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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 144
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.
Flammengemälde.

Die Vollendung des Sansculottismus lodert in dieser Weise auf in wilden Flammen von allen erdenklichen Farben, vom tiefglühenden Rot der Hölle bis zum hellen Sternenleuchten.

Aber der hundertste Teil von dem, was gethan wurde, und der tausendste Teil von dem, was projektiert und zu thun beschlossen wurde, würde die Zunge der Geschichte ermüden. Eine Statue des Peuple Souverain so hoch wie der Straßburger Münster, die ihren Schatten vom Pont-Neuf über den Jardin National und die Tuilerien werfen soll, ungeheuer, in Maler Davids Kopf, und nicht wenige andere gleich ungeheuern Statuen werden verwirklicht in einem papiernen Beschlusse. Denn in Wirklichkeit ist sogar die Statue der Freiheit auf dem Revolutionsplatze noch immer nur Gips. Dann haben wir zu thun mit der Gleichmachung von Maß und Gewicht nach dem Decimalsystem, mit Einrichtung von Musikschulen und vielem andern, von der Schule im 399 allgemeinen, einer Schule der Künste, einer Kriegsschule, Normalschulen, haben zu thun mit Élèves de la patrie. Dies alles mitten unter so vielem Gewehrbohren, Altarverbrennen, Salpetergraben und wunderbaren Verbesserungen in der Gerberei!

Was, zum Beispiel, ist's, was der Ingenieur Chappe thut, dort im Park von Vincennes? Im Park von Vincennes und, wie man sagt, weiter im Park des ermordeten Deputierten Lepelletier Saint-Fargeau, und immer noch weiter bis zu den Höhen von Ecouen und weiter noch hat er Gerüste aufgestellt, Pfosten eingerammt; hölzerne Arme mit Ellenbogengelenken stoßen und fuchteln in der Luft, in einer wilden mysteriösen Weise! Die Bürger liefen herzu, voll Verdacht. Ja, o Bürger, wir signalisieren; es ist eine Erfindung, wert der Republik, eine Sache, die wir Fernschrift ohne Hilfe der Post nennen wollen, oder auf Griechisch soll sie Telegraph heißen. – Télégraphe sacré! antwortet das Bürgertum, ja wohl, um damit an die Verräter zu schreiben, an Österreich! Und umgerissen werden die Gerüste. Chappe hatte sich davon zu machen und sich um ein neues Konventsdekret zu bemühen. Aber der unermüdliche Chappe hat es doch zustande gebracht, sein Fernschreiber mit den hölzernen Armen und Ellbogengelenken kann verständlich signalisieren; und Fernschreiberlinien werden bis an die nördliche Grenze und anderswohin errichtet. An einem Herbstabend des Jahres Zwei, als der Fernschreiber eben gemeldet, daß die Stadt Condé sich uns ergeben hat, senden wir vom Konventssaal in den Tuilerien in Form eines Beschlusses die Antwort: »Der Name Condé wird verändert in Nord libre, Frei-Nord; die Armee des Nordens höre nicht auf, sich um das Vaterland verdient zu machen.« Und nun staune, o Menschheit! Denn seht, in etwa einer halben Stunde, während der Konvent noch debattiert, langt diese neue Meldung ein: »Ich benachrichtige dich, Bürger Präsident, daß der Konventsbeschluß, womit die Änderung des Namens Condé in Frei-Nord befohlen wird, und der andere, wodurch erklärt wird, daß die Nord-Armee nicht aufhöre, sich um das Vaterland verdient zu machen, beide durch den Telegraphen übermittelt sind und deren Empfang bestätigt wurde. Ich habe meinen Beamten in Lille beauftragt, sie durch einen Expressen nach Frei-Nord zu befördern. Unterzeichnet: Chappe.«Choix des rapports, XV, 378, 384.

400 Oder seht! Dort über Fleurus in den Niederlanden, wo General Jourdan, der jetzt den Boden rein gefegt hat, soweit in Feindesland vorgedrungen ist, und eben daran ist zu kämpfen, und wieder zu fegen oder hinaus gefegt zu werden! Hängt nicht dort über Fleurus ein Wunderding, von österreichischen Augen und Ferngläsern wohl gesehen, etwas wie ein ungeheurer Windsack mit daran befestigtem Netzwerk und einer großen Schale? Sollte es, ihr österreichischen Ferngläser, vielleicht eine Jupiterwage sein? Die sichtbare Schale einer Jupiterwage, während eure arme österreichische Schale hinaufgeschnellt ist in unsichtbare Höhen? Beim Himmel, antworten die Fernrohre, es ist eine Mongolfiere, ein Ballon, und man giebt Signale! Die österreichischen Batterien bellen diese Montgolfiere an, harmlos, wie Hunde den Mond; die Montgolfiere macht ihre Signale, erspäht, was für österreichische Hinterhalte da sein mögen, und läßt sich nach Belieben wieder nieder.26. Juni 1794 (siehe Rapport de Guyton-Morveau sur les Aérostat, im Moniteur du 6 vendémiaire an 2). – Was werden diese Teufel nicht alles noch erfinden?

Ist es nicht, im ganzen, o Leser, eines der seltsamsten Flammengemälde, das je gesehen worden, dies Flammengemälde, das da auf guillotinenschwarzem Hintergrunde auflodert? Und der allabendlich geöffneten Theater zählt man dreiundzwanzig, und salons de danse sechzig, voll reiner Égalité, Fraternité und Carmagnole. Und Sektionskomitee-Lokale zählt man achtundvierzig, duftend von Tabak und Branntwein, sich stärkend mit vierzig Sous den Tag, den Verdächtigen ein Schrecken. Und Gefängnisse hat's allein in Paris zwölf, voll, ja gestopft voll. Und überall, ob man ausgeht oder eingeht, bedarf man der carte de civisme, ja, ohne sie erhält man nicht einmal für Geld seine täglichen Unzen Brot. Immer noch sieht die Morgendämmerung rotbemützte Bäckerqueues, sich an der Kette schaukelnd, und nicht gar stille! Denn wir leben noch immer im Maximum, in der Teurung von allen Dingen, Mangel und Verwirrung warten uns auf. Die Menschengesichter sind verfinstert vom Argwohn, vom verdächtigen oder verdächtig sein. Die Straßen bleiben ungekehrt, die Wege unausgebessert. Die Rechtsprechung hat ihre Bücher geschlossen, spricht wenig, außer aus dem Stegreif durch den Mund Tinvilles. Verbrechen bleiben unbestraft, nur nicht die Verbrechen gegen die Revolution.Mercier, V, 25; Deux Amis, XII, 142-199. »Die Zahl der Findelkinder ist,« wie berechnet wird, »verdoppelt.«

401 Wie stille ist jetzt aller Royalismus, aller Aristokratismus und die Respektabilität, die ihre eigene Equipage zu halten pflegte! Ehre, Sicherheit werden jetzt der Armut, nicht mehr dem Reichthum, zu teil. Der Bürger, der etwas vorstellen will, spaziert, sein Weib am Arm, in roter wollener Nachtmütze einher, schwarzplüschener Jacke und im übrigen in carmagnole complète. Der Aristokratismus duckt sich tief in noch gebliebene Schlupfwinkel, unterzieht sich allen Requisitionen, Plackereien; glücklich, wenn er nur mit dem Leben davonkommt. Gespensterhafte Schlösser starren uns an auf der Landstraße, ohne Dächer, ohne Fenster, und der nationale Häusertrödler schachert sie ein um den Wert von übrig gebliebenem Blei und Quadersteinen. Die alten Bewohner irren trostlos umher mit Condé, jenseits des Rheins, ein trübes Schaustück für die Welt. Ci-devant Seigneur, ein Feinschmecker, wird ein feiner Restaurationskoch in Hamburg, ci-devant Madame, die sich so geschmackvoll zu kleiden verstand, wird eine geschmackvolle Marchande de modes in London. In der Newgatestraße in London kann man Monsieur le Marquis begegnen mit einem groben Brette auf der Schulter, Beil und Hobel unterm Arm; er hat sich dem Schreinerhandwerk zugewendet, denn man muß leben (faut vivre).Siehe Deux Amis, XV, 189-192; Mémoires de Genlis, Founders of the French Republic, etc. etc. Besser als alle Franzosen gedeiht jetzt der einheimische Börsenjobber, – in dieser Zeit des Papiergeldes. Auch der Landwirt gedeiht, »Bauernhäuser,« sagt Mercier, »sind wie Pfandleihanstalten geworden,« alle Sorten von Möbeln, Gewändern, Gold- und Silbergeschirr häufen sich dort, denn Brot ist teuer. Pachtzinse werden nur in Papier gegeben, Brot aber, das so kostbar, hat der Landwirt allein; ein Pächter ist besser daran als sein Gutsherr und wird selbst Gutsherr werden.

Und täglich, gleich einem schwarzen Gespenst, fährt schweigend durch den Lebenstumult der Revolutionskarren, schreibt an die Mauern sein. Mene, Mene, Tekel, Upharsin, man hat dich gewogen und zu leicht befunden! Ein Gespenst, mit dem man vertraut geworden ist. Man hat sich ins Unabänderliche schicken gelernt, keine Klagen erschallen mehr vom Todeskarren. Schwache Weiber und ci-devants, ihre Federn und ihr Staat ganz verblichen, sitzen da mit stillem Blick, als wenn sie schon in die unendliche Nacht hineinschauten. Die einst so fröhlich lächelnde Lippe zeigt einen 402 Zug von Ironie und äußert kein Wort, und der Karren fährt weiter. Sie mögen vor Gott schuldig sein oder nicht, aber vor der Revolution sind sie schuldig, wie zu vermuten. Und kann denn nicht die Republik mit ihrer großen Axt »Geld schlagen« aus ihnen? Gräßlicher Beifall ertönt von den roten Nachtmützen, der übrige Teil von Paris sieht nur zuviel ist's, wenn es mit einem Seufzer geschieht. Diesen Mitgeschöpfen kann ja alles Seufzen nicht helfen, sie sind nun einmal der finsteren Notwendigkeit und Tinville verfallen.

Noch ein oder vielmehr zwei Dinge wollen wir erwähnen und sonst nichts mehr: Die blonden Perücken und die Gerberei in Meudon. Ein großes Gerede wird von diesen perruques blondes gemacht. O Leser, sie werden aus den Haaren guillotinierter Frauen verfertigt! Die Locken einer Herzogin mögen so den Schädel eines Schusters bedecken, ihr blondes germanisches Frankentum seinen schwarzen gallischen Hinterkopf, wenn er kahl wird. Oder sie könnten auch liebevoll als Reliquien getragen werden, und einen verdächtig machen, nicht?Mercier, II, 134. Bürger bedienen sich dieser Perücken nicht ohne Spottreden von etwas kannibalischer Art.

Noch grausamer dringt einem eine Art Gerberei in Meudon ins Herz, die man unter den anderen Wundern der Gerberei nicht erwähnt hat. »In Meudon,« erzählt Montgaillard mit großer Ruhe, »war eine Gerberei von menschlichen Häuten, solcher Häute der Guillotinierten, die des Schindens wert schienen, und woraus ein ganz gutes Waschleder gemacht wurde,« zu Hosen und anderem Gebrauche. Die Haut der Männer, bemerkt er weiter, übertraf das Gemsleder an Zähigkeit (consistance) und sonstiger Qualität; die Haut der Weiber war fast zu gar nichts gut, da sie zu weich war im Gewebe!Montgaillard, IV, 290. Wenn die Geschichte auf den Kannibalismus vergangener Zeiten zurückblickt, in Purchas' Pilgrims und allen alten und neuen Berichten blättert, wird sie vielleicht keinen Kannibalismus auf Erden entdecken, der im ganzen so abscheulich gewesen wäre. Denn diese Art Kannibalismus ist eine kunstvolle, weiche, ruhig elegante Art, eine perfide Art. Ach, ist denn die menschliche Civilisation nur eine Hülle, wodurch die Wildheit immer noch durchbrechen kann, so höllisch als je? Ja, die Natur macht den Menschen und sie hat Höllisches in sich ebensowohl als Menschliches. 403

 


 

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