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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 148
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.
Mumbo-Jumbo.

Aber an dem Tage, den man Décadi, Neusabbath, nennt, am 20. Prairial oder 8. Juni nach altem Stil, was geht da im Jardin national, dem einstigen Tuileriengarten vor sich?

Die ganze Welt ist da, in festtäglichen Kleidern;Vilate, Causes secrètes de la Révolution du 9 Thermidor. schmutzige Wäsche verschwand mit den Hébertisten; ja, Robespierre zum Beispiel wollte nie diese Mode begünstigen, sondern ging immer elegant und gekräuselt einher, sogar nicht ohne Eitelkeit, und hatte sein Zimmer ringsum behängt mit seegrünen Portraits und Büsten. In festtäglichen Kleidern, sagen wir, 421 sind die unzähligen Bürger und Bürgerinnen; das Wetter ist das allerschönste, fröhliche Erwartung erhellt alle Gesichter. Der Geschworene Vilate giebt vielen Deputierten in seiner Amtswohnung im ci-devant Florapavillon ein Frühstück; man erfreut sich der fröhlich blickenden Menge, der Klarheit des blätterreichen Junitages, des glückverheißenden Décadi oder Neusabbaths. Heute sollen wir, wenn's dem Himmel gefällt, nach verbesserten antichaumetteschen Grundsätzen eine neue Religion bekommen.

Da der Katholizismus verbrannt und der Kultus der Vernunft guillotiniert war, bedurfte es da nicht einer neuen Religion? Der unbestechliche Robespierre will nach dem Vorbilde der Alten als Gesetzgeber eines freien Volkes nun auch Priester und Prophet sein. Er hat seinen eigens für diese Gelegenheit gemachten himmelblauen Rock angethan, eine weiße, seidene, mit Silber bordierte Weste, schwarzseidene Hosen, weiße Strümpfe, Schuhschnallen von Gold. Er ist Präsident des Konvents, er hat den Konvent das »Dasein eines höchsten Wesens« und ebenso ce principe consolateur von der Unsterblichkeit der Seele dekretieren lassen. Diese tröstlichen Grundsätze, die Basis einer rationellen republikanischen Religion, sind dekretiert worden, und heute, an diesem gesegneten Décadi, soll mit Hilfe des Himmels und des Malers David unsere erste Anbetung vor sich gehen.

Seht denn wie nach Erlassung des Dekretes und nachdem vor sich gegangen, was man bezeichnete als »die magerste Rede eines Propheten, die je von einem Menschen gehalten worden« – da schreitet Mahomet Robespierre in himmelblauem Rock und schwarzen Hosen, gekräuselt und gepudert aufs allerbeste, in der Hand einen Strauß von Blumen und Weizenähren haltend, stolz aus dem Konventssaale; der Konvent folgt ihm, jedoch, wie bemerkt wurde, in einem Zwischenraume. Ein Amphitheater wurde errichtet, oder wenigstens ein Monticule oder eine kleine Erhöhung; häßliche Statuen des Atheismus, der Anarchie und dergleichen erfüllen das Herz, Dank dem Himmel und Maler David, mit Abscheu. Unglücklicherweise ist jedoch unser Monticule zu klein. Nicht die Hälfte von uns kann oben stehen, weshalb ein unanständiges Schieben, ja ein verräterisches, unehrerbietiges Murren entsteht. Ruhig, du, Bourdon de l'Oise, ruhig, oder es mag dir übel bekommen!

Der seegrüne Hohepriester nimmt eine Fackel, die ihm der Maler David überreicht, murmelt einige andere nichtige 422 schwülstige Vokabeln, die man glücklicherweise nicht hören kann; schreitet entschlossen vor im Angesichte des erwartungsvollen Frankreichs, legt die Fackel an den Atheismus und Compagnie, die nur aus Pappe verfertigt und mit Terpentinöl getränkt sind. Sie verbrennen rasch und von innen erhebt sich »durch Maschinerie« eine unverbrennbare Statue der Weisheit, die durch einen unglücklichen Zufall vom Rauch ein wenig beschädigt wird, sonst aber sichtbar da steht in einer so heiteren Haltung, als sie kann.

Und dann? Ja, dann giebt's ein anderes Prozessionieren, mageres Reden, und – dies ist unser Fest des Être Suprême; unsere neue Religion, besser oder schlechter, ist gekommen! Besieh dir sie einen Moment, o Leser, nicht zwei. Es ist die schäbigste Seite der menschlichen Annalen, oder giebt's deines Wissens eine schäbigere? Mumbo-Jumbo in den afrikanischen Wäldern erscheint mir verehrungswürdig neben dieser neuen Gottheit Robespierres, denn diese ist ein bewußter Mumbo-Jumbo, und weiß, daß sie Maschinerie ist. O seegrüner Prophet, unglücklichster, bis zum Platzen vollgeblasener Windbeutel, was für eine verrückte Chimäre unter Wirklichkeiten bist du geworden! – Dies also, diese gemeine Pechfackel zum Anzünden von Feuerwerk aus Terpentin und Pappe, dies ist der wunderbare Aaronsstab, den du über das von Hexen und Hölle gerittene Frankreich ausstrecken willst, damit seine Plagen aufhören? Verschwinde du und deine Fackel! – »Avec ton Être Suprême,« sagt Billaud, »tu commences à m'embêter, mit deinem Être Suprême fängst du an, mich zu langweilen.«Siehe Vilate, Causes secrètes. (Vilates Erzählung ist sehr merkwürdig, ist aber nicht ohne Rückhalt als wahr anzunehmen; denn im Grunde ist's, trotz des Titels, keine Erzählung, sondern eine Verteidigung.)

Dagegen sitzt in einem oberen Zimmer in der Rue de Contrescarpe, über dem Buche der Offenbarung mit Hinblick auf Robespierre brütend, Catherine Théot, »eine alte neunundsiebenzigjährige Magd,« die von ehemals her noch an Prophezeiungen und an die Bastille gewöhnt ist. Sie findet, daß dieser erstaunliche dreimal mächtige Maximilian wirklich der Mann sei, von dem die Propheten sprechen, der die Erde wieder jung machen soll. Bei ihr sitzen fromme alte Marquisen, ci-devantt ehrenwerte Damen, unter denen der alte Konstituant Dom Gerle mit seinem leeren Kopf nicht fehlen darf. Die sitzen da in der Rue de Contrescarpe in 423 geheimnisvoller Andacht: Mumbo ist Mumbo und Robespierre ist sein Prophet. Ein hervorragender Mann, dieser Robespierre. Er hat seine freiwillige Leibgarde von Tape-durs, grimmige Patrioten mit Rutenstöcken, und Jakobiner küssen den Saum seines Gewandes. Er erfreut sich der Bewunderung vieler, der Verehrung einiger, und ist's wohl wert, daß einer und alle sich über ihn wundern.

Die große Frage und Hoffnung ist indessen: Wird nicht dieses Fest bei den Tuilerien zu Ehren Mumbo-Jumbos vielleicht ein Zeichen sein, daß die Guillotine nachlassen soll? Weit entfernt! Genau am zweiten Tag danach läßt sich Couthon, einer von den »drei faden Schurken«, auf die Tribüne rufen, bringt ein Bündel Papiere zum Vorschein. Couthon trägt darauf an, daß, weil es noch immer so viele Komplotte giebt, das Gesetz der Verdächtigen erweitert und die Verhaftungen mit neuer Kraft betrieben und erleichtert werden sollen. Daß ferner, weil in diesem Falle die Geschäfte wahrscheinlich sich bedeutend vermehren werden, auch unser Revolutionstribunal erweitert werde, das heißt in vier Tribunale geteilt werden solle, jedes mit seinem Präsidenten, jedes mit seinem Fouquier oder Substitut Fouquiers, alle auf einmal an der Arbeit, und jede Fessel oder zeitraubende Formalität abgeschüttelt werde. So könnte man vielleicht dem Bedürfnisse genügen. Dies ist Couthons Dekret vom 22. Prairial, berühmt in jenen Zeiten. Beim Anhören wurde selbst der Berg von Entsetzen erfüllt und ein gewisser Ruamps wagte zu sagen, daß, wenn dies Gesetz durchginge ohne Vertagung und Diskussion, er für seinen Teil »sich eine Kugel durch den Kopf schießen würde.« Eitle Rede! Der Unbestechliche runzelte die Brauen, sprach ein oder zwei prophetische verhängnisvolle Worte und – das Gesetz vom Prairial ist Gesetz, Ruamps froh, seinen raschen Kopf undurchschossen zu lassen. Tod also, und immer Tod! Nichts anderes! Fouquier erweitert seine Räumlichkeiten, macht Raum für Schübe von hundertfünfzig auf einmal, läßt eine Guillotine von vermehrter Schnelligkeit herstellen und in einem Raume nahebei ihre Arbeit im geheimen thun. So daß Salut public selbst sich ins Mittel legen und es ihm verbieten muß; Collot fragt vorwurfsvoll: »Willst du die Guillotine demoralisieren, démoraliser le supplice!«

In der That ist dies zu befürchten; wäre nicht der republikanische Glaube groß, so wäre es bereits erfolgt. Seht zum Beispiel am 17. Juni, welch ein Schub, vierundfünfzig 424 auf einmal. Der schwarzbraune Amiral, dessen Pistole versagte, ist darunter, die junge Cécile Rénault mit ihrem Vater, ihrer Familie und ihrer ganzen Verwandtschaft und Freundschaft; die Witwe von d'Espréménil, der alte Monsieur de Sombreuil von den Invaliden mit seinem Sohne. Der arme alte Sombreuil, dreiundsiebzig Jahre alt; seine Tochter rettete ihn im September und es war nur für – dieses. Die Ausländerpartei, ihrer vierundfünfzig! In roten Hemden und Überwürfen, als Mörder und als Partei der Ausländer, so ziehen sie, eine rote traurige Phantasmagorie, hin ins Land der Phantome.

Werden aber nicht die Leute vom Platz de la Révolution, die Bewohner der Rue Saint-Honoré, anfangen unzufrieden zu werden über dieses beständige Vorüberfahren der Todeskarren vor ihren Fenstern? Auch Republikaner haben ja etwas in der Brust. Die Guillotine wird anderswohin verlegt, dann wieder verlegt, schließlich im äußersten Südosten aufgerichtet.Montgaillard, IV, 237. Haben die Vorstädte Saint-Antoine und Saint-Marceau etwas in der Brust, so ist zu hoffen, daß es recht zähe sein möge.

 

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