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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 159
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.
Finis.

Homers Epos, wird gesagt, ist wie ein Basrelief, es schließt nicht ab, sondern hört nur auf. So ist's wirklich auch mit dem Epos der Weltgeschichte. Nach diesen letzten Ereignissen sind Direktorate, Konsulate, Kaiserreiche, Restaurationen, Bürgerkönigreiche gefolgt in gehöriger Reihenfolge, in gehöriger Entwicklung, eines aus dem anderen. Nichtsdestoweniger kann man sagen, daß die Stammmutter der ganzen Reihe dies war, was da eben in die Luft geht. Auch eine »Baboeuf-Insurrektion« im nächsten Jahr wird in der Geburt sterben, vom Militär erstickt. Ein royalistisch angehauchter Senat kann vom Militär gesäubert und ein achtzehnter Fruktidor durch das bloße Zeigen von Bajonetten vollzogen werden.Moniteur du 4 Septembre 1797. Ja, Soldatenbajonette können auch a posteriori gegen einen Senat gebraucht werden, und ihn veranlassen, aus dem Fenster zu springen, auch ganz auf unblutige Weise, und so können sie einen achtzehnten Brumaire zu stande bringen.9. November 1799 (Choix des rapports, XVII, 1-96. Solche Wechsel müssen sich ereignen, aber sie werden durch Intriguen, Kabalen und dann durch ordnungsgemäßes Kommandowort ausgeführt, beinahe wie bloße Ministerwechsel. Im allgemeinen nicht durch das »heilige Recht der Insurrektion,« sondern durch mildere und immer milder werdende Methoden werden von nun an die Ereignisse der französischen Geschichte sich vollziehen.

Es wird allgemein zugegeben, daß dieses Direktorat, das bei seinem Anfang drei Dinge, »einen alten Tisch, einen 475 Bogen Papier und ein Tintenfaß« und keine wahrnehmbaren Geldmittel oder irgend eine andere Beihilfe besaß,Bailleul Examen critique des Considération de Mad. de Staël, II, 275. Wunder verrichtete. Frankreich ist, seitdem der Schrecken sich beruhigt hat, ein neues Frankreich geworden. Wie ein Riese ist es aus Betäubung erwacht und in seinem innern Leben beständig vorwärts gegangen. Was die äußere Form und Formen des Lebens betrifft, was können wir anderes sagen, als: Stärke kommt aus dem Fresser, und aus dem Unweisen kommt keine Weisheit. Lügen sind verbrannt, ja, was bis jetzt eine Eigentümlichkeit Frankreichs ist, sogar der Schein der Lügen ist verbrannt. Die neuen Wirklichkeiten sind noch nicht gekommen, ach nein, nur Phantasmen, Papiergebilde, versuchsartige Probebilder voll Wirklichkeiten. In Frankreich giebt es jetzt vier Millionen Grundbesitzer; jenes schwarze Wahrzeichen eines Agrargesetzes ist gleichsam realisiert. Was noch seltsamer erscheint, ist, daß alle Franzosen »das Recht sich zu duellieren« haben, der Lohnkutscher mit dem Pair, wenn Beleidigung vorgefallen ist; so will's das Gesetz der öffentlichen Meinung. Gleichheit wenigstens im Tode. Die Regierungsform ist die Monarchie unter einem Bürgerkönig, der oft beschossen wird, noch nicht erschossen ist.

Im ganzen darum, ist nicht erfüllt worden, was vom Erzcharlatan Cagliostro oder einem andern, ex postfacto zwar, prophezeit wurde? Als er in verzücktem Schauen und Staunen hineinblickte in diese Dinge, da sprach er also:Diamanten-Halsband (Carlyles Miscellanies, vol. III.) »Ha, was ist dies! Engel, Uriel, Anachiel und ihr andern fünf, Pentagon der Wiederverjüngung, Kraft, die du die Erbsünde zerstörst, Erde, Himmel und du äußerer Limbus, den die Menschen Hölle nennen! Wankt das Reich der Lüge? Brechen dort, in Sternenglanz aufflammend, Lichtstrahlen hervor aus seinen dunkeln Gründen; wie es schwankt und sich aufbäumt, nicht in Geburts- sondern in Todesnöten? Ja, Lichtstrahlen, durchdringend, klar, die den Himmel grüßen, – seht, sie entzünden es, ihre Sternenklarheit wird wie rotes Höllenfeuer!

Die Lüge steht in Flammen, die Lüge ist verbrannt, ein einziges rotes Feuermeer umhüllt die Welt, wildbrausend, leckt mit seiner Feuerzunge selbst an den Sternen. Throne werden hineingeschleudert, Mitren und Pfründen, die von Fett träufeln, und – ha, was sehe ich? – alle Equipagen 476 der Welt, alle, alle! Wehe mir! Nie, seit Pharaos Wagen in dem roten Wassermeere, war eine solche Vernichtung von Wagen wie diese im Feuermeer. Verwüstet, als Asche und Rauch werden sie im Winde wandern.

Höher, höher noch flammt das Feuermeer, prasselnd von neuem berstenden Holzwerk, zischend von Leder und Polster. Die metallenen Bilder sind zerschmolzen, die Marmorbilder Marmorkalk geworden, es zerplatzen die Steinberge mit dumpfem Krachen. Die Respektabilität mit all ihren gesammelten Equipagen auf Scheiterhaufen verbrannt, verläßt klagend die Erde, um nicht zurückzukehren, als unter neuer Fleischwerdung. Die Lüge, wie sie brennt, durch Generationen; wie sie verbrannt ist – für eine Weile. Die Welt ist schwarze Asche, die, ach, wann wieder grün werden wird? Die Bilder alle verwandeln sich in gestaltloses Erz, alle Menschenwohnungen sind zerstört, sogar die Berge zerschiefert und zerspalten, die Thäler schwarz und tot. Es ist eine leere Welt! Wehe denen, die dann geboren werden! – – Ein König, eine Königin, ach, ward hineingeschleudert, sie prasselten einmal, flogen empor, knisternd wie Papierrollen. Ischarioth Égalité ward hineingeschleudert, du grimmer de Launay mit deiner grimmen Bastille, ganze Geschlechter und Völker, fünf Millionen sich gegenseitig mordender Menschen. Denn es ist das Ende des Reiches der Lüge (das Finsternis ist und dunkler Feuerdampf) und Verbrennung aller Wagen der Erde mit unauslöschlichem Feuer.« Diese Prophezeihung, hat sie, fragen wir, sich nicht erfüllt, erfüllt sie sich nicht noch jetzt?

Und so ist hier, o Leser, die Zeit gekommen für uns beide, von einander zu scheiden. Mühsam war unsere gemeinsame Wanderung, nicht ohne Ärgernis, aber sie ist vollendet. Für mich warst du wie ein geliebter Schatten, wie der entkörperte oder noch nicht verkörperte Geist eines Bruders. Für dich war ich nur eine Stimme. Dennoch war unsere Beziehung eine Art von heiliger Beziehung, daran zweifle nicht! Denn wie auch einst heilige Dinge leeres Geplapper werden mögen, solange die Stimme des Menschen spricht mit dem Menschen, hast du da nicht die lebende Quelle, woraus alles Heilige entsprang und noch entspringen wird? Der Mensch kann, seiner Natur nach, gar wohl bezeichnet werden als »ein fleischgewordenes Wort.« Übel stände es mit mir, wenn ich falsch gesprochen hätte; deine Aufgabe war es, auch wahr zu hören. Lebewohl!

 

 

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