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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 146
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.
Danton, keine Schwäche.

Danton wurde unterdessen dringend von Arcis zurückgerufen. Augenblicklich muß er kommen, riefen Camille, Phélippeaux und die Freunde, die Gefahr in der Luft witterten. Gefahr genug! Ein Danton, ein Robespierre, die Hauptprodukte einer siegreichen Revolution, stehen jetzt einander unmittelbar gegenüber, müssen sich vergewissern, wie sie zusammen leben, zusammen herrschen wollen. Man begreift leicht die tiefe gegenseitige Unverträglichkeit, die diese beiden trennen mußte. Mit welchem Schrecken weibischen Hasses blickte die arme seegrüne Formel auf die monströse kolossale Wirklichkeit, und wie wurde sie immer grüner dabei. Die Realität dagegen bemühte sich, nicht übel zu denken von einem Hauptprodukte der Revolution, während sie doch im Grunde fühlte, daß dieses Hauptprodukt wenig anderes war, als ein Hauptwindsack, von der Luft der Popularität weit aufgeblasen; nicht ein Mann mit dem Herzen eines Mannes, sondern ein armer, krampfhafter, unbestechlicher Pedant, mit einer logischen Formel an Stelle des Herzens; von jesuitischer oder Methodistenpfaffen-Natur; voll Aufrichtigkeitsheuchelei, Unbestechlichkeit, Bitterkeit, Feigheit, trocken wie der Ostwind! Zwei solche Hauptprodukte sind zu viel für eine Revolution.

Freunde, die vor dem Ausgange des Streites zwischen den beiden zitterten, brachten eine Begegnung zu stande. »Es ist recht,« sagte Danton, seinen großen Unwillen verschluckend, ».daß man die Royalisten unterdrückt, aber wir sollten nicht schlagen außer wo es von Nutzen ist für die Republik; wir sollten nicht die Unschuldigen mit den Schuldigen verwechseln,« »Und wer sagte dir,« erwiderte Robespierre mit einem giftigen Blick, »daß eine unschuldige Person umgekommen sei?« »Quoi,« sagte Danton, sich zu seinem Freunde Pâris, oder wie er sich selbst nannte, Fabricius, dem Geschworenen im Revolutionstribunal, umwendend, »quoi, nicht ein Unschuldiger? Was sagst du dazu, Fabricius!«Biographie des Ministres, § Danton. – Freunde, Westermann, dieser 410 Pâris und andere drangen in Danton, sich zu zeigen, die Tribüne zu besteigen und zu handeln. Der Mann Danton war nicht geneigt, sich zu zeigen, zu handeln oder einen Lärm zu machen, wo es nur seine eigene Sicherheit galt. Eine sorglose, große, hoffende Natur, die ruhig bleiben konnte; ganze Stunden lang konnte er, so wird gesagt, sitzen und Camille sprechen hören, und nichts gefiel ihm so wohl, Freunde drangen in ihn, zu fliehen, sein Weib drang in ihn. »Wohin fliehen?« antwortete er; »wenn das befreite Frankreich mich ausstößt, dann kann es anderswo für mich nur Kerker geben. Man trägt nicht sein Vaterland an der Schuhsohle mit sich fort.« Der Mann Danton saß still. Nicht einmal die Verhaftung seines Freundes Hérault, eines Mitgliedes des Salut, jedoch verhaftet vom Salut, kann Danton aus seiner Ruhe schrecken. – Am Abend des 30. März stürzt der Geschworene Pâris zu Danton herein, Angst in den Blicken: ein Schreiber vom Salut public hat ihm gesagt, daß Dantons Verhaftsbefehl ausgefertigt ist, daß Danton noch diese Nacht verhaftet werden solle. Da giebt's nun Bitten und Zittern bei der armen Frau, Pâris und den Freunden – Danton sitzt ruhig für eine Weile, dann antwortet er: »Ils n'oseraient, sie würden es nicht wagen;« und wollte keine Maßregeln ergreifen. Murmelnd: »Sie wagen es nicht,« geht er schlafen, wie gewöhnlich.

Und doch verbreitet sich am nächsten Morgen das seltsame Gerücht über Paris, daß Danton, Camille, Phélippeaux, Lacroix über Nacht verhaftet worden seien. Es verhält sich wirklich so. Die Korridore im Luxembourg waren alle gedrängt voll, die Gefangenen drängten sich heran, um diesen Riesen der Revolution in ihre Reihen treten zu sehen. »Messieurs,« sagte Danton höflich, »ich hoffte, Sie alle bald von hier los zu bekommen, nun aber bin ich selber hier und man weiß nicht, wo das enden wird.« – Das Gerücht verbreitet sich über Paris; der Konvent sammelt sich in Gruppen, wispert mit starren Augen: »Danton verhaftet!« Wer ist dann noch sicher? Legendre besteigt die Tribüne, äußert auf eigne Gefahr ein paar schwache Worte für Danton, trägt darauf an, daß Danton hier gehört werde, ehe man ihn anklage. Aber Robespierre weist ihn stirnrunzelnd zurück: »Hat man Chabot oder Bazire hier gehört? Will man mit zweierlei Maß und Gewicht messen?« Legendre duckt sich nieder; Danton muß, wie die übrigen, sein Schicksal hinnehmen.

Dantons Kerkergedanken zu kennen wäre interessant, aber 411 nichts Nennenswertes davon ist auf uns gekommen, wenige so merkwürdige Männer wie Danton sind für uns so im Dunkel geblieben, wie dieser Titane der Revolution. Man hörte ihn ausrufen: »Vor zwölf Monaten gerade beantragte ich die Einsetzung dieses Revolutionstribunals. Ich bitte Gott und Menschen dafür um Verzeihung! Sie sind alle Brüder wie Kain; Brissot hätte mich guillotinieren lassen, wie es jetzt Robespierre thun wird. Ich lasse alles in einem schrecklichen Wirrwarr (gâchis épouvantable) zurück; nicht einer von ihnen versteht etwas vom regieren. Robespierre wird mir folgen, ich ziehe Robespierre nach. O, es wäre besser, ein armer Fischer zu sein, als sich ins Regieren von Menschen zu mischen.« – Camilles junges, schönes Weib, das ihn reich gemacht hatte nicht an Geld allein, schwebt um das Luxembourg Tag und Nacht, wie ein entkörperter Geist. Noch existieren Camilles heimliche Briefe an sie, von seinen Thränen benetzt.Aperçus sur Camille Desmoulins (im Vieux Cordelier, Paris 1825), p. 1-29. »Ich trage meinen Kopf wie ein Saint Sacrament?« so hörte man Saint Just murren, »vielleicht wird er den seinen tragen wie ein Saint-Denis.«

Unglücklicher Danton, du noch unglücklicherer leichtherziger Camille, einst leichtherziger Procureur de la Lanterne, so seid denn auch ihr an jener Grenze der Schöpfung angelangt, wo der Mensch, wie Ulysses Polytlas an der Grenze und am äußersten Gades seiner Reise in jene trübe Weite jenseits der Schöpfung schauend, den Schatten seiner Mutter sieht, bleich und schattenhaft; und die Tage, ach, wo seine Mutter ihn pflegte und herzte, wie gar so ernst kontrastieren sie mit diesem Tage! Danton, Camille, Hérault, Westermann und die anderen, höchst seltsamerweise zusammengeworfen mit einem Bazire, einem Schwindler Chabot, einem Fabre d'Églantine, den Banquiers Frey, ein höchst bunter Schub, eine Fournée wie man dergleichen bald nennen wird, sie stehen in einer Reihe vor Tinvilles Schranken. Es ist der 2. April 1794. Nur drei Tage hatte Danton im Kerker zu liegen, denn die Zeit drängt.

»Wie heißen Sie? Wo wohnen Sie?« solches und ähnliches fragt Fouquier der Form gemäß. »Mein Name ist Danton,« lautet die Antwort, »ein Name, der in der Revolution ziemlich bekannt ist; meine Wohnung wird bald im Nichts (dans le néant) sein, aber ich werde leben im Pantheon der Geschichte.« Ein Mensch in dieser Lage wird versuchen, 412 etwas recht Eindringliches zu sagen, sei es natürlich oder nicht. Hérault erwähnt epigrammatisch, daß er »in diesem Saale gesessen habe und von den Parlamentsmitgliedern verabscheut worden sei.« Camille beantwortet die Frage nach seinem Alter: »Mein Alter ist das des bon Sansculotte Jésus, ein für Revolutionäre verhängnisvolles Alter.« O Camille, Camille! Und doch lag in des Göttlichen Lehre, laßt uns dies sagen, unter anderem der tödlichste Tadel, der je hier unten auf Erden geäußert worden, gegen die weltliche Hochehrbarkeit; die höchste That, wie Novalis diesen Tadel nennt, für die Menschenrechte. Camilles wirkliches Alter ist, wie es scheint, vierunddreißig. Danton ist ein Jahr älter.

Vor etwa fünf Monaten war der größte Prozeß, den Fouquier je zu führen hatte, der der zweiundzwanzig Girondisten. Aber hier hat er einen noch größeren, eine Aufgabe, die Fouquiers ganze Fähigkeit in Anspruch nimmt, ihm das Herz im Leibe erzittern läßt. Denn Dantons Stimme ist's, die nun von diesem Saalgewölbe wiederhallt, in leidenschaftlichen, tief durch ihre wilde Wahrheit einschneidenden, vom Zorn beflügelten Worten. Mit einem Hiebe macht er die besten Zeugen zu Schanden. Er fordert, daß die Komiteemitglieder selber als Zeugen herkommen oder als Ankläger; er »will sie mit Schmach bedecken.« Er reckt seine Riesengestalt, er schüttelt sein gewaltiges schwarzes Haupt; Feuer sprüht aus seinen Augen, dringt ins Herz aller Republikaner, sodaß sogar die Galerien, obgleich man sie durch Einlaßkarten nur mit Gegnern gefüllt hat, Beifall zu erkennen geben und nahe daran sind, herunterzustürzen, und das Volk zu empören und ihn zu befreien. Laut beklagt er sich, daß er mit einem Chabot, mit schwindelnden Börsenjobbern zusammen beurteilt wird, daß die Anklage gegen ihn eine Reihe von Abgeschmacktheiten und Schändlichkeiten sei. »Danton verborgen am 10. August?« erdröhnt es mit dem Brüllen eines Löwen in seinen Schlingen, »wo sind sie, die Männer, die Danton drängen mußten, sich zu zeigen an jenem Tag? Wo sind die hochbegabten Seelen, von denen er Mut geborgt hätte? Laßt sie hervortreten, meine Ankläger; ich besitze die volle Klarheit meiner Selbstbeherrschung, indem ich sie hierher fordere. Ich will diese drei faden Schurken entlarven (les trois plats coquins Saint Just, Couthon, Lebas), die Robespierre schmeicheln und ihn in sein Verderben leiten. Laßt sie sich zeigen hier, ich will sie in das Nichts hineintauchen, woraus sie niemals sich hätten erheben dürfen.« Der erregte Präsident läutet 413 heftig die Glocke, gebietet aufs heftigste Ruhe. »Was macht es für dich aus, wie ich mich verteidige?« ruft der andere, »das Recht, mich zu verurteilen, bleibt immer noch dein. Die Stimme eines Mannes, der für seine Ehre und sein Leben spricht, darf mit gutem Recht das Läuten deiner Glocke übertäuben!« So Danton, gewaltiger und immer gewaltiger, bis seine Löwenstimme »ihm im Halse erstickt;« die Sprache will es nicht wiedergeben, was in diesem Manne ist. Die Galerien murren bedenklich, die Sitzung des ersten Tages ist vorüber.

O Tinville, o Präsident Herman, was wollt ihr thun? Nach dem strengsten Revolutionsgesetz haben die Angeklagten zwei Tage mehr für sich. Schon murren die Galerien. Wie, wenn dieser Danton euer Netzwerk zerrisse? – Sehr merkwürdig in der That ist's, das zu denken. Es hängt an einem Haare, und welches tolle Durcheinander würde es da geben, wenn Richter und Angeklagter die Plätze tauschten, und die ganze Geschichte Frankreichs eine andere würde. Denn in Frankreich wäre es nur dieser eine Danton, der noch immer versuchen könnte, Frankreich zu regieren. Er allein, der wilde, formenlose Titane; – und vielleicht noch jene andere Persönlichkeit, der olivenfarbige Artillerieoffizier in Toulon, den wir verließen im Begriffe, für seine Zukunft zu arbeiten im Süden.

Am Abend des zweiten Tages, da die Sache nicht besser, sondern schlechter und schlechter aussieht, eilen Fouquier und Herman ganz verstört hinüber nach dem Salut public. Was ist zu thun? Der Salut public heckt schleunigst ein neues Gesetz aus, wonach Angeklagte, die »die Gerechtigkeit beleidigen,« aus den Verhandlungen (hors des débats) weggewiesen werden können. Denn giebt es nicht wirklich »ein Komplott im Luxembourggefängnis?« Der Ci-devant General Dillon und andere von den Verdächtigen komplottieren mit der Frau Camilles, wollen Assignate verteilen, die Gefängnisse aufbrechen, die Republik umstürzen. Der Bürger Laflotte, der selber verdächtig ist, aber seine Befreiung wünscht, hat dies Komplott uns verraten, – was Früchte bringen wird. Genug, am nächsten Morgen erläßt der gehorsame Konvent das Dekret. Salut public eilt damit zu Tinville, der eben jetzt fast am Ende seines Witzes ist. Somit: hors des débats, hinaus aus dem Verhandlungssaale, ihr Unverschämten! Schergen, thut eure Pflicht! In dieser Weise, mit äußerster Anstrengung aller Kräfte, wird die Jury »hinreichend 414 überzeugt,« nachdem Salut public, Tinville, Herman, Leroi Dix-Août und alle energischen Geschworenen sich ins Zeug gelegt hatten. Das Urteil wird gefällt, wird durch einen Beamten überschickt und zerrissen und mit Füßen getreten: Tod noch diesen Tag. Es ist der 5. April 1794. Camilles armes Weib mag aufhören, um dieses Gefängnis zu schweben. Ja, sie mag ihre armen Kinder küssen und sich anschicken, selber ins Gefängnis zu gehen.

Danton bewahrte einen stolzen Mut auf dem Todeskarren. Nicht so Camille; kaum eine Woche ist es her, und sein ganzes Dasein ist zerstört. Seinen Engel von Weib hat er weinend zurückgelassen, Liebe, Reichtum, revolutionären Ruhm, alles an den Gefängnispforten zurückgelassen; ein blutgieriger Pöbel heult jetzt um ihn herum. Mit Händen zu greifen und doch unglaublich, wie eines Wahnsinnigen Traum! Camille windet und krümmt sich, seine Schultern schütteln das lose Kleid ab, das zusammengeknüpft um ihn hängt, denn die Hände sind ihm gebunden. »Ruhig, mein Freund,« sagte Danton, »kümmere dich nicht um die elende Canaille (laissez là cette vile canaille.)« Am Fuße des Schafotts hörte man Danton ausrufen: »O mein Weib, mein inniggeliebtes Weib, so soll ich dich denn niemals wiedersehen!« – Dann, sich unterbrechend: »Danton, keine Schwäche!« Er sagte zu Hérault-Séchelles, auf ihn zu tretend, um ihn zu umarmen: »Unsere Köpfe werden sich wieder begegnen dort,« in des Henkers Sack. Seine letzten Worte waren an Samson, den Scharfrichter selbst gerichtet: »Du wirst meinen Kopf dem Volke zeigen, er ist es wert, gezeigt zu werden.«

So geht, wie eine gigantische Masse von Tapferkeit, Schaustellung, Wut, Liebe und wilder revolutionärer Kraft und Männlichkeit, dieser Danton in seine unbekannte Heimat. Er war aus Arcis-sur-Aube, als Kind »guter Landleute« geboren. Er hatte viele Sünden, aber eine der ärgsten Sünden hatte er nicht: die Sünde der Heuchelei. Kein hohler Formalist war er, nicht andere und sich selber betrügend, dem natürlichen Gefühle ein Greuel, sondern ein ganzer Mann. Mit all seinen Schlacken war er ein Mann, feurig wirklich, vom großen Feuerschoße der Natur selbst. Er rettete Frankreich vor Braunschweig; er wandelte geradeaus seinen eigenen wilden Weg, wohin er ihn auch führte. Für einige Generationen wird er fortleben im Gedächtnisse der Menschen. 415

 

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