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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 147
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.
Die Hinrichtungskarren.

In der nächsten Woche, es ist erst der 10. April, kommen neue Neunzehn, Chaumette, Gobel, Héberts Witwe, Camilles Witwe; auch die rollen ihren vom Schicksal über sie verhängten Weg, der schwarze Tod verschlingt sie. Des elenden Héberts Witwe weinte, Camilles Witwe versuchte, ihr Trost zuzusprechen. O du gütiger Himmel, in reinem Blau strahlend, ewig, so herrlich hinter den Stürmen und Wolken dieser Zeit, giebt's bei dir kein Mitleid für sie alle? Gobel fühlte Reue, wie es scheint; er bat einen Priester um Absolution, und starb so wohl als eben ein Gobel es konnte. Welche Hoffnung aber gab es für Anaxagoras Chaumette, nun, da der glatte Kopf seines bonnet rouge entkleidet ist? Keine, außer wenn Tod nur »ein ewiger Schlaf« wäre! Unglücklicher Anaxagoras! Gott mag dich richten, nicht ich!

Hébert ist also dahin und die Hébertisten, sie, die Kirchen beraubten und die blaue Vernunft mit roter Nachtmütze verehrten. Der große Danton und die Dantonisten, sie auch sind dahin. Hinunter in die Katakomben, stille Männer sind sie geworden! Möge keine Pariser Munizipalität, keine Sekte oder Partei von dieser oder jener Schattierung dem Willen Robespierres und des Salut public widerstehen. Maire Pache war nicht schnell genug im Anzeigen dieser neuen Komplotte Pitts; er mag jetzt noch so herzlich Glück wünschen, es hilft ihm nichts – auch er muß ins Luxembourg. Ein gewisser Fleuriot-Lescot wird an seiner Stelle zum Interimsmaire ernannt, »ein Architekt aus Belgien,« wie es heißt, und ein Mann, auf den man sich verlassen kann. Unser neuer Nationalagent ist Payan, gewesener Geschworener, dessen Abgott auch Robespierre ist.

So hat denn, wie wir ersehen, diese verworrene elektrische Erebuswolke der revolutionären Regierung ihre Gestalt einigermaßen geändert. Zwei Massen oder Flügel, die zu ihr gehörten, die überelektrische Masse von rasenden Cordeliers und eine unterelektrische Masse von gemäßigten, zur Gnade geneigten Dantonisten, – diese beiden Massen, die Blitze aufeinander schleuderten, haben einander vernichtet. Denn die Erebuswolke, wie wir oft bemerkten, ist von selbstmörderischer Natur und schleudert ihre gezackten unregelmäßigen Blitze zugleich auch auf sich selbst. Doch nun, da diese beiden verschiedenen Massen sich gegenseitig vernichtet haben, ist es, als 416 ob die Erebuswolke zur inneren Ruhe gelangt wäre und ihr Höllenfeuer nur noch ausgösse über die Welt unter ihr. In schlichten Worten gesagt, war der Schrecken der Guillotine nie schrecklich im Verhältnis zu der gegenwärtigen Thätigkeit derselben. Auf und ab, schnell und immer schneller geht Samsons Axt. Die Anklagen hören allmählich auf, auch nur noch den geringsten Schein von Wahrscheinlichkeit zu haben, Fouquier wählt aus den zwölf Arresthäusern, was er fournées, Schübe nennt, 20 Stück oder mehr auf einmal; seine Geschworenen sind beordert, reihenweise zu feuern, faire feu de file, bis der Boden rein ist. Des Bürgers Laflotte Bericht über ein Komplott im Luxembourg trägt Früchte! Wenn kein nennbarer Klagegrund vorhanden gegen einen Angeklagten oder einen Schub von solchen, so hat Fouquier immer noch diesen: ein Komplott im Gefängnisse. Schneller und immer schneller arbeitet Samson, bis er's schließlich auf sechzig bringt und mehr auf einen Schub. Es ist eine herrliche Zeit für den Tod, und nur die Toten kehren nicht wieder.

O düsterer d'Espréménil, welch ein Tag ist dieser 22. April für dich! Dein letzter Tag. Das Palais de Justice hier ist dieselbe steinerne Halle, wo du vor fünf Jahren standest, peroriertest unter endlosem Pathos eines rebellischen Parlaments, im Morgengrauen, als man dich zwang, mit d'Agoust nach den Hièrischen Inseln zu marschieren. Die Steine sind dieselben Steine, aber das Übrige, Menschen, Rebellion, Pathos, Reden – siehe, alles ist verschwunden, wie eine plappernde Schar von Geistern, wie die Wahngebilde eines sterbenden Gehirnes. Mit d'Espréménil, in der gleichen Reihe von Todeskarren, geht das traurigste Gemisch. Chapelier, ci-devant beim Volke beliebter Präsident der Konstituante, dem die Mänaden und Maillard begegneten in seinem Wagen auf der Versailler Straße. Thouret ebenfalls, ci-devant Präsident und Vater konstitutioneller Gesetze, den wir, vor langem nun, mit lauter Stimme sagen hörten: »Die konstituierende Versammlung hat ihre Sendung vollbracht.« Und der edle, alte Malesherbes, der Ludwig verteidigte und vor Bewegung nicht sprechen konnte, wie ein grauer, alter, plötzlich im Wasser zerschmilzender Fels; hier fährt er nun mit seinen Verwandten, Töchtern, Söhnen und Enkeln, mit seinen Lamoignons, Châteaubriands, schweigend fährt er zum Tode. – Ein junger Châteaubriand allein wandert unter den Natchezindianern, an den tosenden Niagarafällen, beim Rauschen endloser Wälder. Sei gegrüßt, du große Natur, 417 wild, doch nicht falsch, nicht ungütig, nicht unmütterlich; du bist keine Formel, kein tolles Geklapper von Hypothesen, Parlamentsberedsamkeit, Konstitutionsbau und Guillotine. Sprich du zu mir, o Mutter, singe mein krankes Herz ein mit deinem mystischen, ewigen Wiegenliede, und laß alles übrige mir fern bleiben.

Eine andere Reihe von Karren müssen wir erwähnen, die Reihe, die Elisabeth, Ludwigs Schwester, enthält. Ihr Prozeß erfolgte wie die übrigen alle, wegen Komplottierens. Sie war eine der sanftmütigsten, unschuldigsten Frauen. Es war bei ihr nun, unter anderen, eine einst schüchterne Marquise de Crussol; jetzt ist sie mutig, drückt ihre lebhafteste Ergebenheit für Elisabeth aus. Am Fuße des Schafotts dankte Elisabeth dieser Marquise mit Thränen in den Augen, sagte, daß es ihr leid sei, sie nicht belohnen zu können. »O, Madame, wollten Euere königliche Hoheit geruhen, mich zu umarmen, so bliebe mir nichts mehr zu wünschen übrig!« – »Recht gern, Marquise de Crussol, und von ganzem Herzen.«Montgaillard, IV, 200. So thaten diese Frauen am Fuße des Schafotts. Die königliche Familie ist jetzt auf zwei Glieder reduziert, ein Mädchen und einen kleinen Knaben. Der Knabe, einst Dauphin genannt, wurde seiner Mutter entrissen, als sie noch lebte, und einem gewissen Simon, einem Schuster, doch damals zum Dienst im Templegefängnis kommandiert, übergeben, der ihn in den Grundsätzen des Sansculottismus erziehen sollte. – Simon lehrte ihn trinken, fluchen, die Carmagnole singen. Simon ist jetzt in den Dienst der Munizipalität übergetreten, und der arme Knabe liegt verborgen in einem Turm des Temples, von wo er in seiner Furcht und Verwirrung und frühzeitigen Verkommenheit sich nicht wegzurühren begehrt, daliegt, zu Grunde gehend, »sein Hemd nicht gewechselt seit sechs Monaten,« mitten in Schmutz und Dunkelheit, jämmerlich,Duchesse d'Angoulême, Captivité à la Tour du Temple, p. 37-71. – so, wie sonst nur arme Kinder der Fabrikarbeiter und dergleichen umzukommen pflegen, und ohne beklagt zu werden!

Der Frühling sendet seine grünen Blätter, seinen klaren Himmel, einen herrlichen Mai, herrlicher als je. Der Tod hält nicht inne. Lavoisier, der berühmte Chemiker, soll sterben und nicht leben. Der Chemiker Lavoisier war auch Generalpächter, und nun »werden alle Generalpächter arretiert,« 418 alle, und sollen Rechnung ablegen über ihre Gelder und Einkünfte, und sterben, weil sie »Wasser in den Tabak thaten,« den sie verkauften.Tribunal révolutionnaire du 8 Mai 1794 (Moniteur No. 231). Lavoisier bat um vierzehn Tage Frist, um gewisse Experimente zu vollenden, aber »die Republik bedarf ihrer nicht;« die Axt muß ihr Werk verrichten. Der cynische Chamfort sagte, als er die Inschriften »Brüderlichkeit oder Tod« las, »es ist eine Brüderlichkeit Kains.« Er wurde arretiert, dann freigelassen; als er zum zweitenmal verhaftet werden soll, schneidet und zerfleischt sich dieser Chamfort mit rasender, unsicherer Hand und gewinnt so, nicht ohne Schwierigkeit, das Asyl des Todes. Condorcet hat tief verborgen gelegen, diese vielen Monate her, während Argusaugen wachten und ihn suchten. Sein Versteck ist anderen und ihm selber gefährlich geworden, er muß wieder fliehen, um Paris herumirren in Dickicht und Steinbrüchen. Und so geschieht es im Dorfe Clamars, daß an einem nebeligen Maimorgen eine zerlumpte Gestalt daherkommt, mit rauhem Barte, vom Hunger gequält, und in der Schenke dort ein Frühstück verlangt. Ihrem Aussehen nach ist die Gestalt verdächtig! »Stellenloser Bedienter, sagst du?« Der Vierzig Sous-Komiteepräsident findet einen lateinischen Horaz bei ihm: »Bist du nicht einer jener Ci-devants, die Bedienten zu halten pflegten? Suspect!« Sofort, ehe das Frühstück verzehrt, wird er zu Fuß nach Bourg-la-Reine geschleppt, fällt vor Erschöpfung in Ohnmacht, wird auf ein Bauernpferd gesetzt, endlich in eine feuchte Gefängniszelle geworfen. Am nächsten Morgen erinnert man sich seiner wieder, geht zu ihm hinein. Condorcet liegt tot am Boden. Schnell sterben sie und verschwinden, die Notabilitäten Frankreichs; eine nach der anderen, wie Lichter im Theater, die man auslöscht.

Ist es unter diesen Umständen nicht einzig und beinahe rührend, zu sehen, wie Paris an den milden Maiabenden draußen ist in bürgerlicher Ceremonie, dem sogenannten »Souper fraternel,« brüderlichem Abendessen? Aus sich selbst entstanden, oder teilweise so an den zwölften, dreizehnten und vierzehnten Abenden dieses Maimonats. Längs der Rue St. Honoré und in den Hauptstraßen und Plätzen bringt jeder Bürger so viel zu einem Abendessen, als das karge Maximum ihm erlaubt, hinaus ins Freie, vereinigt es mit des Nachbarn Abendessen, und an gemeinsamer Tafel, im 419 flackernden, vielfachen Kerzenlichte und bei geschliffenen Gläsern und anderen Zierraten und Genüssen, die passend und angenehm, essen sie genügsam zusammen unter den freundlichen Sternen.Tableaux de la Révolution, § soupers fraternels; Mercier, II, 150. Sieh es, o Nacht, mit fröhlich kreisendem Weinkelch, auf das Reich der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit anstoßend, mit ihren Weibern in ihren schönsten Bändern, mit den Kindern, die sich ausgelassen herumtreiben, so sitzen die Bürger da in einfachem Liebesfeste. Die Nacht sieht in ihrem ganzen weiten Reiche nichts Ähnliches. O meine Brüder, warum ist das Reich der Brüderlichkeit nicht gekommen! Es ist gekommen, es soll gekommen sein, sagen die Bürger, trinkend. – Ach, diese ewigen Sterne, blicken sie nicht hernieder »wie glänzende, von Thränen unsterblichen Mitleids glänzende Augen, voll Mitleid über der Menschen Los!« –

Eine beklagenswerte Sache ist es indessen, daß es Individuen giebt, die Mordversuche unternehmen – gegen Volksrepräsentanten. Als der Repräsentant Collot, Mitglied des Salut public,, nach Hause kommt, »gegen ein Uhr morgens,« wahrscheinlich angetrunken, wie ihm das passiert, begegnet er auf der Treppe dem Rufe: »Scélérat!« und hört das Losdrücken einer Pistole. die nur auf der Pfanne Feuer giebt, wobei sich ihm auf einen Augenblick ein Paar trotziger Teller-Augen zeigen, ein schwarzbraunes, grimmiges Gesicht, erkennbar als das seines kleinen Hausgenossen, des Bürgers Amiral, ehemaligen Schreibers bei der Lotterie! Collot schreit Mord, mit Lungen, die die ganze Rue Favart aufwecken könnten. Amiral drückt ein zweites Mal los, ein zweites Mal giebt's Feuer nur auf der Pfanne, dann springt er hinauf in sein Zimmer, und nachdem er da, immer noch mit unzulänglicher Wirkung, eine Muskete auf sich selbst und eine andere auf seinen Verfolger abgefeuert hat, wird er ergriffen und ins Gefängnis geschleppt.Riouffe, p. 73; Deux Amis, XII, 298-302. Ein jäher kleiner Mann, dieser Amiral, von südlichem Temperament und Aussehen und »von bedeutender Muskelkraft.« Er leugnet es nicht, daß er beabsichtigte, »Frankreich von einem Tyrannen zu befreien,« ja, er bekennt, daß er den Unbestechlichen selber im Auge gehabt, aber Collot als bequemer gewählt habe.

Hierüber giebt es nun Lärm genug, himmelhohes Beglückwünschen Collots, brüderliche Umarmungen bei den 420 Jakobinern und sonstwo. Und doch, scheint es, steckt die Mordlust an. Zwei Tage später, es ist erst der 23. Mai und gegen neun Uhr am Abend erscheint Cécile Rénault, eines Papierhändlers Tochter, ein junges Frauenzimmer von sanftem, blühendem Aussehen, bei dem Schreiner in der Rue St. Honoré, wünscht Robespierre zu sprechen. Robespierre ist nicht zu sprechen, sie murrt unehrerbietig. Man hält sie fest. Sie hat einen Korb zurückgelassen in einem Laden nahe bei, im Korbe sind weibliche Kleider zum Wechseln und zwei Messer. Die arme Cécile, vom Komitee verhört, erklärt, sie »habe wissen wollen, wie ein Tyrann aussehe;« die Anzüge zum Wechseln waren »für meinen eigenen Gebrauch an dem Orte, wohin ich gewiß gehe.« – »Welcher Ort?« – »Das Gefängnis und dann die Guillotine,« antwortet sie. – Solche Dinge sind Folgen von Charlotte Cordays That bei einem zur Nachahmung und Monomanie geneigten Volke. Schwarzbraune, cholerische Männer versuchen Charlottes That, und ihre Pistolen gehen nicht los; sanfte blühende junge Weiber versuchen es, und lassen, nur halb entschlossen, ihre Messer in einem Laden.

O Pitt, und ihr, Partei der Ausländer, soll die Republik niemals Ruhe haben, sondern beständig von eueren Schlingen und Fallen, von eueren unterirdischen Minen zerrissen werden? Der schwarzbraune Amiral, die schöne junge Cécile, und alle, die sie kannten und viele, die sie nicht kannten, liegen hinter Schloß und Riegel und erwarten die Untersuchung Tinvilles.

 

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