Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Thomas Carlyle >

Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel.
Verwirklichte Ideale

Ein so verändertes Frankreich haben wir und einen veränderten Ludwig; wirklich verändert und zwar mehr als du siehst. Das Auge der Geschichte sieht allerdings in jenem Krankenzimmer Ludwigs gar manches, was die dort anwesenden Hofleute damals nicht sahen; denn treffend sagt das Wort: »In jedem Gegenstande liegt eine unerschöpfliche Bedeutung, und das Auge sieht davon nur das, was es nach den Mitteln, die es zum Sehen mitbringt, sehen kann. Wie verschieden war das Weltenpaar, das Newton und sein Hund Diamond sahen, während doch das Netzhautbild bei beiden höchst wahrscheinlich das gleiche war! So wolle denn der Leser versuchen, in jenem Krankenzimmer Ludwigs auch mit dem geistigen Auge zu sehen.

Es gab eine Zeit, da man sich aus einem bestimmten Menschen, wofern man ihn nur mit den entsprechenden 6 Stoffen bis zur gehörigen Höhe auffütterte und aufputzte, beinahe so, wie es die Bienen thun, einen König sozusagen machen konnte und, was dem Zwecke noch besser diente, dem Gemachten Treue und Gehorsam entgegenbrachte. Der also aufgefütterte und aufgeputzte Mensch, nunmehr König genannt, herrscht thatsächlich; so behauptet man z. B. nicht nur von ihm, sondern glaubt es auch, er »mache Eroberungen in Flandern,« während er sich doch nur wie ein Gepäckstück dorthin bringen läßt. Und wahrlich kein leichtes! Meilenweit bedeckt es die Straße; denn an seiner Seite hat er die schamlose Chateauroux mit ihren Putzschachteln und Schminktöpfen, und auf jeder Station muß zwischen ihren Wohnungen eine Holzgalerie aufgestellt werden. Überdies führt er nicht nur seine Maison Bouche und seine zahllose Valetaille mit, sondern auch seine eigene Schauspielertruppe mit ihren pappenen Coulissen, mit ihren Donnerfässern, Kesseln, Fiedeln, Garderoben und tragbaren Speisekammern (und dem dazu gehörigen Geschrei und Gezänke); alles auf Lastwagen, Karren und alte Chaisen gepackt, genug, um, wenn nicht Flandern zu erobern, doch die Geduld der Welt zu erschöpfen. Mit dieser Flut klirrenden und rasselnden Plunders humpelt und rumpelt er weiter und macht seine Eroberungen in Flandern. Ein seltsamer Anblick. Und doch war es so und ist seit jeher so gewesen; manchem einsamen Denker mag es befremdlich erschienen sein; aber auch er konnte es nur unvermeidlich, nicht unnatürlich finden.

Gar bildsam ist ja unsere Welt, und der gestaltungsfähigste Bildner unter allen Geschöpfen ist der Mensch. Eine Welt, nicht bestimmbar, nicht ergründbar; ein unergründbares Etwas, was »Nicht wir« ist, in das wir aber eingreifen, worin wir leben, das wir wunderbar in unserem wunderbaren Wesen gestalten können und das wir Welt nennen. Wenn aber, wie die Metaphysik lehrt, selbst die Felsen und Flüsse, streng genommen, von unseren äußeren Sinnen erschaffen werden, um wieviel mehr werden alle Erscheinungen geistiger Art: Würden, Autoritäten, Heiliges und Unheiliges, von unserem inneren Sinne hervorgebracht, der noch dazu nicht stetig ist wie die äußeren, sondern fortwährend wächst und sich verändert. Nimmt nicht der schwarze Afrikaner Stöcke und alte Kleider (sagen wir aus Monmouth Street ausgeführte Trödelware) und schafft sich daraus durch künstliche Verbindung ein Eidolon (Idol oder ein sichtbares Etwas), das er Mumbo-Jumbo nennt, zu dem er von nun an mit 7 scheu erfüllten Augen aufblicken und hoffnungsvoll beten kann? Der weiße Europäer spottet darüber; und doch sollte er nachdenken und zusehen, ob er nicht dasselbe daheim ein wenig vernünftiger thun könnte.

So war es, sagen wir, vor dreißig Jahren bei jenen Eroberungen in Flandern, so ist es nicht mehr! Ach, jetzt liegt mehr, viel mehr krank als der arme Ludwig: nicht der französische König allein, auch das französische Königtum; auch dieses bricht zusammen, erschüttert und morsch geworden durch die langen und rauhen Stürme der Zeit. Wie so ganz verändert ist die Welt! Vieles, was lebenskräftig schien, ist hinfällig geworden, vieles, was nicht war, beginnt zu werden. Was sind das für Töne, neu in unseren Jahrhunderten, die jenseits des atlantischen Oceans erbrausen und dumpf und unheilkündend bis zum Ohre des sterbenden Ludwig, des Königs von Gottes Gnaden, dringen? Seht, unversehens ist Bostons Hafen von Thee geschwärzt; ein pennsylvanischer Kongreß tritt zusammen, und bald darauf verkündet bei Bunker Hill die Demokratie unter ihrem Sternenbanner durch todbringende Gewehrsalven bei den Klängen des Yankee-doodle-doo, daß sie geboren ist und wie ein Wirbelsturm die ganze Welt erfassen wird.

Fürsten sterben und Fürstenthrone stürzen, wie alles stirbt und nur seine Zeit hat, »ein Zeitphantom ist, das sich aber für wirklich hält.« Die merovingischen Könige mit ihrem lang herabwallenden Haar, die auf ihren Ochsenwagen langsam durch die Straßen von Paris zogen, sie alle sind weitergezogen – in die Ewigkeit. Karl der Große schläft mit gesenktem Scepter in Salzburg, und nur die Sage erwartet sein Wiedererwachen. Wo ist das drohende Auge, die gebietende Stimme Karls des Hammers, Pipins des Kurzen? Rollo und seine struppigen Nordmänner bedecken nicht mehr die Seine mit ihren Schiffen, sie sind abgesegelt – zu einer gar weiten Fahrt. Der Flachskopf (Tête d'étoupes) bedarf nicht mehr des Kammes, und der Eisenschneider (Teillefer) kann kein Spinnengewebe mehr durchschneiden. Die zanksüchtige Fredegunde, die zanksüchtige Brunhilde haben ihren heißen Lebensstreit ausgestritten und liegen still und stumm da; die heißen Gluten ihres blindwütenden Lebenshasses sind erkaltet. Auch vom schwarzen Turm von Nesle gleitet jetzt nicht mehr im Sacke ein dem Tode verfallener Ritter zu den Wassern der Seine herab, um im Dunkel der Nacht zu verschwinden; – Dame de Nesle begehrt nicht mehr nach den 8 Liebesfreuden der Welt, fürchtet nicht mehr die Lästerzungen der Welt; Dame de Nesle ist selbst in Nacht verschwunden. Sie alle sind dahingegangen, hinabgesunken, hinab, tief hinab, und mit ihnen all der Lärm, den sie gemacht haben. Immer neue Geschlechter schreiten dröhnenden Trittes über sie hinweg, und sie hören es nie und nimmermehr.

Und ist nicht trotz alledem doch etwas verwirklicht worden? Betrachtet nur (um nicht weiter zu gehen) diese gewaltigen Steinbauten und das, was sie enthalten! Die Kotstadt der Grenzbewohner (Lutetia Parisiorum oder Barisiorum) hat sich gepflastert und weit und breit ausgedehnt über alle Inseln der Seine und über beide Ufer und ist die Stadt Paris geworden, die sich bisweilen rühmt, das »Athen von Europa,« ja die »Hauptstadt der Welt« zu sein. Tausendjährige, altersgraue Steintürme dräuen finster empor; Kathedralen sind da und in ihnen ein Glaube (oder die Erinnerung an einen Glauben), Paläste und ein Staat und Gesetz. Siehst du die Rauchwolken ununterbrochen aufsteigen gleich dem nie aussetzenden Atem eines lebenden Wesens? Tausende von Arbeitshämmern sausen pochend auf den Amboß nieder; eine noch wunderthätigere Arbeit aber schafft geräuschlos, nicht mit Händen, sondern mit Gedanken. Auf allen Gebieten haben kundige Werkleute mit klugem Kopf und geschickter Hand die vier Elemente gezähmt und zu ihren Gehilfen gemacht; sie haben die Winde an ihren Meereswagen gespannt, ja selbst die Sterne zum Zeitweiser der Schiffer gemacht und haben – eine Bibliothèque du Roi geschrieben und gesammelt, unter deren Büchern sich auch das hebräische Buch befindet. Welch wunderbare Reihe von Schöpfungen! Diese sind wirklich geworden und alles, was sie an Schätzen des Geistes bergen. Nennet daher die Vergangenheit trotz aller Jämmerlichkeiten und Wirren keine verlorene Zeit!

Beachtet indessen wohl, daß unter allen irdischen Gütern und Errungenschaften des Menschen seine Symbole – mögen sie göttlich sein oder göttlich scheinen – zweifellos die erhabensten sind; unter ihrem Banner zieht er in den Lebenskampf und kämpft mit sieghafter Zuversicht: sie dürfen wir seine verwirklichten Ideale nennen. Betrachtet von diesen verwirklichten Idealen nur zwei: die Kirche oder seine geistliche Führung und das Königtum oder seine weltliche Führung. Die Kirche! Giebt es ein Wort, das ihm an Inhalt gleichkommt; faßt es nicht mehr als alle Schätze Golkondas, ja der Welt in sich? Mitten im entlegensten Gebirge erhebt sich 9 ein kleines Kirchlein; rund herum schlummern unter ihren weißen Grabsteinen die Toten »in der Hoffnung einer seligen Auferstehung.« O Leser, du müßtest jeder Empfindung bar sein, wenn dir ein solches Kirchlein nie, zu keiner Zeit (sagen wir in banger Mitternachtsstunde, da es gespensterhaft wie am Himmel hing und alles Sein von der Finsternis verschlungen schien), von Dingen erzählte, für die es keine Worte giebt, und welche dir doch bis ins Innerste der Seele drangen! Stark war, wer eine Kirche hatte, was wir eine Kirche nennen können; durch sie stand er, obwohl »im Mittelpunkte der Unendlichkeiten und im Zusammenfließen der Ewigkeiten,« doch furchtlos Gott und den Menschen gegenüber. Das vage, uferlose Weltall war ihm eine sichere, feste und wohlbekannte Heimstätte. Eine solche Kraft lag im Glauben, in den mit Überzeugung gesprochenen Worten: »Ich glaube.« Wohl durften die Menschen ihr Credo preisen, ihm die herrlichsten Tempel und ehrfurchtgebietende Hierarchien errichten und den Zehnt von ihrer Habe opfern: es war wert, dafür zu leben, dafür zu sterben.

Auch das war kein bedeutungsloser Augenblick, da zum erstenmal wilde, bewaffnete Männer ihren Stärksten auf den Schild hoben und mit klirrenden Waffen und jubelnden Herzen feierlich erklärten: »Sei du unser Stärkster, dich wollen wir anerkennen!« Welches Symbol – bedeutungsvoll für die Geschicke der Welt – leuchtete ihnen nun vor in diesem anerkannt Stärksten (den man mit gutem Recht König nannte, Kön–ning oder den Mann, der etwas kann). Ein Symbol treuer Führung als Erwiderung für liebenden Gehorsam: eigentlich, wenn man es recht erwägt, des Menschen erstes Bedürfnis, ein Symbol, das man heilig nennen durfte; denn liegt nicht in der Ehrfurcht vor dem, was besser ist als wir, eine unzerstörbare Heiligkeit? Darum durfte man wohl behaupten, daß dem anerkannt Stärksten ein göttliches Recht innewohne, ja daß überhaupt jeder Stärkste, ob anerkannt oder nicht, im Hinblick auf den, der ihn stark gemacht, ein göttliches Recht für sich in Anspruch nehmen konnte. Und so erstand inmitten von Widersprüchen und unbeschreiblichen Wirren (wie ja alles Wachstum verworren ist) das Königtum und wuchs, umgeben von Treue und Gehorsam, bezwingend und in sich aufnehmend (denn es war Lebenskraft in ihm), geheimnisvoll weiter, bis es weltgroß geworden war und zu den Hauptfaktoren unseres modernen Lebens zählte, ja bis es zu einem solchen Faktor erstarkte, daß z. B. ein Ludwig XIV. 10 dem Beschwerde führenden Magistrat mit seinem L'état c'est moi (Der Staat? Ich bin der Staat) erwidern durfte, ohne einer anderen Antwort als Schweigen und zu Boden gesenkten Blicken zu begegnen. So weit haben Zufall und Vorbedacht, so weit hat euer Ludwig XI., die bleierne Mutter Gottes am Hutband, Folterrad und menschenmordende Oublietten unter den Füßen, so weit hat euer Heinrich IV. mit seinem verheißenen socialen Millennium, »da jeder Bauer sein Huhn im Topfe haben sollte,« so weit hat überhaupt das Schaffen unseres schaffensreichen, von Gut und Böse bestimmten Daseins die Macht des Königtums gebracht! Wie wunderbar! Können wir, wenn wir dies bedenken, nicht abermals sagen, daß in der unendlichen Fülle des Bösen, das da auf und nieder wogt, immer auch etwas Gutes eingeschlossen ist, das drängt und treibt, bis es sich zur Befreiung und zum Siege durchringt?

Wie sich solche Ideale verwirklichen und inmitten des widerspruchsvollen, stets schwankenden Chaos des Gegenwärtigen wunderbar wachsen, wie sie endlich nach langem und stürmischem Wachstum bis zur höchsten Blüte reifen, dann rasch (denn die Blütezeit währt kurz) verwelken oder kümmerlich dahinsiechen, bis sie zusammensinken oder zu Staub zerfallen und geräuschvoll oder geräuschlos verschwinden, das ist es, was die Weltgeschichte, wenn sie überhaupt etwas lehrt, uns lehren soll. Die Blütezeit währt nicht länger als die Blüte mancher hundertjähriger Cactusarten, die nach einem Jahrhundert der Erwartung nur wenige Stunden prangt. So zählen wir von jenem Tage an, an dem der rauhe Chlodwig auf dem Marsfelde im Angesichte seines ganzen Heeres mit rascher Streitaxt jenem rauhen Franken den Kopf spaltete und dabei die stolzen Worte rief: »So hast auch du zu Soissons das heilige Gefäß (mein und St. Remigius' Eigentum) gespalten,« bis auf Ludwig den Großen und sein L'état c'est moi gegen zwölf Jahrhunderte: – und jetzt liegt der nächste Ludwig, unser Ludwig im Sterben, und gar vieles stirbt mit ihm!

Was läßt sich aber von jenen Zeiten des Verfalles sagen, in denen kein Ideal mehr sprießt und blüht, in denen Glauben und Treue geschwunden und nur Heuchelei und Verstellung als ihr trügerisches Echo zurückgeblieben sind, von Zeiten, in denen alles Feierliche zum bloßen Schaugepränge herabsinkt und der Glaube der Machthaber nur eines von zweien ist, entweder Schwäche oder Macchiavellismus? Diesen Zeiten 11 kann wohl die Weltgeschichte keine Beachtung schenken; sie müssen vielmehr in den Annalen der Menschheit immer mehr zusammengedrängt, ja schließlich ganz ausgetilgt werden als unecht, was sie in der That sind. Unselige Zeiten, in denen es, wenn je überhaupt, ein Unglück ist, geboren zu werden; geboren zu werden, um nur aus jeder Überlieferung, aus jedem Beispiel zu lernen, daß Gottes Welt ein Werk Belials und eine Lüge, und daß »der höchste Gaukler« auch der Menschheit Hoherpriester sei! Und doch, sehen wir nicht ganze Generationen (zwei, bisweilen auch drei nacheinander) in diesem trostlosesten aller Glauben leben – was sie eben leben nennen – und vergehen – ohne Hoffnung auf ein Wiedererstehen?

In einer solchen Periode des Verfalles oder doch in einer Zeit, die dem Verfalle raschen Schrittes zueilte, war unser armer Ludwig geboren. Zugegeben, daß dem französischen Königtum schon nach dem natürlichen Laufe der Dinge keine lange Lebensdauer mehr beschieden war, so war doch unter allen Menschen gerade Ludwig der Mann, um diesen Lauf der Natur zu beschleunigen. Einer Cactusblüte gleich hatte sich das französische Königtum in staunenerregender Art entfaltet; in jenen Tagen von Metz trug diese Blüte, zwar schon welk geworden in den Händen von Orléans-Regenten, Roués-Ministern und -Kardinälen, doch noch alle ihre Blumenblätter; jetzt aber im Jahre 1774 sehen wir sie aller Blätter und jeder Lebenskraft beraubt.

Wahrlich, traurig steht es um jene »verwirklichten Ideale,« gleich traurig um das eine wie um das andere. Die Kirche, die in ihrer Blütezeit vor 700 Jahren einen Kaiser im Büßerhemd und barfuß drei Tage lang im Schnee stehen und warten lassen konnte, sieht schon seit Jahrhunderten ihren Verfall und ist sogar gezwungen, ihrer alten Ziele und Feindschaften zu vergessen und ihre Interessen mit denen des Königtums zu verbinden, froh, an dieser jüngeren Kraft eine Stütze für ihre Schwäche und Hinfälligkeit zu finden; – von nun an werden beide miteinander stehen und fallen. Und die Sorbonne, ach du lieber Himmel, sie steht zwar noch immer an ihrer alten Stätte; aber sie ist greisenhaft geworden, sie lallt nur mehr, statt die Gewissen der Menschen zu leiten. Nein, nicht die Sorbonne, sondern Encyklopädien, Philosophien und Gott weiß, welche namenlose, unzählbare Menge gewandter Journalisten, Poeten, Schriftsteller, Komödianten, Disputanten und Pamphletisten haben jetzt die geistige Führung der Welt übernommen; und die wirkliche Regierung 12 des Staates ist auch verloren gegangen oder in die Hände derselben buntgemischten Gesellschaft geraten. Giebt es noch einen, den der König leitet, er der Könnende, auch Roi, Rex oder Führer genannt? Seine eigenen Jäger und Piqueure sagen, falls keine Jagd stattfindet, ganz treffend: »Le roi ne fera rien« (der König wird nichts thun).Mémoires sur la Vie privée de Marie Antoinette, par Madame Campan (Paris, 1826), I. 12. Er lebt, lebt in den Tag hinein, wie er eben noch lebt und weil bisher noch niemand Hand an ihn gelegt hat.

Auch der Adel hat aufgehört zu führen oder zu verführen und ist jetzt wie sein Herr und Meister nicht viel mehr als eine Dekorationsfigur. Die Zeiten, da Edelleute sich untereinander oder ihren König abschlachteten, sind lange vorüber. Von des Thrones Majestät beschirmt und begünstigt, haben Bürger seit Jahrhunderten festummauerte Städte gebaut; hier leben sie ihrem Gewerbe und dulden nicht mehr, daß Strauchritter »vom Sattel leben,« sondern errichten Galgen, um ihnen zu wehren. Schon seit der Zeit der Fronde hat der Edelmann sein Schlachtschwert gegen den Hofdegen vertauscht und begleitet jetzt als getreuer dienstbereiter Trabant seinen König, mit dem er die Beute teilt, freilich nicht mehr durch Gewalt und Mord, sondern durch Schliche und unterthänige Bitten. Und diese Leute nennen sich Stützen des Thrones! Sonderbare Karyatiden aus vergoldeter Pappe in diesem wunderlichen Baue. Übrigens sind ihre Privilegien nach jeder Richtung stark beschnitten. Das Gesetz, das dem Seigneur das Recht zusprach, nach der Rückkehr von einer Jagd zwei, aber nicht mehr, Leibeigene zu töten, um in ihrem Blute und in ihren Eingeweiden seine Füße zu erfrischen, ist ganz und gar außer Gebrauch gekommen, man glaubt nicht einmal mehr daran; denn mag auch der Deputierte Lapoule daran glauben und dessen Abschaffung fordern, wir können es nicht.Histoire de la Révolution Française, par Deux Amis de la Liberté (Paris, 1792), II. 212. Auch hat in den letzten fünfzig Jahren kein Charolais, mochte er ein noch so leidenschaftlicher Schütze sein, die Gewohnheit gezeigt, auf Schiefer- und Bleidecker zu schießen und ihrem Herabrollen vom DacheLacretelle: Histoire de France pendant le 18me Siècle (Paris, 1819), I. 271. vergnüglich zuzusehen; jetzt begnügt sich jeder mit Wald- und Feldhühnern. Genau betrachtet, besteht ihre ganze Thätigkeit und ihr Beruf darin, sich zierlich zu 13 kleiden und üppig zu schmausen. Ihre Ausschweifungen, ihre Verderbtheit suchen ihresgleichen seit den Tagen eines Tiberius und Commodus. Trotz alledem kann man die Frau Marschallin einigermaßen begreifen, wenn sie sagt: »Verlassen Sie sich darauf, mein Herr, Gott wird sich zweimal besinnen, bevor er einen Mann solchen Ranges verdammt.«Dulaure, VII. 261. Und doch müssen auch diese Leute ihre Tugenden und ihre Nützlichkeit gehabt haben; denn sonst hätten sie sich nicht halten können. Ja, eine Tugend verlangt man noch heute von ihnen (denn kein Sterblicher kann ohne Gewissen leben) die Tugend, zum Duell stets bereit zu sein.

So sind die Hirten des Volkes; wie steht es aber um die Herde? Um die Herde steht es, wie es nicht anders sein kann, schlecht und immer schlechter; sie wird nicht gehütet, sie wird nur regelmäßig geschoren. Sie muß Frondienste leisten, Steuern zahlen, wegen Zänkereien und Streitigkeiten, die sie nichts angehen, Schlachtfelder (»Bett der Ehre« genannt) mit ihren Leibern düngen; kurz ihre Hände und ihrer Hände Arbeit gehören jedermann, während sie selbst wenig oder gar nichts ihr Eigen nennt. Unbelehrt, ungetröstet, ungesättigt, vergessen und verlassen in Schmutz, Elend und Entbehrung zu schmachten, das ist das Los der Millionen: peuple taillable et corvéable à merci et miséricorde. In der Bretagne kam es einst bei der ersten Einführung der Pendeluhren zu einem Aufruhr, weil das Volk glaubte, diese hätten etwas mit der Gabelle zu schaffen. Paris muß von Zeit zu Zeit gesäubert werden; die Horde hungergequälter Vagabunden wird fortgeschafft und sucht auf eine Zeitlang das Weite. »Bei einer dieser periodischen Säuberungen im Mai 1750,« sagt Lacretelle, »hatte sich die Polizei herausgenommen, auch Kinder achtbarer Leute fortzuschaffen, in der Hoffnung, ein Lösegeld zu erpressen. Die Mütter erfüllen die öffentlichen Plätze mit dem Geschrei der Verzweiflung; Volksmassen sammeln sich, geraten in Aufregung; viele Frauen laufen wie rasend umher und vermehren den Tumult; eine ebenso widersinnige wie entsetzliche Fabel entsteht unter dem Volke. Ärzte, so heißt es, hätten einer hohen Person zur Wiederherstellung des eigenen, durch Ausschweifungen ganz verdorbenen Blutes Bäder von Kinderblut verordnet. »Einige der Aufrührer,« fügt Lacretelle kaltblütig hinzu, »wurden an den nächstfolgenden Tagen gehenkt;« die Polizei 14 trieb es so weiter.Lacretelle, III. 175. O ihr armen, nackten Unglücklichen! Das also ist euer Aufschrei zum Himmel, unartikuliert wie der eines stummen, gemarterten Tieres, das aus den tiefsten Tiefen der Pein und Erniedrigung klagt? Wirft der azurne Himmel wie ein lebloses Krystallgewölbe nur das Echo davon auf euch zurück? Antwortet er nur mit einem »an den nächstfolgenden Tagen gehenkt?« – Nein, nicht so, nicht für immer. Der Himmel hat euch gehört, und die Antwort wird auch kommen – in den Schrecken einer grauenvollen Verwirrung, in den Erschütterungen einer Welt und in einem Kelch voll Leiden, den alle Nationen zitternd und bebend trinken sollen.

Beachten wir indessen, wie sich aus den Trümmern und dem Staube dieses allgemeinen Verfalles neue, der neuen Zeit und ihren Zielen entsprechende Gewalten bilden. Außer dem alten, ursprünglich aus Kämpfern bestehenden Adel giebt es einen neuen anerkannten Beamtenadel, der eben jetzt seinen Gala- und stolzen Schlachttag feiert; ferner einen Geldadel, der zwar nicht anerkannt ist, aber durch seine geldgefüllten Taschen Macht genug besitzt, und schließlich den mächtigsten, aber am wenigsten anerkannten Geistesadel, der zwar keinen Stahl an der Seite, kein Gold in der Tasche, aber im Kopfe die wunderwirkende Macht des Gedankens trägt. Das französische Freidenkertum ist erstanden; ein kleines, unbedeutendes, aber inhaltsschweres Wort! In ihm liegt thatsächlich das Hauptsymptom der ganzen, weitverbreiteten Krankheit. Der Glaube ist geschwunden, der Zweifel ist gekommen. Das Böse hat die Oberhand und nimmt zu; aber niemand hat Glauben genug, ihm zu widerstehen, es zu bessern oder wenigstens mit der eigenen Besserung zu beginnen; so muß das Böse immer mehr um sich greifen. Während völlige Erschlaffung und Leere das Los der Oberen, Not und Stumpfsinn das Los der Niederen und allgemeines Elend nur zu gewiß ist, was ist sonst noch gewiß? Daß man an eine Lüge nicht glauben kann! Das ist alles, was das Freidenkertum weiß; im übrigen glaubt es nur, daß in geistigen, übersinnlichen Dingen kein Glaube möglich sei. Wie traurig! Und doch liegt bis jetzt noch in dem Widerspruch gegen die Lüge eine Art von Glauben; wann aber einmal die Lüge sammt dem Widerspruch hinweggefegt ist, was wird dann zurückbleiben? Nichts als die 15 ungesättigten fünf Sinne und der sechste unersättliche Sinn, die Eitelkeit, nichts als des Menschen ganze dämonische Natur, die, an sich wild und grausam, nun aber auch noch ausgerüstet mit allen Waffen und Werkzeugen der Civilisation, ohne Gesetz und ohne Zügel blind wüten wird: ein in der Geschichte neues Schauspiel.

In einem solchen Frankreich, das einem Pulverturme gleicht, welchen der Rauch eines ungelöschten, jetzt unlöschbaren Feuers umqualmt, hat sich Ludwig XV. zum Sterben hingelegt. Die königlichen Lilien sind Dank dem Pompadourismus und Dubarryismus in allen Ländern, auf allen Meeren schmachvoll geschlagen; die Armut dringt sogar in den königlichen Schatz; die Steuerpächter können nichts mehr herauspressen; seit 25 Jahren währt der Streit mit dem Parlament; überall Not, Unehrlichkeit, Unglaube, und als Staatsretter hitzigköpfige Halbwisser: es ist eine unheilschwangere Stunde.

Dies alles kann das Auge der Geschichte in dem Krankenzimmer Ludwigs sehen; – den dort versammelten Hofleuten war es freilich unsichtbar. Zwanzig Jahre vorher hatte Lord Chesterfield die folgenden denkwürdigen Worte niedergeschrieben und der Post übergeben; sie enthalten alles, was er in ebendemselben Frankreich beobachtet hatte: »Kurz, alle jene Anzeichen, die, wie die Geschichte lehrt großen Veränderungen und Umwälzungen im Staatsleben vorangehen, sind jetzt in Frankreich vorhanden und mehren sich täglich.«Chesterfield's Letters December 25 th., 1753.

 

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.