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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 155
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.
Löwe nicht tot.

Der Konvent, auf den Wogen des Glückes dem Siege im Auslande zugetragen, und durch den starken Windstrom der öffentlichen Meinung zur Milde und zum Luxus getrieben, eilt schnell vorwärts; es bedarf aller Geschicklichkeit der Piloten, und mehr denn dies bei solcher Schnelligkeit.

Merkwürdig ist es, zu sehen, wie wir wenden und schwenken, und doch immer wieder umschwenken und vom Wind uns treiben lassen müssen. Während wir einerseits die 454 protestierenden Dreiundsiebzig wieder zulassen, so willigen wir andrerseits in die Vollendung von Marats Apotheose ein, holen seinen Körper aus der Cordelierskirche und transportieren ihn ins Pantheon der großen Männer, – indem wir Mirabeau hinauswerfen, um Platz für Marat zu machen. Es war zwecklos, denn stärker weht der Wind der öffentlichen Meinung. Die vergoldete Jünglingschaft mit ihren langen geflochtenen Haaren, reißt Marats Büsten im Theater Feydeau herunter, tritt sie unter die Füße, wirft sie unter Verwünschungen in die Kloake von Montmartre.Moniteur du 25 Septembre 1794, du Février 1795. Weggefegt wird Marats Kapelle vom Karussellplatz, die Kloake von Montmartre wird sogar seinen Staub aufnehmen. Kürzere Vergötterung wurde noch keinem Menschen zu teil. Etwa vier Monate war er im Pantheon, dem Tempel aller Unsterblichen, dann in die Kloake, die große Cloaca von Paris und der Welt! »Seine Büsten beliefen sich zu einer Zeit auf viertausend.« Zwischen dem Tempel aller Unsterblichen und der Cloaca der Welt, ei, wie werden doch die armen menschlichen Kreaturen herumgewirbelt!

Ferner erhebt sich die Frage: Wann wird die Konstitution von dreiundneunzig, von 1793, in Kraft treten? Bedächtige Köpfe vermuten ganz privatim, daß die Konstitution von dreiundneunzig nie in Kraft treten werde. Mögen sie sich an das Geschäft machen, eine bessere zu stande zu bringen.

Oder die Frage: Wo sind nun die Jakobiner? Kinderlos, höchst altersschwach, wie wir sahen, saß die mächtige Mutter da, nicht mit Zähnen, sondern mit zahnlosem Kiefer knirschend gegen einen verräterischen Thermidorkonvent und den Lauf der Dinge. Zweimal wurden Billaud, Collot und Compagnie im Konvent angeklagt von einem Lecointre, einem Legendre, und das zweite Mal wurde die Anklage nicht für »verleumderisch« erklärt. Billaud sagt auf der Jakobinertribüne: »Der Löwe ist nicht tot, er schläft nur.« Man fragt ihn im Konvent, was er mit dem Erwecken des Löwen meine? Und Gezänke im großen Stil entstand im Palais Égalité zwischen tape-durs und der vergoldeten Jugend, Geschrei von »Nieder mit den Jakobinern, den Jacoquins,« und coquins heißt Schurken.

Die bekannte hohe Tribüne gab wohl ein Kampfsignal, doch antwortete ihr nur Schweigen und eine ungewisse Bewegung. Es war in den Regierungskomitees die Rede 455 davon, die Jakobinersitzungen zu »suspendieren.« Horch da! Es ist Allerheiligenzeit oder Allerheiligenabend selbst, im Monat ci-devant November, im Jahre einst Jahr der Gnade 1794 genannt; ein trauriger Abend für den Jakobinismus. Horch! Eine Steinsalve fliegt durch die Fenster unseres Jakobinersitzungssaales, von Scherbenklirren und Geschrei begleitet. Die weiblichen Jakobiner, die berühmten Tricoteuses mit ihren Stricknadeln, fliehen, begegnen an den Thüren der vergoldeten Jugend und »einem Pöbelhaufen von viertausend Personen,« werden angeschrien, verhöhnt, gestoßen, in einer skandalösen Weise gepeitscht, cotillons retroussés – und verschwinden in geradezu hysterischen Krämpfen. Brecht hervor, ihr männlichen Jakobiner! Die männlichen Jakobiner brechen hervor, doch nur um geschlagen zu werden, zu Mißgeschick und Verwirrung. Sodaß die bewaffnete Macht dazwischen treten muß, und morgen wieder dazwischen treten und die Jakobiner-Sitzungen für immer aufheben muß.Moniteur, Séances du 10-12 Nov. 1794. Deux Amis, XIII, 43-49. – Dahin sind die Jakobiner, ins Unsichtbare verschwunden, untergegangen in einem Sturm von Gelächter und höhnischem Geheul. Ihr Klublokal wird zu einer Normalschule gemacht, der ersten ihrer Art; dann verwandelt es sich in einen »Markt des neunten Thermidor,« später in einen Markt von Saint-Honoré, wo nun friedlich gefeilscht wird um Geflügel und Grünzeug. Die feierlichsten Tempel, der große Erdball selbst, welch hinfällige Gebäude sind sie! Sind wir nicht aus demselben Stoff gemacht, wir und diese unsere Welt, woraus Träume gemacht sind?

Da das Maximum abgeschafft worden, so hätte nun der Handel seinen eigenen freien Lauf nehmen sollen. Ach, der Handel, der so gefesselt, in solcher Weise auf den Kopf gestellt war, wie wir sahen, und nun so plötzlich freigelassen wird, kann für den Augenblick überhaupt keinen Lauf nehmen, sondern nur taumeln und schwanken. Es giebt für den Augenblick sozusagen gar keinen Handel. Die Assignaten, die schon lange sanken, da sie in solcher Menge ausgegeben wurden, sie sinken jetzt mit einer Behendigkeit ohnegleichen. »Combien?« sagte jemand zu einem Mietkutscher, »wieviel der Fuhrlohn?« »Sechstausend Livres,« antwortete der, Papiergeld meinend.Mercier, II, 94. (»1. Februar 1796: An der Börse von Paris kostet der Goldlouisdor« von 20 Franken in Silber »5300 Franken in Assignaten.« (Montgaillard, IV, 419). Da der Druck des Maximums verschwindet, 456 so schwinden auch die Lebensmittel, auf die es drückte. »Zwei Unzen Brot den Tag,« sie sind das zugeteilte Maß; lang, voll Jammer sind die Bäckerqueues, die Häuser der Bauern sind zu Leihhäusern geworden.

Man kann sich vorstellen unter diesen Umständen, in welcher Laune der Sansculottismus in seinen Bart brummte: »La Cabarus,« und wie er die Ci-devants betrachtete, die vom Tanzen heimkehrten, den Thermidorglanz der Neucivilisation, und die Bälle in fleischfarbenen Unterhosen. Griechische Tuniken und Sandalen, Heere von Muscadins, die da paradieren mit ihren bleigefüllten Keulenstöcken – und wir hier, ausgestoßen, verabscheut, »Abfall von der Straße auflesend,«Fantin Desodoards Histoire de la Révolution. VII, c. 4. im Bäckerqueue stehend für unsere zwei Unzen Brot den Tag. Will der Jakobiner-Löwe nicht erwachen, der heimlich Versammlung hält, wie man sagt, »in der Archevêché im bonnet rouge mit geladenen Pistolen?« Wie es scheint, nicht. Unser Collot, unser Billaud, Barrère, Vadier werden in diesen letzten Tagen des März 1795 der Deportation wert erachtet, der überseeischen Verbannung, und sollen für den Augenblick nach dem Schlosse Ham abgeschoben werden. Der Löwe ist tot, – oder sich windend im Todeskampf!

Seht darum am sogenannten 12. Germinal (der auch 1. April genannt wird, kein glücklicher Tag), wie sind wieder einmal die Straßen von Paris so lebhaft! Ströme hungriger Weiber, schmutziger, hungriger Männer rufen: »Brot, Brot, und die Konstitution von dreiundneunzig!« Paris hat sich wieder einmal erhoben wie die Meeresflut, wogt nach den Tuilerien wegen Brot und einer Konstitution. Die Tuilerienwachen thun ihr Möglichstes, doch vergeblich: die Meeresflut schwemmt sie weg, überschwemmt den Konventssaal selbst. heulend: »Brot und die Konstitution!«

Unglückliche Senatoren, unglückliches Volk, nach allem Mühen und Streiten giebt es noch immer kein Brot, keine Konstitution. »Du pain, pas tant de longs discours, Brot, keine so langen Reden.« so jammerten die Mänaden Maillards vor fünf Jahren, so jammert ihr bis auf diese Stunde. Der Konvent bleibt sitzen mit unbeweglicher Miene, mit was für Gedanken weiß man nicht, inmitten des heulenden Chaos; er läutet seine Sturmglocke vom Pavillon de l'Unité. Die Sektion Lepelletier, von den alten Filles-Saint-Thomas, die zur Geld wechselnden Gattung gehört, diese und die 457 vergoldete Jugend kommen zu Hilfe, fegen mit gefällten Bajonetten das Chaos wieder hinaus. Paris wird »in Belagerungszustand« erklärt. Pichegru, der Eroberer von Holland, der zufällig hier ist, wird zum Kommandanten ernannt bis zur Bewältigung der Unruhen. Er bewältigt sie sozusagen in einem Tage. Er vollzieht die Fortschaffung von Billaud, Collot und Compagnie, zerstreut allen Widerstand »durch zwei Kanonenschüsse,« blinde Kanonenschüsse und den Schrecken seines Namens, und darauf legt er sein Kommando nieder, indem er mit nachahmenswerter lakonischer Kürze meldet: »Repräsentanten, eure Beschlüsse sind vollzogen.«Moniteur, Séance du 13 Germinal (2. April) 1795.

Diese Revolte vom Germinal ist daher vorübergegangen wie ein vergeblicher Notruf. Die Gefangenen sind sicher in Ham, auf Schiffe wartend, bei neunhundert »Hauptterroristen von Paris« sind entwaffnet. Der Sansculottismus, den man mit Bajonetten weggefegt hat, ist mit seinem Elend in die Tiefen von Saint-Antoine und Saint-Marceau verschwunden. – Es gab eine Zeit, wo der Thürsteher Maillard mit seinen Mänaden den Gang der Gesetzgebung zu ändern vermochte, aber solche Zeit ist's jetzt nicht. Die Gesetzgebung scheint Bajonette bekommen zu haben, die Sektion Lepelletier nimmt ihre Gewehre zur Hand, doch nicht für uns Sansculotten! Wir ziehen uns in unsere dunkeln Schlupfwinkel zurück, unser Hungerschrei wird ein Komplott Pitts genannt, die Salons funkeln, die fleischfarbenen Unterhosen tanzen weiter. Also für »die Cabarus,« und für ihre Muscadins und Geldwechsler haben wir gekämpft? Also für Bälle in fleischfarbenen Unterhosen haben wir den Feudalismus beim Bart gepackt und haben gewagt und gethan und unser Blut wie Wasser vergossen? Beredtes Schweigen, gieb du ihnen Lob!

 

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