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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 149
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.
Die Gefängnisse.

Es ist indessen jetzt Zeit, einen Blick in die Gefängnisse zu werfen. Als Desmoulins sein Komitee der Gnade beantragte, waren in diesen zwölf Arresthäusern fünftausend Personen. Da seitdem beständig neue Verhaftete eingeliefert wurden, so haben sich nun zwölftausend angesammelt. Sie sind Ci-devants, Royalisten, zum größeren Teil aber Republikaner von verschiedener, girondistischer, fayettistischer, nichtjakobinischer Färbung. Vielleicht keine menschliche Behausung oder ein Gefängnis hat diesen zwölf Arresthäusern je geglichen an Schmutz und widriger Scheußlichkeit. Es existieren Berichte auf Grund persönlicher Erfahrungen in denselben, Mémoires sur les prisons, die eines der merkwürdigsten Kapitel in der Biographie der Menschheit bilden.

Es ist sehr interessant darin zu sehen, wie sich in allen Lagen der menschlichen Existenz eine Art Ordnung bildet, und wie, wo zwei oder drei versammelt sind, ein Modus des 425 Beisammenlebens, Gewohnheiten entstehen, Sitten, ja Annehmlichkeiten und Freuden des Beisammenseins! Der Bürger Coittant beschreibt es umständlich, wie unser mageres Mahl von Kräutern und asigem Fleisch nicht ohne Höflichkeit und place aux dames verzehrt wurde, wie Seigneur und Schuhwichser, Herzogin und Puppenputzmacherin, bunt durcheinandergeworfen, sich nach einer gewissen Ordnung zu einander stellten; um welche Stunde »die Bürgerinnen ihre Näharbeiten vornahmen,« und wie wir, ihnen die Stühle überlassend, versuchten, galant mit ihnen zu plaudern, stehend, oder sogar zu singen und mehr oder weniger gut zu musizieren. Eifersüchteleien, Feindschaften fehlen nicht, noch Liebeleien, wirkliche Verliebtheit.

Ach, allmählich muß sogar die Näharbeit aufhören, als das Komplott im Gefängnis erscheint, vom Bürger Laflotte und widernatürlichem Verdacht entdeckt. Die argwöhnische Munizipalität nimmt uns unser ganzes Arbeitszeug weg, rücksichtslos wird nach Geld und Besitz von Mitteln oder Wertsachen geforscht, in den Taschen, in Bettkissen und Strohsäcken, und alles weggenommen; rotbemützte Kommissäre betreten jede Zelle. Zorn, zeitweise Verzweiflung erfüllt das zarte Herz über den Raub sogar des Fingerhutes. Alte Nonnen kreischen in schrillen Tönen, wollen lieber sofort getötet sein. Kreischen hilft nichts. Besser war das Mittel der zwei pfiffigen Bürger, die begierig waren, sich ein oder das andere Geräte zu erhalten, und wäre es auch nur ein Pfeifenstocher oder eine Nadel, um ihre Hose damit zu stopfen; sie beschlossen, sich durch Tabak zu verteidigen. Schnell denn, als sich die grimmigen roten Mützen auf dem Korridor durch Thürenzuschlagen und Lärmen ankündigen, stecken die beiden Bürger ihre Pfeifen an und beginnen zu rauchen. Dichter Rauch umhüllt sie. Die roten Nachtmützen öffnen die Zelle, thun nur einen Atemzug und brechen in einen Chor von Räuspern und Husten aus. »Quoi, Messieurs,« rufen die beiden Bürger: »Sie rauchen nicht? Ist Ihnen die Pfeife unangenehm? Est-ce que vous ne fumez pas?« Aber die roten Nachtmützen sind nach kurzem Suchen geflohen. »Vous n'aimez pas la pipe?« rufen die Bürger, als ihre Thür wieder zufällt.Maison d'Arrêt de Port-Libre, par Coittant, etc. (Mémoires sur les prisons, II). Meine armen Brüder Citoyens, sicherlich, in einem 426 Reiche der Brüderlichkeit seid ihr nicht die zwei, die ich guillotinieren würde.

Die Strenge wächst, wird zu entsetzlicher Tyrannei, das Komplott im Gefängnisse wird immer reifer. Dieses Komplott im Gefängnis ist, wie wir sagten, nun die stehende Redensart Tinvilles. Weiß er gegen jemand kein Verbrechen, so ist dies ein fix und fertig gemachtes Verbrechen. Seine Gerichtsschranken sind unaussprechlich, ein anerkanntes Blendwerk geworden, bekannt nur als die Pforte zum Tode. Seine Anklagen sind en blanc ausgefertigt, sodaß nur die Namen noch einzufüllen sind. Er hat seine moutons, verächtliche Verräter und Schakale, die Berichte machen und Zeugen vorstellen, damit sie selber noch eine Zeitlang am Leben gelassen werden. Seine fournées, sagt der vorwurfsvolle Collot, »sollen in keinem Falle 60 Angeklagte überschreiten,« dies ist sein Maximum. Jeden Abend kommen seine Karren nach dem Luxembourg mit dem verhängnisvollen Appell, der Liste der fournée von morgen. Die Gefangenen eilen ans Gitter, lauschen, ob ihr Name darunter ist? Tief holt man Atem, wenn der Name nicht gerufen wird; man lebt also immer noch einen Tag. Und doch waren einige zwanzig oder mehr darunter. Geschwind drücken diese ihre Geliebten noch einmal ans Herz, ein letztes Mal; mit kurzem Adieu, mit feuchten oder trockenen Augen steigen sie auf und sind weg. Heute nach der Conciergerie, durch das Palais, fälschlich de Justice genannt, zur Guillotine morgen.

Sorglosigkeit, trotziger Leichtsinn, der Stoicismus nicht der Kraft, sondern der Schwäche hat sich aller Gemüter bemächtigt. Schwache Weiber und Ci-devants, deren Locken noch nicht zu blonden Perücken verarbeitet, deren Häute noch nicht zu Hosen gegerbt sind, haben sich schon daran gewöhnt, zum Zeitvertreib »Guillotine zu spielen.« In phantastischer Mummerei, mit Turbanen aus Handtüchern angethan, mit Bettlaken als Hermelin, sitzt da ein nachgemachtes Synedrium von Richtern, ein nachgemachter Tinville spricht, ein Verbrecher wird verurteilt und guillotiniert durch das Umstürzen zweier Stühle. Zuweilen geht man weiter, es wird Tinville selber verurteilt und nicht bloß zur Guillotine.

Ein zottiger Satan, mit schwarzem Gesicht, haarig und behornt, packt ihn, nicht ohne daß er schreit, zeigt ihm mit ausgestrecktem Arm und fürchterlicher Stimme das Feuer, das nicht gelöscht wird, den Wurm, der nicht stirbt, die schreckliche 427 Monotonie der Höllenqualen und wie auf die Frage »wie viel Uhr,« die Antwort lautet: »Es ist Ewigkeit.«Montgaillard, IV, 218; Riouffe, p. 273.

Und immer füllen sich die Gefängnisse noch mehr, und immer geht die Guillotine noch schneller. Auf allen Landstraßen marschieren Gefangenenzüge, die nach Paris gehen. Nicht Ci-devants nun, die sich zu rühren wagten, sind niedergemacht, nein, es sind Republikaner nun. Je zwei und zwei zusammengekettet, marschieren sie, singen, wenn eine Erregung über sie kommt, ihre Marseillaise. 120 Männer von Nantes zum Beispiel marschieren in diesen Tagen nach Paris. Republikaner, ja Jakobiner bis ins Mark ihrer Knochen, aber Jakobiner, die die Noyaden nicht gebilligt hatten.Voyage de Cent trentedeux Nantais (Prisons, II, 288-335). »Vive la République!« hört man sie in den Straßen aller Städte, die sie passieren, rufen. Sie ruhen nachts in unsäglich gräßlichen Löchern, zum Ersticken zusammengedrängt; einer oder zwei sind am Morgen darauf tot. Physisch erschöpft, mit gesunkenem Mute können sie nur noch rufen: Es lebe die Republik! – Die Republik, für die sie, wie unter einem bösen Zauber, in dieser Weise sterben!

Bei vierhundert Priester, von denen wir auch Nachricht haben, liegen lange Monate »auf der Rhede der Insel Aix« vor Anker, sehen hinaus auf Elend, Leere, auf die weiten Dünen von Oleron und das immer klagende Meer. Zerlumpt, schmutzig, hungrig, zu Schatten abgehärmt; sie essen, mit Zeigefinger und Daumen, in Kreisen von je zwölf, ihre unsaubere Kost auf dem Deck, klopfen ihre skandalösen Kleider zwischen zwei Steinen; die Nacht hindurch sind sie in einer engen Koje eingeschlossen, siebzig in einem Raum, erstickend in gräßlichen Miasmen, sodaß der »greise Priester tot gefunden wird am Morgen, in betender Stellung.«Relation de ce qu'ont souffert pour la Religion les Prêtres déportés en 1794, dans la rade de l'île d'Aix (Prisons, II, 387-485). – Wie lange noch, o Herr?

Nicht für immer, nein. Alle Anarchie, alles Übel, alle Ungerechtigkeit ist durch ihre eigene Natur, gleich einer Saat von Drachenzähnen, selbstmörderisch, und kann nicht dauern. 428

 

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