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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 157
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.
Geröstete Heringe.

So stirbt der Sansculottismus, der Körper des Sansculottismus, oder so verwandelt er sich. Sein zerlumpter pyrrhischer Carmagnoletanz hat sich verwandelt in einen pyrrhischen, in den Tanz der Cabarusbälle. Der Sansculottismus ist tot, ausgelöscht durch neue ismen dieser Art, die seine eigene natürliche Nachkommenschaft waren, und wird begraben von ihr mit solch betäubendem Jubel und mit solcher Disharmonie des Grabgeläutes, daß erst nach etwa einem halben Jahrhundert, so dürfen wir sagen, man anfängt klar zu verstehen, warum er jemals gelebt hat.

Und doch lag eine Bedeutung in ihm. Der Sansculottismus war wirklich lebendig, war eine Neugeburt der Zeit, ja, er lebt noch und ist nicht tot, sondern nur verändert. Seine Seele lebt noch, wirkt noch weit und breit, von einer körperlichen Gestalt übergehend in eine andere weniger ungestaltete, wie es die kluge Zeit mit ihren Neugeburten geschehen läßt, bis er in irgend einer vervollkommneten Gestalt den ganzen Erdkreis umfassen wird. Der weise Mann vermag jetzt überall zu erkennen, daß er auf seine Mannheit, 465 nicht auf den Schein seiner Mannheit bauen muß. Wer in diesen Zeitepochen unseres Europa auf Schein, Formeln, Culottismus, von welcher Art auch immer, baut, baut auf alte Fetzen und Schafhäute, und kann nicht dauern. Was aber den Leib des Sansculottismus betrifft, so ist der tot und begraben, und braucht, wie man hofft, in seiner ersten ungeheuerlichen Gestalt ein Jahrtausend lang nicht wieder zu erscheinen. War er das schrecklichste je von der Zeit geborene Ding? Eines der schrecklichsten. Der nun antijakobinisch gewordene Konvent veröffentlichte in der Absicht, sich zu rechtfertigen und zu befestigen, Listen von dem, was die Schreckensregierung verübt hatte, Listen der guillotinierten Personen. Die Listen, schreit der unzufriedene Abbé Montgaillard, waren nicht vollständig, sie enthalten die Namen von – wie vielen denkt der Leser? Von zweitausend in allem, nur einige weniger. Über viertausend waren es, ruft Montgaillard, so viele wurden guillotiniert, füsiliert, ersäuft, auf schreckliche Weise sonst getötet, darunter waren neunhundert Weiber.Montgaillard, IV, 241. Es ist eine entsetzliche Summe von Menschenleben, Monsieur l'Abbé; hätte man etwa zehnmal so viele auf einem Schlachtfelde gehörig erschießen lassen, so hätte man dafür einen glorreichen Sieg mit Tedeum haben können. Es ist nicht weit vom zweihundertsten Teil der im ganzen siebenjährigen Krieg zu Grunde gegangenen. Entriß nicht durch diesen siebenjährigen Krieg der große Fritz der großen Maria Theresia Schlesien, und rächte sich nicht eine Pompadour, durch Epigramme beleidigt, dafür, daß sie nicht eine Agnes Sorel zu sein vermochte? Der Kopf eines Menschen ist eine merkwürdige, leere, tönende Muschel, Monsieur l'Abbé, und studiert die Kampfhahnzüchterei mit geringem Vorteil.

Wie aber, wenn die Geschichte von einer Nation hörte irgendwo auf diesem Planeten, deren dritter Mensch während dreißig Wochen des Jahres nicht so viel schlechte Kartoffeln hätte, um davon zu leben?Bericht der irischen Armengesetzkommission, 1836. Die Geschichte denkt in diesem Falle, daß Verhungern eben Verhungern ist, daß Verhungern von Geschlecht zu Geschlecht vieles voraussetzen läßt. Die Geschichte wagt sogar zu behaupten, daß der französische Sansculotte von 93, der, aus langem Todesschlafe erweckt, sogleich an die Grenze stürzen und kämpfend sterben konnte für eine unsterbliche Hoffnung auf seine und der Seinen 466 Befreiung, daß der nur der zweitelendeste Mensch war! Hatte denn der irische Sanspotato (ohne Kartoffel) keine Seele? In seiner kalten Nacht war es bitter für ihn, Hungers zu sterben, bitter, seine Kinder Hungers sterben zu sehen. Es war bitter für ihn, als Bettler, Lügner, Schurke zu gelten. Ja, wenn der traurige Grönlandwind der vom Vater auf den Sohn vererbten Not ihn in eine Art Stumpfsinn und dumpfer Gefühllosigkeit hatte erstarren lassen, sodaß er nicht sah, nicht fühlte, – war dies für ein Wesen mit einer Seele eine Linderung, oder lag darin nicht das grausamste Elend von allem?

Solche Dinge gab es, solche Dinge giebt es noch, und sie dauern friedlich und stille fort: – und Sansculottismen folgen ihnen. Wenn die Geschichte durch lange Zeiten zurückblickt auf dieses Frankreich, zurück auf Turgots Zeit zum Beispiel, wo stummes Elend vor den Palast seines Königs hinschwankte und in weiter Ausdehnung von lauter blassen Gesichtern, von Schmutz und Lumpen, hieroglyphisch seine Beschwerdeschrift darstellte, und zur Antwort darauf an einen »neuen vierzig Fuß hohen Galgen« gehängt wurde, – da bekennt sie traurig, daß es keine Periode gab, in der die fünfundzwanzig Millionen Frankreichs im allgemeinen weniger litten, als in derjenigen, die man doch die Schreckenszeit nennt. Aber es waren nicht stumme Millionen, die hier litten, es waren die sprechenden Tausende und Hunderte und die Einzelnen, die schrien und schrieben und die Welt ertönen machten mit ihrem Jammer, wie sie nur konnten und durften. Das ist die große Eigentümlichkeit. Die schrecklichsten Geburten der Zeit sind nie die lauten, denn diese sterben bald, es sind die schweigsamen, die von Jahrhundert zu Jahrhundert leben können. Anarchie, verhaßt wie der Tod, ist der ganzen Natur des Menschen zuwider und muß darum selbst bald sterben.

Deshalb mögen alle Menschen es wissen, welche Tiefen und Höhen sich noch immer im Menschen offenbaren, und mit Furcht und Bewunderung, mit gerechtem Mitgefühl und gerechter Antipathie, mit klarem Auge und offenem Herzen wollen wir es betrachten und uns zu eigen machen, und unzählige Schlüsse daraus ziehen. Unter den ersten Schlüssen zum Beispiel diesen: »Daß, wenn die Götter dieser niederen Welt auf ihren glänzenden Thronen sitzen wollen, träge wie die Götter Epikurs, während das lebende Chaos von Unwissenheit und Hunger unbeachtet zu ihren Füßen sich wälzt, und glatte Schmarotzer predigen: Friede, Friede, wo es keinen 467 Frieden giebt,« daß dann, wie es scheint, das dunkle Chaos sich empören wird; – sich empört hat, und, o Himmel, hat es nicht ihre Häute zu Hosen für sich gegerbt? Damit es keinen zweiten Sansculottismus auf unserer Erde gebe für ein Jahrtausend, so laßt uns wohl beherzigen, was der erste war, und es mögen Reiche und Arme unter uns hingehen und nicht desgleichen thun. – Doch nun zu unserer Geschichte zurück.

Die Muskadinssektionen sind in großer Freude, auf den Cabarusbällen dreht man sich; denn haben wir nicht das nahezu unlösbare Problem der Republik ohne Anarchie gelöst? – Das Gesetz von Brüderlichkeit oder Tod ist dahin, das chimärische bekomme wer bedarf ist zum praktischen halte wer hat geworden. Auf die anarchische Republik der Armut ist die geordnete Republik des Luxus gefolgt, die dauern wird, so lange sie kann.

Auf dem Pont au Chaupe, auf dem Place de Grève, unter langen Wetterdächern sah Mercier an diesen Sommerabenden Arbeiter bei ihrem Mahle. Die auf den Kopf kommende Ration täglichen Brotes ist auf anderthalb Unzen gesunken. »Teller, deren jeder drei geröstete Heringe enthielt, mit zerschnittenen Zwiebeln bestreut, mit etwas Essig angefeuchtet, dazu ein bißchen gekochte Pflaumen und Linsen, die in klarer Brühe schwammen; an diesen frugalen Tafeln, neben denen der Bratrost zischte und der Topf auf einem Feuer zwischen zwei Steinen brodelte, so habe ich sie zu Hunderten gesehen. Sie verzehrten ohne Brot ihr dürftiges Mahl, das bei weitem nicht ausreichte für die Schärfe ihres Appetits und die Weite ihres Magens.«Nouveau Paris, IV, 118. – Das Seinewasser, das reichlich vorbeirauscht, muß das Fehlende ersetzen.

O Mann der harten Arbeit, hast du denn von deinem Kämpfen und Wagen all diese sechs langen Jahre der Insurrektion und der Trübsal hindurch nichts gewonnen? Du verzehrst deinen Hering mit Wasser an diesen herrlichen, rotgoldenen Abenden. O, warum war die Erde so wunderschön, so purpurn erglühend in Morgendämmerung und Zwielicht, wenn des Menschen Verhalten gegen den Menschen sie verwandeln sollte in ein Thal des Mangels, der Thränen? Das Zerstören von Bastillen, das in die Flucht schlagen eines Braunschweig, das Trotzen gegen Fürstlichkeiten und Mächte, 468 gegen Erde und Hölle, alles was du wagtest und erlittest, – war es für eine Republik der Cabarussalons? Geduld, du mußt Geduld haben: noch ist's nicht das Ende.

 

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