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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 18
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.
Loménies Ränke.

War jemals ein unglücklicher Premier-Minister in so harter Bedrängnis wie Loménie de Brienne? Sechs lange Monate hält er die Zügel der Regierung in seinen Händen, und noch immer zeigt sich nicht die geringste Spur einer treibenden Kraft (in den Finanzen), um auf die eine oder 90 andere Art von der Stelle zu kommen. Loménie schwingt die Peitsche, aber es geht nicht vorwärts; statt Geld findet er nur Widerspenstigkeit und rebellische Debatten.

Weit entfernt, sich zu beruhigen, wird die öffentliche Stimmung immer erregter und leidenschaftlicher, und bei dem großen von Jahr zu Jahr fortwachsenden Deficit sieht man in den königlichen Kassen kaum noch die Farbe des Goldes. Unheilkündende Anzeichen! Malesherbes, der das erschöpfte und erbitterte Frankreich immer heißer werden sieht, spricht von »Feuersbrunst.« Mirabeau hat sich, wie wir sehen, ohne viele Worte nach der Rückkehr des ParlamentsFils Adoptif: Mirabeau, IV, 1. 5. wieder auf Paris herabgelassen, um sich von der heimatlichen Erde nicht mehr zu trennen.

Jenseits der Grenze sehen wir zum Bedauern des Kriegssekretärs Montmorin und aller Menschen Holland von Preußen überfallen,Oktober 1787. Montgaillard, I, 374. Besenval, III, 283. die französische Partei unterdrückt, während England und der Statthalter triumphieren. Was vermag aber ein Premier-Minister ohne Geld, diesen Hauptnerv des Krieges, des Schaffens, ja selbst des Lebens? Durch Steuern kommt nicht viel ein; die zweite Zwanzigstelsteuer wird erst im nächsten Jahre fällig und wird mit ihrer »strengen Einschätzung« mehr Streit als Geld eintragen. Die Besteuerung der privilegierten Klassen ist nicht zu erreichen; denn ihre Registrierung läßt sich nicht durchsetzen, weil sie selbst denen, die uns unterstützen, unerträglich erscheint; die Besteuerung der nichtprivilegierten Klassen bringt aber gar nichts mehr ein, weil man aus einem ausgeschöpften Brunnen kein Wasser erhalten kann. Nirgends eine Hoffnung, außer etwa in dem alten Zufluchtsmittel der Anlehen!

Da kommt Loménie mit Unterstützung des Schlaukopfes Lamoignon, der über dieses Meer von Schwierigkeiten gründlich nachgedacht hat, auf den Gedanken: Warum soll man nicht ein successives Anlehen (emprunt successif) aufnehmen, das uns Jahr für Jahr, sagen wir, etwa bis zum Jahr 1792, so viel brächte, als man gerade brauchte? Die Registrierung eines solchen Anlehens dürfte auch nicht mehr Mühe kosten als die eines anderen; wir hätten Zeit, um Atem zu schöpfen, und Geld, um uns rühren oder um wenigstens bestehen zu können: – das Edikt eines successiven Anlehens 91 muß also vorgeschlagen werden. Um die Philosophen damit zu versöhnen, schicken wir als Vorhut ein liberales Edikt, die Emancipation der Protestanten, voraus und lassen als Nachhut ein liberales Edikt folgen: die Einberufung der Reichsstände im Jahre 1792, in dem das Anlehen zu Ende geht.

Ein liberales Edikt über die Emancipation der Protestanten macht einem Loménie jetzt, da die Zeit dafür gekommen ist, ebensowenig Gewissensskrupel wie ehemals die Vollziehung der Todesstrafe. Was das liberale Versprechen, die Einberufung der Generalstände betrifft, so kann man es halten oder nicht; jedenfalls sind wir von der Erfüllung noch volle fünf Jahre entfernt, und in fünf Jahren kann viel dazwischen kommen. Aber die Registrierung? Ja, wahrhaftig hier liegt die Schwierigkeit; doch wir haben die in Troyes heimlich gegebene Zusage der älteren Parlamentsräte, und klug angebrachte Spenden, Schmeicheleien, versteckte Intriguen und der alte Foulon, diese »Ame damnée des Parlaments,« dürften das übrige thun. Im schlimmsten Falle stehen der königlichen Autorität Mittel zu Gebote; warum soll sie diese nicht gebrauchen? Ist die königliche Autorität nicht stark genug, Geld zu schaffen, so ist sie so gut wie gestorben, ist dem sichersten und elendesten Tod, dem Tod durch Marasmus, verfallen. Wer wagt, gewinnt; ohne Wagen ist schon jetzt alles verloren! Da aber bei so entscheidenden Wagnissen eine kleine Kriegslist oft recht ersprießliche Dienste leistet, so sagt Seine Majestät für den nächsten 19. November eine Jagd an, und alle, die es angeht, setzen frohgemut ihr Jagdzeug in Bereitschaft.

Jawohl, eine königliche Jagd, aber auf zweibeiniges, ungefiedertes Wild! Am 19. November 1787, dem Jagdtage, wird um 11 Uhr morgens der Sitz der Gerechtigkeit durch uuerwartetes Trompetengeschmetter, Pferdegetrappel und Wagengerassel aus seiner Ruhe aufgeschreckt: Seine Majestät der König ist mit dem Großsiegelbewahrer Lamoignon, mit Pairs und mit Gefolge erschienen, um eine Séance royale zu halten und Edikte registrieren zu lassen. Welcher Wandel seit der Zeit, da Ludwig XIV. hier gestiefelt und gespornt eintrat und, die Peitsche in der Hand, mit einem olympischen Blicke, dem niemand zu trotzen wagte, zu registrieren befahl, und so ohne alle List und Ceremonie gleichzeitig jagte und registrierte.Dulaure, VI, 306. 92 Ludwig XVI. wird an diesem Tage mit dem Registrieren allein genug zu thun haben, wenn nur er und der Tag dazu genügen.

Mittlerweile giebt der König mit entsprechenden ceremoniellen Worten seine Absicht kund: zwei Edikte, über die Emancipation der Protestanten und über ein successives Anlehen zu erlassen; Zweck und Inhalt beider Edikte wird unser getreuer Großsiegelbewahrer Lamoignon erläutern, ein getreues Parlament wird aufgefordert, über beide Edikte sein Gutachten abzugeben, da jedem Mitglied das Recht des freien Wortes zusteht. Nachdem auch Lamoignon nicht übel peroriert und mit der Verheißung der Generalstände geschlossen hat, hebt nunmehr die Sphärenmusik parlamentarischer Beredsamkeit an; sie wird laut und immer lauter; denn auf die leidenschaftlichen Ausbrüche der einen Sphäre folgt eine ebenso leidenschaftliche Antwort der anderen Sphäre. Mit Aufmerksamkeit und mit geteilten Gefühlen lauschen die Pairs, abhold den Generalständen, abhold dem Despotismus, der Stellen abschafft und das Verdienst nicht belohnen kann. Aber was erregt Seine Hoheit den Herzog von Orléans? Sein roter Mondkopf wackelt hin und her, sein kupferfarbiges Gesicht wird dunkler wie unpoliertes Kupfer; seine glasigen Augen irren unstät herum; unbehaglich rückt er auf seinem Sitze hin und her, als habe er etwas vor. Hat ihn inmitten unsagbarer Übersättigung plötzlich neues Verlangen nach einer neuen verbotenen Frucht erfaßt? Überdruß und Genußsucht, Trägheit, die doch nicht ruhen kann, und ohnmächtiger Ehrgeiz, Rachsucht, weil man nicht Admiral geworden – welches Wirrsal von Widersprüchen bedeckt diese karbunkelbesäete Haut!

»Acht Kuriere« galoppieren im Laufe dieses Tages von Versailles, wo Loménie in banger Erwartung harrt, hinein und galoppieren wieder zurück, aber nicht mit gar guten Nachrichten. In den äußeren Höfen des Palais schwirrt und summt es in mächtiger Erregung, und man flüstert sich zu, der Premier-Minister habe über Nacht sechs Stimmen verloren. Im Innern ertönt nichts als forensische Beredsamkeit voll Pathos und Entrüstung, flehentliche Appelle an die königliche Huld, Seine Majestät möge geruhen, die Generalstände sofort zu berufen und so Frankreichs Retter zu werden, wobei der düsterglühende d'Espréménil, noch mehr Sabatier de Cabre und Fréteau (später »commère Fréteau, Gevatterin Fréteau« genannt) sich am lautesten gebärden. So währt 93 es sechs tödlich lange Stunden, ohne daß der Tumult nachläßt.

Und da schon die Abenddämmerung durch die Fenster einfällt und noch kein Ende abzusehen ist, öffnet Seine Majestät auf einen Wink des Großsiegelbewahrers Lamoignon noch einmal den königlichen Mund und erklärt kurz, daß sein Edikt über das Anlehen registriert werden müsse. Einen Augenblick herrscht tiefes Schweigen; – doch sieh! Da erhebt sich Monseigneur d'Orléans, wendet sein Mondgesicht der königlichen Tribüne zu und stellt mit würdevoller Höflichkeit, unter welcher sich unendlich viel verbirgt, die Frage: »ob denn dies ein Lit de Justice und nicht eine Séance royale sei?« Blitze flammen vom Throne und dessen Umgebung auf ihn herab, und es folgt die finstere Antwort, es sei eine Sitzung. In diesem Falle, sagt Monseigneur, erbitte er sich die Erlaubnis, bemerken zu dürfen, daß in einer Sitzung Edikte nicht auf Befehl registriert werden können; er für seine Person wenigstens müsse gegen eine solche Registrierung unterthänigst Verwahrung einlegen. »Vous êtes bien le maître,« antwortet der König und schreitet hocherhobenen Hauptes samt Gefolge aus dem Saale; pflichtschuldigst begleitet ihn der Herzog von Orléans, doch nur bis zum Ausgang, kehrt nach Erledigung dieser Pflicht zurück und legt vor den Augen des applaudierenden Parlaments, im Angesichte des applaudierenden Frankreich seine Verwahrung ein. – Sollen wir sagen, daß er damit die Ankertaue, die ihn an den Hof banden, durchschnitten hat? Wird er jetzt fortsegeln und schnell dem Chaos zutreiben?

Thörichter Orléans, zukünftiger »Egalité!« Ist das Königtum zu einer hölzernen Vogelscheuche geworden, auf welche du, freche, grauköpfige Krähe, dich nach Belieben niederlassen und loshacken kannst? Noch nicht ganz!

Am nächsten Tage verbannt eine Lettre de cachet Orléans auf sein Schloß Villers-Cotterets, damit er dort zur Besinnung komme. Ach, dort ist leider kein Paris mit seinem heiteren Lebensgenuß, keine bestrickende, unentbehrliche Madame de Buffon, – die leichtfertige Frau des großen Naturforschers, der für sie viel zu alt ist. Monseigneur weiß, wie man erzählt, in Villers-Cotterets nichts anderes anzufangen, als wie toll herumzulaufen und seinem Unglücksstern zu fluchen. Sein reumütiges Klagen und Jammern dringt bis nach Versailles, so hart ist sein Los. Gleichzeitig schleudert eine zweite Lettre de cachet Gevatterin Fréteau in das Gefängnis von Ham 94 inmitten der Sümpfe der Normandie, eine dritte Sabatier de Cabre nach Mont St. Michel im Flugsand der Normandie. Was das Parlament betrifft, so muß es mit seinem Registerbuch unter dem Arme auf Befehl nach Versailles kommen, damit die Verwahrung (unter Ermahnungen, ja selbst Verweisen) ausgemerzt werde: ein Machtstreich, der, wie man hoffen darf, Ruhe schaffen wird.

Leider nicht; denn er wirkt nur wie ein leichter Peitschenschlag auf bäumende Pferde: sie bäumen sich noch mehr. Was hilft Loménies Peitsche gegen ein Gespann von 25 Millionen, die sich zu bäumen beginnen? Das Parlament ist keineswegs gesonnen, sich demütig zu fügen, auch will es nicht aus heilsamer Furcht vor den drei Lettres de cachet das Protestantenedikt registrieren oder seine anderen Geschäfte erledigen. Im Gegenteil, es fängt sogar an, die Lettres de cachet im allgemeinen, ihre Gesetzmäßigkeit und ihren Fortbestand in Frage zu ziehen; es giebt seinem schmerzlichen Bedauern Ausdruck, überreicht Petition auf Petition, damit seine drei Märtyrer in Freiheit gesetzt werden, erklärt sich, bevor dies nicht bewilligt sei, außer stande, an eine Prüfung des Protestantenediktes auch nur zu denken, und verschiebt die Behandlung dieses Gegenstandes immer wieder auf »heute über eine Woche.«

Dieser vorwurfsvolle Klagegesang schwillt zu einem furchtbaren Chore an; denn Paris und ganz Frankreich fallen mit ein oder haben ihn vielmehr zuerst angestimmt. Und jetzt öffnen endlich auch die übrigen Parlamente den Mund und stimmen mit ein, ja einige darunter, wie die von Grenoble und Rennes, thun dies bedeutungsvoll und nachdrücklich: – sie drohen, den Druck durch Gegendruck zu erwidern und die Steuereinnehmer mit Interdikt zu belegen.Weber, I, 266. »Früher,« bemerkt Malesherbes, »wenn es Streitigkeiten gab, war es das Parlament, von dem das Volk aufgereizt wurde, jetzt ist es das Volk, welches das Parlament aufreizt.«

 

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