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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 15
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.
Die Notabeln.

Hier ist also wirklich ein Zeichen und Wunder, sichtbar für die ganze Welt, ein Vorzeichen, das gar vieles ankündet. Das Oeil de Boeuf klagt und murrt: waren wir denn unzufrieden, als wir das Feuer mit Öl dämpften? Das konstitutionelle Philosophentum fährt in freudiger Überraschung auf und schaut gespannt dem Ausgange entgegen. Der Staatsgläubiger, der Staatsschuldner, das ganze denkende und gedankenlose Publikum, sie alle haben ihre eigenen leid- und freudvollen Überraschungen. Graf Mirabeau, der seine Ehe- und anderen Prozesse, so gut es eben ging, abgewickelt hat und jetzt in dem trübsten Element in Berlin arbeitet, »Preußische Monarchien« und Pamphlete »Über Cagliostro« kompiliert und für seine Regierung zahllose Depeschen gegen Bezahlung, aber ohne ehrende Anerkennung schreibt, wittert oder erspäht aus der Ferne eine reichere Beute. Gleich dem Adler oder Geier oder einer Kreuzung von beiden glättet er seine Schwingen zum Fluge in die Heimat.Fils Adoptif; Mémoires de Mirabeau, IV, 4 u. 5.

Herr von Calonne hat einen Aaronsstab über Frankreich ausgestreckt und, es ist wunderbar, ganz unerwartete Dinge heraufbeschworen. Kühnheit und Zuversicht wechseln in ihm mit Besorgnis ab; doch behält das sanguinische Element die Oberhand. Bald schreibt er an einen vertrauten Freund: 71 »Je me fais pitié à moi-même« (ich bedaure mich selbst), bald fordert er irgend einen Dichter oder Dichterling auf, »diese Versammlung der Notabeln und die sich vorbereitende Revolution«Biographie Universelle. § Galonné (von Guizot). zu besingen; »die sich vorbereitende Revolution,« in der That ein Gegenstand, wert besungen zu werden, aber nicht eher, als bis wir sie und ihren Ausgang erlebt haben. In banger, düsterer Ruhelosigkeit hat alles so lange gewankt und geschwankt: wird Monsieur de Calonne mit seiner Notabeln-Alchemie wieder alles verbinden und neue Einkünfte erschließen, oder wird er alles auseinanderreißen, so daß es nicht länger wankt und schwankt, sondern klirrend aneinanderprallt und zusammenbricht?

Dem sei, wie ihm wolle, in jenen trüben, kurzen Tagen sehen wir, wie sich aus allen Teilen Frankreichs Männer von Gewicht und Einfluß durch das vielverschlungene Netz französischer Straßen hindurchwinden und wie ein jeder auf seinem besonderen Wege dem Versailler Schloß zustrebt, dahin berufen de par le roi. Hier sind sie am 22. Februar 1787 zusammengekommen und feierlich eingeführt worden; die Notabeln, es giebt ihrer, wie man sie Namen für NamenLacretelle, III, 286. Montgaillard, I, 347. aufzählt, 137; fügen wir noch die sieben Prinzen von Geblüt hinzu, so haben wir ein volles Gros Notabeln. Es sind Männer, die das Schwert führen, Männer, welche die Robe tragen, es sind Pairs, geistliche Würdenträger und Parlamentspräsidenten; sie sind in 7 Abteilungen geteilt, in denen unsere Prinzen von Geblüt den Vorsitz führen: Monsieur, d'Artois, Penthièvre und die übrigen, unter denen wir unseres neuen Herzogs von Orléans (denn seit 1785 ist er nicht mehr Chartres) nicht vergessen dürfen. Er ist noch nicht Admiral geworden und steht an der Wende seines vierzigsten Lebensjahres mit verdorbenem Blute und verdorbenen Aussichten. Halb überdrüssig einer Welt, die seiner mehr als halb überdrüssig ist, hat Monseigneur eine fragliche Zukunft vor sich. Nicht im hellen Lichte der Einsicht, nicht einmal in der Glut der Leidenschaft, nein, »im ekeln Rauch und in der Asche ausgebrannter Sinnlichkeit« lebt und verdaut er. Wenn dieser arme Prinz mit seiner Prachtliebe und schmutzigen Knauserei, seiner Rachsucht, seinem Lebensüberdruß und Ehrgeiz, seiner Lasterhaftigkeit und Gemeinheit und einem jährlichen Einkommen, sage von 300,000 Pfund Sterling einmal die Ketten, durch die sein 72 Lebensschiff an den Hof gebunden ist, zerrisse, wohin, in welche Regionen und unter welch außerordentlichen Erscheinungen würde er wohl segeln und treiben! Glücklicherweise geht er noch »gern täglich auf die Jagd,« sitzt hier, weil er muß, präsidiert seiner Abteilung mit teilnahmslosem Mondgesicht und trüben, gläsernen Augen, als mache ihm alles nur Langweile.

Schließlich wollen wir noch bemerken, daß Graf Mirabeau wirklich angekommen ist. Er fliegt von Berlin herbei, läßt sich auf den Schauplatz der Handlung herab, übersieht ihn mit einem einzigen blitzschnellen Adlerblick und erkennt sofort, daß er hier nichts zu hoffen habe. Er hatte gehofft, die Notabeln würden einen Sekretär brauchen; allerdings brauchen sie einen, aber sie haben sich für Dupont de Nemours entschieden, einen Mann von geringerem, aber besserem Ruf, der, wie seine Freunde oft von ihm hören, unter der gewiß nicht gewöhnlichen Last seufzt, »mit fünf Königen korrespondieren zu müssen.«Dumont: Souvenirs sur Mirabeau (Paris 1832) pag. 20.

Mirabeaus Feder kann zwar keine officielle werden, eine Feder bleibt sie. In Ermangelung einer Sekretärstelle geht er daran, die Agiotage (dénonciation de l'agiotage) öffentlich zu brandmarken und bezeugt nach seiner Gewohnheit durch lauten Lärm, daß er da und an der Arbeit ist, bis er von seinem Freund Talleyrand und unter der Hand von Calonne selbst gewarnt wird, es könnte eine »17. lettre de cachet« gegen ihn erlassen werden,« worauf er noch rechtzeitig über die Grenze fliegt.

Und nun sitzen unsere 144 Notabeln in den königlichen Prunkgemächern, wie Bilder aus jener Zeit sie noch darstellen, geordnet da, bereit zu hören und zu beraten. Controleur Calonne ist zwar mit seinen Reden und Vorbereitungen gewaltig im Rückstand, aber wir kennen ja die Gewandtheit des Mannes im Arbeiten. An Frische des Ausdrucks, Klarheit, Scharfsinn und umfassendem Blick war seine Eröffnungsrede unübertrefflich; – wäre nur nicht ihr Hauptinhalt so erschrecklich entmutigend gewesen. Ein Deficit, über das die Berichte verschieden lauten, über das selbst des Controleurs eigener Bericht nicht unbestritten bleibt, aber ein Deficit, das alle Berichte übereinstimmend »enorm« nennen. Das ist der Inbegriff der Schwierigkeiten unseres Controleurs; und seine Mittel? Der reine Turgotismus, auf 73 den wir, wie es scheint, schließlich kommen müssen: neue Steuern, Provinzialversammlungen, ja, was das Seltsamste ist, eine neue Grundsteuer, Subvention territoriale, wie er sie nennt, von der weder Privilegierte noch Unprivilegierte, weder Adel und Klerus noch Parlamentsmitglieder ausgenommen sein sollen.

Wie verrückt! Diese privilegierten Klassen waren wohl gewohnt Steuern aufzuerlegen und aus allen Händen Zoll, Abgaben und Zins zu nehmen, so lange überhaupt noch ein Pfennig übrig war; aber selbst besteuert werden? Aus solchen privilegierten Personen bestehen aber bis auf einen sehr kleinen Bruchteil alle diese Notabeln. Der vorschnelle Calonne hatte leider an die Zusammensetzung oder kluge Auswahl der Personen nicht gedacht, sondern die zu Notabeln erwählt, die wirkliche Notabeln waren, und hatte dabei auf seinen schlagfertigen Geist, sein gutes Glück und seine Beredsamkeit, die ihn noch nie im Stiche gelassen, vertraut. Vorschneller Generalcontroleur! Beredsamkeit vermag viel, aber nicht alles. Wohl konnte ein Orpheus mit seiner zu Rhythmus und Musik gewordenen Beredsamkeit (heute nennen wir es Poesie) selbst den Augen Plutos eiserne Thränen entlocken; – aber durch welche Zaubermacht des Reimes oder der Prosa willst du aus den Taschen des Plutus Gold herausziehen?

So läßt sich denn in der That der Sturm nicht mehr beschwichtigen, der sich jetzt erhob und um Calonne zu pfeifen begann: zuerst in den sieben Bureaux, dann, von ihnen gedeckt, auch außen, immer weiter und weiter um sich greifend, bis er sich über ganz Frankreich verbreitete. Ein so enormes Deficit! Mißwirtschaft und Verschwendung liegen nur zu offen am Tage. Man spielt sogar auf Unterschleife an, ja Lafayette und andere sprechen es offen aus und suchen Beweise dafür zu erbringen. Unser wackerer Calonne hatte natürlich die Schuld seines Deficits auf seine Vorgänger zu wälzen versucht und nicht einmal Necker ausgenommen. Necker stellt dieses leidenschaftlich erregt in Abrede; es entspinnt sich eine »zornige Korrespondenz,« die auch den Weg in die Presse findet.

Im Oeil de Boeuf und in den Privatgemächern Ihrer Majestät hatte der redegewandte Minister mit seinem »Madame, wenn es nur schwierig ist« überzeugen können; jetzt aber ist die Sache vor ein anderes Forum gebracht worden. Seht ihn an einem jener traurigen Tage in Monsieurs 74 Bureau, wohin alle anderen Bureaux Deputierte geschickt haben. Hier wird er gestellt und muß allein einem ununterbrochen Feuer von Fragen, Einwendungen und Vorwürfen aus diesen 137 schweren Geschützen der Logik, die wir buchstäblich Feuerschlünde (bouches à feu) nennen können, standhalten. Wohl niemals, sagt Besenval, hat ein Mensch so viel Scharfsinn, Gewandtheit, Ruhe und überzeugende Beredsamkeit entwickelt. Dem rasenden Spiel so vieler Feuerschlünde begegnet er nur mit den Lichtstrahlen seines Geistes, mit Selbstbeherrschung und einem väterlichen Lächeln. Freundlich und mit ungetrübter Klarheit antwortet er fünf Stunden lang schnell wie der Blitz und ruhig wie das Licht auf den unaufhörlichen Feuerregen verfänglicher Fragen und vorwurfsvoller Einwürfe. Und dies Kreuzfeuer! Alle Seitenfragen und gelegentliche Einwürfe, die er in der Hitze des Hauptgefechtes nicht beantworten konnte, weil er nur eine Zunge hat, nimmt er in der ersten Pause wieder auf und beantwortet sogar diese.Besenval III. 196. Hätte sanfte Überredung und Beredsamkeit Frankreich retten können, es wäre gerettet.

Schwerbedrängter Controleur! Wohin du blickst, in allen sieben Bureaux nichts als Hindernisse: in Monsieurs Bureau hetzt Loménie de Brienne, der Erzbischof von Toulouse, der selbst ein Auge auf die Controleurstelle wirft, den Klerus auf, und es giebt Zusammenkünfte, heimliche Intriguen. Auch von außen kommt kein Zeichen der Hilfe oder Hoffnung. Für die Nation (vor der jetzt Mirabeau mit Stentorstimme »das Agio anklagt«) hat der Minister bisher nichts oder noch weniger als nichts, für das Philosophentum so gut wie nichts gethan; höchstens hat er den Gelehrten Lapérouse auf eine Forschungsreise ausgesandt oder ähnliches gethan. Und steht er nicht mit seinem Necker in »zorniger Korrespondenz?« Sogar das Oeil de Boeuf zeigt ein bedenkliches Gesicht: ein fallender Minister hat keine Freunde. Der solide Monsieur de Vergennes, der mit seiner phlegmatischen, besonnenen Pünktlichkeit manches hätte niederhalten können, starb gerade eine Woche vor dem Zusammentritt dieser unglückseligen Notabeln. Und jetzt spielt auch, wie man glaubt, der Großsiegelbewahrer, Garde-des-Sceaux, Miroménil den Verräter als Ränkeschmied für Loménie. Der Vorleser der Königin Abbé de Vermond, ein unbeliebtes Individuum, ist eine Kreatur Briennes, dem er von allem Anfang an alles verdankt: 75 man muß daher fürchten, daß der Weg zu Hinterthüren offen steht und der Boden unter unseren Füßen unterminiert wird. Man sollte wenigstens den verräterischen Großsiegelbewahrer Miroménil entfernen; Lamoignon, der redegewandte Notable, ein verläßlicher Mann, der nicht nur Verbindungen, sondern auch sogar Ideen besitzt, der an eine Reform der Parlamente denkt, obwohl er selbst Parlamentspräsident ist, wäre nicht er der rechte Siegelbewahrer? So denkt der geschäftige Besenval bei sich und flüstert es dem Controleur bei der Mittagstafel ins Ohr; der hört ihn in den Pausen, die ihm seine Pflichten als Wirt lassen, immer wie mit Entzücken zu, aber eine bestimmte Antwort giebt er nicht.Besenval, III, 203.

Ach, was soll er auch antworten? Die Macht der geheimen Intrigue und die Macht der öffentlichen Meinung werden so gefährlich, so verwirrend, und die Philosophen spotten laut, als triumphiere schon ihr Necker. Der gaffende Pöbel begafft Holzschnitte oder Kupferstiche, auf denen z. B. ein Bauer dargestellt ist, der an sein um ihn versammeltes Hausgeflügel folgende Ansprache richtet: »Liebe Tiere, ich habe euch zusammengerufen, damit ihr mir ratet, mit welcher Sauce ich euch zubereiten soll.« Ein Hahn, der darauf erwidert: »Wir wollen aber gar nicht verspeist sein,« wird mit den Worten unterbrochen: »Sie weichen von der Frage ab« (vous vous écartez de la question).Wieder veröffentlicht im Musée de la Caricature (Paris 1834). Gelächter und Logik, Bänkellieder und Pamphlete, Epigramme und Karikaturen: welch ein Sturm der öffentlichen Meinung, als hätten die Winde die Pforten ihrer Felsenhöhle gesprengt! Bei Einbruch der Nacht stiehlt sich Präsident Lamoignon zum Minister hinüber und findet ihn, mit großen Schritten in seinem Zimmer auf und ab gehend wie einer, der außer sich ist.«Besenval III, 209. Hastig und mit verworrenen Worten bittet der Controleur Monsieur de Lamoignon, »ihm einen Rat zu geben.« Lamoignon antwortet offenherzig, er könne, falls seine eigene in Aussicht genommene Ernennung zum Siegelbewahrer keine Abhilfe verspreche, es nicht auf sich nehmen, ihm einen anderen Rat zu geben.

Am Montag nach Ostern, am 9. April 1787, ein Datum, das wir zu unserer Freude richtig finden, – denn nichts übertrifft diese Histoires und Mémoires an fahrlässiger 76 Ungenauigkeit – »am Montag nach Ostern, da ich, Besenval nach Romainville zum Marschall von Ségur ritt, begegnete ich auf den Boulevards einem Freunde, der mir sagte, mit Monsieur de Calonne sei es aus. Etwas später kam der Herzog von Orléans, den Kopf gegen den Wind, (natürlich im Trab à l'anglaise) auf mich zugesprengt und bestätigte die Neuigkeit.«Besenval, III, 211. Und die Neuigkeit ist wahr. Der verräterische Miroménil ist zwar entlassen und statt seiner Lamoignon ernannt, aber nur zu seinem eigenen Vorteil, nicht zu dem Calonnes; denn am nächsten Tag muß auch der Controleur gehen. Einige Zeit mag er sich noch in der Nähe aufhalten, mag sich unter den Geldwechslern blicken lassen, ja er mag selbst im Controleur-Amt arbeiten, wo noch vieles unerledigt liegt, aber auch das wird nicht lange währen. Zu ungestüm bläst und braust der Sturm der öffentlichen Meinung und Privatintrigue, als käme er aus der gemeinsamen Höhle aller Winde, und bläst ihn (auf einen Wink von oben) aus Paris und Frankreich über den Horizont hinaus – ins Unsichtbare, in die äußerste Finsternis.

Selbst der Zauber des Genies war nicht imstande, dieses Los von ihm abzuwenden. Undankbares Oeil de Boeuf! Hat er nicht wunderbar – wenigstens eine Zeitlang – goldenes Manna auf dich herabregnen lassen, so daß ein Höfling sagen konnte: »Die ganze Welt hielt die Hände, und ich meinen Hut auf?« Er selbst ist arm und besäße keinen Heller, wenn nicht die Witwe eines Finanzmannes in Lothringen ihm trotz seiner fünfzig Jahre ihre Hand samt der vollen Börse, die in ihr lag, angeboten hätte. Von nun an entwickelt er eine rastlose, aber dunkle Thätigkeit. Er schreibt Briefe an den König, Berufungen, Prophezeiungen; Pamphlete aus London, die zwar noch die alte Leichtigkeit, Gewandtheit und Überredungskunst verraten, aber nicht mehr überzeugen. Glücklicherweise wird die Börse seiner Witwe nicht leer. Nach einem oder zwei Jahren wird sein Schatten an der Grenze im Norden herumspuken; denn er wird eine Wahl zum Nationaldeputierten anstreben; aber man wird ihm nachdrücklich bedeuten, sich auf die Beine zu machen. Er wird dann in noch tieferes Dunkel in die entlegensten Länder Europas verschlagen, er wird für »verbannte Prinzen« intrigieren und Abenteuer bestehen; er wird im Rhein verunglücken und beinahe ertrinken, aber seine Papiere ins 77 Trockne bringen; kurz er bleibt unermüdlich, aber vergebens! In Frankreich wirkt er keine Wunder mehr und wird nur in die Heimat zurückkehren, um dort ein Grab zu finden. Lebe wohl, du liebenswürdiger, sanguinischer Controleur mit deiner raschen, gewandten Hand, mit deinem beredten, goldenen Munde! – Es hat bessere und schlechtere Menschen gegeben; aber auch dir war eine Aufgabe zugewiesen, – Wind und Sturm heraufzubeschwören, und die hast du erfüllt.

Was ist aber jetzt, da der Exkontroleur Calonne in so eigentümlicher Art sturmgetrieben über den Horizont fliegt, aus der Controleurstelle geworden? Sie ist leer, erloschen, sie hängt da wie der Mond in seiner lichtleeren Phase. Zwei schattenhafte Vorläufer, der arme Fourqueux und der arme Villedeuil, bekleiden in rascher Aufeinanderfolge nur einen Schein davon,Besenval, III, 225. – wie ja auch manchmal der neue Mond seinen Vorläufer, den schwach schimmernden alten Mond in seinen Armen zu halten scheint. Geduld, ihr Notabeln. Ein wirklicher, neuer Controleur ist gewiß und steht sogar bereit da; wenn nur erst die unumgänglich notwendigen Manöver überstanden wären. Schon hat der schlaue Lamoignon mit dem Minister des Inneren Breteuil und mit dem Minister des Äußeren Montmorin Blicke gewechselt; laßt nur einmal diese drei zusammenkommen und beraten. Wer steht in hoher Gunst bei der Königin und dem Abbé de Vermond? Wer ist ein Mann von bedeutenden Fähigkeiten? Oder wer hat wenigstens fünfzig Jahre danach gestrebt, dafür angesehen zu werden? Wer hat einst im Namen des Klerus die Vollziehung der Todesstrafe an den Protestanten verlangt und glänzt jetzt im Oeil de Boeuf als Liebling der Damen und Herren und wirbt sogar bei den Freidenkern, bei euren Voltaires, d'Alemberts um ein gutes Wort? Wer hat schließlich eine fertige Partei unter den Notabeln? Loménie de Brienne, der Erzbischof von Toulouse! antworten augenblicklich alle drei in vollster Übereinstimmung und stürzen davon, um ihn dem König vorzuschlagen, »in solcher Eile,« sagt Besenval, »daß sich Monsieur de Lamoignon eine Simarre,« wahrscheinlich ein zu diesem Zwecke notwendiges Kleidungsstück, »ausleihen mußte.«Ibid. III, 224.

Loménie de Brienne, der sein Lebenlang »eine Art von Prädestination für die höchsten Ämter« gefühlt hatte, hat sie also erreicht. Er leitet die Finanzen, soll sogar den Titel 78 eines Premier-Ministers führen und das Streben seines langen Lebens verwirklicht sehen. Traurig, daß es so viel Talent und Fleiß kostete, diese Stellung zu erreichen, sodaß kaum noch etwas Talent und Fleiß übrig blieb, um dazu befähigt zu sein. Da er jetzt in sein Inneres blickt und nach der Befähigung forscht, die er etwa dazu mitbringt, sieht er in sich fast nur Leere und bloße Möglichkeit. Principien oder Systeme, innere oder äußere Vorzüge findet er nicht (sogar sein Körper ist durch die Stürme seines bewegten sündhaften Lebens abgenützt), ja nicht einmal irgend einen Plan, und wäre es auch ein unvernünftiger. Unter solchen Umständen ist es ein Glück, daß Calonne einen hatte! Calonnes Plan, eine Verquickung der Pläne Turgots und Neckers, wird also von Loménie adoptiert. Nicht umsonst hat Loménie die Wirkungen der englischen Verfassung studiert; auch er bekennt sich zu einer Art von Anglomanie. Warum verschwindet in jenem freien Lande ein Minister, den das Parlament abgesetzt hat, aus dem Rate der Krone, während ein anderer, den das Parlament eingesetzt hat, an seine Stelle tritt?Montgaillard: Histoire de France, I, 410-17. Gewiß nicht um des bloßen Wechsels willen (der immer verderblich ist), sondern damit alle Menschen an dem, was vorgeht, Anteil haben, und so der Kampf der Freiheit in alle Ewigkeit fortwähre, ohne daß daraus ein Schaden erwachse.

Die Notabeln, durch die Osterfestlichkeiten und die Opferung Calonnes besänftigt, sind nicht in der schlechtesten Laune. Seine Majestät hatte, während noch »die schattenhaften Vorläufer« im Amte waren, eine Sitzung der Notabeln abgehalten und vom Throne herab Worte der Versöhnung und Verheißung gesprochen: »Die Königin stand indessen wartend am Fenster, bis sein Wagen zurückkam, und Monsieur klatschte schon von weitem in die Hände« zum Zeichen, daß alles gut stehe.Besenval, III, 220. Der König hat die beste Wirkung erzielt; wenn sie nur anhält! Unterdessen kann man die Führer unter den Notabeln »caressieren.« Briennes neuer Glanz, Lamoignons schlauer Kopf werden von Nutzen sein, und an versöhnlichen Worten soll es nicht fehlen. Kann man bei alledem leugnen, daß die Verdrängung Calonnes und die Adoption seiner Pläne sich nur als eine Maßregel erweist, die, um die beste Wirkung hervorzubringen, nur flüchtig und von einer 79 gewissen Entfernung betrachtet, aber nicht allzu nahe und genau geprüft werden sollte? Mit einem Worte, giebt es einen dankenswerteren Dienst, den die Notabeln jetzt erweisen könnten, als sich auf eine gute Art – auf den Weg zu machen? Ihre »Sechs Vorschläge« in Bezug auf provisorische Versammlungen, Abschaffung der Corvée und Ähnliches kann man ohne Kritik annehmen. Über die Subvention oder die Grundsteuer muß man ebenso wie über vieles andere rasch hinweggleiten; am sichersten fährt man mit hochtönenden Schlagworten von Versöhnlichkeit. In der feierlichen Schlußsitzung am 25. Mai 1787 erfolgt endlich eine Explosion der Beredsamkeit: der König, Loménie, Lamoignon und ihr Anhang stimmen einer nach dem anderen ein und dasselbe Lied an in zehn Reden (die Seiner Majestät nicht mitgerechnet), die den ganzen Tag währen; – und so werden die Notabeln wie unter einem Wechselgesang oder einer Bravourarie voll Danksagungen, Lobpreisungen und Verheißungen sozusagen hinausgeorgelt und in ihre Heimat entlassen. Sie haben beinahe neun Wochen lang getagt und geschwatzt und waren die ersten Notabeln seit Richelieu im Jahre 1626.

Einige Geschichtsschreiber, die in sicherer Entfernung gar behaglich saßen, haben Loménie wegen der Entlassung seiner Notabeln getadelt; dennoch war es sicherlich hoch an der Zeit. Es giebt eben Dinge, die man, wie wir sagten, nicht allzu nahe und allzu lange prüfen darf; – über glühende Kohlen kann man nicht schnell genug hinweggleiten. In jenen sieben Bureaux, in denen von einer Arbeit keine Rede sein konnte, es wäre denn, daß man Schwatzen arbeiten heiße, kamen gar bedenkliche Dinge zutage. So nahm z. B. Lafayette im Bureau von Monseigneur d'Artois mehr als einmal die Gelegenheit wahr, sich über die Lettres de cachet, über die Freiheit der Unterthanen, das Agio und dergleichen in mißbilligenden Worten auszusprechen; und als Monseigneur ihn zu unterbrechen versuchte, erwiderte er, ein Notabel, den man dazu berufen habe, damit er seine Meinung sage, müsse sie auch offen aussprechen.Montgaillard, I, 360.

Auch als sich einmal Seine Gnaden der Erzbischof von Aix in klagendem Kanzelton in den Worten erging: »Der Zehent, diese freiwillige Gabe christlicher Frömmigkeit,« unterbrach ihn der Herzog de la Rochefoucauld im kalten Geschäftston, den er von den Engländern gelernt hatte. »Ja, 80 der Zehent, diese freiwillige Gabe christlicher Frömmigkeit, um deren willen jetzt in diesem Königreiche 40,000 Prozesse anhängig sind.Dumont: Souvenirs sur Mirabeau, p. 21. Und Lafayette, der sich verpflichtet fühlte, seine Meinung offen auszusprechen, ging eines Tages so weit, die Einberufung einer »Nationalversammlung« vorzuschlagen. »Sie verlangen Generalstände?« fragte Monseigneur mit der Miene drohender Überraschung. »Ja, Monseigneur, und noch mehr als das.« – »Protokollieren Sie es!« rief Monseigneur den Schriftführern zu.Toulongeon: Histoire de France depuis la Révolution de 1789 (Paris, 1803), I, App. 4. Geschrieben ist es und, was noch mehr gilt, es wird bald auch zur That werden.

 

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