Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Thomas Carlyle >

Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 158
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel.
Kartätschenfeuer.

In der That, was für ein nachsansculottischer Übergangszustand könnte natürlicher, man darf sagen unvermeidlicher sein, als gerade dieser? Die verworrenen Trümmer einer Republik der Armut, die in einer Schreckensherrschaft endete, sie ordnen sich so gut sie können, und da das Evangelium Jean Jacques und die meisten anderen Evangelien unglaublich werden, was bleibt da übrig, als zurückzukehren zum alten Evangelium des Mammons? Der Contrat social mag wahr oder unwahr sein, Brüderlichkeit ist Brüderlichkeit oder Tod, aber Geld wird immer Geldes Wert kaufen; und im Schiffbruch menschlicher Zweifel bleibt das unzweifelhaft, daß Vergnügen vergnüglich ist. Die Aristokratie der Feudalpergamente ist dahin gegangen mit einem mächtigen Sturze, und nun gelangen wir nach dem natürlichen Lauf der Dinge zu einer Aristokratie des Geldsackes. Es ist der Kurs, den alle europäischen Gesellschaften zur Stunde nehmen. Dem Anschein nach ist's eine noch niedrigere Sorte von Aristokratie? Eine unendlich viel niedrigere, die niedrigste bis jetzt bekannte.

Wobei indes der Vorzug vorhanden ist, daß sie, wie die Anarchie selbst, nicht bestehen kann. Hast du bedacht, daß der Gedanke stärker ist als Artillerieparks, und daß er (wäre es auch fünfzig Jahre nach Tod und Martyrium, ja zweitausend Jahre) Parlamentsbeschlüsse schafft und vernichtet, Berge versetzt, die Welt umformt, wie weichen Thon? Und hast du bedacht, daß ein Gedanke, wert dieses Namens, seinen Ursprung in der Liebe hat, und daß es niemals einen weisen Kopf gab, wo nicht zuvor schon ein großes Herz vorhanden war? Der Himmel läßt nicht nach in seiner Güte, er sendet uns große Herzen in jeder Generation. Und nun, welches große Herz könnte glauben oder sich zum Glauben verleiten lassen, daß Treue gegenüber dem Geldbeutel eine edle Treue sei? Mammon, ruft das große Herz aller Zeiten und Länder, ist die niedrigste der bekannten Gottheiten, ja aller bekannten Teufel. Was ist Glorreiches in ihm, das ihr anbeten solltet? 469 Nichts Glorreiches ist in ihm zu erkennen, nicht einmal Schrecken, höchstenfalls Verabscheuungswürdigkeit in der schlechten Gesellschaft der Verächtlichkeit; – Große Herzen, die auf der einen Seite weitverbreitetes, außen und innen verdüstertes und seine anderthalb Unzen Brot mit Thränen benetzendes Elend sehen, und auf der anderen Seite nichts als Bälle in fleischfarbenen Unterhosen und ähnlichem hohlen widrigen Flitter, können nur ausrufen: Zu viel, o göttlicher Mammon, etwas zu viel. – Wird die Stimme dieser Herzen erst einmal laut, so trägt sie das fiat und pereat in sich für alle Dinge hienieden.

Indessen wollen wir die Anarchie hassen wie den Tod, mit dem sie ja gleichbedeutend ist, und schlimmere Dinge als Anarchie sollen noch mehr gehaßt werden. Sicherlich, nur der Friede ist fruchtbar. Anarchie ist Zerstörung, ein Verbrennen sozusagen von Lügen und Unerträglichkeiten, das aber eine Leere zurückläßt. Aus einer Welt von Thoren, auch dies wisse man, kann nur Thorheit hervorgehen. Ordnet sie, gebt ihnen Konstitutionen, siebt sie durch Wahlurnen wie ihr wollt, sie sind und bleiben doch dieselben Thoren, – die neue Beute neuer Charlatane und unreiner Dinge, und das Ende kaum besser als der Anfang. Wer kann aus Thoren Weisheit herausquetschen? Niemand. Und da Leere und ein allgemeines Abschaffen in Frankreich Platz gegriffen haben, was hätte da Anarchie mehr zu thun? Darum laßt Ordnung werden, und wäre es Ordnung unter des Soldaten Schwert; laßt Friede werden, damit die Güte des Himmels nicht verloren gehe, damit, was er uns von Weisheit sendet, Früchte trage zu seiner Zeit! – Es bleibt noch übrig zu sehen, wie die Unterdrücker des Sansculottismus selber unterdrückt wurden, und »das heilige Recht des Aufstandes« durch Kanonenpulver weggeblasen ward. Womit dann diese merkwürdig ereignißvolle Geschichte dessen, was man die französische Revolution nennt, endet.

Der Konvent, der seit drei Jahren infolge von wilden Winden, wilden Fluten und Steuern und Nichtsteuern einen solchen Kurs hatte, ist seiner eigenen Existenz müde geworden, sieht die ganze Welt seiner müde und wünscht von Herzen zu enden. Bis zum letzten Augenblick muß er mit Widersprüchen kämpfen, er bringt schnell eine Konstitution zu stande, weiß aber nichts von Frieden. Sieyès, sagen wir, macht noch einmal die Konstitution, hat sie so gut wie gemacht. Durch Erfahrung gewarnt, ändert der große Architekt vieles, 470 läßt vieles zu: Unterschied von aktiven und passiven Bürgern, das heißt, Berücksichtigung des Vermögens bei den Wählern; ja sogar zwei Kammern, den »Rat der Alten« wie auch einen »Rat der Fünfhundert« – dahin ist man also doch gekommen! In gleichem Geiste vermeidet man jenes fatale selbstverleugnende Gesetz der alten Konstituants und bestimmt nicht nur die Wiederwählbarkeit von Konventmitgliedern, sondern daß zwei Drittel wiedergewählt werden müssen. Die aktiven Wähler sollen diesmal nur freie Wahl haben für ein Drittel ihrer Nationalversammlung. Diese Bestimmung, daß zwei Drittel wiedergewählt sein müssen, hängt man der Konstitution an und legt sie den Gemeinden Frankreichs zur Annahme vor, sagend: Nehmt entweder beides an oder verwerft beides. So unschmackhaft der Zusatz sein mag, so nehmen doch die Gemeinden mit überwältigender Mehrheit an. Mit einem Direktorium von Fünfen, mit zwei rechten Kammern, deren doppelte Majorität wir selber ernennen, hofft man, daß diese Konstitution sich als endgiltig erweisen werde. Marschieren wird sie, denn ihre Beine, die wiedergewählten zwei Drittel, sind schon da und imstande zu gehen. Sieyès blickt mit gerechtem Stolz auf sein Papiergebäude.

Aber seht jetzt, wie die widersetzlichen Sektionen, Lepelletier voran, sich gegen die Zügel wehren! Ist das nicht ein offenbarer Eingriff in das Wahlrecht, in die Menschenrechte und die Volkssouveränetät, dieser Zusatz, daß euere zwei Drittel wiedergewählt sein sollen? Gierige Tyrannen, ihr möchtet euch auf ewig festsetzen! – Die Wahrheit ist, der Sieg über Saint-Antoine und das langewährende »Recht der Insurrektion« hat diese Leute verwöhnt, hat alle Leute verwöhnt. Man bedenke auch, wie es jedem frei stand zu hoffen, was er wollte, und jetzt soll da keine Hoffnung sein, sondern Genuß, Genuß von diesem!

Welche verworrenen Gärungen müssen entstehen in solchen vom langgeduldeten »Recht der Insurrektion« verwöhnten Leuten, sobald erst einmal die Zungen in Bewegung geraten! Journalisten, die Lacretelles. Laharpes, eifern, Redner speien Feuer. Royalismus und Jakobinismus sind dabei erkennbar. An der westlichen Grenze verhandelt Pichegru, der nur nicht weiß ob seiner Armee zu trauen, in tiefstem Geheimnis mit Condé: in den Sektionen deklamieren Wölfe in Schafspelzen, verkappte Emigranten und Royalisten.Napoleon, Las Cases (in Choix des Rapports, XVII, 398-411. Alle, wie gesagt, 471 hatten gehofft, daß die Wahl etwas für ihre Parteiseite bringen werde, und nun giebt es keine Wahl oder doch nur das Drittel einer Wahl. Schwarz vereinigt sich mit weiß gegen diese Klausel der zwei Drittel, alle Unruhigen von Frankreich, die sich ihr Handwerk dadurch gelegt sehen.

Die Sektion Lepelletier findet, nachdem sie genug Adressen verfaßt hat, daß eine solche Klausel ein offenbarer Eingriff ist, daß, was die Sektion Lepelletier betrifft, sie einfach sich nicht fügen will. Sie ladet alle andern freien Sektionen ein, sich mit ihr zu vereinigen »in einem Zentralkomitee, zum Widerstande gegen Unterdrückung.Deux Amis, XIII, 375-406. Beinahe alle Sektionen schließen sich an, sind stark mit ihren vierzigtausend kampffähigen Männern. Der Konvent mag sich daher vorsehen! Am 12. Vendémiaire, dem 4. Oktober 1795, sitzt die Sektion Lepelletier in ihrem Kloster Filles Saint Thomas, in offener Widersetzlichkeit, mit schußbereiten Gewehren. Der Konvent hat etwa fünftausend reguläre Truppen zur Hand, Generale in Menge und bei fünfzehnhundert gemischte, verfolgte Ultrajakobiner, die er in dieser Krise schleunigst zusammengerafft und bewaffnet hat unter dem Namen Patrioten von Neunundachtzig. Stark im Rechte schickt er seinen General Menou, Lepelletier zu entwaffnen.

General Menou marschiert demnach mit gehöriger Aufforderung und Demonstration. Ohne Resultat. General Menou findet um acht Uhr am Abend, daß er vergeblich in der Rue Vivienne steht und Aufforderungen erläßt, während aus allen Fenstern schußbereite Gewehre auf ihn gerichtet sind; und findet, daß er es nicht vermag, Lepelletier zu entwaffnen. Er muß zurückkehren, mit ganzer Haut aber ohne Erfolg und sich als »Verräter« ins Gefängnis werfen lassen. Worauf die ganzen Vierzigtausend sich mit dieser Sektion Lepelletier vereinigen, die nicht besiegt werden kann. Wohin soll sich da der zitternde Konvent wenden? Unser armer Konvent, nach solchen Fahrten, gerade beim Eingang in den Hafen ist er, sozusagen, auf eine Sandbank geraten, – und arbeiten da schrecklich, von Wellen umtobt, ihrer Vierzigtausend, die höchstwahrscheinlich ihn und seine Sieyès-Ladung und Frankreichs ganze Zukunft in die Tiefe waschen werden. Ein letztes Mal noch kämpft er, gewärtig unterzugehen.

Einige verlangen, daß Barras zum Kommandanten gemacht werde, der im Thermidor siegte. Andere denken an 472 den Bürger Buonaparte, den unbeschäftigten Artillerieoffizier, der Toulon einnahm, und dies dürfte eher dem Zwecke dienen. Der ist ein Mann von Kopf, ein Mann der That. Barras wird zum Kommandantenmantel, dieser junge Artillerieoffizier zum Kommandanten ernannt. Er war gerade auf der Galerie und hörte es, zog sich eine halbe Stunde zurück, um mit sich zu Rate zu gehen, und nach einer halben Stunde grimmig ernsten Überlegens, ob sein oder nicht sein, antwortet er: Ja.

Und nun, da ein Mann von Kopf im Mittelpunkte steht, bekommt die ganze Sache Leben. Schnell, nach dem Lager von Sablons, um sich der Artillerie zu versichern; nicht zwanzig Mann bewachen sie! Ein schneller Adjutant, Murat ist sein Name, goloppiert, kommt hin gerade noch einige Minuten zur Zeit, denn auch Lepelletier war auf dem Marsche dorthin; die Kanonen sind unser. Und nun besetzt diesen Punkt und besetzt jenen, schnell und entschieden, beim Gitterpförtchen des Louvre, im Cul-de-sac Dauphin, in der Rue Saint-Honoré, vom Pont-Neuf an allen nördlichen Quais entlang, bis südlich zum Pont ci-devant Royal; es schart sich um das Heiligtum der Tuilerien ein Ring von eiserner Disziplin, jeder Kanonier mit brennender Lunte und jeder Mann bei den Waffen!

Dabei ist permanente Sitzung die ganze Nacht und wieder ist beim Sonnenaufgang der »heilige Aufstand« zu sehen. Das Staatsschiff ringt auf seiner Sandbank, rundherum wogendes Meer, Generalmarsch schlagend, waffnend und tobend, – nicht Sturm läutend, denn wir haben keine Sturmglocken mehr außer unserer einen im Pavillon de l'Unité. Es ist der bevorstehende Schiffbruch, worauf da die ganze Welt blicken kann. Fürchterlich ringt das arme Schiff, eine Kabellänge vom Hafen, in höchster Gefahr. Indessen, es hat einen Mann am Ruder. Insurgentenbotschaften werden angenommen und nicht angenommen, ein Bote mit verbundenen Augen zugelassen, Beratung und wieder Beratung gepflegt, das arme Schiff ringt und kämpft! – Es ist der 13. Vendémiaire des Jahres 4; merkwürdig genug, von allen Tagen des Jahres ist es gerade der 5. Oktober, der Jahrestag des Mänadenmarsches vor sechs Jahren. So weit sind wir durch's »heilige Recht der Insurrektion« gelangt.

Lepelletier hat sich der Kirche Saint Roch bemächtigt, den Pont-Neuf besetzt, da unser Piquet dort zurückwich ohne Feuer. Einzelne Schüsse fallen von Lepelletier, rasseln sogar bis an 473 die Treppe der Tuilerien. Andrerseits treten Weiber mit fliegenden Haaren hervor und schreien: Frieden. Lepelletier schwenkt hinter ihnen die Hüte zum Zeichen, daß wir mit ihnen fraternisieren sollen. Bleibt fest! Der Artillerieoffizier ist fest wie Erz; kann, wenn es sein muß, auch schnell wie der Blitz sein. Er sendet achthundert Musketen mit Kugelpatronen an den Konvent selbst: Die ehrenwerten Mitglieder möchten dieselben im äußersten Notfalle gebrauchen. Darüber werden die Blicke ernst genug. Vier Uhr am Nachmittag hat es geschlagen.Moniteur, Séance du 5 Octobre 1795. Die Sektion Lepelletier, die weder durch Boten, noch durch Fraternisierungsvorschläge oder Hutschwenken etwas ausrichtet, bricht hervor längs des südlichen Quais Voltaire, aus Straßen und Gassen, mit dreifacher Geschwindigkeit, zu einem ungeheuren wirklichen Angriff. Was nun, du eiserner Artillerieoffizier? – »Feuer!« sagen die eisernen Lippen. Und Brüllen und Donnern, Brüllen und wieder Brüllen, beständig, vulkanartig, ertönt, er donnert seine große Kanone im Cul-de-sac Dauphin gegen die Kirche Saint-Roch, es donnern seine großen Kanonen auf dem Pont Royal, es donnern all seine großen Kanonen – zerschmettern gegen zweihundert Menschen, hauptsächlich bei der Kirche Saint-Roch. Lepelletier kann solchem Grobgeschütz nicht stand halten, keine Sektion kann es, die Vierzigtausend weichen auf allen Seiten, eilen, sich in Sicherheit zu bringen. »Einige Hunderte oder so sammelten sich am Théâtre de la République, aber,« sagt Napoléon, »einige Bomben vertrieben sie.«

Das Schiff ist über die Sandbank also, frei segelt es ans Ufer, – unter Jubel und Vivats. Bürger Buonaparte wird »durch Acclamation zum General des Innern ernannt,« die unterdrückten Sektionen haben sich zu entwaffnen, in welcher Stimmung sie mögen, das »heilige Recht des Aufstandes« ist hin für immer. Die Sieyèsche Konstitution kann ans Land gehen und anfangen zu marschieren. Das wunderbare Konventsschiff ist ans Ufer gelangt, – und da ist's, bildlich gesprochen, verwandelt, wie es mit epischen Fabelschiffen zu gehen pflegt, in eine Art Seenymphe; nie wieder wird es segeln, auf dem weiten Himmelsraum der Zeit nur wird es sich herumtreiben, ein Wunder der Geschichte!

»Es ist unrichtig,« sagt Napoleon, »daß wir zuerst blind gefeuert hätten; dies wäre eine Verschwendung von Menschenleben gewesen.« Ja, ganz unrichtig ist's! Nur scharfe und 474 schärfste Schüsse wurden abgefeuert, für jedermann war's klar, daß hier kein Spiel; die Kirche von Saint-Roch zeigt die Spuren davon bis auf diese Stunde. – Merkwürdig ist's, daß zu des alten Broglie Zeiten, vor sechs Jahren, dieses Kartätschenfeuer versprochen war. Aber damals konnte es nicht gegeben werden, konnte damals nichts nützen. Jetzt aber ist die Zeit gekommen dafür, und der Mann, und seht, wir haben es bekommen. Und das Ding, das wir speziell als »Französische Revolution« bezeichnen, wurde dadurch in die Luft geblasen und wurde ein Ding, das war!

 

 << Kapitel 157  Kapitel 159 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.