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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 143
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.
Thu' deine Pflicht.

Infolgedessen erheben sich, neben diesen Freudenfeuern mit Kirchenbalustraden und dem Lärm des Füsilierens und 391 Ersäufens, noch ganz andere Feuer und Getöse: Schmiedefeuer und Probesalven bei der Anfertigung von Gewehren.

Von Schweden und der Welt abgeschnitten, muß die Republik lernen, selber Stahl zu machen, und mit Hilfe der Chemiker hat sie es gelernt. Städte, die nur Eisen kannten, kennen jetzt Stahl, und von ihren neuen Kerkern in Chantilly können die Aristokraten das Rauschen unseres neuen Stahlofens dort hören. Verwandeln sich nicht Glocken in Kanonen, eiserne Stützpfeiler in blanke Waffen (arme blanche) unter den Händen der Waffenschmiede? Die Räder von Langres kreischen unter sprühendem Funkenwerfen, sie auch thun nichts mehr als Schwerter schleifen. Die Amboße von Charleville ertönen vom Hämmern der Gewehre. Was sagen wir nur Charleville? Zweihundertundachtundfünfzig Schmieden stehen auf den offenen Plätzen von Paris selbst, einhundertundvierzig in der Invaliden-Esplanade, vierundfünfzig im Luxembourggarten und grimmige Schmiede hämmern und schmieden dort an Gewehrschlössern und Läufen. Die Uhrmacher sind aufgeboten worden und sind gekommen, um die Zündlöcher, das Schlaglot und die nötige Feilerei zu machen. Fünf große Barken lagen in der Seine verankert, von ihnen her kommt der Lärm des Geschützbohrens; die großen Drillbohrer rasseln nervenzerreißend für Ohr und Herz des nicht daran Gewöhnten. Und tüchtige Schaftmacher drechseln und raspeln, und alle Welt rührt sich, ein jeder nach seinem Vermögen, und in der Sprache der Hoffnung rechnet man, daß »täglich tausend fertige Gewehre abgeliefert werden können.«Choix des rapports, XIII, 189. Chemiker der Republik haben uns Wunder von schnellem Gerben gelehrt,Choix des rapports, XV, 360. der Schuster bohrt und näht und nagelt, – nicht »Holz und Pappe,« oder er wird es vor Tinville zu verantworten haben! Die Weiber nähen Zelte und Uniformen, die Kinder zupfen Charpie, die alten Männer reden auf öffentlichen Plätzen, alle noch Rüstigen sind auf dem Marsche, alle vom Vaterlande in Anspruch genommen; von Stadt zu Stadt flattert das Banner in des Himmels Winden: das französische Volk empört gegen Tyrannen!

Dies alles wäre gut. Aber jetzt erhebt sich die Frage, wo sollen wir Salpeter hernehmen? Der unterbrochene Handel und die englische Flotte verhindern die Zufuhr von Salpeter, und ohne Salpeter giebt es auch kein Schießpulver. Die 392 republikanische Wissenschaft sitzt wieder in Gedanken, entdeckt, daß Salpeter hier und da auch bei uns sich vorfindet, wenn auch nur in kleinen Mengen, daß alter Mörtel von Mauern eine Spur davon enthält, ebenso die Erde und der gewöhnliche Schutt in den Pariser Kellern; und wenn man diese Erde ausgrübe und wüsche, so ließe sich daraus Salpeter gewinnen. Worauf, seht, die Bürger schleunigst und eifrigst, jeder in seinem Keller, nach Salpeter graben, mit zurückgeschobenem bonnet rouge oder in bloßem Kopfe und mit schweißtriefendem Haar. Erdhaufen entstehen vor jeder Hausthür, von den Bürgerinnen in Körben und Eimern heraufgetragen, während drunten die Bürger, Riesenkraft in jeder Muskel, auf Tod und Leben nach Salpeter schaufeln und graben. Grabt, ihr Wackeren, und eilt euch tüchtig! Was die Republik an Salpeter braucht, das soll ihr nicht fehlen.

Die Vollendung des Sansculottismus hat viele Seiten und Farben, aber die glänzendste, die wirklich wie in Sonnen- und Sternenglanz schimmert, ist diejenige, die sie in den Armeen erreicht. Dieselbe Jakobinerglut, die Frankreich im Innern mit Haß, Argwohn, Schafotten und Vernunftanbetung erfüllt, zeigt sich wieder an den Grenzen als ein ruhmvolles pro patria mori. Seit Dumouriez' Abfall begleiten einen jeden General immer drei Konventsrepräsentanten. Der Wohlfahrtsausschuß hat sie entsendet, oft nur mit dem lakonischen Befehl: »Thu' deine Pflicht, fais ton devoir.« Es ist seltsam, unter welchen Hindernissen das Feuer des Jakobinismus und andere solche Feuer brennen. Diese Soldaten haben Schuhe von Holz und Pappe, oder gehen im tiefen Winter daher, die Füße mit Heu umwickelt, knüpfen als Mantel eine Strohmatte um die Schultern, und leiden Mangel am Notwendigsten. Was thut's? Sie kämpfen für die Rechte Frankreichs, die Rechte der Menschheit, der nicht unterdrückbare Geist ist's, der hier, wie anderswo, Wunder wirkt. »Mit Stahl und Brot,« sagt der Konventsrepräsentant, »kann man nach China kommen.« Die Generale kommen rasch auf die Guillotine, mit Recht und Unrecht. Was ist die Schlußfolgerung daraus? Diese, unter anderen, daß Nicht-Erfolg Tod ist, daß im Siege allein Leben liegt! Siegen oder sterben ist keine theatralische Phrase, unter diesen Umständen, sondern eine praktische Wahrheit und Notwendigkeit. Aller Girondismus, alle Halbheit und Nachgiebigkeit ist wie weggefegt. Vorwärts, Soldaten der Republik, Offiziere und Gemeine. Stürzt euch mit eurem gallischen Ungestüm 393 auf Österreich, England, Preußen, Spanien, Sardinien, Pitt, Coburg, York, auf den Teufel und die ganze Welt. Hinter uns giebt's nur die Guillotine, vor uns Sieg, Ruhm und ein tausendjähriges Reich, eine Freudenzeit ohne Ende!

Seht daher, wie an allen Grenzen die Söhne der Nacht zurückweichen, verblüfft nach ihrem kurzen Triumphe, wie die Söhne der Republik auf sie stürzen unter wildem Ça-ira oder dem Marseiller Aux armes, mit dem Mute ergrimmter Wildkatzen oder Menschen gewordener Dämonen – was kein Sohn der Nacht erträgt! Spanien, das mit seinen rauschenden Bourbonenbannern durch die Pyrenäen gebrochen war und hier und da für eine Zeit lang gesiegt hatte, bebt zurück bei solchem Wildkatzen-Willkomm, zieht sich wieder nach Spanien zurück und wäre nur zu glücklich, wenn die Pyrenäen unpassierbar wären. Dugommier, der Eroberer von Toulon, treibt Spanien nicht nur zurück, er dringt in Spanien ein. General Dugommier fällt durch die östlichen Pyrenäen ein, General Müller soll einfallen durch die westlichen Pyrenäen. Soll, so lautet das Wort, der Wohlfahrtsausschuß hat's gesprochen, Repräsentant Cavaignac, der »auf Sendung« dort ist, hat dafür zu sorgen, daß es geschieht. Unmöglich! ruft Müller. – Unfehlbar! antwortet Cavaignac. Schwierigkeiten, Unmöglichkeiten, – alles nützt nichts. »Das Komitee ist taub auf diesem Ohre,« antwortet Cavaignac, »n'entend pas de cette oreille-là. Wie viele Leute, Pferde, Kanonen brauchst du dazu? Du sollst sie haben. Siegen, besiegt oder gehängt werden, ist gleich, vorwärts müssen wir.«Es wird bei Prudhomme von diesem Cavaignac eine Abscheulichkeit à la Kapitän Kirk erzählt, die in die Dictionnaires des hommes marquants, die Biographie universelle &c. aufgenommen wurde, die aber nicht allein unwahr ist, sondern, was merkwürdig ist, noch heute als unwahr nachgewiesen werden kann. Und wie der Repräsentant befohlen hatte, so geschah es. Der Frühling des neuen Jahres sieht Spanien überfallen, und Redouten, Pässe und Höhen der steilsten Art werden genommen, die spanischen Offiziere stehen verblüfft von solchem Wildkatzengrimm, ihre Kanonen vergessen zu feuern.Deux Amis, XIII, 205-230; Toulongeon &c. Die Pyrenäen sind gesäubert, Stadt nach Stadt öffnet ihre Thore, durch Schrecken oder durch Petarden bezwungen. Im Laufe eines weiteren Jahres wird Spanien um Frieden bitten, seine Sünden und die Republik anerkennen, ja in Madrid wird eine Freude sein wie 394 nach einem Siege, nur darum, daß wenigstens der Friede erlangt worden.

Weniges, wir wiederholen es, kann bemerkenswerter sein als diese Konventsrepräsentanten mit ihrer mehr als königlichen Macht. Ja, sind sie denn im Grunde nicht Könige, nach dem Prinzipe, daß der Fähigste König sein soll? Gewählt aus den siebenhundertneunundvierzig französischen Königen mit der Weisung: Thu' deine Pflicht? Repräsentant Levasseur, von kleiner Statur, seinem Berufe nach bloß ein friedlicher Accoucheur, hat Meutereien zu unterdrücken. Rasende Heereshaufen (rasend über die Verurteilung Custines) brüllen um ihn herum; er, der einzige kleine Repräsentant, allein mitten unter ihnen, – klein, aber hart wie Kiesel, der ja auch Feuer in sich hat. So auch erklärt er bei Hondschooten, spät am Nachmittage, daß die Schlacht nicht verloren sei, daß sie gewonnen werden müsse, und kämpft selber mit seiner eigenen geburtshelfenden Hand; – als das Pferd unter ihm erschossen ist, kämpft er zu Fuß »bis zu den Hüften in der Flut,« ficht in regelrechtem Ausfall und Stoß, trotz Wasser, Erde, Luft und Feuer, der cholerische kleine Repräsentant, der er war. Wonach denn, wie natürlich, die königliche Hoheit von York sich zurückzuziehen hat, im Galopp und nahe daran von der Flut verschlungen zu werden; und der königlichen Hoheit Belagerung von Dünkirchen wurde zum Traum, bei dem nichts herausgekommen war als der schwere Verlust von herrlicher Belagerungsartillerie und manches braven Mannes.Levasseur, Mémoires, II, 2-7.

General Honchard, so scheint es, stand bei dieser Gelegenheit hinter einer Hecke, weshalb man ihn seither guillotiniert hat. Ein neuer General Jourdan, einst Sergeant Jourdan, kommandiert an seiner Stelle. Er zwingt Österreich wieder hinter die Sambre, in langwährenden Schlachten bei Watigny, »wo mörderisches Artilleriefeuer sich vermischte mit dem Klange der revolutionären Schlachthymne;« er hofft den Boden der Freiheit zu säubern, und in harten Kämpfen, durch Artilleriefeuer und ça-ira-Singen soll es geschehen. Im Laufe eines neuen Sommers wird sich Valenciennes belagert sehen, Condé belagert, was nur immer noch in den Händen Österreichs ist, belagert und bombardiert. Ja, durch einen Konventsbeschluß fordern wir sie alle auf, »sich entweder innerhalb vierundzwanzig Stunden zu ergeben oder 395 sonst dem Schwerte zu verfallen;« ein kühnes Wort, das, wenn es auch nicht erfüllt wird, immerhin zeigen mag, in welcher mutigen Stimmung man ist.

Dem Repräsentanten Drouet, als einem alten Dragoner, war der Kampf zur zweiten Natur geworden; doch war er unglücklich. Bei einem nächtlichen Kampfe zu Maubeuge, letzten Oktober, fingen ihn die Österreicher lebendig. Sie zogen ihn beinahe nackt aus, wie er sagt, veranstalteten eine Schaustellung mit ihm als Königsfänger von Varennes. Sie warfen ihn in Karren, sandten ihn weit hinein ins Innere von Kimmerien, auf »eine Festung genannt Spitzberg,« an der Donau, und überließen ihn dort, auf einer Höhe von vielleicht einhundertundfünfzig Fuß, seinen eigenen bitteren Gedanken. Gedanken und auch Anschlägen; denn der unbezähmbare alte Dragoner macht eine Flugmaschine in der Art eines Papierdrachens, durchfeilt Fenstergitter und entschließt sich zum Hinunterfliegen. Er will sich eines Bootes bemächtigen, will dem Laufe des Stromes folgen, irgendwo in der Krim im schwarzen Meer oder der Tartarei landen, oder in der Gegend von Constantinopel, à la Sindbad. Die authentische Geschichte entdeckt daher fern in Kimmerien ein zweifelhaftes Phänomen. In der Totenstille der Nacht fällt die Schildwache von Spitzberg vor Schreck beinahe in Ohnmacht. Ist's eine ungeheuere, unklare Vorbedeutung, was da durch die Nacht heruntersteigt? Es ist ein ungeheuerer Nationalrepräsentant und alter Dragoner, der da mit einem Papierdrachen heruntersteigt; – zu schnell, ach! Denn Drouet hat »einen kleinen Mundvorrat, ungefähr zwanzig Pfund schwer« mit sich genommen, der sich erwies als die Niederfahrt beschleunigend. So fiel er und brach sein Bein, und lag da, stöhnend, bis der Morgen anbrach, bis man deutlich erkennen konnte, daß er nichts Geisterhaftes, sondern ein Repräsentant war.Seine Erzählung in Deux Amis, XIV, 177-186.

Oder seht Saint-Just, obgleich physisch von schüchterner besorgter Natur, wie er in den Linien von Weißenburg mit seinen »eilig bewaffneten elsässischen Bauern« vorgeht, wie sein ernsthaftes Gesicht flammt, sein schwarzes Haar und der trikolore Huttaft im Winde wehen. Diese unsere Linien von Weißenburg waren uns allerdings genommen worden und Preußen und die Emigranten hatten sich hindurchgedrängt, aber wir erobern sie wieder, und Preußen und die 396 Emigranten drängen sich wieder zurück, schneller als sie hereingekommen, – gejagt von Bajonettangriffen und feurigem ça-ira.

Ci-devant Sergeant Pichegru, ci-devant Sergeant Hoche, die jetzt zu Generalen aufgestiegen sind, haben hier Wunder gethan. Der hochgewachsene Pichegru war für die Kirche bestimmt, war ehemals Lehrer der Mathematik in der Schule von Brienne, – sein bedeutendster Schüler dort war der Knabe Napoleon Buonaparte. Dann hatte er in einer nicht süßen Stimmung sich anwerben lassen, hatte die Schulrute mit der Muskete vertauscht, und hatte es bis zum Korporalstock gebracht; worüber hinaus nichts mehr zu hoffen war, als der Sturz der Bastille einen Weg für ihn öffnete. Und hier ist er nun angelangt. Hoche war persönlich beteiligt bei der Erstürmung der Bastille; er war, wie wir sahen, ein Sergeant der Gardes françaises, und verwendete seinen Sold auf Talglichter und wohlfeile Bücher. Wie doch jetzt die Berge geborsten sind und manch ein Enceladus erlöst ist, während Kapitäne, die sich auf vier Adelsbriefe stützten, mitsamt ihren Adelsbriefen über den Rhein hinüber geweht sind!

Was für hohe Waffenthaten daher von den vierzehn Armeen gethan wurden, und wie aus Liebe zur Freiheit und in der Hoffnung auf Promotion niedriggeborne Tapferkeit ihren verzweifelten Weg sich bahnte bis zum Generalsrang, und wie von Carnot an im Salut public bis hinab zum entferntesten Trommler an der Grenze alles für die Freiheit thätig war, das möge der Leser sich vorstellen. Der Schnee des Winters, die Blumen des Sommers werden weiter gefärbt vom Blute des Krieges. Das gallische Ungestüm steigt immer höher mit jedem Siege, der Geist des Jakobinismus vermählt sich mit Nationalstolz; die Soldaten der Republik werden, wie wir prophezeiten, wahrhafte Söhne des Feuers. Barfuß, ohne genügende Bekleidung; aber mit Brot und Eisen kann man nach China gelangen! Es ist eine Nation gegen die ganze Welt, aber die Nation hat das in sich, was die ganze Welt nicht bezwingen wird. Kimmeria, erstaunt, weicht zurück, schneller oder langsamer; rings um die Republik erhebt sich gleichsam ein feuriger, magischer Ring von Musketenfeuer und ça-ira. Die Majestät von Preußen, wie die Majestät von Spanien, wird nach und nach ihre Sünden anerkennen und die Republik, und wird Frieden machen zu Basel.

397 Fremder Handel, Kolonien, Faktoreien im Osten und Westen sind dem meerbeherrschenden Pitt, dem Feinde des Menschengeschlechts in die Hände gefallen oder im Begriff dazu. Und doch, was ist das für ein Schall, den wir am 1. Juni 1794 hören, wie von Schlachtendonner, vom Ocean weitergetragen, ein durchdringender Ton. Wahrlich, Schlachtendonner von der See her bei Brest! Villaret-Joyeuse und der Engländer Howe haben nach langem Manövrieren sich hier in Schlachtordnung aufgestellt und speien Feuer. Die Feinde des Menschengeschlechts sind auf ihrem eigenen Element, können nicht besiegt, nicht gehindert werden, zu siegen. Zwölfstündige wütende Kanonade, die Sonne sinkt im Westen nieder durch den Pulverrauch, sechs französische Schiffe sind genommen, die Schlacht verloren; jedes Schiff, das noch segeln kann, sucht das Weite. Aber was ist's mit jenem Schiffe, dem Vengeur? Es streicht weder die Flagge, noch macht es sich davon? Es ist gelähmt, kann nicht weg, aber die Flagge streichen will es nicht. Das Feuer des siegreichen Feindes trifft vorn und hinten, der Vengeur sinkt. Stark seid ihr, Tyrannen der See, aber wir, sind wir schwach? Seht, alle Flaggen, Wimpel, jeder Fetzen Trikolore, der noch auf dem Seile läuft, fliegt rauschend empor, die ganze Bemannung drängt sich aufs Deck und jauchzt mit herzerschütterndem Geschrei: »Vive la République!« – Und sinkt, und sinkt. Das Schiff taumelt, schlingert, macht seine letzte, wie trunkene Wendung; tief gähnt der Oceanabgrund, hinab stürzt der Vengeur, nimmt, unbesiegbar, mit sich hinab, in die Ewigkeit, sein »Vive la République!«Vergleiche Barrère (Choix des rapports, XIV, 416-421); Lord Howe (Annual Register of 1794, p. 86) etc. Mögen fremde Despoten daran denken. Es giebt etwas Unbesiegbares im Menschen, wenn er sich auf seine Menschenrechte stützt; mögen die Despoten und Sklaven und alle Völker dies wissen; und zittern sollen nur die bei diesem Wissen, die sich auf das Unrecht der Menschen stützen. – So hat es die Geschichte in vollster Überzeugung geschrieben vom gesunkenen Vengeur.

– Leser! Mendez Pinto, Münchhausen, Cagliostro, Psalmanazar waren groß; doch sie sind nicht die größten. O Barrère, Barrère, Anakreon der Guillotine! Die wißbegierige malende Geschichte in neuer Ausgabe muß dich wieder fragen: »Wie war es mit dem Vengeur?« Wie mit seinem rnhmvollen, selbstmörderischen Sinken? Ach, muß sie 398 mit zornigem Pinsel durch dich und deinen ganzen Vengeur-Bericht einen breiten Strich von schmählichem Lampenruß ziehen? O Schande! Der Vengeur, nach tapferem Gefecht, sank ganz wie ein anderes Schiff, nachdem der Kapitän und über zweihundert von der Mannschaft sich glücklich auf britische Boote gerettet hatten; und diese ganze ungeheure That und das Gerede »von einem alles durchdringenden Ton« erweist sich als eine enorme begeisternde Nichtigkeit, als etwas, was nie geschah, außer als Lüge im Gehirn Barrères! So ist's.Carlyles Miscellanies, vol. IV, § Sinking of the Vengeur. Gegründet, wie die Welt selbst, auf nichts, aber durch Konventsberichte, durch feierlichen Konventsbeschluß und -beschlüsse, und ein hölzernes »Modell des Vengeur« glaubhaft gemacht, beweint, besungen vom ganzen französischen Volke bis auf diese Stunde, mag es als Barrères Meisterstück angesehen werden; als das größte, höchst begeisternde Beispiel von blague, das seit Jahrhunderten von irgend einem Mann oder einer Nation gegeben worden ist. Als solches, und als nichts anderes, sei es hinfort merkwürdig.

 

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