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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 29
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.
Zu den Waffen!

So schwebt in diesen schwülen Julitagen das ungewisse Verhängnis drohend über allem. Marats durch die Presse veröffentlichter eindringlicher »Rat« geht dahin, sich vor allem jeder Gewaltthat zu enthalten.Avis an Peuple ou les Ministres dévoilés 1. VII. 89. Hist. Parl. II, 37. Trotzdem stecken die hungrigen Armen bereits die Mautschranken, wo man von Lebensmitteln Zoll erhebt, in Brand und schreien lärmend nach Brot.

Es ist am Morgen des 12. Juli, eines Sonntags. In allen Straßen sieht man ungeheuere Plakate, De par le Roi, »welche die friedlichen Bürger auffordern, zu Hause zu bleiben,« sich nicht zu ängstigen und sich nicht in Gruppen anzusammeln. Warum? – Was bedeuten diese »ungeheuren Plakate?« Was bedeutet vor allem dies Militärgerassel? Dragoner und Husaren sprengen aus allen Richtungen der Windrose gegen den Platz Ludwig des Fünfzehnten, alle mit dem Ausdruck ernster Ruhe, obwohl man sie nur mit Spottnamen, Geschrei und sogar Steinwürfen empfängt.Besenval III, 411. Besenval befindet sich bei ihnen. Seine Schweizer Garden sind bereits mit vier Geschützen auf den Elysäischen Feldern.

Dringen also die Männer der Vernichtung wirklich auf uns ein? Von der Sèvres-Brücke bis zum weit entlegenen Vincennes, von St. Denis bis zum Marsfelde sind wir umzingelt. Furcht vor dem Ungewissen, Unbekannten erfüllt jede Brust. Das Palais Royal ist ein Ort jäher Schreckensrufe und schweigenden Kopfschüttelns geworden: man kann sich denken, wie schauerlich dort die Mittagskanone (welche die Sonne beim Passieren des Meridians entzündet) erdröhnt: 177 bedeutungsvoll, als spräche die Stimme des Weltgerichtes.Hist. Parl. II. 81. Sind die Truppen wirklich nur »gegen Brigands« aufgeboten? Wo sind diese Brigands? Welch Geheimnis liegt in der Luft? – Horch, eine menschliche Stimme verkündet deutlich die Hiobspost: »Necker, der Volksminister, der Retter Frankreichs, ist entlassen.« Unmöglich, unglaublich. Verrat an der öffentlichen Sicherheit und Ruhe! Diese Stimme sollte man doch gleich in den Wasserwerken ersticken;Hist. Parl. II. 81. – aber der Überbringer der Nachricht war schnell entflohen. Sucht, Freunde, wie ihr wollt, nach Erklärungen, die Nachricht ist doch wahr. Necker ist gegangen. Gehorsam fliegt er in aller Stille seit gestern ununterbrochen gegen Norden. Wir haben ein neues Ministerium: den Kriegsgott Broglie, den Aristokraten Breteuil und Foulon, der einst äußerte, das Volk solle Gras fressen!

Das wird im Palais Royal und im weiten Frankreich böses Blut machen. – Blasse Furcht bedeckt jedes Antlitz, überall herrscht angstvolle Verwirrung, Zittern und Zähneklappern, – bis die Angst in Wut übergeht und wilde Stürme entfesselt.

Seht, wie Camille Desmoulins aus dem Café de Foy herausstürzt, mit sybillinischem Angesichte, mit flatterndem Haar, eine Pistole in jeder Hand! Er springt auf einen Tisch; die Polizeiagenten lassen ihn nicht aus den Augen; lebend sollen sie ihn aber nicht bekommen, eher sollen sie und er das Leben lassen. Diesmal spricht er ohne Stottern: »Freunde, sollen wir sterben wie gehetzte Hasen, wie Schafe, die man mit Hunden in ihre Hürde treibt, die um Gnade blöken, während doch keine Gnade winkt, sondern nur ein geschliffenes Messer ihrer wartet? Die Stunde ist gekommen, die hehrste Stunde der Franzosen, ja der Menschheit, da die Bedrücker ihre Kraft mit den Bedrückten messen wollen, die Stunde in der die Losung heißt: rascher Tod oder Befreiung für immer! Willkommen sei diese Stunde! Uns aber ziemt nur ein Ruf: Zu den Waffen! In ganz Paris, in ganz Frankreich erbrause wie Donnerhall nur der eine Ruf: »Zu den Waffen!« – – »Zu den Waffen!« antworten unzählbare Stimmen, als wäre es eine einzige urgewaltige Stimme, die Stimme eines Dämons, der aus den Lüften ruft; aller Augen glühen, aller Herzen flammen bis zum Wahnsinn. – Mit 178 solchen oder noch packenderen WortenVieux Cordelier von Camille Desmoulins Nr. 5 (wieder abgedruckt in Collection des Mémoires von Baudouin frères, Paris, 1825) p. 81. beschwört Camille in diesem großen Momente die Elementargewalten herauf. »Freunde,« fährt er fort, »wir brauchen ein Zeichen der Zusammengehörigkeit. Kokarden, – grüne – die Farbe der Hoffnung.« – Wie ein Heuschreckenschwarm fällt man über die grünen Blätter der Bäume, über die grünen Bänder in den benachbarten Verkaufsläden her, – reißt, was nur grün ist, an sich und macht Kokarden daraus. Camille steigt von seinem Tische herab, man erdrückt ihn beinahe in Umarmungen, benetzt ihn mit Thränen, überreicht ihm ein Stückchen grünen Bandes, das er an seinen Hut steckt. – Und nun vorwärts zu Curtius' Bilderladen, auf die Boulevards, nach allen vier Windrichtungen, und nicht geruht, bis Frankreich in Flammen steht!

Frankreich, das so lange vom Winde geschüttelt und gedörrt wurde, hat jetzt wahrscheinlich die richtige Entzündungstemperatur. Der arme Curtius, der, wie wir fürchten, kaum voll bezahlt wurde, – hat nicht Zeit, auch nur zwei Worte über seine Bilder zu sagen. Die Wachsbüsten von Necker und Orléans, den Rettern Frankreichs, werden mit Flor umhüllt und wie bei einem Leichenzug oder bei einer Bittprozession, die Himmel und Erde, ja die Hölle selbst anfleht, von einer bunten Menge davongetragen – als Banner! Kann doch der Mensch mit der ihm eigenen Phantasie nichts oder nur wenig ohne Sinnbilder thun: so blicken die Türken zur Fahne des Propheten empor, so hat man auch hier aus Weidenruten geflochtene Puppen verbrannt, und Neckers Portrait hat erst jüngst hoch auf der Stange figuriert.

So marschiert die bunte, stetig anwachsende Menge, mit Äxten, Stäben und allem Möglichen bewaffnet, unter wildem, verworrenem Geschrei durch die Straßen. Schließt alle Theater, stellt alles Tanzen, sei es auf bretternem Boden oder auf dem grünen Rasen in der freien Natur, ein! Statt eines christlichen Sabbaths und des in der Guinguette gefeierten Laubhüttenfestes soll es einen Hexensabbath geben, an dem das rasend gewordene Paris nach der Pfeife Satans tanzen soll! –

Besenval steht mit Kavallerie und Fußsoldaten auf dem Platze Ludwigs XV. Lustwandelnde Sterbliche schlendern bei sinkendem Tage nach Gekose und einem Trunke leichten 179 Weines von Chaillot oder Passy ernster als gewöhnlich heimwärts. Wird die Büstenprozession hier vorbeiziehen? – Da seht sie! Seht aber auch, wie Prinz Lambesc mit seinen Royal-Allemands auf sie einstürmt! Schüsse fallen und Säbelhiebe sausen nieder; die Büsten werden zerhauen und leider auch Menschenköpfe. Eine Prozession, die man mit Säbeln empfängt, kann nichts anderes thun als in alle Straßen, Alleen und gegen die Tuilerien zerstieben – und verschwinden. Ein unbewaffneter Mann, seiner Uniform nach einer von der französischen Garde, liegt niedergehauen da. Tragt ihn (oder auch nur die Kunde von ihm) tot und blutüberströmt in seine Kaserne – dort hat er Kameraden, die noch leben!

Aber warum sollst du, siegreicher Lambesc, jetzt nicht auch in den Tuileriengarten, wohin die Fliehenden verschwinden, hineinsprengen? Warum sollst du nicht den sonntäglichen Spaziergängern zeigen, wie mit Menschenblut bespritzter Stahl schimmert, auf daß man sich davon erzähle und es den Menschen noch lange in den Ohren klinge? Klingen? Das geschah wohl, aber leider nicht so, wie man es wünschte. Bei diesem seinem zweiten oder Tuilerienangriff gelingt es dem siegreichen Lambesc, nur einen wehrlosen Mann, einen armen, alten Schulmeister, der dort ganz friedlich herumtrippelte, zu Boden zu werfen – niedersäbeln kann man es nicht nennen, denn er schlug nur mit der flachen Klinge – dann aber wird er selbst durch Barrikaden von Stühlen, durch fliegende Flaschen und Gläser, durch Flüche in Baß und Diskant hinausgetrieben. Es ist eine gar schwere Aufgabe, den Pöbel zu bewältigen; hier kann ein Zuviel ebenso verderblich wirken wie ein Zuwenig; denn jede dieser Baß- und mehr noch jede dieser Diskantstimmen, aus der nur Erbitterung und Verzweiflung tönt, wird die ganze Nacht weitertönen. – Zehnfach verstärkt erbraust der Ruf: »Zu den Waffen!« Bei Sonnenuntergang erdröhnen von den Kirchtürmen herab die metallenen Stimmen der Sturmglocken, die Läden der Waffenschmiede werden erbrochen und geplündert, die Straßen gleichen einem lebendigen, schäumenden, sturmgepeitschten Meer.

Das war der Erfolg von Lambescs Angriff auf den Tuileriengarten: kein Schlag heilsamen Schreckens auf die Spaziergänger von Chaillot, nein, im Gegenteil, ein Schlag, der den Wahnsinn und die drei ohnehin nur schlummernden Furien völlig erweckte! Denn jene Eumeniden der Unterwelt, fabelhaft und doch so wahr, die immer in der dunklen 180 Tiefe der menschlichen Natur ruhen, können jederzeit, ihre düsteren Fackeln schwingend und ihr Schlangenhaar schüttelnd, ihren Tanz beginnen. – Lambesc reitet unter Flüchen als Marschmusik mit seinen Royal-Allemands in seine Kaserne und wie ein Geistesgestörter wieder zurück: da stürzen in der Chaussée d'Antin finsteren Blickes und unter Verwünschungen französische Garden rachedürstig aus ihrer Kaserne auf ihn los, überschütten ihn mit einem Hagel von Geschossen, die töten und verwunden, – und er darf ihn nicht erwidern, sondern muß weiterreiten.Weber, II, 75–91.

Ratlos ist der Kopf unter dem Federhut. Wenn die Eumeniden erwachen, Broglie aber keine Befehle erteilt, was kann dann ein Besenval thun? Als die Gardes français, die noch nach Rache dürsten, mit Freiwilligen des Palais Royal sogar bis zum Platz Ludwigs XV. vorgedrungen sind, finden sie dort weder Besenval, Lambesc mit seinen Royal-Allemands, noch überhaupt einen Soldaten. Alle militärische Ordnung ist dahin. Auf dem weitentlegenen, östlichen Boulevard St. Antoine langen nach einem scharfen Tagesritt staubig und durstig die Chasseurs Normandie an; sie können aber keinen Quartiermeister finden, sie sehen keinen Weg in dieser Stadt der Verwirrung, können nicht zu Besenval gelangen, ja nicht einmal seinen Aufenthalt erfahren; – und so muß das Regiment Normandie trotz Staub und Durst dort bivakieren, – höchstens verhilft ihm irgend ein Patriot durch guten Rat zu einem Trunke.

Wütende Volkshaufen scharen sich um das Stadthaus und rufen: »Waffen! Befehle!« Die sechsundzwanzig Stadträte sind samt ihren langen Talaren in dem tobenden Chaos untergetaucht – und werden nie wieder auftauchen. Besenval windet sich mühsam zum Marsfeld hinaus, wo er »in der grausamsten Ungewißheit« bleiben muß. Ein Kurier nach dem andern sprengt nach Versailles, bringt aber keine Antwort, ja kaum sich selbst zurück; denn die Straßen sind alle durch Batterien und Pikets und ganze Wagenreihen, die man der Durchsuchung wegen angehalten hat, gesperrt. Das war die einzige Anordnung Broglies; denn das Oeil de Boeuf, das in der Entfernung das wilde Getümmel vernimmt, welches sich wie eine feindliche Invasion anhört, möchte vor allem seinen eigenen Kopf heil erhalten; ein neues Ministerium aber, das erst einen Fuß im Steigbügel hat, kann auch keine 181 Sprünge machen; und so bleibt denn das tolle Paris ganz und gar sich selbst überlassen.

Welchen Anblick bot Paris nach Einbruch der Dunkelheit! Eine europäische Hauptstadt, die, aus ihren alten Fugen und Einrichtungen plötzlich herausgerissen, im Suchen nach Neuem krachend zusammenstürzt. Sitte und Herkommen werden fortan niemand mehr leiten, ein jeder muß nach eigenem Vermögen zu denken beginnen oder denjenigen folgen, welche denken. Siebenhunderttausend Individuen fühlen plötzlich alle ihre alten Pfade, ihre alten Wegweiser, nach denen sie zu handeln und zu urteilen gewohnt waren, unter den Füßen weichen. Und so stürzen sie sich unter Lärm und Schrecken, ohne zu wissen, ob sie laufen, schwimmen oder fliegen, – kopfüber in die neue Ära! Unter Lärm und Schrecken: denn von oben droht der Kriegsgott Broglie übernatürlich mit seinen glühenden Kanonenkugeln, und von unten droht ihnen eine übernatürliche Welt von Brigands mit Dolch und Feuerbrand; Wahnsinn beherrscht die Stunde.

Zum Glück tritt an Stelle der untergetauchten Sechsundzwanzig der Wahlausschuß zusammen und erklärt sich zum »provisorischen Municipalrat.« Am nächsten Morgen wird der Ausschuß den Vorsteher Flesselles mit einem oder zwei Schöffen, die ihn in Vielem unterstützen werden, zu sich entbieten. Für den Augenblick faßt der »provisorische Municipalrat« den überaus wichtigen Beschluß, sofort eine »Pariser Miliz« zu bilden. Macht euch auf, ihr Bezirksvorsteher, arbeitet an diesem großen Werke; wir aber wollen hier als ständiger Ausschuß rührig und thätig sein! Wehrhafte Männer, jede Abteilung in den Straßen des eigenen Bezirkes, sollen die ganze Nacht zu Schutz und Schirm Wache halten. Paris mag sich wenigstens einem kurzen Fieberschlaf hingeben; allerdings stören ihn Fieberträume von »gewaltigen Erschütterungen im Palais Royal;« oder es fährt von Zeit zu Zeit beim Streite uneiniger, sich mißverstehender Patrouillen auf, schaut klopfenden Herzens in seiner Nachtmütze hinaus und erblickt den Feuerschein ferner Barrièren, der blutigrot am nächtigen Himmelsgewölbe aufsteigt.Deux Amis, I. 267-306. 182

 

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