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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 136
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.
Marie Antoinette.

Am Montag den 14. Oktober 1793 kommt vor dem neuen Revolutionstribunal im Palais de Justice eine Sache zur Verhandlung, wie diese alten Steinwände eine solche nie erlebt haben: der Prozeß Marie Antoinettes. Die glänzendste aller Königinnen einst, steht sie jetzt, von Verleumdung befleckt, und entstellt, auf Leben und Tod angeklagt vor Fouquier-Tinvilles Schranken. Die Anklageschrift wurde ihr gestern abend zugestellt.Procès de la reine (Deux Amis, XI, 251-381). Welche Worte wären angemessen bei solchem Wechsel menschlichen Geschickes? Schweigen allein ist angemessen.

Es giebt wenig Gedrucktes von so tragischer, beinahe gräßlicher Bedeutung wie jene kahlen Seiten des Bulletin du Tribunal Révolutionnaire, die den Titel tragen: Prozeß der Witwe Capet. Trübe, trübe, wie in schrecklicher Verfinsterung, wie die blassen Königreiche des Gottes Dis! Plutonische Richter, ein plutonischer Tinville, umgeben, neunmal, mit Styx und Lethe, mit dem feurigen Strome der Unterwelt und dem Kokytos, dem Strome der Klage! Sogar die Zeugen sind wie Geister, ob entlastend oder belastend, sie selber schweben alle über sicherm Tod und Verderben, auch in ihnen erkennen wir eine sichere Beute der Guillotine. Der hochgewachsene ci-devant Graf d'Estaing, der so ängstlich bemüht ist, als Patriot zu erscheinen, wird nicht entrinnen, ebensowenig Bailly, der auf die Frage, ob er die Angeklagte kenne, mit ehrerbietiger Verbeugung gegen sie antwortet: »O ja, ich kenne Madame.« Expatrioten erscheinen hier, mit denen man scharf umgeht, wie Procureur Manuel; Exminister, ihres Glanzes entkleidet. Wir sehen da kalte aristokratische Unempfindlichkeit sich getreu bleibend selbst im Tartarus, wütende Dummheit patriotischer Korporale, patriotischer Waschweiber, die viel von Komplotten, Verrat, vom 10. August und dem alten Weiberaufstand zu sagen haben. Denn Alles ist jetzt ein Verbrechen geworden bei ihr, die verloren hat.

Marie Antoinette, die Tochter einer Kaiserin, vergiebt sich 352 nichts an ihrer Würde in ihrer äußersten Verlassenheit und dieser Stunde der äußersten Not. Ihr Blick, so wird gesagt, blieb ruhig, als die gräßliche Anklage verlesen wurde; »man bemerkte, wie sie zuweilen ihre Finger wie beim Klavierspielen bewegte.«

Nicht ohne Interesse nimmt man aus jenem trüben Revolutionsbulletin selbst wahr, wie sie sich als eine Königin benimmt. Ihre Antworten sind rasch, deutlich, oft von lakonischer Kürze; eine Entschlossenheit, die voll Verachtung geworden ist ohne aufzuhören, würdevoll zu sein, hüllt sich in ruhige Worte. »Sie bestehen also beim Leugnen?« – »Meine Absicht ist nicht Leugnen; es ist die Wahrheit, was ich gesagt habe, und bei der beharre ich.« Der schändliche Hébert hat über so viele Dinge sein Zeugnis abgelegt, auch über eines, betreffend Marie Antoinette und ihren kleinen Sohn, – womit die menschliche Sprache sich besser nicht weiter besudeln sollte. Sie hat Hébert geantwortet, einer der Geschworenen erlaubt sich zu bemerken, daß sie darauf nicht geantwortet hat. »Ich habe darauf nicht geantwortet,« ruft sie mit edler Entrüstung aus, »weil sich die Natur sträubt, zu antworten auf eine solche Beschuldigung gegen eine Mutter. Ich berufe mich auf alle hier anwesenden Mütter.« Robespierre brach, als er davon hörte, in etwas beinahe wie einen Fluch aus gegen die brutale Dummheit dieses Hébert,Villate, Causes secrètes de la Révolution de Thermidor (Paris 1825), p. 179. auf dessen elenden Kopf seine elende Lüge zurückgefallen ist. Um vier Uhr am Mittwoch Morgen, nach zwei Tagen und zwei Nächten Verhör, Reden an die Geschworenen und anderen Verdunkelungen ihrer Beratungen kommt als Resultat das Todesurteil. »Haben Sie etwas zu sagen?« Die Angeklagte schüttelte den Kopf, ohne zu reden. Die Lichter sind herabgebrannt, und mit der Nacht geht auch die Zeit einem Ende entgegen, und es wird Ewigkeit und voller Tag werden. Dieser Saal eines Tinville ist dunkel, übelbeleuchtet, außer da, wo sie steht. Schweigend entfernt sie sich, um zu sterben.

Zwei Prozessionen oder königliche Fahrten, dreiundzwanzig Jahre auseinander, haben uns oft seltsam berührt durch ihren Kontrast. Die erste Fahrt ist die einer schönen Erzherzogin und Dauphine, die ihrer Mutter Residenz verläßt im Alter von fünfzehn Jahren, der Erfüllung von Hoffnungen 353 entgegengeht, wie sie damals keine Evatochter hegen konnte, »Am Morgen,« sagt Weber, ein Augenzeuge, »verließ die Dauphine Wien. Die ganze Stadt drängte sich hinaus, anfangs in stiller Betrübnis. Sie erschien; man sah sie zurückgelehnt im Wagen, ihr Gesicht mit Thränen benetzt, ihre Augen bald mit ihrem Taschentuche, bald mit ihren Händen bedeckend, zu wiederholten malen ihren Kopf hinaussteckend, um noch einmal den Palast ihrer Väter zu sehen, wohin sie nie zurückkehren sollte. Sie nickte dem guten Volke, das sich herandrängte und ihr Lebewohl zu sagen, ihr Bedauern, ihre Dankbarkeit zu. Dann brach man auf allen Seiten nicht bloß in Thränen, sondern in Geschrei aus. Männer wie Weiber überließen sich dem Ausdruck ihres Schmerzes. Auf allen Straßen von Wien hörte man Töne der Klage. Der letzte Kurier, der ihr folgte, verschwand, und die Menge strömte auseinander.«Weber, I, 6.

Das junge kaiserliche Mädchen von fünfzehn Jahren ist jetzt eine frühgealterte entthronte Witwe von achtunddreißig Jahren geworden, grau vor der Zeit. Dies ist die letzte Fahrt:

Wenige Minuten nach dem Ende des Prozesses riefen die Trommeln in allen Sektionen zu den Waffen. Um Sonnenaufgang war die bewaffnete Macht auf den Beinen, es wurden Kanonen aufgestellt an den Enden der Brücken, auf den Plätzen, Kreuzungen, vom Palais de Justice an bis zum Platz de la Révolution. Um zehn Uhr zogen zahlreiche Patrouillen durch die Straßen, dreißigtausend Mann Infanterie und Kavallerie standen unter Waffen. Um elf Uhr wurde Marie Antoinette herausgebracht. Sie hatte ein Morgenkleid an von piqué blanc; wie eine gewöhnliche Verbrecherin wurde sie zum Richtplatz geführt, gebunden, auf einem Karren, begleitet von einem konstitutionellen Priester im Laiengewand. Zahlreiche Abteilungen Infanterie und Kavallerie eskortierten sie. Diese und die doppelte Reihe Truppen den ganzen Weg entlang schien Marie Antoinette mit Gleichgiltigkeit zu betrachten. Auf ihrem Gesicht war weder Niedergeschlagenheit noch Stolz sichtbar. Auf die Rufe »Vive la République« und »Nieder mit der Tyrannei,« die sie den ganzen Weg begleiteten, schien sie nicht zu achten. Sie sprach wenig mit ihrem Beichtvater. Die trikoloren Fahnen auf den Häusern beschäftigten ihre Aufmerksamkeit in den 354 Straßen du Roule und Saint-Honoré, auch beachtete sie die Inschriften an den Häuserfronten. Als der Platz de la Révolution erreicht war, wandten sich ihre Blicke nach dem Jardin national,, ehemals Tuileriengarten; ihr Gesicht ließ in jenem Moment Zeichen lebhafter Erregung erkennen. Sie bestieg das Schafott mit Mut genug; um ein Viertel nach zwölf Uhr fiel ihr Haupt; der Scharfrichter zeigte es dem Volke unter allgemeinen lange anhaltenden Rufen: »Vive la République!«Deux Amis, XI, 301.

 

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