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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.
Das Viatikum.

Für die Lenker Frankreichs ist jedoch in diesem Augenblicke die wichtigste Frage: »Soll ihm (Ludwig, nicht Frankreich) die letzte Ölung oder überhaupt ein geistliches Viatikum gereicht werden?«

Eine ernste Frage! Müßte denn nicht, wenn man ihm die Sakramente spendete oder auch nur davon spräche, schon bei den ersten Vorbereitungen dazu die Hexe Dubarry verschwinden, um schwerlich wiederzukehren, selbst wenn der König genäse? Mit ihr verschwänden auch Herzog von Aiguillon und Compagnie samt ihrem schon erwähnten 16 Armida-Palast; alles würde wieder vom Chaos verschlungen und nichts bliebe zurück als Schwefelgestank. Was aber würden andererseits die Dauphinisten und Choiseulisten sagen? Ja, was würde der königliche Dulder selbst sagen, wenn er bei Bewußtsein wäre und der Tod wirklich an ihn heranträte? Jetzt küßt er zwar noch, wie wir vom Vorzimmer aus sehen, die Hand der Dubarry; aber später? – Mögen auch die ärztlichen Bulletins ganz nach Befehl abgefaßt werden – es sind doch die schwarzen Blattern, an denen, wie man sich zuraunt, auch des Thorhüters jüngst noch so blühende Tochter krank darniederliegt, und Ludwig ist nicht der Mann, der mit sich scherzen ließe, wenn es sich um sein Viatikum handelt. Pflegte er nicht selbst seine Mädchen im Hirschpark zu katechisieren und mit ihnen und für sie zu beten, damit sie ihre Rechtgläubigkeit bewahrten?Dulaure (VIII. 217); Besenval, etc. Ein rätselhaftes, doch nicht beispielloses Faktum; denn kein lebendes Wesen ist so rätselhaft wie der Mensch.

Im Augenblicke geht zwar noch alles gut, wenn man nur den Erzbischof Beaumont dahin brächte – ein Auge zuzudrücken. Ach, Beaumont selbst thäte es ja gerne; denn, – so seltsam es auch klingt, – auch die Kirche und die ganze künftige Hoffnung des Jesuitismus hängen jetzt an der Schürze desselben, nicht näher zu bezeichnenden Weibes. Aber darf man denn »die Macht der öffentlichen Meinung« ganz unbeachtet lassen? Wie kann der strenge Christoph de Beaumont, der sein ganzes Leben lang hysterische Jansenisten und unbußfertige Ungläubige, ja in Ermangelung von etwas Besserem selbst deren Leichen verfolgt hat, wie kann der jetzt mit diesem Corpus delicti vor den Augen die Absolution erteilen und die Himmelsthür aufschließen? Unser Groß-Almosenier Roche-Aymon wird zwar, so viel auf ihn ankommt, mit einem königlichen Sünder wegen des Umdrehens des Schlüssels nicht feilschen; aber es sind noch andere Diener Gottes da; des Königs Beichtvater, der wunderliche Abbé Moudon, ist da, und Fanatismus und Anstandsgefühl sind auch noch nicht ausgestorben. Was ist also zu thun? Einstweilen kann man nur die Thüren streng bewachen, die ärztlichen Bulletins nach Gutdünken ändern und, wie gewöhnlich, viel von der Zeit und dem glücklichen Zufall erhoffen.

Die Thüren werden streng bewacht, kein Unberufener kann eintreten. Allerdings wünschen auch nur wenige 17 einzutreten; denn die faulige Ansteckung dringt sogar bis ins Oeil de Boeuf ein, sodaß »mehr als fünfzig Personen erkranken und zehn sterben.« Mesdames die Prinzessinnen allein wachen aus kindlichem Pflichtgefühl an dem ekelerregenden Krankenbett. Die drei Prinzessinnen Graille, Chiffe, Coche, wie er sie zu nennen pflegte, harren unverdrossen aus und weichen auch nicht, nachdem alle geflohen sind. Die vierte Prinzessin Loque ist, wie wir vermuten, bereits im Kloster und kann für ihn nur beten. Arme Graille, arme Schwestern, einen Vater habt ihr nie gekannt; so teuer will Rang und Größe erkauft sein. Höchstens beim Débotter (wenn Seine Majestät die Stiefel auszog) durften sie erscheinen; dann »konnten sie die ungeheueren Reifröcke zusammenraffen, die lange Hofschleppe um den Leib gürten, sich bis ans Kinn in ihre schwarzen Seidenmäntel hüllen« und so ausgerüstet jeden Abend um sechs Uhr in vollem Staat majestätisch eintreten, den königlichen Kuß auf die Stirn empfangen, dann wieder ebenso majestätisch hinausschreiten und zu ihren Stickereien, ihren Gebeten, dem Hofklatsch und der öden Leere ihres Daseins zurückkehren. Besuchte sie der König manchmal des Morgens und brachte von ihm selbst bereiteten Kaffee mit, den er hastig mit ihnen ausschlürfte, während die Hunde für die Jagd losgekoppelt wurden, so betrachteten sie dies als eine Gnade des Himmels.Campan, I. 11 – 36 O ihr armen, verblühten, verehrungswürdigen Geschöpfe. In den rauhen Stürmen, die euer gebrechliches Leben noch erwarten, ehe es völlig zertreten und zerbrochen ist: wenn ihr durch feindliche Länder und über das stürmische Meer fliehet, wenn ihr von den Türken beinahe gefangen werdet und in dem sansculottischen Erdbeben eure Rechte von der Linken nicht unterscheidet, bilde immer dieser Beweis väterlicher Liebe einen Ruhepunkt in eurer Erinnerung; – denn die Handlung war liebreich und gut. Auch uns erscheint sie wie ein kleines sonniges Plätzchen in dieser entsetzlichen Wüste, in der wir kaum noch ein zweites finden.

Was aber soll inzwischen ein unparteiischer, kluger Hofmann thun? Unter diesen heiklen Umständen, da es sich nicht nur um Leben oder Tod, sondern selbst um Sakrament oder kein Sakrament handelt, kann auch der Geschickteste straucheln. Nur wenige sind so glücklich wie der Herzog von Orléans und der Prinz von Condé, die mit Riechsalz im 18 Vorzimmer des Königs weilen, während sie ihre wackeren Söhne (den Herzog von Chartres, den nachmaligen Egalité, und den Herzog von Bourbon, später auch Condé genannt und berühmt unter den Gecken) zum Dauphin schicken, um ihm ihre Aufwartung zu machen. Einige sind mit ihrem Entschluß fertig: Jacta est alea! Der alte Richelieu zieht den Erzbischof von Beaumont, der, von der öffentlichen Meinung gedrängt, endlich bereit ist, das Krankenzimmer zu betreten, an seinem Chorhemd in einen Winkel, und man sieht, wie er mit seinem abgelebten, alten Bulldogggesicht ihm mit salbungsvollem Eifer (und, nach Beaumonts Farbenwechsel zu schließen, nicht vergeblich) zuspricht, »den König doch nicht durch die Erinnerung an seine Pflicht gegen Gott zu töten.« Richelieus Sohn, der Herzog von Fronsac, folgt dem Beispiel seines Vaters: er droht dem Pfarrer von Versailles, der etwas von Spendung der Sakramente winselt, »ihn zum Fenster hinauszuwerfen, wenn er solche Dinge noch einmal berühre.«

Diese, können wir sagen, sind glücklich; aber alle übrigen, die zwischen zwei Meinungen schwanken, sind die nicht in einer peinlichen Lage? Wer verstehen will, wie weit es mit dem Katholicismus und vielem anderen gekommen war, wie die Symbole des Heiligsten zu Spielwürfeln der Niedrigsten geworden sind, der möge darüber bei Besenval, Soulavie und anderen Hofneuigkeitskrämern jener Zeit nachlesen. Er wird die Versailler Milchstraße ganz und gar zersprengt und in neue, stets wechselnde Sternbilder gruppiert finden. Da giebt es ein Nicken und Winken und verständnisvolle Blicke, da giebt es Zwischenträger und seidenrauschende, geheimnisvoll vorbeigleitende Witwen mit einem Lächeln für dieses, mit einem Seufzer für jenes Gestirn: Ein Zittern der Hoffnung oder Verzweiflung in vielen Herzen. Hier führt den bleichen, grinsenden Schatten des Todes ein anderer, grinsender Schatten ein, die Etikette: Von Zeit zu Zeit ertönen wie ein Maschinengebet dumpfe Orgelklänge aus der Kapelle, die wie ein gräßliches Hohngelächter der Hölle zu verkünden scheinen: O Eitelkeit aller Eitelkeiten, alles ist eitel! 19

 

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