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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 22
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Generalstände.

Erstes Kapitel.
Noch einmal die Notabeln.

Das allgemeine Flehen soll also Erhörung finden! Zu allen Zeiten nationaler Not, wenn das Unrecht überhandnahm und nirgends Hilfe war, rief man stets nach den Generalständen als Heilmittel; danach rief ein Malesherbes, ja ein Fénélon;Montgaillard, I, 461. selbst Parlamente, die danach riefen, wurden mit »Segenswünschen begleitet.« Und sieh, jetzt sind sie uns sicher verbürgt, Generalstände sollen wirklich kommen!

Die Generalstände sollen kommen! Das ist leicht gesagt, nicht so leicht ist es zu sagen: Wie sind sie zu bilden? Seit dem Jahre 1614 sind in Frankreich keine Generalstände zusammengetreten; jede Spur von ihnen ist aus der lebendigen Vorstellungswelt der Menschen geschwunden. Ihre Zusammensetzung, ihre Befugnisse, die Art und Weise ihres Verfahrens, die niemals nach irgend einer Richtung fest bestimmt waren, sind jetzt ganz und gar eine bloße, unbestimmte Möglichkeit geworden, ein Thon, den der Töpfer oder, besser gesagt, die 25 Millionen Töpfer, – denn so viele haben jetzt mehr oder weniger eine Stimme dabei – nach Belieben formen können! Welche Form sollen also die Generalstände erhalten? Das ist das Problem. Jede Körperschaft, jeder privilegierte, jeder organisierte Stand hat dabei seine eigenen, geheimen Hoffnungen, und auch seine eigenen geheimen Befürchtungen; denn seht, dieser ungeheuere Zwanzig-Millionen-Stand, der bisher nur das stumme Schaf war, während die anderen nur über die Methode, es zu scheren, einig zu werden brauchten, erhebt sich jetzt auch mit Hoffnungen. Er hat aufgehört oder hört auf, stumm zu sein; er spricht durch Pamphlete oder blökt und heult ihnen wenigstens im Chore nach und verstärkt so wunderbar die Kraft ihres Tones.

118 Was das Parlament von Paris betrifft, so hat es sich sofort für die »alte Form von 1614« erklärt: eine Form, welche den Vorteil bot, daß der dritte Stand, tiers état, oder die Gemeinen, dort nur zum Schein fungierten; daher hatten Adel und Klerus bloß untereinander Streitigkeiten zu vermeiden, um ungehindert beschließen zu können, was sie für ihr Bestes hielten. Das war die klar und deutlich ausgesprochene Ansicht des Parlaments von Paris. Da sie aber von der ganzen Welt mit einem Sturm von Spott und Hohngelächter aufgenommen wurde, zerstob sie in alle Winde und mit ihr die Popularität des Parlaments, – um niemals wiederzukehren. Das Parlament hatte, wie gesagt, seine Rolle so gut wie ausgespielt; dabei ist nur das eine bemerkenswert: die Nähe der Daten. Am 22. September kehrte das Parlament von seinen »Ferien« oder aus der »Verbannung auf seine Landsitze« zurück, um unter dem unbeschreiblichen Jubel von ganz Paris wieder eingesetzt zu werden, und genau am nächsten Tag kam dieses Parlament zu seiner »klar und deutlich ausgesprochenen Ansicht,« und wieder einen Tag später sehen wir es schon mit »Schimpf bedeckt;« in seinen äußeren Höfen hört man nichts als Zischen: der Ruhm weicht für immer von ihm.Weber, I, 347. Eine vierundzwanzigstündige Volksgunst war zu jener Zeit nichts Ungewöhnliches.

Wie überflüssig war hingegen jene Einladung Loménies: die Einladung an die Denker! Millionen von Denkern und Nichtdenkern sind freiwillig auf ihren Posten und thun, was sie eben können. Die Klubs sind an der Arbeit: die Société Publicole, der bretonische Klub, der Klub des enragés; desgleichen die Tischgesellschaften im Palais Royal: dort speisen nicht ohne Grund eure Mirabeaus und Talleyrands in Gesellschaft mit den Chamforts, Morellets, Duponts und anderen heißblütigen Parlamentariern; denn ein gewisser Neckerianer und Löwenbändiger, dessen Namen man nennen könnte, führte sie dort zusammenWeber, I, 360. – oder vielleicht gehen sie nur aus eigenem Antrieb dahin, um ein Mittagessen zu bekommen. Und was die Pamphlete betrifft, so herrscht, bildlich gesprochen, »ein wahres Schneegestöber von Pamphleten, das alle Wege der Regierung verwehen kann.« Jetzt ist die 119 Zeit der Freiheitsfreunde gekommen, der vernünftigen wie der unvernünftigen.

Der Graf oder wenigstens sich Graf nennende d'Aintrigues, »der junge Edelmann aus Languedoc«, erhebt sich, vielleicht unter Beihilfe des Cynikers Chamfort, bis zu pythischer Raserei als der Tollste unter so vielen Tollen.Mémoires sur les États-Généraux. Siehe Montgaillard, I, 457-59. Thörichter junger Edelmann, du wirst ja bald unter den allerersten Emigranten, den Contrat social in der Tasche, voll Erbitterung über die Grenze fliehen müssen und – tiefstem Dunkel, fruchtlosen Intriguen, irrlichtgleichem Herumirren und schließlich dem Tod durch das Stilett entgegengehen! Abbé Sieyès hat die Kathedrale von Chartres mitsamt seinem Kanonikat und seinen Bücherregalen im Stiche gelassen; hat seine Tonsur wachsen lassen und ist mit einem tadellosen Laienkopfe nach Paris gekommen, um drei Fragen zu stellen und zu beantworten: Was ist der dritte Stand? Alles. – Was war er bisher unter unserer Regierung? Nichts. – Was will er werden? Etwas.

D'Orléans – denn natürlich steckt auch er auf seinem Wege zum Chaos mitten drin – läßt seine »Délibérations«Délibérations à prendre pour les Assemblées des Bailliages. veröffentlichen, die er adoptiert, die aber Laclos, der Verfasser der »Liaisons Dangereuses« geschrieben hat. Ihr Inhalt gipfelt einfach in dem Satze: »Der dritte Stand ist die Nation.« Hingegen erklären Monseigneur d'Artois und die übrigen Prinzen von Geblüt in einem feierlichen Memorandum an den König: Privilegien, Adel, Monarchie, Kirche, Staat und Geldtruhen seien in Gefahr, wenn man auf solche Dinge höre.Mémoire présenté au Roi par Monseigneur Comte d'Artois, M. le Prince de Condé, M. le Duc de Bourbon, M. le Duc d'Enghien et Mr. le Prince de Conti (veröffentlicht in der Hist. parl., I, 256.) Gewiß in Gefahr: aber sind sie außer Gefahr, wenn ihr nicht darauf hört? Der Ruf, der sich jetzt erhebt, ist die Stimme von ganz Frankreich, ein vielstimmiger Chor, urgewaltig wie das Brausen hervorstürzender Wasser. Ein Weiser wäre derjenige, der jetzt einen besseren Rat zu geben wüßte, – als in die Berge zu fliehen und sich zu verbergen!

Wozu sich selbst eine ideale, alles sehende Versailler Regierung, die in einer solchen Umgebung, auf solchen Prinzipien ruhte, in dieser neuen kritischen Lage entschlossen hätte, kann noch fraglich sein. Eine solche Regierung hätte nur zu 120 wohl fühlen müssen, daß ihre lange Aufgabe dem Ende entgegengehe, daß unter der Hülle der zuletzt unvermeidlich gewordenen Generalstände eine neue, bisher unbekannte Macht, die allgewaltige Demokratie ins Leben trete, bei deren Erscheinen jede Versailler Regierung nur noch als ein Provisorium fortbestehen könnte oder sollte. Und selbst alle ihre Fähigkeiten hätten kaum hingereicht, um dieses Provisorium durchzuführen, dessen Endergebnis eine friedliche, allmählige, wohlgeleitete Abdankung und ein Domine dimittas gewesen wäre!

Soviel über eine ideale, alles sehende Versailler Regierung. Wie steht es aber mit unserer wirklichen, unvernünftigen Versailler Regierung? Sie ist leider eine Regierung, die sich nur Selbstzweck ist; die keine andere Berechtigung als das Recht des Besitzes hat und jetzt auch machtlos ist. Sie sieht nichts voraus, sieht überhaupt nichts, sie hat nicht einmal einen Zweck, sondern nur Zwecke und – den allem Lebenden innewohnenden Trieb der Selbsterhaltung, kurz sie gleicht einem Wirbel, in dem sich nutzlose Pläne, Verwirrung, Falschheit, Intriguen und Geistesschwäche wie Straßenstaub im Winde drehen! Das Oeil de Boeuf hegt unvernünftige Hoffnungen, freilich auch Befürchtungen. Bisher haben ja alle Generalstände so viel wie nichts gethan, warum sollen diese mehr thun? Die Gemeinen zeigen zwar eine bedrohliche Haltung; aber ist denn nicht eine Revolte, die man seit fünf Generationen nicht mehr erlebt hat, überhaupt eine Unmöglichkeit? Die drei Stände kann man durch kluges Vorgehen gegen einander ausspielen. Der dritte Stand wird wie früher zum König stehen und schon aus Groll und Eigennutz eifrig bestrebt sein, die beiden anderen zu quälen und zu belasten. So werden die beiden anderen gebunden in die Hände geliefert, damit wir auch sie scheren können. Hat man dann Geld erhalten, und liegen sich alle drei Stände in den Haaren, so entläßt man sie, die Zukunft mag gehen, wie sie wolle! Wie pflegte doch der gute Erzbischof Loménie zu sagen? »Es giebt so viele Zufälle, und wir brauchen nur einen, um uns zu retten.« Gewiß, aber wie viele lauern, um uns zu verderben?

Inmitten einer solchen Anarchie thut der arme Necker, was er kann. Er schaut beharrlich mit einem hoffnungsvollen Gesicht in sie hinein, preist den anerkannt rechtschaffenen Sinn des Königs, schenkt den Launen der Königin und des Hofes nachsichtiges Gehör, erläßt, wenn er 121 überhaupt eine Proklamation oder eine Verordnung erläßt, nur eine solche, die den tiers état begünstigt, entscheidet aber nichts endgültig, sondern laviert zögernd hin und her und überläßt die Entscheidung den Dingen selbst. Die großen Fragen sind für den Augenblick auf zwei beschränkt: die doppelte Vertretung und die Abstimmung nach Köpfen. Sollen die Gemeinen eine »doppelte Vertretung« haben, das heißt ebensoviel Mitglieder haben wie Adel und Klerus zusammengenommen? Sollen die Generalstände, wenn sie einmal zusammengetreten sind, in einer einzigen, gemeinsamen oder in drei gesonderten Gruppen beraten und abstimmen, soll »die Abstimmung nach Köpfen oder nach Ständen« (nach ordres, wie man es nennt) geschehen? Das sind die Streitfragen, die jetzt Frankreich mit sinnlosem Geschwätz, Logik und Freiheitstollheit erfüllen. Um diesen ein Ende zu machen, überlegt Necker bei sich: Wäre es nicht das zweckmäßigste, die Notabeln noch einmal zu berufen? Und man beschließt die zweite Berufung der Notabeln.

So sind denn am 6. November des Jahres 1788 nach einem Zwischenraum von etwa achtzehn Monaten die Notabeln wieder versammelt. Es sind die Notabeln Calonnes, dieselben hundertvierundvierzig; – denn man will seine Unparteilichkeit zeigen und keine Zeit verlieren. Da sitzen sie nun abermals in ihren sieben Bureaux, im strengen Winter, dem strengsten seit 1709: das Thermometer steht unter Null Fahrenheit, und die Seine ist ganz zugefroren.Marmontel, Mémoires (London 1805), IV, 33. Hist. parl. etc. Kälte, Teuerung und freiheitstolles Lärmen; eine völlig veränderte Welt, seit die Notabeln im Mai des verflossenen Jahres »hinausgeorgelt« wurden. Nun mögen sie zusehen, ob sie unter ihren sieben Prinzen von Geblüt in ihren sieben Bureaux die Streitfragen entscheiden können.

Zur Überraschung des Patriotismus scheinen sich jetzt diese einst so patriotischen Notabeln der unrechten, der antipatriotischen Seite zuneigen zu wollen. Sie schwanken ebenso bei der doppelten Vertretung wie bei der Abstimmung nach Köpfen. Es kommt zu keinem entschiedenen Beschluß, es giebt nur Debatten, und auch diese lassen nichts Gutes erwarten, natürlich, denn gehören nicht diese Notabeln selbst zum größten Teil den privilegierten Ständen an? Einst schrien sie; jetzt hegen sie Befürchtungen und erheben klägliche Vorstellungen. Mögen sie unverrichteter Sache 122 verschwinden, um nie wiederzukehren! Am 12. Dezember 1788, nach einmonatlicher Tagung, verschwinden sie als die letzten Notabeln auf Erden, um nie wieder in der Weltgeschichte zu erscheinen.

Und da weder das Geschrei noch die Pamphlete abnehmen und aus allen Ecken und Enden Frankreichs eine Flut von patriotischen Kundgebungen immer tosender auf uns eindringt, muß etwa vierzehn Tage später, noch ehe das Jahr um ist, Necker selbst seinen Bericht unterbreiten,Rapport fait au Roi dans son Conseil le 27. Décembre 1788. in dem er auf eigene Gefahr die doppelte Vertretung empfiehlt, ja beinahe als Gebot der Pflicht darstellt, so laut gebärden sich Freiheitstollheit und politische Kannegießerei. Welches Zweifeln, welches zaghafte Herumtappen! Hat nicht in diesen ganzen sechs geräuschvollen Monaten (denn es hat mit Loménie im Monat Juli begonnen) ein Bericht den anderen gejagt und ist nicht eine Proklamation der anderen ins Gesicht geflogen?5. Juli, 8. August, 23. September etc. etc.

So ist denn wenigstens, wie wir sehen, die erste Streitfrage entschieden: die zweite, nämlich die Abstimmung nach Köpfen oder Ständen, bleibt leider noch in der Schwebe. Sie schwebt von allem Anfang zwischen den privilegierten und unprivilegierten Klassen sozusagen als ausgesetzter Kampfpreis, um den notwendigerweise gerungen werden muß: wer immer ihn erringt, mag ihn hinfort als glückverheißendes Schlachtenbanner tragen.

Und so ist endlich durch das königliche Edikt vom 24. JännerRèglement du Roi pour la convocation des États-Généraux à Versailles (wieder abgedruckt unter falschem Datum in der Hist. parl., I, 262.) dem ungeduldig harrenden Frankreich nicht nur unzweifelhaft geworden, daß Nationaldeputierte zusammentreten werden, sondern auch die Möglichkeit geboten (denn nur so weit, aber kaum weiter ist die königliche Verordnung gegangen), mit der Wahl derselben zu beginnen.

 

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