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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 24
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.
Gewitterluft.

Nunmehr sind aber auch von allen Enden Frankreichs die National-Deputierten mit ihren Vollmachten (pouvoirs, wie sie dieselben nennen) in der Tasche in Paris. Sie halten Nachfrage, beratschlagen und sehen sich nach Wohnungen in Versailles um; denn dort sollen die Generalstände in großer Gala und Prozession, wenn nicht am ersten, so doch gewiß am vierten Mai eröffnet werden. Man hat die Salle des menus für sie neu hergerichtet und ausgeschmückt, hat sogar ihre Tracht genau festgesetzt, auch den Streit, ob die Gemeinen Schlapphüte oder niedergekrämpte Hüte tragen sollen, so gut wie beigelegt. Immer neue Fremde kommen an: eine buntgemischte Gesellschaft von Müßiggängern, Abenteuerern, 130 beurlaubten Offizieren, wie der würdige Dampmartin, dessen nähere Bekanntschaft wir hoffentlich noch machen werden, ist aus allen Enden herbeigeeilt, um zu sehen, was kommen werde. Unsere Pariser Komitees für die 60 Bezirke zeigen sich geschäftiger als je; trotzdem ist es bereits klar, daß der Abschluß der Pariser Wahlen eine Verspätung erfahren wird.

Montag den 27. April bemerkt der Astronom Bailly, daß Sieur Revéillons Platz leer bleibt. Sieur Réveillon, »der große Tapetenfabrikant in der Rue St. Antoine,« der sonst so pünktliche Mann, fehlt im Wahlkomitee und wird dort auch nie wieder erscheinen. Ist etwas in seinen Sammettapeten-Magazinen vorgefallen? Leider ja! Heute ist es kein Montgolfier, der sich dort erhebt, heute ist es der hart bedrückte Arbeiter, der Pöbel und die Vorstadt. Ist es wirklich wahr, daß Sieur Réveillon, der selbst einmal Arbeiter war, gesagt hat, »ein Arbeiter könne von 15 Sous für den Tag ganz schön leben?« Fünfzehn Sous, wahrlich eine kleine Summe! Oder glaubte und meinte man bloß gehört zu haben, daß er diese Äußerung gethan habe? Fast scheint es, als wäre das Nationaltemperament durch das lange Reiben und Erhitzen elektrisch geworden.

Wer weiß, welche seltsame Form das neue politische Evangelium dort unten in den dunklen Höhlen, in den dunklen Köpfen und hungrigen Herzen angenommen hat, wer weiß, welche seltsame Gemeinde weißer Sklaven dort unten in Bildung begriffen ist. Genug, grimmige Leute, die bald zu grimmigen Haufen anschwellen, und andere Haufen anderer, die aus Neugierde herbeiströmen, umlagern das Tapeten-Warenhaus, demonstrieren in einer Sprache, die sich zwar nicht nach den Regeln der Grammatik richtet, aber an die Leidenschaften der Menschen wendet, gar vernehmlich die Unzulänglichkeit eines Taglohnes von 15 Sous. Die Stadtwache ist nicht imstande, sie zu zerstreuen; es entsteht ein wirres Durcheinander, man zankt, streitet, schreit. Réveillon verliert den Kopf, beschwört die Volksmenge, beschwört die Behörden. Gegen Abend schickt Besenval, gegenwärtig Kommandant von Paris, auf Réveillons dringende Bitten einige dreißig Mann französische Garden. Diese säubern die Straße, glücklicherweise ohne von der Feuerwaffe Gebrauch zu machen, fassen dort die ganze Nacht Posto in der Hoffnung, alles sei vorüber.Besenval, III, 385-388.

Dem ist aber nicht so, im Gegenteil, am nächsten Tage 131 geht es viel schlimmer. Verstärkt durch die unbekannten, zerlumpten Gestalten mit den Enthusiastenphysiognomien und schweren Knütteln, erhebt sich St. Antoine von neuem und drohender als je. Voll Neugierde eilen die Pariser durch alle Straßen dahin; »zweier Wagenladungen Pflastersteine, die zufällig vorbeigefahren werden,« bemächtigt man sich wie einer augenscheinlichen Gabe des Himmels. Man muß ein zweites Detachement französischer Garden dahin schicken; Besenval und der Oberst halten ernsten Rat und senden noch ein drittes Detachement ab, das sich nur mühsam mit Bajonetten und mit der Drohung zu feuern den Weg dahin bahnen kann. Welch ein Anblick! Eine Straße, durch Gerümpel, Tumult und ungeheueres Menschengedränge versperrt, ein großes Warenhaus durch Feuer und Axt rein wie ausgeweidet; ein toller, ohrenbetäubender Lärm und Aufruhr. Musketensalven, die mit gellenden Schreien, mit allen möglichen Schußwaffen und Wurfgeschossen und mit einem Steinhagel von Dächern und Fenstern erwidert werden: – wohin das Auge blickt, nichts als Ziegelsteine, Verwünschungen und erschlagene Menschen!

Die französischen Garden müssen hier, wenn auch ungern, ausharren; denn so währt es den ganzen Tag bald stärker, bald schwächer fort; die Sonne sinkt, und St. Antoine hat sich noch nicht gefügt. In der Stadt wogt es auf und nieder; das Knallen der Musketensalven dringt bis in die Speisesäle der fernen Chaussee d'Antin und giebt dem Tischgespräch eine andere Wendung. Kapitän Dampmartin läßt seinen Wein stehen und geht mit einem oder zwei Freunden hinaus, um dem Kampf zuzusehen. Ungewaschene Gesellen umringen ihn murrend: »A bas les aristocrats!« Sie verhöhnen sein St. Ludwigskreuz, schieben und stoßen ihn hin und her, aber seine Taschen bleiben unberührt, wie ja auch bei Réveillon nicht das geringste gestohlen wurde.Évènements qui se sont passés sous mes yeux pendant la Révolution Française, par A. H. Dampmartin (Berlin 1799), I, 25–27.

Gegen Abend hatte sich das Bild noch nicht geändert; deshalb beschließt Besenval, Schweizer Garden mit zwei Geschützen ausrücken zu lassen. Diese sollen den Pöbel im Namen des Königs zum Auseinandergehen auffordern. Gehorcht man der Aufforderung nicht, so sollen sie vor aller Augen die Geschütze mit Kartätschen laden und die Aufforderung wiederholen. Leistet man der Aufforderung auch dann nicht Folge, 132 so sollen sie hineinfeuern und solange schießen, bis »der letzte Mann hinweggeblasen« und die Straße gesäubert ist. Dieser kühne Entschluß machte, wie zu erwarten stand, der Sache ein Ende. Beim Anblick der brennenden Lunten und der fremden rotröckigen Schweizer zerstiebt St. Antoine im Dunkel der Nacht rasch nach allen Richtungen; aber die Straße bleibt doch verlegt; denn es liegen »vierhundert bis fünfhundert Tote« da. Der unglückliche Réveillon hat in der Bastille Schutz gefunden und läßt von dort aus, gedeckt durch dieses steinerne Bollwerk, den ganzen nächsten Monat Klagen, Proteste und Erklärungen vom Stapel. Der kühne Besenval erntet den Dank aller achtbaren Klassen von Paris, in Versailles dagegen findet er wenig Anerkennung, eine Erfahrung, an die ein Mann von wirklichem Wert gewöhnt ist.Besenval, III, 389.

Wer oder was hat aber dieses heftige elektrische Funkensprühen und diese Explosion hervorgerufen? Der Herzog von Orléans! ruft die Hofpartei; er war es, der mit seinem Golde diese Brigands, natürlich ohne Trommelschlag auf irgend eine wunderbare Art, geworben; er war es, der sie aus allen Winkeln hierher zusammentrieb, damit es gäre und aufflamme: denn im Bösen liegt seine Stärke. Der Hof war es! ruft der erleuchtete Patriotismus; das verwünschte Gold und die Tücke der Aristokraten hat sie geworben und aufgehetzt! – Zum Ruin des unschuldigen Sieur Réveillon, – um die Schwachen zu erschrecken und der Menschheit die Freude am weiteren Fortschritte der Freiheit zu vergällen.

Besenval aber gelangt mit Widerstreben zu dem Schlusse: »Die Engländer, unsere natürlichen Feinde, die waren es!« Ach, könnte man es nicht viel eher einer Diana in der Gestalt des Hungers oder irgend einem Dioskurenpaare, Bedrückung und Rache, zuschreiben, dem man so oft in den Kämpfen der Menschheit begegnet? Und die armen Teufel, die durch Schmutz und harte Arbeit bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind, und denen doch der Odem des Allmächtigen eine unsterbliche Seele eingehaucht hat, was denken sie? Ihnen ist nur klar, daß das freiheitstolle Philosophentum noch immer kein Brot gebacken hat, und daß die Komitee-Patrioten alles nur bis zu ihrem eigenen Stande, aber nicht tiefer hinab gleichmachen wollen; für sie, die Brigands oder was immer sie sein mögen, war es bitterer Ernst: sie begruben ihre Toten als Défenseurs de la Patrie, als Märtyrer der guten Sache.

133 Was werden aber wir sagen? Das Revoltieren hat seine Lehrzeit hinter sich, und dies war sein Probestück und zwar kein schlechtes. Sein nächstes wird ein Meisterstück sein und wird der ganzen erstaunten Welt seine Meisterschaft unanfechtbar beweisen. Jene Felsenfeste, jenes Bollwerk der Tyrannei, das man Bastille oder kurzweg Gebäude nennt, als ob es keine anderen Gebäude gäbe, – es möge nach seinen Kanonen sehen!

Und so bringt das aufgeregte Frankreich durch Ur- und Hauptwahlen, unter Cahiers de doléances, unter Bewegungen und Ansammlungen aller Arten, unter dem Donner von Schaumberedsamkeit und schließlich unter dem Donner des Pelotonfeuers seine Wahlen zum Abschluß. In einer fast aufruhrartigen Weise hat es durch wirres Schwingen und Sieben alle seine echten Weizenkörner (mit Ausnahme einiger Rückstände in Paris), zwölfhundertvierzehn National-Deputierte, ausgesiebt und gesichtet und wird nun ohne Verzug seine Generalstände eröffnen.

 

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