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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 151
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.
»Scélérat, fahre zur Hölle!«

Talliens Augen strahlten freudig, am nächsten Morgen, dem 9. Thermidor, »gegen neun Uhr«, als er sah, daß der Konvent wirklich versammelt war. Paris ist in Aufruhr, aber wenigstens sind wir beisammen, in gesetzlicher Konventssitzung, sind nicht einzeln weggeschnappt oder an der Thür abgeführt worden. »Allons, wackere Männer von der Ebene« (ehemals Sumpffrösche genannt), rief Tallien mit einem Händedruck, als er eintrat, und Saint Justs sonore Stimme von der Tribüne herunter hörbar wurde und das Spiel der Spiele begann.

Saint Just liest wahrhaftig seinen Bericht; grüne Rache, in der Gestalt Robespierres, wacht in der Nähe. Aber seht, Saint Just hat erst einige Sätze gelesen, als Unterbrechung erfolgt, in schnellem Crescendo, als Tallien aufspringt und Billaud, und dieser und jener, und ein zweites Mal Tallien mit den Worten: »Bürger, bei den Jakobinern gestern abend zitterte ich für die Republik. Ich sagte mir, wenn der Konvent es nicht wagt, den Tyrannen niederzuschlagen, dann wage ich es und hiermit will ich es thun, wenn es sein muß.« Damit zog er einen blankgeschliffenen Dolch und schwang ihn, den Stahl des Brutus, wie wir ihn nannten, und wir alle brüllen darauf, schwingen Dolche unter ungestümem Beifall. »Tyrannei! Diktatur! Triumvirat!« Und die Komiteemitglieder vom Salut klagen an, und alle bringen Anklagen vor, lärmen und rufen ungestüm Beifall. Und Saint Just steht da, bewegungslos, mit blassem Gesicht; Couthon seufzt: »Triumvir?« mit einem Blick auf seine gelähmten Beine. Und Robespierre bemüht sich zu sprechen, doch Präsident Thuriot schwingt die Glocke gegen ihn, der 434 ganze Saal ertönt gegen ihn wie eine Äolushöhle. – Und Robespierre steigt auf die Tribüne und steigt wieder herunter, nahe am Ersticken vor Wut, Schrecken, Verzweiflung. – Und Meuterei ist die Tagesordnung.Moniteur, Nos. 311, 312; Débats, IV, 421-442; Deux Amis, XII, 390-411.

O Präsident Thuriot, du, der du Wahlmann Thuriot warst und von den Zinnen der Bastille sahst, wie die Vorstadt Saint-Antoine sich erhob wie eine Meeresflut, und der du seitdem vieles gesehen, sahst du jemals Ähnliches? Dein Glockenschwingen, das du anwendest gegen Robespierre, ist kaum hörbar inmitten dieses Tollhaussturmes, und alles rast um sein Leben. »Präsident von Mördern,« kreischt Robespierre, »ich verlange zum letztenmal von dir das Wort.« Das Wort kann er nicht bekommen. »An euch, o tugendhafte Männer der Ebene,« ruft er, als er einen Augenblick Gehör findet, »ich appelliere an euch.« Die tugendhaften Männer der Ebene bleiben still wie Steine. Und Thuriots Glocke läutet, und der Saal ertönt wie die Äolushöhle. Robespierres schäumende Lippen sind »blau« geworden, seine Zunge trocken, sie klebt ihm am Gaumen, »das Blut Dantons erstickt ihn,« wird gerufen. »Anklage, Anklagedekret!« Thuriot stellt schnell die Frage, die Anklage geht durch, der unbestechliche Maximilian ist in Anklagezustand versetzt.

»Ich verlange, das Schicksal meines Bruders zu teilen, wie ich gestrebt habe, seine Tugenden zu teilen.« ruft Augustin, der jüngere Robespierre. Auch Augustin wird in Anklagezustand versetzt. Und Couthon, und Saint-Just, und Lebas, sie alle werden in Anklagezustand versetzt und hinausgebracht, – nicht ohne Schwierigkeit, denn die Diener zittern beinahe davor zu gehorchen. Das Triumvirat und Compagnie werden hinausgeschafft in das Komiteezimmer des Salut public; die Zunge klebt ihnen am Gaumen. Nun bleibt nur noch übrig, die Munizipalität zusammenzuberufen, Kommandant Henriot abzusetzen und den Arrestbefehl gegen ihn zu schleudern, einige Formalitäten zu ordnen und Tinville seine Opfer zu übergeben. Es ist Mittag. Die Äolushöhle hat sich entladen, bläst nun siegreich, harmonisch, wie ein einziger unwiderstehlicher Wind.

Und ist die Arbeit vollendet? Man denkt es, und doch ist es nicht so. Ach, noch ist erst der erste Akt vorüber, drei oder vier andre Akte werden noch kommen und eine ungewisse 435 Katastrophe! Eine ungeheure Stadt hat in sich so viele Verwirrungen: siebenhunderttausend Köpfe, von denen nicht einer weiß, was sein Nachbar thut, ja, nicht was er selber thut. – Seht daher gegen 3 Uhr am Nachmittag den Kommandanten Henriot, wie er, anstatt abgesetzt und arretiert zu sitzen, die Quais entlang galloppiert, von Munizipalgendarmen begleitet, »mehrere Personen niederreitend.« Denn das Stadthaus sitzt in Beratung und offenem Aufstand, es sollen die Barrieren geschlossen werden, kein Gefangenwärter soll heute einen Gefangenen annehmen, – und Henriot galoppiert nach den Tuilerien, um Robespierre zu befreien. Auf dem Quai de la Ferraillerie sagt laut ein junger Bürger, der mit seinem Weibe spazieren geht: »Gendarme, dieser Mann ist nicht euer Kommandant; er ist unter Arrest.« Die Gendarmen schlagen den jungen Bürger nieder mit der flachen Klinge.Précis des événements du 9 Thermidor par C. A. Méda, ancien gensdarme (Paris 1825).

Repräsentanten selbst (wie Merlin von Thionville), die ihn anreden, wirft dieser mächtige Henriot in Wachthäuser. Er stürzt nach dem Komiteezimmer in den Tuilerien, »um mit Robespierre zu sprechen.« Mit Mühe nur können die Diener und Tuileriengendarmen, ernstlich redend und den Säbel ziehend, diesen Henriot ergreifen und seine Gendarmen überreden, nicht zu kämpfen; Robespierre und Compagnie werden in Mietskutschen gepackt, unter Eskorte nach dem Luxembourg und anderen Gefängnissen gesandt. Dies nun, ist's das Ende? Dürfte nicht der erschöpfte Konvent sich jetzt, »um 5 Uhr,« vertagen, um etwas auszuruhen und sich zu erfrischen?

Der erschöpfte Konvent that es, und bereute es. Das Ende war noch nicht gekommen, nur das Ende des zweiten Aktes. Horch! Während die erschöpften Repräsentanten beim Speisen sitzen, da bricht Sturmläuten los von allen Türmen, Trommeln wirbeln in den Sommerabend hinein, Richter Coffinhal galoppiert mit neuen Gendarmen daher, um Henriot vom Komiteezimmer in den Tuilerien zu befreien, und befreit ihn! Der mächtige Henriot springt aufs Pferd, macht sich davon, die Tuilerien-Gendarmen zu haranguieren, verführt auch die Tuilerien-Gendarmen und trabt mit ihnen nach dem Stadthause. Ach, und Robespierre ist nicht im Gefängnis. Der Gefängniswärter hatte seinen Befehl 436 vom Munizipalrate vorgezeigt, wonach er bei Todesstrafe keinen Gefangenen zulassen durfte. Die Mietskutschen mit Robespierre sind dann in diesem verwirrten Gezänke und Gewirre mit unzuverlässigen Gendarmen wohlbehalten ins Stadthaus gelangt! Dort sitzen nun Robespierre und Compagnie, von Munizipalräten und Jakobinern umarmt, im heiligen Recht der Insurrektion, redigieren Proklamationen, lassen die Sturmglocken läuten, korrespondieren mit den Sektionen und der Muttergesellschaft. Haben wir hier nicht einen ganz hübschen dritten Akt eines natürlichen griechischen Dramas, wobei die Katastrophe unsicherer ist als je?

Hastig eilt der Konvent wieder zusammen beim verhängnisvollen Eintritt der Nacht; Präsident Collot, der den Vorsitz führt, tritt ein mit großen Schritten, blassen Gesichts, setzt den Hut auf und sagt mit feierlichem Tone: »Bürger, bewaffnete Schurken haben sich der Komiteezimmer bemächtigt. Die Stunde ist gekommen, auf unserm Posten zu sterben!« »Oui,« antworten alle wie ein Mann, »wir schwören es!« Es ist keine Rodomontade, diesmal, sondern eine traurige Thatsache und Notwendigkeit. Wenn wir nicht auf unserm Posten handeln, so müssen wir wahrhaftig sterben. Schnell denn werden Robespierre, Henriot, die Munizipalität für Rebellen erklärt, mis hors la loi, geächtet. Noch besser: wir ernennen Barras zum Kommandanten der ganzen bewaffneten Macht, die zur Stelle gebracht werden kann, senden Repräsentanten an alle Sektionen und Quartiere, um zu predigen und Truppen aufzubieten; zum wenigsten wollen wir in gehöriger Rüstung dem Tod entgegengehen.

Welch eine Verwirrung in der Stadt! Alles reitet und rennt, berichtet und hört sagen, die Stunde ist offenbar in Geburtsnöten, – das Kind hat, bis es geboren, keinen Namen! Die armen Gefangenen im Luxembourg hören den Lärm, zittern vor einem neuen September. Sie sehen, daß man ihnen von den Fenstern und Dächern Zeichen macht, ersichtlich Zeichen der Hoffnung; sie können nicht im geringsten daraus klug werden.Mémoires sur le prisons, II, 277. Wir sehen indessen am Abend wie gewöhnlich die Todeskarren südwärts fahren durch Saint-Antoine nach der Barrière du Trône. Saint-Antoines zähe Herzen erweichen, Saint-Antoine umringt die Karren, ruft: Es soll nicht sein. O Himmel, warum sollte es doch sein? Henriot und Gendarmen säubern die Straßen dort, brüllen mit 437 geschwungenen Säbeln: Es muß sein. Gebt die Hoffnung auf, ihr armen Verurteilten! Die Todeskarren rollen weiter.

Aber in dieser Reihe Karren sind zwei andere Dinge bemerkenswert: eine merkwürdige Person, und das Fehlen einer merkwürdigen Person. Die merkwürdige Person ist Generallieutenant Loiserolles, ein Adeliger von Geburt und Wesen, der hier sein Leben läßt für seinen Sohn. Als er im Gefängnis Saint-Lazare vorgestern abend ans Gitter eilte, um die Todesliste verlesen zu hören, vernahm er den Namen seines Sohnes. Der Sohn schlief in jenem Augenblick. »Ich bin Loiserolles,« rief der alte Mann; vor Tinvilles Schranken ist ein Irrtum im Taufnamen etwas Geringes, und wenig wurde eingewendet. – Das Fehlen der merkwürdigen Person dagegen betrifft den Deputierten Paine! Paine hat seit Januar im Luxembourg gesessen, und schien vergessen; aber Fouquier hat ihn endlich auf die Gabel genommen. Der Kerkermeister, die Liste in der Hand, bezeichnete mit Kreide die äußeren Thüren der für die fournée morgen Bestimmten. Paines äußere Thür stand zufällig offen, an die Wand angelehnt. Der Kerkermeister bezeichnete sie auf der ihm zugekehrten Seite, und eilte weiter. Ein anderer Schließer kam und verschloß die Thür. Da jetzt kein Kreidezeichen zu sehen war, so ging die fournée ohne Paine. Paines Leben sollte hier nicht enden. –

Unser fünfter Akt des natürlichen griechischen Dramas mit seinen natürlichen Unterabteilungen kann hier nur im groben ausgemalt werden, etwa so, wie jener Maler des Altertums in seiner Verzweiflung den Meeresschaum malte. Denn durch diese ganze herrliche Julinacht hört man Lärm und große Verwirrung, marschierende Truppen, Sektionen, die hierhin gehen und Sektionen, die dorthin gehen, Repräsentanten auf Sendung, die bei Fackellicht Proklamationen verlesen. Repräsentant Legendre, der irgendwo Truppen zusammengebracht hat, treibt die Jakobiner aus ihrem Saale und wirft ihre Schlüssel auf den Konventstisch: »Ich habe ihre Thür verschlossen, die Tugend soll sie wieder öffnen.« Paris ist sozusagen gegen sich selbst gehetzt, stürzt schäumend, wie eine Oceanströmung einher; ein ungeheurer Strom ist's, was da rauscht unter dem nächtlichen Himmel. Der Konvent sitzt permanent hier, die Munizipalität höchst permanent dort. Die armen Gefangenen hören Sturmglocken und Lärm, bemühen sich, die scheinbar auf Hoffnung deutenden Zeichen sich zu erklären. Schwaches Zwielicht, das zur Dämmerung und zum 438 neuen Tage werden wird, versilbert den nördlichen Saum der Nacht, es rückt weiter und weiter dort am großen Zifferblatte des Himmels, wie eine schweigende Verheißung. So still, so ewig! Und auf Erden alles verwirrte Schatten und Kampf, Zwietracht, Lärm, trübe Finsternis und verletzende Helle, und »noch immer sitzt das Schicksal schwankend da und schüttelt zweifelnd seine Lose.«

Ungefähr um 3 Uhr am Morgen begegnen sich die feindlichen Streitkräfte. Henriots bewaffnete Macht stand in Reih und Glied auf dem Grèveplatz, und jetzt kommen die Truppen, die Barras zusammengerafft hat, man stellt sich einander gegenüber, Kanonen gegen Kanonen. Citoyens! ruft die Stimme der Klugheit laut genug, ehe ihr's zum Blutvergießen, zum endlosen Bürgerkrieg kommen laßt, hört den Konventsbeschluß: »Robespierre und alle Rebellen sind geächtet!« – Geächtet? Schrecken liegt in diesem Wort. Unbewaffnete Bürger zerstreuen sich eiligst, kehren nach Hause zurück. Die Munizipalkanoniere stellen sich, mit einer plötzlichen Drehung, vollkommen einig und unter lautem Rufen auf die Seite der Konventstruppen. Als Henriot droben das Rufen hört, steigt er von seinem Zimmer oben herunter, wie es heißt, stark berauscht, findet den Grèveplatz leer, die Kanonenmündungen gegen sich gerichtet und überhaupt, – daß die Katastrophe jetzt da ist.

Wieder hineinstolpernd, ruft der fürchterlich ernüchterte Henriot: »Alles ist verloren!« –»Misérable, durch dich ist es verloren!« wird ihm geantwortet, und man wirft ihn, oder er wirft sich zum Fenster hinaus, tief genug hinunter auf Mauerwerk und scheußliche Kloaken, nicht in den Tod, aber in Ärgeres. Augustin Robespierre folgt ihm mit dem gleichen Schicksal. Saint-Just, heißt es, bat Lebas, ihn zu töten, der es nicht wollte. Couthon kroch unter einen Tisch, versuchte sich zu töten, und that es nicht. – Als man in dieses Synedrium der Insurrektion trat, fand man alle so gut wie ausgelöscht, fertig; nichts blieb zu thun, als sie zu ergreifen. Robespierre saß auf einem Stuhl, mit einem Pistolenschuß, der nicht durch seinen Kopf, sondern nur durch die untere Kinnlade gegangen war: die selbstmörderische Hand hatte gefehlt.Méda, p. 384. (Méda behauptet, er sei es gewesen, der Robespierre mit unendlichem Mute, wenn auch ungeschickt, erschossen habe. Méda wurde für seine Dienste in dieser Nacht befördert, und starb als General und Baron. Wenige glaubten Méda das, was sonst auch unglaublich war.) Mit raschem Eifer, nicht ohne Anstrengung, sammelt 439 man diese verunglückten Verschwörer, fischt Henriot und Augustin auf, blutend und entstellt, packt sie alle, rauh genug, in Karren, und wird vor Sonnenuntergang sie alle sicher hinter Schloß und Riegel haben. Unter lautem Jubel und Umarmungen.

Robespierre lag in einem Vorzimmer des Konventssaales, während seine Gefangeneneskorte sich in Bereitschaft setzte, die verstümmelte Kinnlade roh hinaufgebunden mit blutiger Leinwand. Welch ein Anblick! Er liegt ausgestreckt auf einem Tische, eine Holzkiste als Kopfkissen; den Schaft der Pistole hält er noch krampfhaft fest in der Hand. Man beschimpft ihn, verhöhnt ihn. Seine Augen verraten noch Bewußtsein. Er spricht kein Wort. »Er hatte den himmelblauen Rock an, den er hatte machen lassen für das Fest des Être suprême.« – O Leser, kann dein hartes Herz stand halten? Seine Hosen waren von Nanking, die Strümpfe bis über die Knöchel herabgefallen. Er sprach kein Wort mehr in dieser Welt.

Und nun, um 6 Uhr am Morgen, vertagt sich der siegreiche Konvent. Die Kunde von den Vorgängen fliegt über Paris wie auf goldenen Schwingen, durchdringt die Gefängnisse, es strahlen die Züge derer, die schon zum Sterben bereit waren. Kerkermeister und moutons, von ihrer Höhe gefallen, blicken stumm und blaß drein. Es ist der 28. Juli oder 10. Thermidor des Jahres 1794.

Fouquier hatte nur zu identifizieren, da seine Gefangenen schon geächtet waren. Um vier Uhr am Nachmittag waren die Straßen von Paris so gedrängt voll, wie es nie zuvor gesehen worden. Vom Palais de Justice bis zum Platz de la Révolution, denn dorthin gehen diesmal die Karren wieder, ist alles eine dichte wogende Menschenmasse, alle Fenster sind vollgepfropft, sogar die Dächer und Firsten zeigen heute menschliche Neugier und seltsame Freude. Die Todeskarren mit ihrem bunten Schub von Geächteten, dreiundzwanzig ungefähr, von Maximilian an bis zum Maire Fleuriot und Simon, dem Schuster, rollen daher. Aller Augen sind auf Robespierres Karren gerichtet, worauf er, seine Kinnlade mit schmutzigem Linnen verbunden, und sein halbtoter Bruder und der halbtote Henriot zerstümmelt liegen; ihre »siebzehn Stunden« der Todespein sind bald zu Ende. Die Gendarmen deuten mit ihren Säbeln auf Robespierre, um dem Volke zu zeigen, welcher es sei. Ein Weib springt auf seinen Karren, sich mit einer Hand an der Seite 440 festhaltend. Die andere Hand wie eine Sibylle schwingend, ruft sie: »Dein Tod beglückt mein Herz, m'enivre de joie!« Robespierre öffnet die Augen. »Scélérat, fahre zur Hölle, unter den Flüchen aller Gattinnen und Mütter!« – Am Fuße des Schafotts streckte man ihn auf dem Boden aus, bis die Reihe an ihn kam. Als man ihn aufhob, öffneten sich seine Augen wieder, erblickten die blutige Axt. Samson riß ihm den Rock herunter, riß das blutige Linnen von seiner Kinnlade. Die Kinnlade sank kraftlos herunter, er brach in einen gellenden Schrei aus – gräßlich war's zu hören und zu sehen. Samson, du kannst hier nicht zu schnell sein!

Als Samsons Arbeit gethan war, brach ein Beifallsjauchzen um das andere aus. Ein Jubel, der nicht nur über Paris hin ertönte, sondern über Frankreich, über Europa, und forttönt bis auf diese Generation. Verdient und auch unverdient. O unglücklichster Advokat von Arras, warst du schlechter als andere Advokaten? Ein strengerer Mann in Hinsicht auf seine Formel, sein Credo und seine Salbaderei von Redlichkeiten, Gütigkeiten, Vergnügen der Tugend und dergleichen, lebte nicht in jener Zeit. Er war der Mann dazu, in einer glücklicheren, ruhigeren Zeit eines jener unbestechlichen, dürren Musterbilder zu werden und marmorne Gedenktafeln und ehrenvolle Leichenreden zu bekommen. Sein armer Hauswirt, der Tischler in der Rue Saint Honoré, liebte ihn, sein Bruder starb für ihn. Möge Gott ihm und uns gnädig sein!

Dies ist das Ende der Schreckensherrschaft, die neue ruhmvolle Revolution vom Thermidor, vom 9. Thermidor des Jahres 2, was, in alten Sklavenstil übertragen, den 27. Juli 1794 bedeutet. Der Schrecken ist zu Ende, zu Ende der Tod auf dem Platze de la Révolution, sobald einmal »Robespierres Schweif« hingerichtet sein wird. Ein Dienst, den Fouquier in großen Schüben rasch besorgt. 441

 


 

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