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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 138
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Schrecken an der Tagesordnung.

Erstes Kapitel.
In den Abgrund.

Wir sind jetzt also an den schwarzen, jähen Abgrund gelangt, wohin seit langem alles trieb; wo vom schwindelnden Rande der Niedersturz erfolgen wird hinein in Verwirrung und Verderben, über Hals und Kopf, bunt durcheinander, tiefer, tiefer; – bis der Sansculottismus sich verzehrt haben und in dieser wundersamen französischen Revolution, wie an einem jüngsten Tage, eine Welt, wenn nicht wiedergeboren, so doch zerstört und verschlungen sein wird. Der Schrecken ist schon lange schrecklich gewesen, aber den Handelnden selber ist es jetzt offenbar geworden, daß der ihrem Leben bestimmte Lauf ein Lauf des Schreckens sein werde und sie sagen: Sei es so. »Que la terreur soit à l'ordre du jour.«

So manches Jahrhundert, sagen wir nur von Hugo Capet an, hatte die Summe von Gottlosigkeit, Lüge, Unterdrückung des Menschen durch den Menschen vergrößert, indem jedes Jahrhundert sie mit einem Zuwachse dem nächsten überliefert hatte. Könige waren Sünder, Priester waren es, und das Volk. Offenkundige Schurken fuhren triumphierend mit Diadem, Krone, Mitra daher, oder es that's die noch verhängnisvollere der heimlichen Schurken mit ihren schön klingenden Formeln, Scheinwahrheiten, inwendig hohlen Respektabilitäten; das Geschlecht der Charlatane und Schwindler war zahlreich geworden, wie der Sand am Meere. Bis sich endlich eine solche Summe von Lug und Trug angehäuft hatte, daß, kurz gesagt, Erde und Himmel dessen überdrüssig wurden. Der Tag der Abrechnung schien langsam nur, ganz unbemerkbar durch die Prahlereien und Fanfaronaden der Höflingswirtschaft, durch das erobernde Kriegertum, das allerchristlichste Monarque-tum, die Wirtschaft einer vielgeliebten Pompadour heranzunahen; aber, seht, er ist immer näher gekommen, seht, er ist da, plötzlich, unerwartet für alle! Die 359 Saat langer Jahrhunderte wuchs und reifte in dieser letzten Zeit so rasch, und jetzt ist sie reif und wird schnell geschnitten, sozusagen in einem Tage. Geschnitten während dieser Schreckenswirtschaft und eingebracht in den Hades und die Hölle! – Unglückliche Söhne Adams! So ist es immer und doch wissen sie es nie und werden es nie wissen. Mit heiteren, sorglosen Mienen, fröhlich einander zurufend, sich gegenseitig Glück und Erfolg wünschend, so sind sie Tag um Tag und Geschlecht auf Geschlecht an der Arbeit, säen den Wind. Und doch, so wahr als ein Gott lebt, werden sie Sturm ernten; es ist nicht anders möglich – da Gott eine Wahrheit und sein Reich eine Wahrheit.

Die Geschichte hat indessen bei der Behandlung dieser Schreckensherrschaft ihre besonderen Schwierigkeiten gehabt. Während das Phänomen noch in seinem ersten Zustande, den »bloßen Greueln der französischen Revolution,« war, da gab es genug zu sagen und zu schreien. Mit und ohne Nutzen. Schrecken und Greuel gab es genug, der Himmel weiß es; doch war das nicht das ganze Phänomen, ja, richtiger wär's zu sagen, es war überhaupt nicht das Phänomen, sondern eher sein Schatten oder sein Negativ. Es möchte jetzt, in einem neuen Stadium des Entwicklungsprozesses, die Geschichte wohl aufhören zu schreien, möchte lieber versuchen, dieses neue erstaunliche Ding in ihrer alten Form der Rede und der philosophischen Betrachtung zu behandeln, möchte versuchen, irgend ein beglaubigtes wissenschaftliches Naturgesetz anzuwenden, das für das unerwartete Naturprodukt genügen würde; so könnte sie in klarer, deutlicher Rede darüber sprechen, könnte ihre Schlüsse und Nutzanwendungen daraus ziehen. Aber jetzt, in diesem neuen Stadium, plappert und stammelt die Geschichte, wir müssen es sagen, noch viel peinlicher. Man nehme als Beispiel die letzte Redeform, die unser werter Monsieur Roux in seiner Histoire parlementaire, beinahe in diesen Monaten noch, vorgebracht und für dem Gegenstand angemessen erachtet hat. Es ist wirklich eine Anschauung, auf die man zu allerletzt raten müßte, so wunderlich ist sie. Er meint: Es sei die französische Revolution eine Anstrengung auf Tod und Leben gewesen, nach achtzehnhundert Jahren der Vorbereitung endlich – die christliche Religion zu verwirklichen.Histoire parlementaire (Introd.), I, 1 et seqq. Allerdings war an allen Häusern der Lebendigen gedruckt: Einheit, Unteilbarkeit, 360 Brüderlichkeit oder Tod! An den Häusern der Toten, an den Friedhöfen, stand, allerdings auf Befehl des Procureurs Chaumette: Hier ist ewiger Schlaf!Deux Amis, XII, 78. Aber eine christliche Religion, die durch die Guillotine und »ewigen Schlaf« verwirklicht wird, »ist mir verdächtig,« wie Robespierre zu sagen pflegte, »m'est suspecte!«

Ach nein, Monsieur Roux! Wir haben es hier zu thun mit einem Evangelium der Brüderlichkeit, das keinem der vier alten Evangelien entspricht, das nicht die Menschen auffordert Buße zu thun, und nicht einem jeden sein eigenes gottloses Leben zu ändern gebietet, um dadurch selig zu werden. Nein, wir haben eher, wie wir oft bemerkten, ein Evangelium eines neuen fünften Evangelisten Jean-Jacques vor uns, das die Menschen dazu auffordert, daß ein jeder der ganzen Welt gottlose Existenz ändern und selig werde durch – Schaffung der Konstitution. Ein Ding, das ganz verschieden und entfernt vom andern toto coelo, wie es heißt: himmelweit oder womöglich noch weiter entfernt! –

Es thut indessen so die Geschichte, und es thut ja auch die ganze menschliche Sprache und Vernunft noch dasselbe, was schon Vater Adam im Anfange seines Lebens gethan hat: sie bemühen sich, und oft ungeschickt genug, den neuen Dingen, die die Natur hervorbringt, Namen zu geben.

Aber wäre es nicht gut, wenn die Geschichte für diesmal zugäbe, daß alle Namen und Theorien die sie bis dahin kennt, hier nicht genügen? Daß dieses großartige Produkt der Natur eben darin so großartig und so neu war, daß es überhaupt nicht unter alte überlieferte Naturgesetze sich einreihte, sondern neue eröffnete? In diesem Falle, wenn also die Geschichte darauf verzichtet, dies großartige Naturprodukt jetzt in Namen und Theorien fassen zu wollen, so wird sie sich ehrlich darauf beschränken, bloß zu schauen, und bloß das zu bezeichnen, was sie kann! Jede Annäherung an einen richtigen Namen hat ihren Wert; denn wäre der richtige Name einmal da, so wäre von da an die Sache uns bekannt, in unserm geistigen Besitze, und könnte dem entsprechend behandelt werden.

Nun ist es sicherlich nicht Verwirklichung des Christentums oder von etwas Irdischem, was wir in dieser Schreckenszeit, worin sich die französische Revolution verzehrt, gewahren. Zerstörung vielmehr gewahren wir, Zerstörung von allem, was nur zerstörbar war. Es ist, als ob fünfundzwanzig 361 Millionen, endlich in Raserei getrieben, gleichzeitig sich erhoben hätten, um zu verkünden, um mit einem Tone, der durch alle Zeiten und Länder geht, zu verkünden, daß die Unwahrheit einer solchen Existenz unerträglich geworden sei. O ihr Heucheleien und Schmeicheleien, Königsmäntel, Kardinals-Sammtgewänder, Credos, Formeln, Respektabilitäten, ihr schön bemalten Gräber voller Totenreliquien, seht, ihr erscheint uns jetzt ganz und gar als eine Lüge. Aber unser Leben ist keine Lüge, unser Hunger, unser Elend, sie sind keine Lüge! Darum seht, wir erheben, einer und alle, schwörend unsere rechte Hand und nehmen Himmel und Erde und auch die Tiefen der Hölle zu Zeugen unseres Schwures, daß entweder ihr oder wir vernichtet werden sollen.

Kein nichtssagender Schwur, wahrhaftig; aus ihm hat sich die merkwürdigste Umwälzung in diesen letzten tausend Jahren, wie sie oft bezeichnet wurde, gebildet. Und aus ihr folgen und werden folgen entsprechende Resultate. Die Erfüllung eben dieses Schwures, das heißt der verzweifelte finstere Kampf von Menschen gegen ihre ganze Lage und Umgebung, gegen die Sünde und Finsternis, die, ach, in ihnen zugleich war wie in andern, dies ist die Schreckensherrschaft. Transcendentale Verzweiflung war der Inhalt dieser Zeit, wenn auch ihr unbewußt. Falsche Hoffnungen auf Brüderlichkeit, auf ein tausendjähriges politisches Reich und was nicht alles sonst, dies haben wir immer schon sehen können; aber das unsichtbare Herz des Ganzen, die transcendentale Verzweiflung, war diesmal nicht falsch, und ist daher nicht ohne Wirkung geblieben. Verzweiflung, wenn sie weit genug getrieben ist, schließt sozusagen den Zirkel und wird wieder eine Art echter produktiver Hoffnung.

Die Theorie von der Brüderlichkeit, eine alte katholische Lehre, fällt aus ihrem Wolkenhimmel, plötzlich, im Fahrzeug eines Jean-Jacques-Evangeliums, recht sonderbar herunter, dies ist gewiß; und sie faßt den Entschluß, aus einer Theorie sich in eine Praxis zu verwandeln. Aber so thun's alle Bekenntnisse, Absichten, Sitten, Wissenschaften, Gedanken und Dinge, die die Franzosen haben: Catholicisme, Classicisme, Sentimentalisme, Cannibalisme, alle ismes, die in Frankreich den Menschen ausmachen, stürzen und brüllen in diesem Golf umher, und die Theorie wird zur Praxis, und was nicht schwimmen kann, sinkt unter. Nicht der Evangelist Jean-Jacques allein hat sein Teil dazu beigetragen, nein, jeder Dorfschulmeister. Dutzen wir uns nicht, um so den freien 362 Völkern des Altertums nachzuahmen? Der französische Patriot in roter phrygischer Nachtmütze der Freiheit, tauft seinen armen kleinen rosigen Säugling Cato, – entweder Cato Censor oder Cato von Utica. Gracchus ist Baboeuf geworden und giebt Zeitungen heraus, Mucius Scävola, sein Schuster, ist Präsident der Sektion Mucius Scävola; kurz, es ist da eine Welt, die sich völlig vermengt, um zu versuchen, was oben schwimmen bleibt.

Darum werden wir dieses Reich des Schreckens auf alle Fälle ein höchst merkwürdiges nennen müssen. Der herrschende Sansculottismus macht sozusagen freie Bahn und erzeugt einen der wundersamsten Zustände, in denen die Menschheit sich je befunden hat. Eine ganze Nation, mit ungemessenen Bedürfnissen und ohne eine alte Gewohnheit! Denn die alten Gewohnheiten sind zu Grunde gegangen, weil sie alt waren; somit muß man jetzt, wo man durch Notwendigkeit und wilde Raserei vorwärtsgetrieben ist, im Augenblicke des Bedürfnisses den Weg erfinden, auf dem es zu befriedigen. Das Gewohnte stürzt nieder; durch Nachahmung, durch Erfindung baut sich das Ungewohnte hastig auf. Was die französische Nation in ihrem Kopfe hat, es tritt jetzt zu Tage; ergiebt's nicht ein großes Resultat, so wird es sicherlich ein höchst seltsames sein.

Der Leser mag sich auch nicht vorstellen, daß es gänzlich schwarz gewesen sei, dies Reich des Schreckens. Wie viele mit Hammer und Winkelmaß Arbeitende, wie viele Bäcker und Brauer, Wäscher und Wäscheausringer über ganz Frankreich hin, müssen nicht ihr altes tägliches Handwerk betreiben, sei nun die Regierung eine des Schreckens oder der Freude! In Paris wird allabendlich in dreiundzwanzig Theatern gespielt, man zählt volle sechzig öffentliche Tanzsäle.Mercier, II, 124. Der Komödienschreiber fabriziert Stücke von streng republikanischem Charakter. Ein immer frischer Auswurf von Romanen füttert, wie ehedem, die Leihbibliotheken.Moniteur von diesen Monaten. Der»Agiosumpf«, die Börse, jetzt in einer Zeit des Papiergeldes, arbeitet mit einer beispiellosen, nie geahnten Lebhaftigkeit, dünstet »plötzlichen Reichtum« aus, wie er sonst nur in Aladdins Märchenpalästen vorhanden; wirklich eine Art wunderbarer Fata Morgana, denn für einige Zeit kann man den Reichtum genießen. Der Schrecken ist wie ein Wüstenboden, über 363 den die allerverschiedensten Scenen sich in der Luft malen. In auffallenden Übergängen, in grellen Farben folgt sich das Erhabene, das Lächerliche, das Gräßliche, oder eher, sie begleiten einander in gedrängtem Gewühle.

Hier darum, wenn irgendwo, wären die »hundert Zungen,« die die alten Poeten oft sich wünschen, von höchstem Dienste! Da es uns aber an einem solchen hundertfachen Organe fehlt, so möge der Leser seine eigene Einbildungskraft erregen; wir wollen für ihn diesen oder jenen bedeutungsvollen Blick auf die Vorgänge, in möglichst passender Folge, zu erhaschen suchen.

 

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