noch in der verflossenen Nacht schlief Georget in seinem Gasthofe; auch die Kanone des Königs von Siam schlief schon an die hundert Jahre, ohne etwas von ihm zu wissen. Doch jetzt sind sie im rechten Moment zusammengekommen und lassen eine beredte Musik erschallen. Als Georget hörte, worum es sich handle, sprang er von der Brester Diligence und eilte hierher. Auch die Gardes français werden mit wirklichen Kanonen kommen – wären nur die Mauern nicht gar so dick. Oberhalb der Esplanade blitzt in wagerechter Linie von allen Dächern und Fenstern eine unregelmäßige Sündflut von Gewehrfeuer, aber ohne jeden Erfolg. Die Invaliden liegen flach am Boden und feuern verhältnismäßig ganz behaglich hinter ihren Steinen hervor, kaum daß sie einmal ihre Nasenspitze durch die Schießscharten zeigen. Wir aber schießen und fallen und machen gar keinen Eindruck!

So möge denn das Feuer wüten und alles verzehren, was immer brennen mag. Man steckt die Wachstuben und die Speiseräume der Invaliden in Brand. Ein verrückter Perückenmacher, zwei brennende Fackeln in den Händen, »will den Salpeter des Arsenals« anzünden; zum Glück lief ein Weib laut schreiend davon, und ein Patriot, der doch eine Spur von naturwissenschaftlichen Kenntnissen besaß, benahm ihm (durch einen Stoß mit dem Gewehrkolben auf die Magengrube) den Atem, stürzte die Fässer um und hielt das verheerende Element auf. Eine junge schöne Dame, die man auf der Flucht in einem der äußeren Höfe ergreift und irrtümlich für de Launays Tochter hält, soll vor seinen Augen verbrannt werden. Ohnmächtig liegt sie auf einem Strohsacke; 195 aber wieder stürzt ein Patriot – es ist der wackere Aubin Bonnemère, ein alter Soldat – herbei und rettet sie. Auch Stroh wird verbrannt. Drei Wagenladungen, die man hergezogen hat, gehen in weißem Rauch auf, und ersticken beinahe die Patrioten selbst, sodaß Elie mit versengten Brauen den einen Wagen und Réole, der hünenhafte Krämer, den anderen zurückziehen muß. Höllenrauch, babylonische Verwirrung und ein Krachen und Donnern wie am jüngsten Tage!

Schon fließt Blut, Nahrung für neue Wut. Die Verwundeten werden in die Häuser der Rue Cerisaie getragen; die Sterbenden hinterlassen als letztes Vermächtnis die Mahnung nicht zu weichen, bis die verfluchte Zwingburg falle. Aber ach, wie soll sie fallen? Die Mauern sind so dick! Vom Stadthause kommen dreimal Deputationen; Abbé Fauchet, der Mitglied der einen war, kann sagen, welcher fast übernatürliche Mut der Nächstenliebe dazu gehörte.Fauchets Erzählung (Deux Amis, I, 324). Sie schwenken das Stadtbanner unter dem gewölbten Thorweg, rühren die Trommeln, alles vergeblich; denn bei dem Höllenlärm kann de Launay sie nicht hören und wagt auch nicht, ihnen zu trauen. So ziehen sie denn in gerechtem Zorne ab, während das Pfeifen der Kugeln ihnen noch in den Ohren klingt. Was ist zu thun? Die anwesende Feuerwehr spritzt mit ihren Pumpen auf die Kanonen der Invaliden, um die Zündlöcher naß zu machen; leider können sie nicht so hoch hinauf spritzen und erzeugen nur Wolken von Sprühregen. Leute mit klassischer Bildung schlagen »Katapulten« vor. Santerre, der lungengewaltige Brauer der Vorstadt St. Antoine, rät dagegen, man solle den Platz durch eine Mischung von Phosphor und Terpentinöl, die man durch Druckpumpen hinaufspritze, in Brand stecken. O Spinola-Santerre, hast du die Mischung zur Hand? Jeder ist sein eigener Ingenieur! Und die Feuersündflut läßt noch immer nicht nach: selbst Frauen und Türken schießen; wenigstens eine Frau (mit ihrem Liebsten) und ein Türke.Deux Amis, I, 319 Dusaulx etc. Nun sind auch französische Garden mit ordentlichen Kanonen und wirklichen Kanonieren da; sehr geschäftig ist Gerichtsdiener Maillard; Elie und Hulin wüten inmitten von Tausenden.

Wie ruhig tickt Stunde für Stunde die große Uhr im inneren Hofe der Bastille weiter, als ginge nichts vor, was für sie oder die Welt von Bedeutung wäre. Sie schlug eins, 196 als das Feuern begann; jetzt zeigt sie auf fünf, und noch immer läßt das Schießen nicht nach. Tief unten in ihren Verließen hören die sieben Gefangenen dumpfes Getöse, wie von Erdbeben; ihre Kerkermeister geben ihnen auf ihre Fragen nur ausweichende Antworten.

Wehe dir, de Launay mit deinen armen hundert Invaliden! Broglie ist fern und hat taube Ohren; Besenval hört, kann aber kein Hilfe senden. Ein armer auf Rekognoscierung ausgeschickter Trupp Husaren war vorsichtig den Quais entlang bis zum Pont Neuf gelangt. »Wir sind gekommen, uns mit euch zu vereinen,« sagt der Kapitän; denn die Menge scheint zahllos zu sein. Ein zwergartiges, rauchgeschwärztes Individuum mit großem Kopfe, dem es an Verstand nicht fehlt, wackelt heran, öffnet seine blauen Lippen und krächzt: »So steigt ab und liefert eure Waffen aus!« Der Husarenkapitän ist überglücklich, bis an die Barriere geleitet und auf Ehrenwort entlassen zu werden. Und wer war das zwergartige Geschöpf? Man antwortet: Das ist M. Marat, der Verfasser des vortrefflichen, friedenatmenden Avis au peuple! Ja, groß ist für dich, du merkwürdiger Hundedoktor dieser Tag, an dem du gleichsam neugeboren emportauchst: aber vier Jahre später am gleichen Tage! – doch lüften wir nicht den Schleier der Zukunft.

Was soll de Launay thun? Er hätte nur eines thun können, was, wie er sagte, er auch thun wollte. Stellt ihn euch vor, wie er anfangs etwa eine Armeslänge vom Pulvermagazine, eine brennende Lunte in der Hand, wie ein alter römischer Senator oder wie ein Lampenträger regungslos dasaß und kaltblütig Thuriot und allen Leuten mit einem bloßen Wink der Augen seinen Entschluß andeutete: harmlos säße er da, so lange ihm kein Harm geschähe, aber des Königs Festung könne, dürfe, solle oder wolle er auf keinen Fall einem anderen als dem Abgesandten des Königs übergeben. Eines alten Mannes Leben gelte nichts; so sei es wenigstens mit Ehren verloren; – du aber, tobende Kanaille, bedenke, wie es dir ergeht, wenn die ganze Bastille in die Luft fliegt. Man sollte meinen, de Launay hätte wohl in dieser statuengleichen Stellung, die Lunte in der Hand, Thuriot, die roten Schreiber der Basoche, den Pfarrer von St. Stephan und das ganze Gesindel der Welt ihrem Thun und Treiben ruhig überlassen können.

Und trotzdem hat er es nicht über sich gebracht. – Habt ihr schon bedacht, wie das Herz des einzelnen zitternd dem 197 Herzen aller entgegenschlägt? Habt ihr bemerkt, wie allmächtig schon der bloße Ton einer großen Menschenmenge ist? wie ihr Entrüstungsschrei auch eine starke Seele lähmt, wie ihr Hohngeheul mit nie gefühlter Bangigkeit das Innerste der Seele durchdringt? Ritter Gluck gestand, der Grundton der schönsten Stelle in einer seiner schönsten Opern sei der Stimme des gemeinen Volkes abgelauscht; er habe sie in Wien gehört, als das Volk seinem Kaiser Brot! Brot! zugerufen habe. Gewaltig wirkt die Stimme der Menschen in ihrer Vereinigung, sie ist der Ausdruck ihrer Instinkte, die aufrichtiger sind als ihre Gedanken; sie ist das Mächtigste, dem der Mensch unter all den Tönen und Schatten, die diese Welt der Zeit ausmachen, begegnen kann. Wer ihr widerstehen kann, hat jenseits des Zeitlichen Fuß gefaßt. De Launay vermochte es nicht. Verwirrt schwankt er zwischen zwei Entschlüssen, hofft inmitten der Verzweiflung, übergiebt seine Festung nicht, erklärt sie in die Luft sprengen zu wollen, ergreift Fackeln, um es zu thun – und thut es nicht. Unglücklicher greiser de Launay, es ist dein und deiner Bastille Todeskampf. Gefängnis, Gefangenschaft und Gefängniswärter, alle drei müssen ebenso, wie sie bestanden haben, auch enden.

Vier Stunden lang hat dieses Weltirrenhaus, eine feueratmende Welt-Chimäre, gerast. Die armen Invaliden kauern hinter ihren Zinnen oder erheben sich mit umgekehrten Musketen; sie haben aus weißen Tüchern eine weiße Fahne gebunden, beginnen die Chamade zu schlagen oder scheinen es zu thun; denn hören kann man es nicht. Selbst die Schweizer an den Fallgittern, entmutigt durch diese Feuersündflut, scheinen des Schießens müde zu sein; an der Zugbrücke thut sich eine Öffnung auf, wie wenn einer sprechen wollte. Seht Huissier Maillard, den behenden Mann! Auf einer über den Abgrund dieses steinernen Grabens gelegten Diele, die auf der Brustwehr ruht und durch Patrioten festgehalten wird, schwebt er gefahrvoll wie eine Taube dieser Arche zu. Nur rasch vorwärts, gewandter Maillard! einer ist schon gestürzt und liegt zerschmettert am Manerwerk tief unten! Maillard stürzt nicht, hurtig und unbeirrt schreitet er, die Hand ausgestreckt, weiter. Der Schweizer steckt ein Papier durch die Öffnung; der gewandte Mann erhascht es und kehrt zurück. Bedingungen der Übergabe: Pardon, freier Abzug für alle! Werden sie angenommen? »Foi d'Officier,« antwortet Hulin oder Elie, denn darüber ist man nicht einig, »sie sind 198 angenommen.« Die Zugbrücke sinkt, Maillard steckt den Riegel ein, und die lebendige Sündflut ergießt sich ins Innere: die Bastille ist gefallen! Victoire! La Bastille est prise!Histoire de la Rév. par deux Amis, I, 267-306. Besenval, III, 410-434. Dusaulx, Prise de la Bast. 291-301. Bailly, Mémoires, (Collection de Berville et Barrière, I, 322 u. folgende).

 

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