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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 137
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.
Die Zweiundzwanzig.

Wen zunächst, o Tinville? Die nächsten sind von einer anderen Farbe: unsere armen verhafteten girondistischen Deputierten. Wen man von ihnen noch erwischen konnte, unser Vergniaud, Brissot, Fauchet, Valazé, Gensonné, die einstige Blüte des französischen Patriotismus, zweiundzwanzig an Zahl, hierher, vor Tinvilles Schranken sind sie durch den Lauf der Dinge vom »Schutz des französischen Volkes,« von der Gefangenschaft im Luxembourg und vom Kerker in der Conciergerie nun weitergelangt. Fouquier-Tinville muß nun über sie Rechenschaft ablegen, so gut er kann.

Unzweifelhaft ist dieser Prozeß der Girondisten der größte, den Fouquier noch gehabt hat. Zweiundzwanzig, alle Hauptrepublikaner, in einer Reihe aufgestellt; die bedeutendsten Redner Frankreichs, Rechtsgelehrte dazu und nicht ohne Freunde unter den Zuhörern. Will Tinville diese Männer des Royalismus überführen, des Föderalismus, der Verschwörung gegen die Republik? Es erwacht noch einmal Vergniauds Beredsamkeit, »rührt zu Thränen,« wie es heißt. Und Journalisten berichten, und der Prozeß zieht sich in die Länge von einem Tag zum anderen, »droht ewig zu werden,« wie manche murren. Jakobinismus und Municipalität kommen Fouquier zu Hilfe. Es erscheinen am 28. des Monats Hébert und andere als Deputation vor dem Konvent, um einen patriotischen Konvent zu benachrichtigen, es sei das Revolutionstribunal ganz »gefesselt durch gesetzliche Formen,« eine patriotische Jury sollte »die Macht haben, abzubrechen, terminer les débats, wenn sie sich für überzeugt halte.« Dieser 355 dringende Vorschlag, abzubrechen, verwandelt sich, in aller Eile, in ein Gesetz.

Somit werden die Zweiundzwanzig um zehn Uhr in der Nacht des 30. Oktober noch einmal vorgerufen und erhalten den Bescheid, daß die Jury, sich für überzeugt haltend, die Verhandlungen abgebrochen und ihr Urteil gefällt habe; daß die Angeklagten für schuldig befunden worden und daß die Strafe für einen und alle von ihnen der Tod mit Güterkonfiskation sei.

Ein lautes, natürliches Geschrei erhebt sich unter den armen Girondisten, ein Tumult, der nur durch die Gendarmen unterdrückt werden kann. Valazé ersticht sich und fällt auf der Stelle tot nieder. Die übrigen werden unter lautem Geschrei und unter Verwirrung in ihre Conciergerie zurückgetrieben. Lasource ruft aus: »Ich sterbe an dem Tage, wo das Volk seinen Verstand verloren hat; ihr werdet sterben, wenn es ihn wieder erlangt.«Δημοσϑένους εἰπόντος, ἀποκτενοῦσι σε Ἀϑηναῖοι, Φωκίων· Ἂν μανῶσιν, εἶπε, σὲ δ᾽ ἐὰν σωφρονῶιν. Plut. Opp. t. IV, p. 310, éd. Reiske 1776. Keine Hilfe! Der Gewalt weichend, stimmen die Verurteilten die Marseillaise an, kehren singend in ihren Kerker zurück.

Riouffe, der in diesen letzten Tagen ihr Gefängnisgenosse war, hat uns getreulich erzählt, welchen Tod sie starben. Unserem Begriffe nach, ist es kein erbaulicher Tod. Ein lustiges satyrisches Potpourri von Ducos, gereimte Scenen eines Trauerspiels, worin Barrère und Robespierre mit dem Satan diskurieren, werden vorgelesen; der Vorabend des Todes zugebracht mit »Singen« und »Heiterkeitsausbrüchen,« mit »Diskursen über das Glück der Völker.« Dieses und anderes müssen wir annehmen für das, was es wert ist. Es ist die Weise, in der die Girondisten ihr letztes Abendmahl halten. Valazé, mit blutiger Brust, schläft kalt im Tode, hört nicht das Singen. Vergniaud hat seine Dose Gift, aber es ist nicht genug für seine Freunde, ist hinreichend nur für ihn selber; darum wirft er sie weg, präsidiert bei diesem letzten Abendmahl der Girondisten mit sprühender wilder Beredsamkeit, mit Gesang und Frohsinn. Der arme menschliche Wille sucht sich zu behaupten, wenn nicht in dieser Weise, dann in jener.Mémoires de Riouffe (in den Mémoires sur les prisons, Paris 1823) p. 48-55.

356 Aber am Morgen darauf ist ganz Paris auf den Straßen, es ist ein Gedränge, wie man's noch nie gesehen hat. Die Todeskarren, Valazés kalter Leichnam ausgestreckt unter den noch lebenden Einundzwanzig, rollen einher. Barhaupt, die Hände gebunden, in Hemdärmeln, den Rock lose über die Schultern geworfen, so fahren die Beredten Frankreichs dahin, unter dem Murren und Schreien der Menge. Einige von ihnen erwidern den Ruf: Vive la République mit dem Gegenruf: Vive la République. Andere, wie Brissot, sitzen da, in Schweigen versunken. Am Fuße des Schafotts stimmen sie wieder, mit angemessenen Variationen, die Marseillaise an. Solch eine Musikaufführung, man denke sich's! Dort singen die noch Lebenden – ihr Chor wird so schnell schwächer! Samsons Axt ist schnell, ein Kopf in der Minute oder kaum weniger. Die Töne, wie werden sie schwächer, der letzte Ton geht – aus! Lebt wohl für immer, ihr Girondisten. Der Tedeum-Fauchet ist stille geworden, Valazés toter Kopf ist abgeschlagen: so hat die Sichel der Guillotine die Girondisten alle hingemäht. »Die Beredten, die Jungen, die Schönen und Tapferen!« ruft Riouffe aus. O Tod, welch Fest ist da bereit in deinen gräßlichen Hallen?

Ach, auch nicht in der fernen Gegend von Bordeaux geht es dem Girondismus besser. In den Höhlen von Saint-Emilion, in Scheunen und Kellern gehen die traurigsten Monate dahin; die Bekleidung ist abgetragen, die Börse leer, der kalte November ist gekommen, unter der Herrschaft Talliens und seiner Guillotine jede Hoffnung geschwunden. Da die Gefahr immer näher rückt, die Schwierigkeiten immer schärfer bedrängen, so beschließen sie, sich zu trennen. Pathetisch ist die Trennung; der hochgewachsene Barbaroux, der fröhlichste der braven Männer, beugt sich nieder, um seinen Louvet zu umarmen: »Wo du meine Mutter immer finden magst,« ruft er aus, »versuche ihr den Sohn zu ersetzen, und nichts will ich besitzen, was ich nicht mit deiner Frau teilen will, sollte je das Schicksal mich hinführen, wo sie ist.«Louvet, p. 213.

Louvet ging mit Guadet, Salles und Valadi; Barbaroux mit Buzot und Pétion. Valadi ging bald seinen eigenen Weg nach Süden. Seine beiden Genossen hatten am 14. November 1793 einen elenden Tag und eine elende Nacht. Durch und durch naß, müde, hungrig klopfen sie am Morgen an eines Freundes Landhaus an, bitten um Hilfe; der kleinmütige 357 Freund weigert ihnen den Einlaß. So standen sie darum unter Bäumen, im strömenden Regen. Darauf will Louvet in verzweifelter Flucht nach Paris und macht sich sofort auf den Weg, daß auf beiden Seiten der Straßenkot aufspritzt; Wut und Raserei gaben ihm frische Kräfte. Er kommt durch Dörfer, findet »die Wache in ihrem Schilderhäuschen beim dichten Regen eingeschlafen;« er ist vorüber, ehe der Mann ihm nachrufen kann. Er täuscht Revolutionskomitees, fährt in den bald bedeckten bald offenen Wagen der Kärrner, liegt, in einem solchen verborgen, in einer Straße von Orléans unter Tornistern und Soldatenweibermänteln, während man nach ihm sucht; hat manches knappe Entrinnen, daß es drei Romane füllen würde. Endlich gelangt er nach Paris zu seiner schönen Lebensgenossin, gelangt nach der Schweiz und wartet auf bessere Tage.

Der arme Guadet und Salles wurden beide bald aufgegriffen. Sie starben durch die Guillotine in Bordeaux, unter Trommelwirbel, der ihre Stimmen übertäuben sollte. Auch Valadi wurde ergriffen und guillotiniert. Barbaroux und seine zwei Kameraden schlugen sich länger durch, bis in den Sommer 1794, aber nicht lange genug. An einem Julimorgen, als sie, wie sie oft nötig hatten, ihr Versteck ändern, »bemerken sie ungefähr eine Stunde von Saint-Emilion eine große Menge von Landleuten,« ohne Zweifel Jakobiner, die gekommen sind, sie zu fangen. Barbaroux zieht eine Pistole heraus und schießt sich tot. Ach, es waren gar keine Jakobiner, es waren harmlose Dorfleute, die auf eine Kirchweih gingen. Zwei Tage später wurden Buzot und Pétion in einem Kornfelde gefunden, ihre Körper von Hunden halb zerfressen.Recherches historiques sur les Girondins (in den Mémoires de Buzot), p. 107.

Solch ein Ende nahm der Girondismus. Diese Girondisten erhoben sich, um Frankreich zu regenerieren, und vollbracht haben sie dieses. Ach, was wir auch gegen sie haben konnten, hat nicht ihr grausam Schicksal es getilgt? Nur das Mitleid mit ihnen überlebt sie. So viele ausgezeichnete Heroenseelen in den Hades hinabgeschleudert, sie selber den Hunden und Vögeln zur Beute preisgegeben! Aber auch hier wurde der Wille einer höheren Macht erfüllt; wie Vergniaud es einst sagte: »Die Revolution, wie Saturn, verschlingt ihre eigenen Kinder.« 358

 


 

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