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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 20
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.
Loménies Todesringen.

Am nächsten Tage, den 3. Mai 1788, ist das verblüffte Parlament versammelt und lauscht wortlos d'Espréménils Rede, welche die beispiellose Missethat aufdeckt, eine That des Verrates und ruchloser Finsternis, eine That, wie sie der Despotismus liebt. Brandmarke sie, du Parlament von Paris, rüttle Frankreich und das Universum auf, führe alle deine forensischen Donnerer ins Treffen. Wahrlich, auch für dich gilt es: jetzt oder nie.

Das Parlament stellt in diesem kritischen Moment seinen Mann. Wie der Löwe in der Stunde der höchsten Gefahr sich selbst durch Brüllen und Schlagen der Seiten aufstachelt, also macht es das Parlament von Paris. Auf d'Espréménils Antrag schwört man mit vereinter Lungenkraft nach der bekannten Weise: Einer für Alle, Alle für Einen! Einen höchst patriotischen Schwur, – eine vortreffliche Idee, die in den nächsten Jahren nicht ohne Nachahmung bleiben wird. Darauf folgt eine entschiedene Erklärung der Menschen oder wenigstens der Parlamentsrechte; ein Aufruf an die Freunde der französischen Freiheit dieser und aller kommenden Zeiten. Dies alles oder doch der wesentlichste Inhalt davon wird zu Papier gebracht in einem Tone, in dem eine leise Klage den heroischen Mut mildert. Und nachdem das Parlament die Sturmglocke gezogen hat, – die Paris hört und die ganz Frankreich hören wird, – und nachdem es Loménie und dem Despotismus seinen Fehdehandschuh ins Gesicht geschleudert hat, geht es wie nach einem leidlich guten Tageswerke auseinander.

Wie aber Loménie zu Mute sein mochte, als er sein Basiliskenei (das zur Rettung Frankreichs so notwendig war) vor der Zeit zerbrochen sah, mag sich der Leser selbst vorstellen! Entrüstet greift er nach seinen Donnerkeilen und schleudert zwei: den einen gegen d'Espréménil, den anderen gegen den geschäftigen Goeslard, dessen Dienste beim zweiten Zwanzigstel und der »strengen Schätzung« nicht vergessen sind. Diese über Nacht rasch ergriffenen und am frühen Morgen geschleuderten Keile sollen das aufgeregte Paris, wenn nicht zur Ruhe bringen, so doch in heilsamen Schrecken versetzen.

Schleudern kann man ministerielle Donnerkeile, aber wie, wenn sie nicht treffen? D'Espréménil und Goeslard, durch das Singen eines freundlichen Vogels gewarnt, entrinnen 102 Loménies Häschern und flüchten sich verkleidet durch Dachfenster über Dächer in ihr eigenes Palais de Justice: die Donnerkeile haben ihr Ziel verfehlt. Paris aber, (denn das Gerücht verbreitet sich schnell) wird von einem Schrecken ergriffen, der durchaus nicht heilsam ist. Die beiden Märtyrer der Freiheit werfen ihre Verkleidung ab, hüllen sich in ihre langen Gewänder, und sieh, innerhalb einer Stunde ist mit Hilfe der Thürsteher und Eilboten das Parlament mit seinen Räten, Präsidenten und selbst Pairs von neuem versammelt. Das versammelte Parlament erklärt, daß es seine beiden Märtyrer keiner Macht unter dem Monde ausliefern werde, ferner daß die Sitzung »permanent« sei; es verstehe sich zu keiner Vertagung, bevor die Verfolgung nicht eingestellt sei.

Während Boten gehen und kommen, erwartet das Parlament unter forensischer Beredsamkeit, unter Klagen und Verwahrungen in einem Zustande beständiger Explosionen, die weder bei Tag noch bei Nacht aufhören, den Ausgang. Das erwachte Paris überflutet abermals die äußeren Höfe, wogt aufgeregter als je durch alle Zugänge. Mißtönender Lärm erhebt sich, ein Stimmengewirr wie einst zu Babel in der Stunde, da das Volk zuerst (wie hier) mit gegenseitigem Nichtverstehen geschlagen wurde und sich noch nicht zerstreut hatte.

Die Stadt Paris durchläuft ihre täglichen Perioden der Arbeit und des Schlafes; zum zweitenmal schlafen jetzt die meisten Sterblichen Europas und Afrikas. Hier aber kommt der Wirbelsturm von Worten nicht zur Ruhe, vergebens breitet die Nacht ihren dunklen Schleier darüber. Drinnen erschallt der laute Ruf des reinen, unüberwindlichen Märtyrertums, der nur durch den dazu stimmenden Ton der Klage einigermaßen gemildert ist; draußen ein unendliches Summen und Schwirren der Erwartung, das nur etwas schläfriger wird. So währt es schon volle 36 Stunden.

Aber horch, welch ein Dröhnen in stiller Mitternacht! Es dröhnt wie von Tritten Bewaffneter zu Pferd und zu Fuß: französische Garden, Schweizer Garden marschieren schweigend bei Fackelschein in Reih und Glied heran! Auch Sappeurs mit Äxten und Brecheisen sind darunter, offenbar um die Thore, die sich nicht öffnen, zu sprengen. Es ist Kapitän d'Agoust, den Versailles entsendet, d'Agoust, ein Mann von bekannter Festigkeit, der einst den Prinzen von Condé durch den starr und unverwandt auf ihn gerichteten Blick seiner Augen zwang, ihm Genugthuung zu geben und sich mit ihm 103 zu schlagen:Weber, I, 283. dieser Mann zieht jetzt mit Äxten und Fackeln ausgerüstet sogar gegen das Heiligtum der Gerechtigkeit. Welch ein Frevel! Aber was hilft es? Der Mann ist Soldat, kennt nur seinen Befehl und bewegt sich wie eine willenlose Maschine vorwärts.

Die Äxte sind nicht vonnöten, die Thüren öffnen sich auf Verlangen, eine nach der anderen; jetzt geht die innerste auf, und das Auge erblickt Frankreichs Senatoren in ihren langwallenden Gewändern: 167 an der Zahl, darunter 17 Pairs, sitzen voll Majestät da, versammelt zu »permanenter Sitzung.« Wäre der Mann nicht Soldat und wie aus Eisen gegossen, dieser Anblick, diese Totenstille, in welcher das Klirren der Sporen wiederhallt, könnte ihn wankend machen; denn die Hundertsiebenundsechzig empfangen ihn mit lautlosem Schweigen, das die einen mit dem Schweigen des römischen Senats vergleichen, als er von Brennus überfallen wurde, die anderen mit dem Schweigen einer Falschmünzerbande, die von der Polizei überrascht wird.Besenval, III, 355. »Messieurs,« sagte d'Agoust, »de par le roi!« Ausdrücklicher Befehl hat d'Agoust mit der traurigen Pflicht betraut, zwei Personen zu verhaften: Monsieur Duval d'Espréménil und Monsieur Goeslard de Monsabert. Da er nicht die Ehre habe, die beiden ehrenwerten Personen zu kennen, so lade er sie im Namen des Königs hiermit ein, sich selbst ihm auszuliefern. Tiefes Schweigen; dann ein Summen, das zum Murren anwächst; »wir alle sind d'Espréménils,« wagte eine Stimme zu rufen, und andere Stimmen wiederholen es. Der Präsident fragt, ob er Gewalt anwenden wolle. Kapitän d'Agoust, mit Seiner Majestät Auftrag beehrt, hat Seiner Majestät Befehl zu vollziehen; er vollzöge ihn gern ohne Anwendung von Gewalt, aber vollziehen wird er ihn jedenfalls; er gewährt dem hohen Senat Zeit zu überlegen, welchen Weg er vorziehe, und entfernt sich darauf für einen Augenblick mit ernster militärischer Verbeugung.

Was hilft es, hohe Senatoren? Aufgepflanzte Bajonette versperren alle Zugänge; euer Kurier galoppiert durch Nacht und Nebel nach Versailles, galoppiert mit der Nachricht zurück, daß der Befehl authentisch, daß er unwiderruflich sei. Müßiges Volk wogt in den äußeren Höfen auf und ab; aber d'Agousts Grenadierreihen stehen unbeweglich wie Schleusenthore da; keine Revolte wird euch befreien. »Messieurs,« sprach 104 d'Espréménil, »als die Gallier in das erstürmte Rom eindrangen, saßen die römischen Senatoren in Purpur gekleidet auf ihren kurulischen Stühlen und erwarteten mit stolzer Ruhe die Knechtschaft oder den Tod. Dasselbe erhabene Schauspiel bietet auch ihr der Welt (à l'univers) in dieser Stunde, nachdem ihr »großmütig« . . . . und dergleichen mehr, wie man nachlesen kann.Toulongeon, I, App. 20.

Umsonst, d'Espréménil! D'Agousts wie aus Erz gegossene Gestalt mit der eisernen Soldatenmiene steht wieder da. Despotismus, Gewalt und Verderben flattern von seinem Helmbusch herab. Schweigend muß d'Espréménil fallen; heldenmütig liefert er sich aus, damit ihn nicht Schlimmeres treffe. Heldenmütig folgt Goeslard seinem Beispiel. Mit rührenden Worten oder mit stummer Bewegung umfangen sie in einer letzten Umarmung ihre Parlamentsbrüder und werden dann unter Beifall und Klagen, die aus 165 Kehlen dringen, unter Schluchzen und Abschiedsgrüßen und einem förmlichen Chor von Seufzern, der in seinem Pathos dem Rauschen des Waldes gleicht – durch gewundene Gänge zu einem Hinterthor geführt, wo im Morgengrauen zwei Wagen mit Gendarmerieoffizieren stehen und warten. Hier müssen die Opfer einsteigen: denn hinter ihnen drohen Bajonette. Auf d'Espréménils finstere Frage an das Volk: »ob es Mut habe« folgt als Antwort lautloses Schweigen. Sie steigen ein und rollen davon, und weder die aufgehende noch die untergehende Maiensonne (es ist am Morgen des sechsten) wird ihr Herz leichter machen; denn ununterbrochen fahren sie weiter: d'Espréménil nach der weit entlegenen Insel St. Marguerite oder einer der Hyerischen (die nach der Meinung mancher, wenn dies ein Trost ist, die Insel der Calypso war), Goeslard nach Pierre en-Cize, einer damals noch bestehenden Festung in der Nähe der Stadt Lyon.

Kapitän d'Agoust mag nun auf eine Beförderung zum Major, Kommandantenposten in den Tuilerien hoffenMontgaillard, I, 404. – und dann aus der Geschichte verschwinden, in der er nichtsdestoweniger etwas Denkwürdiges auszuführen bestimmt war; denn nicht nur d'Espréménil und Goeslard rollen unter guter Bewachung nach dem Süden, sondern es muß auch das ganze Parlament schnurstracks hinausmarschieren: denn so weit geht sein unwiderruflicher Befehl. Ihre langen Gewänder aufraffend, ziehen sie hinaus, alle 105 Hundertfünfundsechzig, zwischen zwei Reihen gefühlloser Grenadiere: ein Schauspiel für Götter und Menschen. Das Volk revoltiert nicht, es wundert sich nur und murrt; aber wir bemerken, daß diese gefühllosen Grenadiere französische Garden sind – die eines Tages mitfühlen werden. Kurz, das Palais de Justice wird rein ausgefegt, die Thüren werden geschlossen, und mit dem Schlüssel in der Tasche kehrt d'Agoust nach Versailles zurück – reif, wie gesagt, zur Beförderung.

Was nun dies Parlament von Paris betrifft, das jetzt auf die Straße gesetzt ist, so wollen wir es gern dort lassen. Die Lits de Justice, denen es sich in den nächsten vierzehn Tagen in Versailles unterziehen muß, um die nun ausgebrüteten Edikte zu registrieren, oder vielmehr, weil es sich weigert, sie zu registrieren; wie es sich zum Zwecke des ProtestierensWeber, I, 299–303. in Schenkstuben der Tavernen versammelt oder mit flatternden Röcken trostlos herumirrt, weil es nicht weiß, wo es sich versammeln soll, wie es sich endlich gezwungen sieht, seinen Protest bei einem Notar in Verwahrung zu geben, wie es schließlich (in einer Art unfreiwilliger Ferien) still dasitzen muß, ohne das Geringste thun zu können: dies alles, das jetzt so natürlich erscheint, wie die Bestattung der Toten nach der Schlacht, soll uns nicht weiter bekümmern. Das Parlament von Paris hat seine Rolle so gut wie ausgespielt; nur so weit, aber nicht weiter konnte es durch seine Thaten und Fehler die Welt in Bewegung setzen.

Hat also Loménie das Übel beseitigt? Mit nichten! Er hat nicht einmal dessen Symptom, kaum den zwölften Teil des Symptoms beseitigt und die anderen elf Zwölftel nur erbittert! An dem festgesetzten 8. Mai sind die Intendanten der Provinzen, die Militärkommandanten auf ihren Posten; aber in keinem einzigen Parlamente mit Ausnahme des Parlaments von Douai ist eine Registrierung der neuen Edikte zu erlangen. Nirgends ein friedliches Unterzeichnen mit Tinte, sondern überall Stirnrunzeln, Blutvergießen und als letztes Mittel das Faustrecht; überall tritt die erbitterte Themis diesen Baillagen, diesem Plenarhof kampfbereit entgegen; der Landadel und alle, die Loménie und die schlechten Zeiten hassen, ergreifen ihre Partei; durch ihre Anwälte und Gerichtsdiener wirbt und wirkt sie bis auf den Pöbel ein. Zu Rennes in der Bretagne, wo der historische Bertrand von Moleville Intendant ist, kam es von den unaufhörlichen, 106 unseligen Duellen zwischen dem Militär und den Edelleuten bis zu Straßenkämpfen, zu Steinwürfen und Musketenschüssen! – aber die Edikte bleiben unregistriert. Die betrübten Bretagner senden eine zwölfgliedrige Deputation an Loménie ab, um ihm Vorstellungen zu machen; er hört sie an und läßt sie in die Bastille einsperren. Eine zweite, größere Deputation hält er schon auf der Heerstraße durch seine Späher auf, überredet oder schreckt sie zurück. Empört schickt man jetzt eine dritte, größte Deputation auf vielen Wegen ab: da auch sie nach ihrer Ankunft keine Audienz erhält, versammelt sie sich zu einer Beratung, ladet dazu Lafayette und alle in Paris anwesenden bretonischen Patrioten ein, agitiert und wird zum bretonischen Klub, dem ersten Keim des Jakobinerklubs.A. F. de Bertrand-Moleville, Mémoires particuliers (Paris 1816), I, 1. Marmontel: Mémoires, IV, 27.

Nicht weniger als acht Parlamente werden verbannt;Montgaillard, I, 308. auch anderen thäte dieses Mittel not; aber es gehört zu jenen Mitteln, die sich nicht immer leicht anwenden lassen. In Grenoble zum Beispiel, wo ein Mounier, ein Barnave nicht müßig gewesen sind, hatte das Parlament den Befehl (durch Lettres de cachet), auseinanderzugehen und so sich selbst zu verbannen: aber am nächsten Morgen werden keine Wagen angespannt; statt dessen zieht man die Sturmglocke, und unheilverkündend tönt und dröhnt sie den ganzen Tag. Die Bergbewohner stürzen in Scharen mit Äxten, ja sogar mit Feuerschlössern herbei und (was von allem das Bedenklichste ist) die Besatzung zeigt gar keine Lust, sich mit ihnen in einen Kampf einzulassen. »Die Axt über seinem Haupte,« muß der arme General eine Kapitulation unterzeichnen und sich verpflichten, die Lettres de cachet unausgeführt und das geliebte Parlament zu lassen, wo es ist. Auch Besançon, Dijon, Rouen, Bordeaux sind nicht, was sie sein sollten. Zu Pau in Bearne, wo der alte Kommandant seiner Aufgabe nicht gewachsen war, gehen die Bürger dem neuen Kommandanten (einem Grammont, ihrem Landsmann) mit dem Palladium ihrer Stadt, der Wiege Heinrichs IV., in Prozession entgegen und beschwören ihn bei seiner Verehrung für diese alte Schildkrötenschale, in welcher der große Heinrich gewiegt wurde, die alte Freiheit der Bearner nicht mit Füßen zu treten; auch thun sie ihm kund, daß alle Kanonen 107 Seiner Majestät unter der Obhut Seiner Majestät getreuen Bürgern von Pau wohl aufgehoben und jetzt auf den Mauern schußbereit lägen.Besenval, III, 348.

Auf diese Weise werden eure Grand-Bailliages eine stürmische Kindheit haben, und der Plenarhof ist buchstäblich schon bei der Geburt erstickt. Selbst die Höflinge sahen ihn mit scheuen Blicken an, und der alte Marschall von Broglie lehnte die Ehre ab, darin zu sitzen. Unter einem allgemeinen Sturm von Spott und VerwünschungenLa Cour Plénière, héroï-tragi-comédie en trois actes et en prose; jouée le 14. juillet 1788, par une société d'amateurs dans un Château aux environs de Versailles; par M. l'Abbé de Vermond, Lecteur de la Reine: A Bâville (Lamoignon's Landhaus), et se trouve à Paris, chez la veuve Liberté, à l'enseigne de la Révolution 1788. – La Passion, la Mort et la Résurrection du Peuple; Imprimé à Jerusalem etc. – Siehe Montgaillard, I, 407. versammelte sich dieser arme Plenarhof einmal und nie wieder. Du zerrüttetes Land. Wohin immer der arme Loménie seinen Fuß setzt, überall zischen Zwist und Hader mit gespaltenen Hydrazungen auf. »Kaum betritt,« sagt Weber, »ein Kommandant oder Bevollmächtigter des Königs eines dieser Parlamente, um ein Edikt registrieren zu lassen, so verschwindet das ganze Tribunal und läßt den Kommandanten mit dem Schriftführer und ersten Präsidenten allein. Ist das Edikt registriert und der Kommandant fort, kehrt das ganze Tribunal eilig zurück und erklärt eine solche Registrierung für null und nichtig. Auf allen Straßen sieht man große Deputationen der Parlamente, die entweder nach Versailles ziehen, um die Registrierungen aus ihren Registern durch des Königs eigene Hand streichen zu lassen, oder die von dort in die Heimat zurückkehren, um ein neues Blatt mit einer neuen, noch kühneren Resolution zu füllen.«Weber, I, 275.

Das ist das Bild Frankreichs im Jahre 1788. Jetzt giebt es kein goldenes oder papierenes Zeitalter der Hoffnung mit seinen Pferderennen, fliegenden Ballons und zartbesaiteten Herzen: ach, das ist entschwunden, sein goldiger Glanz ist verblaßt, ja auf so seltsame Art verdunkelt, als sei ein furchtbares Ungewitter im Anzuge; denn es ist ähnlich wie in jenem Schiffbruchsturm in Saint-Pierres »Paul et Virginie«: »Eine ungeheuere, regungslose Wolke (sagen wir von Sorge und 108 Erbitterung) umsäumt unseren ganzen Horizont und zieht mit einem strahlenförmigen, kupferfarbenen Rande über einem bleigrauen Himmel herauf.« Sie selbst bleibt regungslos, aber »kleine Wölkchen (verbannte Parlamente und Aehnliches) lösen sich von ihr los und fliegen rasch wie Vögel über den Zenith:« bis schließlich alle vier Winde mit lautem Geheul zusammenprallen und alles aufschreit: Jetzt kommt der Tornado! Tout le monde s'écria: voilà l'ouragan!

Unter diesen Umständen wurde das successive Anlehen nicht an den Mann gebracht, und die Einhebung des zweiten Zwanzigstels hatte, wenigstens was die strenge Schätzung betrifft, auch nicht den erwarteten Erfolg. »Die Geldverleiher,« sagt Weber in seiner hysterisch heftigen Art, »fürchten den Ruin und die Steuereinnehmer das Hängen.« Sogar der Klerus wendet sich ab; zu einer außerordentlichen Versammlung einberufen, erklärt er, er könne keine freiwillige Gabe (don gratuit) entrichten, höchstens könne er einen guten Rat geben; auch hier also statt Geld der laute Ruf nach Generalständen.Lameth, Assemblée constituante (Introd.), p. 87.

O Loménie de Brienne, du mit deinem armen, schwachen Geist hast jetzt den Kopf ganz verloren und hast überdies noch drei kauterisierte Wunden auf deinem völlig erschöpften Körper, der wahrscheinlich an Entzündung, Ärger, Milchdiät, dartres vives und maladieMontgaillard, I, 424. (die besser unübersetzt bleibt) zu Grunde gehen wird, du lenkst ein Frankreich, das auch mit unzähligen kauterisierten Wunden bedeckt ist und das gleichfalls an Entzündung und all dem anderen Übel zu Grunde gehen wird. War es weise von dir, um dieser Würde willen die grünen, schattigen Haine von Brienne und dein neues aus Quadern erbautes Schloß mit allen seinen Schätzen zu verlassen? Wie lieblich waren jene Haine und Matten, wie süß die Loblieder deiner Reimschmiede und die Liebkosungen deiner rotgeschminkten Grazien.Siehe Mémoires de Morellet Dort weilte stets dieser oder jener Philosoph Morellet (der weder sich selbst, noch dich für einen fragwürdigen Scheinpriester hielt), der glücklich sein konnte, weil er glücklich machte, dort war es auch, wo, ohne daß du es wußtest, ganz in deiner Nähe in der Militärschule zu Brienne ein brauner, wortkarger Knabe eifrig seine 109 Mathematik studierte, er hieß: Napoleon Bonaparte. Nach fünfzigjährigem Streben und einem letzten Kraftaufwande hast du einen derartigen Tausch gemacht. Dein Amtskleid hast du errungen, aber nur wie Herkules sein Nessusgewand.

Am 13. Juli dieses Jahres ging unmittelbar vor der Ernte ein entsetzlicher Hagelschlag nieder und vernichtete alle Feldfrüchte, die ohnehin durch Dürre stark gelitten hatten. Besonders um Paris herum in einem Umkreise von sechzig Meilen war die Verwüstung beinahe vollständig.Marmontel, IV, 30. Zu so vielen anderen Übeln muß also noch Teuerung, ja vielleicht Hungersnot hinzukommen.

Einige Tage vor dem Hagelschlag am 5. Juli und einige Wochen später, am 8. August, kündigt Loménie mit noch bestimmteren Worten an, daß die Generalstände im Mai des nächsten Jahres zusammentreten sollen. Bis nach dieser Zeit sollen Plenarhof und alles Übrige verschoben bleiben. Da es ferner Loménie an einem Plane gebricht, wie diese so wünschenswerten Generalstände zu bilden oder abzuhalten wären, so werden »alle Denker eingeladen,« ihm durch Erörterung in der öffentlichen Presse einen Plan zu liefern.

Konnte der arme Minister etwas anderes thun? So blieb ihm doch noch eine Frist von zehn Monaten; der Pilot eines sinkenden Schiffes wird eher alles über Bord werfen, selbst seinen Vorrat an Zwieback, sein Senkblei und Logbuch, seinen Kompaß und Quadranten, ehe er sich selbst über Bord stürzt. Nur aus einem solchen Sinken und aus dem beginnenden Wahnsinn der Verzweiflung läßt sich auch die geradezu verblüffende »Einladung an die Denker« erklären, eine Einladung an das Chaos, es möge die Güte haben, aus seinem wirr durcheinander schwimmenden Treibholz für ihn eine rettende Arche zu bauen! In solchen Fällen hat sich in der Regel nicht eine Einladung, sondern ein Befehl als zweckdienlich erwiesen. – An jenem Abend stand die Königin sinnend am Fenster, ihr Gesicht dem Garten zugewendet. Dienstbeflissen war ihr der Chef de Gobelet mit einer Tasse Kaffee gefolgt und hatte sich darauf zurückgezogen. Ihre Majestät gab Madame Campan ein Zeichen, näher zu treten. »Grand Dieu,« flüsterte sie mit der Tasse in der Hand, »welch folgenschwere Nachricht wird heute veröffentlicht! Der König bewilligt die Generalstände.« Dann fügte sie, (wenn sich die Campan nicht 110 irrt), ihre Augen zum Himmel erhebend, hinzu: »Das ist der erste Trommelschlag, der nichts Gutes für Frankreich bedeutet. Dieser Adel wird unser Verderben sein.«Campan, III, 104, 111.

Während man über dem Plenarhof brütete und Lamoignon so geheimnisvoll aussah, hatte Besenval immer nur die eine Frage an ihn: Ob Geld da sei; und da Lamoignon (im festen Vertrauen auf Loménie) immer antwortete, damit stünde es ganz gut, so erwiderte der kluge Besenval, dann stehe ja alles gut. Trotzdem ist es eine traurige Thatsache, daß die königlichen Kassen beinahe buchstäblich leer sind; denn fürwahr, von allem anderen abgesehen, diese »Einladung an die Denker« und die nahe bevorstehende große Veränderung genügen, die Cirkulation des Kapitals zu hemmen und nur die Cirkulation der Flugschriften zu fördern. Einige Tausend Louisdor sind jetzt alles, was noch an Geld oder Geldeswert im königlichen Schatze vorhanden ist. In einem neuen Anfall der Verzweiflung ladet Loménie M. Necker ein, Controleur der Finanzen zu werden. Necker hat etwas anderes im Auge als für Loménie die Finanzen zu kontrollieren; er lehnt trocken ab und wartet schweigend und verschlossen seine Zeit ab.

Was soll der verzweifelte Minister thun? Er hat schon die königliche Theaterkasse angegriffen; und selbst an die Lotterie, welche man für die vom Hagelschlag so schwer Heimgesuchten veranstaltet hatte, legt Loménie in seiner äußersten Not die Hand.Besenval III, 360. Bald wird es auf keine Weise mehr möglich sein, auch nur die laufenden Tagesausgaben zu decken. – Am 16. August hörte der arme Weber, wie Ausrufer in den Straßen von Paris und Versailles »mit erstickter, heiserer Stimme« (voix étouffée) ein Edikt über Zahlungen (dies war die milde Bezeichnung, die Rivarol dafür erfunden hatte) näselnd und gedehnt verkündeten: Alle Zahlungen an den königlichen Kassen sollen von nun an zu drei Fünfteln in barem Gelde und die übrigen zwei Fünftel – in verzinslichen Papieren geleistet werden! Der arme Weber fiel beim Klange dieser heiseren Stimmen mit ihrem unheilkündenden Rabengekrächze beinahe in Ohnmacht und wird den Eindruck, den es auf ihn machte, niemals vergessen.Weber, I, 339.

Aber der Eindruck auf Paris, auf die Welt im allgemeinen? Aus den Höhlen der Effektenmakler, von den Höhen der 111 politischen Ökonomie, vom Necker- und Philosophentum, aus allen Kehlen erschallt ein artikuliertes oder unartikuliertes Hohngeschrei und Klagegeheul, wie man es noch nie vernommen hat. Selbst Aufruhr kann drohen! Aus Veranlassung der Herzogin von Polignac fühlt sich Monseigneur d'Artois verpflichtet, der Königin seine Aufwartung zu machen und ihr offen zu erklären, wie kritisch die Lage sei. »Die Königin weinte,« selbst Brienne weinte; denn jetzt ist es greifbar und sonnenklar, daß er gehen muß.

Es bleibt ihm nur der Trost, daß der Hof, dem seine Manieren und seine Geschwätzigkeit immer angenehm waren, seinen Sturz so sanft als möglich machen werde. Ihm, dem habgierigen Alten, hat man schon sein Erzbistum von Toulouse gegen das reichere von Sens eingetauscht, und jetzt in der Stunde des Mitleids soll sein Neffe (obwohl er noch nicht das vorgeschriebene Alter hat) Coadjutor und seine Nichte Hofdame werden; ihr Gemahl soll ein Regiment, und Loménie selbst den roten Kardinalshut und un coup de bois (in den königlichen Wäldern) erhalten und im ganzen ein Einkommen von fünf bis sechsmalhunderttausend Livres haben;Weber, I, 341. endlich soll sein Bruder, der Graf von Brienne, auch weiterhin Kriegsminister bleiben. Durch solche Polster und Federbetten von Beförderung auf allen Seiten wohl verwahrt, mag er jetzt so weich als möglich fallen.

Und so tritt Loménie ab; als reicher Mann, wenn Hoftitel und Renten ihn reich machen können; können sie das nicht, so ist er vielleicht der Ärmste unter allen lebenden Menschen. »Unter dem Zischen und Pfeifen der Bevölkerung von Versailles« fährt er nach Jardi, südlich von Brienne – zur Wiederherstellung seiner Gesundheit; dann nach Nizza, nach Italien; er wird zurückkehren, in schreckliche Zeiten geraten, wird zitternd und scheu blinzelnd hin und her schleichen, bis die Guillotine – sein schwaches Lebenslicht auslöscht? Nein, leider erwartet ihn noch Schlimmeres; auf dem Wege zur Guillotine wird es ihm auf eine jämmerliche, widerwärtige Weise ausgeblasen oder erstickt! In seinem Palaste zu Sens zwingen ihn rohe Jakobinerbüttel, mit ihnen aus seinen eigenen Kellereien zu zechen, mit ihnen aus seinen eigenen Vorratskammern zu schmausen; am nächsten Morgen findet man den bedauernswerten alten Mann tot. Das ist das Ende des Premier-Ministers und Kardinal-Erzbischofs Loménie 112 de Brienne. Selten war es einem so unbedeutenden Sterblichen bestimmt, so schweres Unheil heraufzubeschwören, ein so verächtliches und doch beneidetes Leben zu führen und ein so schreckliches Ende zu nehmen. Vom Ehrgeiz entflammt (wie die Redensart lautet) fliegt er, ein Spiel der Winde, wie ein brennender Lumpen nicht hierhin und nicht dorthin, sondern geraden Weges einer solchen Pulvermine zu – und entzündet sie. Bedauern wir den unglücklichen Loménie, verzeihen wir ihm und vergessen wir ihn sobald als möglich.

 

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