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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 142
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.
Gleich einer Gewitterwolke.

Aber noch immer bleibt der erhabene und recht eigentlich erste und ursprüngliche Anblick auf die Vollendung des Schreckens übrig; ja die kurzsichtige Geschichte hat zum größten Teile diesen Anblick geradezu übersehen, die Seele des Ganzen, das, was den Schrecken den Feinden Frankreichs schrecklich macht. Laßt den Despotismus und die kimmerischen Koalitionen es wohl erwägen: alle Franzosen und alles Französische sind in einem Zustande der Requisition, vierzehn Armeen sind auf den Beinen, der Patriotismus mit allem, 387 was er im Herzen, im Kopf, in der Seele, im Leibe oder im Geldbeutel hat, stürzt nach der Grenze, um zu siegen oder zu sterben. Geschäftig sitzt Carnot im Salut public, geschäftig den »Sieg zu organisieren«, so viel an ihm liegt. Nicht schneller pulsiert auf dem Platz de la Révolution, in schrecklichem Auf- und Niedergehen, die Guillotine, als das Schwert des Patriotismus arbeitet, um Kimmerien vom heiligen Boden des Vaterlandes zurückzuschlagen, zurück in seine eigenen Grenzen. Die Regierung ist wirklich, was man revolutionär nennen kann, und einige Leute sind »à la hauteur«, und andere sind nicht à la hauteur – um so schlimmer für die. Aber die Anarchie, dürfen wir sagen, hat sich organisiert: die Gesellschaft ist buchstäblich umgestürzt, ihre alten Kräfte arbeiten mit rasender Thätigkeit, aber in umgekehrter Ordnung, zerstörend und sich selbst zerstörend.

Merkwürdig ist's zu sehen, wie sich immer alles auf irgend einen Kopf und eine Quelle zurückführen läßt; nicht einmal eine Anarchie kann existieren, ohne ein Centrum, um das sie sich dreht. Es ist jetzt etwa sechs Monate her, seitdem das Comité du Salut public ins Leben trat, etwa drei Monate, seitdem Danton vorschlug, daß diesem Komitee alle Macht und »eine Summe von fünfzig Millionen« gegeben werden solle, und daß die »Regierung für revolutionär erklärt« werde. Er selber wollte seit jenem Tage keine Stellung mehr annehmen, obschon wieder und wieder darum ersucht, sondern sitzt auf seinem Deputiertenplatze auf dem Berge. Seit jenem Tage sind die Neun oder die Zwölf, wenn sie auf zwölf anwachsen sollten, permanent geworden, werden immer wieder gewählt, wenn ihre Zeit abgelaufen ist; das Salut public, die Sûreté générale haben ihre endliche Form und Arbeitseinteilung erhalten.

Der Wohlfahrtsausschuß als oberster, der Sicherheitsausschuß als untergeordneter, so sind diese beiden, wie ein kleiner und ein großer Rat, bisher in bester Harmonie, das Centrum von allem geworden. Sie reiten diesen Wirbelwind, durch die Macht der Umstände unmerklich, auf sehr seltsame Weise, zu der schrecklichen Höhe erhoben, – und lenken oder scheinen den Wirbelwind zu lenken. Eine merkwürdigere Gesellschaft von Wolkenbändigern hat die Erde nie gesehen. Ein Robespierre, Billaud, Collot, Couthon, Saint-Just, der noch gemeinern Geister, eines Amar, Vadier in Sûreté générale nicht zu gedenken: dies sind unsere Wolkenbändiger. Geringe intellektuelle Begabung ist nötig, denn wo, außer im 388 Kopfe Carnots, der den Sieg organisiert, wäre sonst welche zu finden? Das Talent, das sie haben, ist eher Instinkt, der Instinkt, der richtig zu raten vermag, was dieser große stumme Wirbelwind will und verlangt, und mit noch mehr Raserei will, was alle Welt will. Vor keinen Hindernissen zurückzuschrecken, keine menschlichen oder göttlichen Rücksichten zu achten, das eine wohl zu wissen, daß von allem Göttlichen oder Menschlichen vor allem eines erlangt werden muß: der Triumph der Republik, die Vernichtung der Feinde der Republik. Merkwürdig ist's zu sehen, wie ein stummer unartikulierter rasender Wirbelwind von Ereignissen gerade denen, die diese eine geistige Begabung und so wenig andere besitzen, die Zügel gleichsam in die Hand legt und sie einladet und zwingt, seine Lenker zu sein.

Nahebei sitzt die Munizipalität von Paris in roten Nachtmützen alle seit dem vierten November letzthin, eine Gesellschaft von Leuten, die völlig »auf der Höhe der Verhältnisse« stehen, oder sogar über denselben. Der glatte Maire Pache, immer bestrebt, sich in der sicheren Mitte zu halten, Chaumette, Hébert, Varlet und Henriot, ihr großer Kommandant, nicht zu sprechen von Vincent, dem Kriegssekretär, Momoro, Dobsent und dergleichen, – alle sind sie darauf versessen, daß man Kirchen plündere, die Vernunft anbete, Verdächtige niedersäble, und daß die Revolution triumphiere. Sollten sie nicht vielleicht die Sache zu weit treiben? Wir hörten Danton über die bürgerlichen Verse murren und Prosa und Anstand empfehlen. Auch Robespierre murrt, daß man mit dem Abschaffen des Aberglaubens nicht gemeint habe, eine Religion des Atheismus zu machen. Wirklich, diese Chaumette und Compagnie bilden eine Art Hyper-Jakobinismus oder eine tolle »faction des enragés,« die dem orthodoxen Patriotismus einigen Anstoß gegeben hat, diese letzten Monate. »Einen Verdächtigen auf der Straße erkennen zu können,« was heißt das anders, als das Gesetz der Verdächtigen selbst in übeln Geruch bringen? Halb rasende Leute, übereifrig, so arbeitet alles in den roten Nachtmützen, ruhelos, hastig, vollendend, was von Leben ihnen bestimmt ist.

Und die 44000 anderen Ortschaften, jede mit einem Revolutionskomitee, das sich auf die Jakobiner Tochtergesellschaft eines jeden Ortes stützt, alle vom Geist des Jakobinismus erleuchtet, angespornt durch die 40 Sous den Tag! – Die französische Konstitution verachtete immer alles, was dem Zwei-Kammersystem glich, und doch, seht, hat sie nicht wirklich 389 zwei Kammern bekommen? Der vom Volk gewählte Nationalkonvent die eine, die selbstgewählte Mutter des Patriotismus die andere! Die Debatten der Muttergesellschaft werden im Moniteur als wichtige Staatsverhandlungen wiedergegeben, was sie unbestreitbar sind. Eine zweite gesetzliche Versammlung nennen wir diese Muttergesellschaft; – wäre sie vielleicht noch eher zu vergleichen mit jener alten schottischen Körperschaft, den Lords of the articles (Herren der Artikel), ohne deren Initiative und gegebenes Zeichen das sogenannte Parlament kein Gesetz vorschlagen, keinen Beschluß fassen konnte? Robespierre selber, dessen Worte ein Gesetz sind, öffnet seine unbestechlichen Lippen am freigebigsten im Jakobiner-Saale. Der kleine Rat des Salut public, der große Rat der Sûreté générale, alle am Ruder befindlichen Parteien, kommen in den Jakobinersaal, um ihre Sache zu verfechten, um zum voraus sich ein Urteil zu bilden, welche Entscheidung sie treffen sollen, welches Geschick ihren Anträgen bevorsteht. Wenn jetzt da die Frage entstände, welche von diesen zwei Kammern, der Konvent oder die Herren der Artikel, die stärkere sei? Glücklicherweise gehen sie bis jetzt noch Hand in Hand.

Was den Nationalkonvent selbst anbelangt, so ist er jetzt in der That eine recht ruhige Versammlung geworden. Das alte Feuer ist jetzt erstickt, die dreiundsiebzig sind hinter Schloß und Riegel, die einst so lärmenden Freunde der Girondisten sind alle zu schweigenden Männern der Ebene herabgedrückt, werden sogar »Sumpffrösche«, crapauds du marais, genannt! Adressen kommen, revolutionärer Kirchenraub kommt, Deputationen mit Prosa oder Versen – dies nimmt der Konvent alles an. Aber außerdem hat der Konvent eigentlich nur eines zu thun, nämlich zu hören, was Salut public vorschlägt, und ja zu sagen.

Bazire, dem Chabot folgte, erklärte eines Morgens mit einigem Ungestüm, daß dies nicht die Art und Weise einer freien Versammlung sei. »Es sollte eine Opposition hier sein, ein Côté-droit,« so rief Chabot, »wenn niemand sonst sie bilden will, so will ich. Die Leute sagen mir: ›Ihr werdet noch alle an die Reihe kommen, guillotiniert zu werden, zuerst Sie und Bazire, dann Danton, dann Robespierre selber.‹«Débats du 10 Novembre 1793. So sprach der ehemalige Kapuziner mit lauter Stimme. Nächste Woche liegen Bazire und er in der Abbaye, auf dem 390 Wege, wie man fürchten muß, zu Tinville und der Axt und »Die Leute sagen mir u. s. w.« – was wahr zu werden scheint. Das Blut Bazires war ganz entflammt von Revolutionsfieber, voll Kaffee und krankhaften Träumen.Dictionnaire des hommes marquants, I, 113. Chabot dagegen, wie glücklich war er mit seinem reichen österreichisch-jüdischem Weibe, dem gewesenen Fräulein Frey! Aber er schmachtet im Gefängnis, und seine zwei österreichisch-jüdischen Schwäger, die Banquiers Frey, erwarten mit ihm den Spruch des Schicksals. Darum lasse sich's der Nationalkonvent eine Warnung sein, und wisse, was er zu thun hat. Der ganze Konvent, wie ein Mann, lege die Hand ans Werk, nicht mit Ausbrüchen parlamentarischer Beredsamkeit, sondern in ganz anderer und dienlicherer Weise.

Konventskommissarien, oder wie wir sie nennen sollten, Repräsentanten, »Représentants in einer Mission,« fliegen, wie der Bote Merkur, nach allen Punkten des Territoriums, weit und breit hin Befehle tragend. In ihrem »runden Hut, mit trikolorer Feder und wallendem trikoloren Tafte, in engem Frack, trikolorer Schärpe, Schwert und Reiterstiefeln,« sind diese Leute mächtiger als König oder Kaiser. Sie sagen zu dem, dem sie begegnen, thue dies, – und er muß es thun; aller Menschen Eigentum steht ihnen zur Verfügung, denn Frankreich ist wie eine ungeheure belagerte Stadt. Sie verfügen Requisitionen und Zwangsanleihen, haben Macht über Leben und Tod. Saint-Just und Lebas befehlen den reichen Klassen Straßburgs »ihre Schuhe auszuziehen« und sie den Armeen zu senden, bei denen es an »zehntausend Paaren« fehlt. Auch daß innerhalb vierundzwanzig Stunden »tausend Betten« fertig und in Matten verpackt abgeschickt werden müssen,Moniteur du 27 November 1793. denn die Zeit drängt. – Wie schnelle Bolzen vom rauchenden Olymp des Salut public kommen diese Leute daher, meistens paarweise, verbreiten die Donnerbefehle über Frankreich, machen es zu einer ungeheuren revolutionären Gewitterwolke!

 

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