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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.
Controleur Calonne.

Welche Erscheinung konnte unter diesen Umständen der tristesse, Lähmung und krankhaften Erschlaffung zu einer Zeit, da es einem verbitterten Hofe schien, als hätte alles Finanzgenie die Menschheit verlassen, willkommener sein als die des Herrn von Calonne? Calonne, ein Mann von unleugbarem Genie, selbst mehr oder minder ein Finanzgenie, ein Mann, der ebensoviel Erfahrung in Finanz- wie in Parlamentsgeschäften besaß, denn er war sowohl Intendant in Metz und Lille, als auch königlicher Prokurator in Douai, ein Mann von Gewicht, der Verbindungen mit den Kreisen der Kapitalisten hatte, dessen Namen kein Makel anhaftete außer etwa jener, jetzt so gut wie vergessenen Lappalie (Mitteilung eines Klientenbriefes) in der alten d'Aiguillon-Lachalotais-Geschichte. Er hat Verwandte mit schweren Geldsäcken, die man auf der Börse fühlt. Foulon und Berthier intrigieren für ihn; – der alte Foulon, der jetzt nichts anderes zu thun hat, als zu intrigieren, den man nur als das kennt und ansieht, was man einen Schuft nennt, aber einen Schuft von ungeheuerem Reichtum, der, wenn das Spiel gut geht, hoffen darf, es vom gewesenen Kommissariatsbeamten eines Tages selbst bis zum Minister zu bringen.

Solche Stützen und einen solchen Rückhalt hat Monsieur de Calonne und welch treffliche Eigenschaften noch überdies? Hoffnung strahlt von seinem Antlitze, Überredung strömt von seinen Lippen, für jede Verlegenheit hat er ein Mittel in Bereitschaft: er wird die Welt wie auf Rädern fortrollen. Am 3. November 1785 frohlockt das Oeil de Boeuf über seinen neuen Generalcontroleur. Auch Calonne soll sein Probestück machen, auch er soll in seiner Weise, wie Turgot und Necker in ihrer, die Vervollkommnung fördern, soll über die jetzt nur zu bleigraue Ära der Hoffnung einen Lichtglanz breiten und sie – der Erfüllung entgegenführen.

Die Glückseligkeit des Oeil de Boeuf ist jedenfalls groß. Alles Knickern und Kargen ist aus dem königlichen Hofe entflohen. Das Abschaffen von Stellen hört auf, Besenval kann wieder ruhig zu Bette gehen, ohne daß er befürchten muß, 68 als Beraubter aufzuwachen. Lachender Überfluß ist zurückgekehrt, als hätte ihn ein Zauberer wieder heraufbeschworen, und gießt aus seinem wieder fließenden Füllhorn aufs neue Zufriedenheit aus. Und seht, wie liebenswürdig ist sein Benehmen. Ein gewinnendes Lächeln zeichnet unseren Controleur aus; alle hört er mit Teilnahme, ja mit Zuvorkommenheit an, macht ihnen ihre eigenen Wünsche klar und gewährt sie oder macht wenigstens eine bedingte Zusage. »Ich fürchte, das wird schwierig sein,« sagte Ihre Majestät. »Madame,« antwortet der Minister, »wenn es nur schwierig ist, so ist es schon gethan; wenn es unmöglich ist, so wird es gethan werden (se fera).« Kurz, er ist ein unendlich geschickter und gewandter Mann!

Sieht man ihn in dem Strudel der Gesellschaft, an deren Freuden niemand mit mehr Lust teilnimmt als er, so möchte man fragen: Wann arbeitet er? Und doch sehen wir ihn niemals im Rückstande mit seiner Arbeit, am wenigsten mit der Frucht seiner Arbeit: dem baren Gelde. Wahrlich, ein Mann von unglaublicher Gewandtheit, gewandt im Handeln, Denken und im Reden. Aus seinen Worten sanfter Überredung blitzt philosophische Tiefe mit einer Leichtigkeit hervor, als wäre es nur leichter Scherz oder ein fröhliches Funkensprühen seiner Gedanken. Er, auf dessen Schultern die Last einer Welt ruht, ist auf den Soireen Ihrer Majestät das Entzücken der Damen und Herren! Durch welchen Zauber wirkt er Wunder? Durch den einzig wahren Zauber des Genies. Man nennt ihn nur »den Minister;« und fürwahr, wann hat es einen Mann wie ihn gegeben? Er macht das Krumme gerade, das Rauhe glatt, und auf dem Oeil de Boeuf ruht unbeschreiblich heller Sonnenschein.

Nein, im Ernst, niemand sage, Calonne habe kein Genie gehabt: Genie genug, Genie zum Überreden, vor allem Genie zum Borgen. Durch richtig und geschickt unter der Hand angebrachte Gelder versteht er die Börse in guter Laune zu erhalten, sodaß ein Anlehen nach dem anderen glückt, sobald es aufgelegt ist. »Rechner, die es wissen können,« haben ihm zwar nachgerechnet, daß er an außerordentlichen Ausgaben allein »täglich eine Million ausgab,« was 50,000 Pfund Sterling gleichkommt; aber erreichte er nicht damit etwas, erreichte er nicht wenigstens für den Augenblick Wohlergehen und Frieden? Das Philosophentum aber murrt und krächzt und kauft, wie gesagt, 80,000 Exemplare von Neckers neuem Buch; doch Calonne, der Unvergleichliche, 69 kann in den Gemächern Ihrer Majestät mit seinem Anhang von Herzogen und Herzoginnen, umgeben von lauter glücklichen und bewundernden Gesichtern, Necker und das Philosophentum krächzen lassen.

Es ist nur traurig, daß eine so schöne Zeit nicht von Dauer sein kann. Verschwenden und durch neue Anleihen bezahlen, ist ebensowenig der Weg zur Beseitigung eines Deficits wie Öl ein Mittel zum Löschen eines Brandes; – ach leider nein, höchstens ein Mittel, um ihn im ersten Augenblick zu dämpfen, aber nicht völlig zu ersticken. Er, der Unvergleichliche, dem es nie an Einsicht mangelt, ist sich selbst zeitweilig ganz klar, jederzeit wenigstens dunkel bewußt, daß sein Vorgehen naturgemäß nur vorübergehend sein kann, daß sich ihm täglich größere Schwierigkeiten entgegenstellen müssen und daß unberechenbare Wandlungen in nicht allzu weiter Ferne liegen. Abgesehen von dem finanziellen Deficit zeigt die ganze Welt eine neuerungssüchtige Stimmung, alles will sich von den alten Banden befreien, alles strebt neuen Zielen, neuen Vereinigungen zu. Jeder Zwerg-Jockey, jeder kurzgestutzte Brutuskopf, jeder sich in den Steigbügeln hebende anglomane Reiter beweist die Wandlung. Aber was liegt daran? Das Heute vergeht jedenfalls angenehm, und für das Morgen wird sich auch Rat finden, wenn es kommt. Ein Minister ohnegleichen darf wohl hoffen, sobald er nur einmal durch seine Freigebigkeit, seine Überredungskunst und den Zauber des Genies in der Gunst des Königs, der Königin, der Börse, und wenn es möglich ist, in der Gunst aller Menschen hoch genug gestiegen ist, so gut wie jeder andere im vollen Lauf durch das Unvermeidliche hindurch auf einen neuen, noch ungeahnten Weg zu kommen.

Jedenfalls wird in diesen drei wundervollen Jahren ein Auskunftsmittel auf das andere getürmt, bis der Turm infolge seiner Höhe in ein gefährliches Schwanken gerät. Und jetzt hat das Weltwunder eines Diamanten-Halsbandes ihn dem Einsturz ganz nahe gebracht. In dieser Richtung kann das Genie nicht weiter: ob wir nun hoch genug gestiegen sind oder nicht, wir müssen vorwärts. Kaum ist dann der arme Halsband-Kardinal Rohan wohlbehalten und sicher in den Bergen der Auvergne angelangt und Dame de Lamotte in der Salpêtrière nicht so sicher untergebracht und diese peinliche Geschichte eingeschlafen, so setzt unser sanguinischer Controleur die Welt abermals in Erstaunen. Ein Auskunftsmittel, von dem man in den letzten 160 Jahren nichts gehört 70 hat, ist vorgeschlagen und durch die Macht seiner Überredung (denn seine Sorglosigkeit und seine Verwegenheit, seine Zuversicht und Beredsamkeit sind auch unvergleichlich) durchgesetzt worden: – Die Berufung der Notabeln.

Berufet aus allen Teilen Frankreichs angesehene Persönlichkeiten, die wirklichen und berufenen Leiter ihrer Distrikte zusammen, erstattet ihnen mit überzeugenden Worten getreuen Bericht über die patriotischen Absichten Seiner Majestät, über die traurige und hilflose Lage der Finanzen und stellt dann die Frage: Was sollen wir thun? Sicherlich heilsame Maßregeln ergreifen, die das wunderbare Genie entwickeln wird, denen sich, wenn sie von den Notabeln genehmigt sind, alle Parlamente und alle Menschen mit mehr oder weniger Widerstreben fügen müssen.

 

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