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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 150
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.
Des Schreckens Ende naht.

Es ist wirklich sehr merkwürdig, daß Robespierre so wenig ins Komitee gegangen ist, daß er sich davon ferngehalten hat, als ob er schmollte, seit dem Fest des Être suprême und den erhabenen Reden darüber, die Billaud, wie er fürchtete, noch Langeweile machen würden. Freilich, man hat offiziell Bericht erstattet über jene alte Catherine Théot und ihren die Welt wieder jung machenden Mann, von dem die Propheten sprechen, und dieser Bericht ist nicht im besten Geiste abgefaßt. Die Théotsche Mysterie betrachtet man scheinbar als ein Komplott, aber es ist ein ersichtlicher Zug von Satyre im Bericht, ein unehrerbietiger Spott, nicht gegenüber der alten Jungfer allein, sondern indirekt gegen ihren jungmachenden Mann! Vielleicht steckt Barrères leichte Feder dahinter, und vorgelesen durch das feierlich schnaufende Organ des alten Vadier vom Komitee der Sûreté générale, hat der Théot-Bericht seine Wirkung gethan. Das republikanische Gesicht verzieht sich allgemein zu einem ironischen Grinsen. Dürfen diese Dinge vorkommen?

Wir bemerken ferner, daß unter den Gefangenen in den zwölf Arresthäusern sich eine befindet, die wir schon früher gesehen haben. Senhora Fontenai, geborne Cabarus, die schöne Proserpina, die der Repräsentant Tallien, wie ein Pluto, sich gewann, nicht ohne Wirkung auf sich selbst! Tallien ist längst seitdem von Bordeaux zurückberufen worden, und befindet sich in der mißlichsten Lage. Vergebens ist's, daß er lauter als je die jakobinische Saite rührte, um vergangene Sünden zu verdecken. Die Jakobiner haben ihn hinausgesäubert, zweimal hat Robespierre unheilverkündende Worte von der Konventstribüne herab gegen ihn gemurrt. Und nun sitzt seine schöne Cabarus infolge Denunziation im Arrest, als eine Verdächtige, trotz all seiner Anstrengungen für sie! – Eingesperrt im gräßlichen Todesstall, schmuggelt die Senhora an ihren finstern roten Tallien die dringendsten Bitten hinaus und Beschwörungen: Rette mich, rette dich selber; siehst du nicht, daß dein eigener Kopf verfallen ist, du mit deiner zu feurigen Kühnheit, der du immer doch ein Dantonist bleibst, gegen den ein Groll vorhanden bleibt. Seid ihr nicht alle, wie in einer Polyphemshöhle, zum schließlichen Tode verurteilt, sodaß der Sklave, der am meisten kriecht, nur eben zuletzt gegessen wird? – Tallier fühlt mit einem Schauder, 429 daß es wahr ist. Gegen Tallien sind unheilverkündende Worte gefallen, gegen Bourdon; Fréron wird gehaßt und Barras, jeder »befühlt seinen Kopf, ob er noch fest sitze auf den Schultern.«

Inzwischen geht Robespierre, wie wir immer noch bemerken, wenig in den Konvent, gar nicht ins Komitee, spricht nichts, außer zu seinem Jakobiner-Oberhaus inmitten seiner Leibgarde von tape-durs. Diese »vierzig Tage« her, denn wir sind tief im Juli, hat er sich nicht im Komitee gezeigt, konnte allein durch seine drei faden Schurken dort wirken und durch den Schrecken, der von ihm ausging. Der Unbestechliche selber sitzt allein, oder wird an einsamen Orten gesehen, in den Feldern draußen, mit einer äußerst tiefsinnigen Miene einherschreitend; einige behaupten »mit rot angelaufenen Augen,«Deux Amis, XII, 347-373. dem Zeichen bitterster Galle, die jammervollste seegrüne Chimäre, die in diesem Juli auf Erden wandelt! O unglückliche Chimäre – denn auch du hattest ein Leben und ein Herz von Fleisch und Blut – wohin haben die gestrengen Götter, die so lange dir zu lächeln schienen, dich geleitet und hingelangen lassen! Bist du nicht derselbe, der vor wenigen Jahren noch ein junger vielversprechender Advokat war, und lieber sein Richteramt in Arras aufgab, als daß er einen Menschen zum Tode verurteilt hätte? –

Was wohl seine Gedanken sein mochten? Was seine Pläne, den Schrecken zu enden? Man weiß es nicht. Dunkle Spuren nur sind vorhanden von einem Agrar-Gesetze, vom siegreichen zum Grundbesitzer werdenden Sansculottismus, von alten Soldaten, die in Nationalpalästen wohnen, in Spitalpalästen von Chambord und Chantilly, vom Frieden erkauft durch Sieg, von Wunden, die durch Feste des Être suprême geheilt werden; und so durch ein Meer von Blut hindurch zur Gleichheit, Mäßigkeit, arbeitssamen Glückseligkeit, Brüderlichkeit, und Republik der Tugenden. Selige Gestade eines solchen Meeres von aristokratischem Blute. Doch wie kann man an euch landen? Durch eine letzte Welle, eine Welle vom Blute des verderbten Sansculottismus, verräterischer oder halbverräterischer Konventsmitglieder, rebellischer Talliens und Billauds, denen ich mit meinem Être suprême zur Langeweile, mit meinem apokalyptischen alten Weibe zum Gelächter geworden bin! – So schreitet er einher durch den blühenden Juli, dieser arme Robespierre, wie ein seegrüner 430 Geist. Spuren von Plänen flattern trübe in der Luft. Aber was seine Pläne oder Gedanken wirklich gewesen, wird nie ein Mensch wissen.

Wie einige sagen, werden neue Katakomben gegraben für eine ungeheuere gleichzeitige Schlächterei. Der Konvent ist bis auf die rechte Höhe hinunter durch General Henriot und Compagnie zu schlachten, das Jakobiner-Oberhaus muß zur Herrschaft gelangen und Robespierre Diktator werden.Deux Amis, XII, 350-358. Wirklich oder sonst nicht wirklich ist eine Liste fertig, worauf der Haarkräusler einen Blick werfen konnte, als er die unbestechlichen Locken kräuselte. Jedermann fragt sich: Bin ich drauf?

Ja, wie die Tradition und das Gerücht es überliefern, so fand da, an einem heißen Tage, bei Barrère ein denkwürdiges Junggesellen-Diner statt. Denn bezweifle es nicht, o Leser, diese Barrère und andere gaben Diners, hatten ein »Landhaus in Clichy,« ganz elegant und prunkvoll, und hochgeschminkte Freuden.Siehe Vilate. Nun bei diesem Diner, von dem wir sprechen, an einem gar heißen Tage, zogen, wie gesagt wird, alle Gäste ihre Röcke aus und ließen sie im Salon. Carnot schlich aus dem Speisezimmer hinaus, griff in Robespierres Rocktasche, fand eine Liste von Vierzig, darunter seinen eigenen Namen, und verweilte sich den Tag nicht lange beim Weinglase! – Ihr müßt euch rühren, o Freunde, ihr trägen Sumpffrösche, stumm immer, seitdem der Girondismus untergesunken, selbst ihr müßt jetzt quaken oder sterben! Beratungen werden abgehalten, Worte und Winke gewechselt, nächtlich, geheimnisvoll wie der Tod. Geht nicht dort ein katzenhafter Maximilian einher, bis jetzt noch lautlos, seine grünen Augen rotangelaufen, der Rücken gekrümmt, das Haar gesträubt? Der rasche Tallien, mit seinem raschen Temperamente und seiner verwegenen Zunge, er soll die Katze stellen – bestimmt den Tag, und bald, sonst heißt es: nie mehr!

Seht, noch vor dem bestimmten Tage, am sogenannten 8. Thermidor, 26. Juli 1794, erscheint Robespierre selbst wieder im Konvent, besteigt die Tribüne! Das gallige Gesicht scheint bewölkt von neuen Schatten; man bedenke, ob die Tallien, Bourdon und die anderen mit Interesse lauschten. Es ist eine Stimme, die Tod oder Leben verkündet. 431 Langatmig, unmelodisch wie der Eule Gekrächz, tönt die prophetische Stimme: Entarteter Zustand des republikanischen Geistes, bestochener Moderantismus, die Komitees der Sûreté, des Salut public selbst angesteckt, Abtrünnigkeit hier, Abtrünnigkeit dort, ich, Maximilian, allein noch unbestechlich, bereit, jeden Augenblick zu sterben. Was für ein Mittel giebt es für all dies? Die Guillotine. Neue Energie der alles heilenden Guillotine, Tod den Verrätern jeder Farbe! So singt die prophetische Stimme in ihren Resonanzboden des Konvents hinein. Es ist das alte Lied, aber heute, o Himmel, hat der Resonanzboden aufgehört zu klingen? Da ist kein Wiederhall im Konvent, da ist, sozusagen, atemlose Stille, ja, ein gewisses leises Geräusch, man weiß nicht, welcher Art! – Lecointre, unser alter Tuchhändler von Versailles, hält unter diesen zweifelhaften Umständen nichts für so sicher, als aufzustehen, »hinterlistig« oder nicht hinterlistig, und zu beantragen, dem bisherigen Gebrauche gemäß, daß Robespierres Rede »gedruckt und in die Departements verschickt« werde. Horch! Geräusche, sogar mißtönende! Ehrenwerte Mitglieder geben eine Mißbilligung zu erkennen, Komiteemitglieder, die in der Rede beschuldigt worden, äußern Unwillen, fordern »Aufschub des Druckes.« Immer höher erhebt sich der dissonierende Ton, Redacteur Fréron fragt sogar: »Was ist aus der Freiheit der Meinungen geworden in diesem Konvent?« Der Antrag auf Druck und Versendung, der durchgegangen war, wird widerrufen. Robespierre, grüner als jemals zuvor, muß sich geschlagen zurückziehen, merkend, daß da Meuterei ist, daß das Übel nahe!

Meuterei ist eine Sache von der verhängnisvollsten Natur in allen Unternehmungen, eine Sache, die so unberechenbar ist, so schnell fürchterlich, der man nicht mit Furcht entgegentreten darf. Aber Meuterei im Robespierreschen Konvent gar, – sie gleicht einem Feuer, daß man Funken sprühen sieht in des Schiffes Pulverkammer! Ein todesmutiger Sprung hinein, diesen Augenblick noch, und du magst es immer noch austreten; zögere einen Augenblick, und Schiff und Kapitän, Ladung und Bemannung sind weithin zertrümmert, des Schiffes Reise hat plötzlich geendet zwischen Meer und Himmel. Kann Robespierre noch heute nacht mit Henriot und Compagnie vorgehen und durch sie seine Arbeit thun lassen, so mögen er und der Sansculottismus immer noch einige Zeit sich erhalten, sonst wahrscheinlich nicht. Als im Lager Oliver Cromwells der aufrührerische Sergeant aus den Reihen vortrat, um 432 Beschwerden vorzutragen, und anfing zu gestikulieren und zu reden, als Mundstück von tausenden, die da harrten, erkannte Cromwell mit seinen gewaltigen Augen gleich, wie die Sache stand, zog eine Pistole aus seinem Gürtel und schoß Aufrührer und Aufruhr augenblicklich nieder. Er war der Mann dazu.

Robespierre seinerseits schleicht am Abend hinüber in sein Jakobiner-Oberhaus, kramt hier statt eines angemessenen Entschlusses seine Leiden, seine ungewöhnlichen Tugenden, seine Unbestechlichkeit aus, dann zweitens sein verworfenes Eulengekrächze von heute, das er wiederum vorliest, und erklärt, daß er bereit ist zu sterben jeden Augenblick. Du sollst nicht sterben, ruft der Jakobinismus aus tausend Kehlen. »Robespierre, ich will den Schierling mit dir trinken,« schreit Maler David, »je boirai la cigue avec toi;« etwas, was nicht gethan zu werden braucht, was aber, im Feuer des Augenblicks, gar wohl gesagt werden kann.

Unser Jakobiner-Resonanzboden klingt also wieder! Himmelhoher Beifall deckt die verunglückte Rede, feueratmende Wut entzündet alle Jakobinergesichter, Insurrektion ist eine heilige Pflicht, der Konvent muß gesäubert werden, souveränes Volk unter Henriot und der Munizipalität, wir wollen einen neuen zweiten Juni daraus machen! Zu deinen Zelten, o Israel! In diesem Tone pfeift der Jakobinismus in vollständigem Aufruhrtumulte. Da mögen Tallien und die ganze Opposition sich davonmachen. Collot d'Herbois, obgleich Mitglied des höchsten Salut public und noch vor kurzem fast erschossen, wird jetzt gestoßen, beschimpft, und ist froh, lebendig davonzukommen. Als er ganz zerzaust ins Komiteezimmer des Salut public tritt, findet er hier unter den Übrigen den glatten finsteren Saint-Just, der in seiner glatten Art fragt: »Was geht vor bei den Jakobinern?« – »Was vorgeht?« wiederholt Collot in seiner schauspielerischen Kambyses-Weise, »was vorgeht? Nichts als Aufruhr und Greuel. Ihr wollt unser Leben, ihr sollt es nicht haben.« Saint-Just stottert gegenüber solcher Rede, nimmt seinen Hut und entfernt sich. Den Bericht, von dem er gesprochen, ein Bericht über republikanische Zustände im Allgemeinen, so mögen wir sagen, und der morgen im Konvent verlesen werden soll, den kann er ihnen jetzt nicht zeigen. Ein Freund hat ihn. Er, Saint-Just, will ihn holen und ihn senden, sobald er zu Hause sein wird. Zu Hause angelangt, sendet er ihn nicht, sondern eine Erklärung, daß er ihn nicht senden will, daß sie ihn morgen von der Tribüne herunter hören werden.

433 So möge daher jeder, nach einem wohlbekannten guten Rat, »zum Himmel beten und sein Pulver trocken halten!« Paris wird morgen etwas zu sehen bekommen. Schnelle Boten fliegen die ganze Nacht hindurch, dunkel und unsichtbar, von der Sûreté und dem Salut, von Versammlung zu Versammlung, von der Muttergesellschaft zum Stadthause. Kann auf die Augen der Tallien, Fréron, Collot Schlaf fallen? Der mächtige Henriot, der Maire Fleuriot, Richter Coffinhal, Procureur Payan, Robespierre und alle Jakobiner machen sich bereit.

 

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