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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 16
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.
Loménies Edikte.

So sind die Notabeln in ihre Heimat zurückgekehrt, haben in alle Teile Frankreichs ihre Ansichten über das Deficit, über die innere Schwäche und Auflösung getragen und die Meinung verbreitet, daß die Generalstände alles heilen oder, wenn nicht heilen, doch beseitigen werden. Jeden Notabel können wir uns als eine Leichenfackel vorstellen, die dem Auge gräßliche Abgründe enthüllt, Abgründe, die besser verborgen blieben! Die unruhigste Stimmung bemächtigt sich aller, sie gährt und sucht sich in Pamphleten, Karikaturen, Projekten und heftigen Deklamationen Luft zu machen: ein leeres Durcheinander von Gedanken, Worten und Thaten.

Es ist der lange ertragene geistige Bankerott, der jetzt in den wirtschaftlichen Bankerott übergeht und unerträglich wird; denn das unvermeidliche Elend der untersten, stummen Volksschichten hat sich, wie es voraus gesagt war, auch nach oben verbreitet. In jedem Menschen, mag er sich in der Rolle des Bedrückers oder des Bedrückten befinden, lebt das dunkle Gefühl, daß seine Lage nicht die rechte ist: alle fühlen sich gedrängt, der in ihnen gährenden Unruhe in der einen oder anderen scharfen Weise, sei es als Angreifer oder als Verteidiger, Luft zu machen. Aus solchem Stoff wird weder die Wohlfahrt der Nation, noch der Ruhm des Herrschers geschaffen. O Loménie, welch wildwogende, wüstblickende, 81 hungrige und zornige Welt hast du nach lebenslangem Streben unter deine Obhut genommen!

Loménies erste Edikte sind nur Beschwichtigungsmittel: Einführung von Provinzversammlungen »zur gerechten Verteilung der Steuern,« wenn wir überhaupt welche bekommen; Aufhebung der Corvées oder Frohndienste, Erleichterung der Gabelle, durchweg Maßregeln, welche die Notabeln empfohlen und alle fortschrittlich gesinnten Männer schon seit lange laut gefordert hatten: es ist ja bekannt, wie beruhigend Öl auf die wogende See wirkt. Ehe es also Loménie mit großen, durchgreifenden Maßregeln versucht, will er warten, bis sich dieses seltsame »Aufwallen der öffentlichen Meinung« gelegt hat.

Das ist ja gewiß richtig gedacht. Doch wie, wenn wir es mit einem Aufwallen zu thun hätten, das sich nicht legt? Es giebt Anschwellungen, die durch oberirdische Windstöße und Stürme erzeugt werden; – hingegen giebt es auch Anschwellungen, welche, wie einige behaupten, von unterirdisch eingeschlossenen Gasen, ja sogar von innerer Zersetzung und einem Zerfall herrühren, der zur Selbstentzündung geführt hat: wie, wenn gewissermaßen in Übereinstimmung mit der Lehre der Neptuno-Plutonischen Geologie auch unsere sociale Welt in einen ähnlichen Zerfall geraten wäre und jetzt explodieren sollte, um sich dann neu zu bilden? Ein solches Aufwallen, solche Anschwellungen wie die letztgenannten lassen sich freilich nicht mit Öl zur Ruhe bringen. – Der Thor spricht in seinem Herzen: »Warum soll nicht das ›Morgen‹ ebenso wie das ›Gestern‹ oder wie alle Tage sein, die ja auch ein ›Morgen‹ waren?« Der Weise aber, der die moralischen, geistigen und wirtschaftlichen Zustände des damaligen Frankreichs aufmerksam betrachtet, sieht, daß »alle jene Symptome, denen man immer in der Geschichte begegnet« sich durch beschwichtigende Edikte nicht beruhigen lassen.

Doch, mögen sie sich beruhigen lassen oder nicht, Bargeld muß um jeden Preis beschafft werden, und dazu bedarf es einer ganz anderen Art von Edikten, der »Schatz«- oder Finanzedikte. Wie bequem wären diese, wenn man nur die Gewißheit hätte, daß das Parlament von Paris sie »registrieren« werde. Dieses Recht des »Registrierens,« das eigentlich ein bloßes Niederschreiben ist, steht nach altem Brauch dem Parlamente zu, und, obwohl das Parlament nur ein Gerichtshof ist, kann es doch Einspruch erheben und ganz gehörig darum feilschen; daher so viele Streitigkeiten, verzweifelte 82 Maupeou-Gewaltstreiche, Sieg und Niederlage: – ein Streit, der nun schon an die vierzig Jahre währt. Daher sind Finanzedikte, die sonst so einfach wären, zu so schwierigen Problemen geworden. Hätte man nicht z. B. an Calonnes Subvention territoriale, einer allgemeinen, niemand ausnehmenden Grundsteuer einen Notanker für den Fiskus? Oder um nach Möglichkeit zu beweisen, daß man nicht ohne eigenes Finanztalent ist, kann Loménie ein Édit du timbre, eine Stempelsteuer vorschlagen; – sie ist zwar auch entliehen, aber aus Amerika: – möge sie in Frankreich mehr Glück haben als dort.

Frankreich hat seine Hilfsquellen: trotzdem läßt sich nicht leugnen, daß das Parlament ein bedenkliches Aussehen gewinnt. Schon während jener Schlußsymphonie bei der Verabschiedung der Notabeln schlug der Pariser Präsident einen befremdenden Ton an. Adrien Duport erwacht bei dieser allgemeinen Aufregung aus seinem magnetischen Schlaf und droht sich zu einem übernatürlichen Wachen aufzuraffen. Oberflächlicher, aber um so lärmender ist der magnetische d'Espréménil mit seiner tropischen Gluthitze (er ist in Madras geboren) und seiner unklaren, verworrenen Leidenschaftlichkeit: eine Mischung von »Erleuchtung,« tierischem Magnetismus, öffentlicher Meinung, Adam Weishaupt, Harmodius und Aristogiton, kurz ein verworrener Gewaltmensch, von dem nichts Gutes kommen kann. Die Gärung hat selbst die Großen des Reiches ergriffen. Unsere Pairs haben zu oft ihre Hofkleider, Spitzen und Perücken abgelegt, sie gehen in englischen Kostümen herum und reiten, sich in den Steigbügeln hebend, auf die ungestümste Weise: nichts als Insubordination, Freiheitswahnsinn, verworrene, schrankenlose Opposition in ihren Köpfen. Das sieht bedenklich aus, und man könnte sich kaum hervorwagen, selbst wenn man einen Fortunatussäckel hätte. Loménie hat aber den ganzen Juni zugewartet und seinen ganzen Vorrat an Öl auf die erregten Wogen ausgegossen; jetzt muß er mit den beiden Finanzedikten heraus, es gehe, wie es wolle. Am 6. Juli legt er dem Parlament von Paris seine beantragte Stempel- und Grundsteuer vor, und, als wollte er mit seinem eigenen Bein und nicht mit dem entlehnten Calonnebein den ersten Schritt thun, führt er die Stempelsteuer zuerst ins Treffen.

Ach, das Parlament will nicht registrieren! Statt eines Etats der Ausgaben fordert es einen Etat der beabsichtigten Ersparungen; – Etats genug! deren Vorlage aber Seine Majestät verweigern zu müssen glaubt. Es folgen Debatten 83 voll patriotischer Beredsamkeit; die Pairs werden einberufen. Beginnt der nemeische Löwe seine Mähne zu sträuben? Fürwahr, es ist ein Zweikampf, dem Frankreich und die ganze Welt mit Gebeten oder wenigstens mit Neugier und Wetten zuschauen dürften. Eine neue Erregung erfaßt Paris. In den äußeren Höfen des Palais de Justice herrscht ein ungewöhnliches Gewoge von Kommenden und Gehenden; das mächtige Summen draußen vermischt sich mit den lauten Klängen patriotischer Beredsamkeit drinnen und verleiht ihnen Nachdruck und Kraft. Mit Unbehagen sieht der arme Loménie aus der Ferne zu, während seine geheimen Emissäre unermüdlich, aber erfolglos hin und her fliegen.

In elektrischer Spannung vergehen die schwülen Hundstage und der ganze Monat Juli. Und noch immer ertönt im Sanktuarium der Gerechtigkeit nichts anderes als die vom Gesumme des herandrängenden Paris begleitete Harmodius-Aristogitonische Beredsamkeit; es wird weder registriert noch werden Etats vorgelegt. »Etats,« ruft ein lebhaftes Parlamentsmitglied, »meine Herren, die Etats, die uns gewährt werden sollten, sind nach meiner Ansicht die États Généraux, die Generalstände.« Lautes, beifälliges Lachen folgt diesem zu rechter Zeit gefallenen Witzwort. Welch ein Wort fällt da im Palais de Justice. Der alte d'Ormesson, des Excontroleurs Onkel, lacht nicht, sondern schüttelt bedenklich sein kluges Haupt; aber die äußeren Höfe und Paris und ganz Frankreich fangen den willkommenen Laut begierig auf, wiederholen ihn und werden ihn so lange wiederholen und wiederhallen lassen, bis er zu einem betäubenden Lärm anschwillt. So viel steht fest, an ein Registrieren ist hier nicht zu denken.

Ein Sprichwort sagt: »Gegen alles giebt es ein Mittel, nur nicht gegen den Tod.« Wenn nun ein Parlament die Registrierung verweigert, so ist, wie jedermann aus Erfahrung weiß, das beste Gegenmittel ein Lit de Justice. Das Parlament hat einen vollen Monat mit müßigen Reden, mit Lärmen und Wutausbrüchen verloren, aber das Édit du timbre ist noch nicht registriert und wird allem Anscheine nach auch nicht registriert werden, und von der Subvention ist noch nicht einmal die Rede gewesen. So laßt denn am 6. August die ganze widerspenstige Versammlung zu Wagen nach dem königlichen Schloß von Versailles rollen! Dort soll der König sein Lit de Justice halten und mit seinem eigenen königlichen Munde den Befehl zum Registrieren erteilen. Mögen sie auch dort leisen Tones Gegenvorstellungen erheben, 84 gehorchen müssen sie doch, sonst könnte ihnen vielleicht etwas Ungeahntes und noch Schlimmeres widerfahren.

Es ist geschehen: das Parlament hat der königlichen Aufforderung Folge geleistet, ist hinausgerollt und hat des Königs ausdrücklichen Befehl zu registrieren vernommen; dann rollt es unter dem Schweigen der erwartungsvoll harrenden Menge wieder zurück. Und sieh! da es am nächsten Morgen wieder in seinem eigenen Palaste tagt, während sich die Menge in den äußeren Höfen drängt, registriert es nicht nur nicht, sondern erklärt (o schlimmes Zeichen!) alles am vorhergehenden Tage Geschehene für null und nichtig und das Lit de Justice selbst für eine bloße Form. Das ist wahrhaftig ein neuer Zug in der Geschichte Frankreichs. Ja noch mehr, unser heldenmütiges Parlament ist plötzlich über manches aufgeklärt und erklärt sich seinerseits für durchaus inkompetent, Steueredikte zu registrieren; nur infolge eines Rechtsirrtums habe es dies in den letzten Jahrhunderten gethan, während es für diesen Akt nur eine einzige kompetente Autorität gebe: die Versammlung der drei Stände des Königreiches!

So sehr kann der Geist, der eine ganze Nation beherrscht, selbst die abgeschlossenste Körperschaft durchdringen, oder sagen wir vielmehr, zu solchen mörderischen und selbstmörderischen Waffen können Körperschaften in der Erbitterung des politischen Zweikampfes greifen. Haben wir es nicht mit dem echten und rechten Kampf eines blutigen Krieges, eines brudermörderischen Zweikampfes zu thun, in dem Grieche gegen Griechen kämpft, mit einem Schauspiel, das auch die daran unbeteiligte Menschheit mit der allergrößten Teilnahme verfolgt? Menschenmassen überschwemmen, wie gesagt, die äußeren Höfe: eine Überschwemmung von jungen, freiheitstollen Adeligen in englischen Kostümen, die verwegene Reden halten; von Anwälten und Parlamentsschreibern, die in diesen Tagen nichts zu thun haben; von Müßiggängern, Neuigkeitskrämern und anderen Leuten ohne Beruf, die da lärmend auf und ab wogen. »An die drei oder viertausend Menschen« warten hier mit Spannung auf die Beschlüsse, die drinnen gefaßt werden; laute Bravorufe erschallen, und sechs bis achttausend Hände klatschen Beifall! Süß ist auch der Lohn der patriotischen Beredsamkeit, den euer d'Espréménil, euer Fréteau oder Sabatier ernten, wenn der Donner des Tages verhallt und sie ihren demosthenischen Olymp verlassen: aus viertausend Kehlen schallt ihnen bei ihrem Erscheinen in den äußeren Höfen ein jubelnder Gruß entgegen, sie werden »unter 85 Segenswünschen« auf die Schultern gehoben und nach Hause getragen, und ihre hochragenden Häupter berühren die Sterne!

 

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