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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 135
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.
Empört gegen die Tyrannen.

Was kann der Jakobiner-Konvent all den unberechenbaren Hindernissen, Greueln und Mißgeschicken entgegenstellen? Den nicht berechnenden Geist des Jacobinismus, und sansculottistischen sansformulistischen Wahnsinn! Unsere Feinde dringen auf uns ein, sagt Danton, aber sie sollen uns nicht 347 bezwingen, »lieber wollen wir Frankreich zu Asche verbrennen, nous brûlerons la France!«

Die Komitees, das der Sureté, das des Salut, haben sich »à la hauteur, auf die Höhe der Umstände« erhoben. Es mögen alle Sterblichen sich erheben à la hauteur. Die vierundvierzigtausend Sektionen und ihre Revolutionskomitees sollen jede Fiber der Republik erregen, jeder Franzose soll fühlen, daß er handeln oder sterben muß. Sie sind die Lebenscirkulation des Jakobinismus, diese Sektionen und Komitees. Danton erwirkt durch das Organ Barrères und das Komitee der öffentlichen Wohlfahrt den Beschluß, daß jede Sektion in Paris von Gesetzes wegen sich wöchentlich zweimal versammeln soll, auch, daß der ärmere Bürger für seine Teilnahme bezahlt werden und einen Tagelohn von vierzig Sous erhalten soll.Moniteur, Séance du 5 Septembre 1793. Dies ist das berühmte »Gesetz der vierzig Sous;« ein kräftiges Reizmittel für den Sansculottismus, für die Lebenscirkulation des Jakobinismus.

Am 23. August hatte das Komitee der öffentlichen Wohlfahrt wie gewöhnlich durch Barrère, in Worten, die der Erinnerung nicht unwert, seinen Bericht über das Massenaufgebot, das bald zum Gesetz wird, verbreitet. »Ganz Frankreich und was es nur immer an Menschen und Mitteln besitzt, wird unter Requisition gestellt,« sagt Barrère in wirklich tyrtäischen Worten, den besten, die wir von ihm kennen. »Die Republik ist eine große belagerte Stadt.« Zweihundertundfünfzig Schmiedewerkstätten sollen in diesen Tagen im Luxembourggarten und rund um die äußere Mauer der Tuilerien aufgestellt werden, um Gewehrläufe zu schmieden im Angesicht von Erde und Himmel! Von allen Dörfern nach der Departementshauptstadt, von allen Departementshauptstädten nach dem angewiesenen Lager und Kriegsschauplatze sollen die Söhne der Freiheit marschieren; ihr Banner trage die Inschrift: »Le Peuple Français debout contre les Tyrans, das französische Volk empört gegen die Tyrannen.« – »Die jungen Männer sollen in den Kampf, es ist ihre Aufgabe zu siegen; die verheirateten Männer sollen Waffen schmieden, Gepäck und Artillerie transportieren, Lebensmittel herbeischaffen; die Weiber sollen an Soldatenbekleidungen arbeiten, Zelte machen, in den Spitälern Dienste thun; die Kinder sollen alte Leinwand in Charpie zupfen; die alten Männer sollen sich auf öffentliche Plätze bringen lassen und 348 da durch ihre Worte den Mut der Jugend anfeuern, den Haß gegen Könige predigen und die Einheit der Republik verkündigen.«Débats, Séance du 23 Août 1793. Tyrtäische Worte, die durch alle französischen Herzen dringen.

In dieser Stimmung also, wo keine andere mehr nützt, will Frankreich sich auf seine Feinde stürzen. Über Hals und Kopf, weder Einsatz noch Folgen berechnend, kein Gesetz und keine andere Regel beachtend als jenes höchste Gesetz, die Wohlfahrt des Volkes! Die Waffen sind: alles Eisen, das in Frankreich vorhanden, die Kraft ist: die Kraft aller Männer, Weiber und Kinder, die in Frankreich sind. So lassen wir sie denn, in ihren zweihundertfünfzig Feldschmieden im Luxembourg oder Tuileriengarten Flintenläufe schmieden im Angesichte des Himmels und der Erde.

Neben der heroischen Kühnheit gegenüber dem auswärtigen Feinde kann die schwarze Rache gegen den Feind im Hause nicht fehlen. Nachdem durch das Gesetz der vierzig Sous die Lebenscirkulation der Revolutionskomitees so wohl gefördert ist, kommt etwa eine Woche später der Deputierte Merlin – nicht der von Thionville, den wir aus Mainz herausreiten sahen, sondern Merlin von Douai, in der Folge Merlin suspect genannt – mit seinem weltberühmten Gesetz der Verdächtigen: dadurch wird allen Sektionen befohlen, alle verdächtigen Personen durch ihre Komitees sogleich verhaften zu lassen, und überdies erklärt das Gesetz, wer die zu Arretierenden und Verdächtigen besonders sind. »Es sind verdächtig,« sagt er, »alle, die durch ihre Handlungen, ihre Verbindungen, Reden, Schriften« – kurz gesagt, verdächtig geworden sind.Moniteur, Séance du 17 Septembre 1793. Ja, Chaumette, der die Sache in seinen Munizipalplakaten und Proklamationen noch weiter beleuchtet, wird es dazu bringen, daß man beinahe auf der Straße zu erkennen vermag, wer verdächtig sei, und ihn da packen und vors Komitee und ins Gefängniß bringen kann. Hütet eure Zunge wohl, hütet jeden eurer Blicke; wenn ihr auch wegen sonst nichts verdächtig seid, so könnt ihr, wie man's bald sprichwörtlich sagte: verdächtig werden verdächtig zu sein! Denn sind wir nicht im Revolutionszustande?

Nie und bei keiner Nation hat es ein fürchterlicheres Gesetz gegeben. Alle Gefängnisse und Arresthäuser in französischen Landen füllen sich nun bis unters Dach. 349 Vierundvierzigtausend Komitees, wie ebensoviele Truppen von Schnittern und Ährenlesern, die Frankreich absuchen, sammeln ihre Ernte, und speichern sie auf in diesen Gefängnissen. Welch eine Ernte von aristokratischen Überbleibseln! Ja, damit nicht die vierundvierzigtausend Komitees, jedes auf seinem eigenen Felde, sich als ungenügend erweisen möchten, werden wir noch eine ambulante »Revolutionsarmee,« sechstausend Mann stark, haben und unter rechten Hauptleuten. Diese Armee soll das Land durchwandern und überall in Thätigkeit treten, wo sie findet, daß die Erntearbeit nur schlaff gethan wird. So haben die Munizipalität und die Muttergesellschaft petitioniert und so hat's der Konvent beschlossen.Moniteur, Séances du 5, 9, 11 Septembre. Aristokraten, Föderalisten, Monsieurs mögen verschwinden und alle Welt zittern: »der Boden der Freiheit soll gesäubert werden,« und wie!

Ebensowenig hat bis dahin das Revolutionstribunal sich Feiertage gemacht. Blanchelande, weil er Sandomingo verlor, die »Verschwörer von Orléans,« weil sie »gemordet,« die geheiligte Person des Deputierten Leonard Bourdon angegriffen haben, diese und viele Namenlose, für die das Leben süß war, mußten sterben. Täglich erhält die große Guillotine ihr Teil. Gleich einem schwarzen Gespenst, täglich um die Abendzeit, gleitet der Todeskarren durch das bunte Gedränge von Menschen und Wagen. Einen Augenblick schaudert die bunte Menge auf der Straße, den nächsten vergißt sie's wieder. Die Aristokraten! Die waren schuldig gegen die Republik, ihr Tod wird der Republik nützen, und wäre es auch nur, indem ihre Güter konfisziert werden. Vive la République!

In den letzten Augusttagen fiel ein bemerkenswerteres Haupt, das des Generals Custine. Er war angeklagt der Härte, Ungeschicklichkeit, Treulosigkeit, angeklagt mancher Dinge, schuldig befunden, dürfen wir sagen, nur eines Dinges, des Mangels an Erfolg. Als er sein unerwartetes Urteil hörte, »fiel Custine nieder vor dem Kruzifix,« schweigsam zwei Stunden lang. Er fuhr mit feuchten Augen und wie ein Betender nach dem Platz de la Révolution, blickte hinauf nach der blinkenden Axt, stieg dann schnell hinauf,Deux Amis, XI, 148-188. und schnell war er aus der Liste der Lebenden gestrichen. Er hatte in Amerika gekämpft, war ein stolzer, tapferer Mann und sein Schicksal führte ihn hierher.

350 Am 2. dieses selben Monats, um drei Uhr Morgens, rollte aus dem Temple nach der Conciergerie ein Wagen mit geschlossenen Vorhängen. Darin waren zwei Munizipalräte und Marie Antoinette, einst Königin von Frankreich. Dort in der Conciergerie, in schimpflich elender, trauriger Zelle, wird sie, getrennt von Kindern, Verwandten, Freunden und Hoffnung lange Wochen sitzen, erwartend, wann das Ende kommen mag.Siehe Mémoires particuliers de la Captivité à la Tour du Temple (von der Herzogin von Angoulême, Paris, 21. Januar 1817).

Die Guillotine gerät in immer schnellere Bewegung, wie wir sehen, wie alles übrige sich beschleunigt. Die Guillotine wird durch den Grad ihrer Schnelligkeit den Maßstab abgeben für die allgemeine Geschwindigkeit, mit der die Dinge gehen in der Republik. Der Klang der gewaltigen Axt, die sich da hebt und senkt wie in entsetzlichem Zusammenziehen und Ausdehnen eines Herzens, ist ein Teil der ganzen ungeheuern Lebensthätigkeit, ist der Pulsschlag des sansculottischen Systems. – Die »Verschwörer von Orléans« und Angreifer hatten zu sterben, trotz vielen Weinens und Flehens; so heilig ist die Person eines Deputierten. Doch das Geheiligte kann entheiligt werden, auch ein Deputierter ist nicht größer als die Guillotine. Der arme Deputierte und Journalist Gorsas! Wir sahen ihn sich verbergen in Rennes, als der Calvadoskrieg sein Pulver verschossen hatte. Er stahl sich nachher, im August nach Paris, hielt sich mehrere Wochen lang heimlich in der Nähe des ci-devant Palais Royal auf, wurde dort gesehen eines Tages, ergriffen, identifiziert und ohne Ceremonien, da er ja schon geächtet war, nach dem Platze de la Révolution geführt. Er starb, sein Weib und Kinder dem Mitleid der Republik anempfehlend, am 9. Oktober 1793. Gorsas ist der erste Deputierte, der auf dem Schafotte stirbt; er wird nicht der letzte sein.

Exmaire Bailly ist im Gefängnis, Exprocureur Manuel: ebenfalls. Brissot und unsere armen bisher unter Hausarrest befindlichen Girondisten sind eingekerkerte, angeklagte Girondisten geworden; der ganze Jakobinismus fordert ihre Bestrafung. Duperrets Siegel werden erbrochen! Jene dreiundsiebzig geheimen Protestierenden werden eines Tages plötzlich genannt und in Anklagezustand erklärt, nachdem die Thüren des Konvents »vorher verschlossen« worden waren, damit keiner der Beteiligten entkommen könne. Sie wurden in sehr roher Weise an jenem Abend ins Gefängnis abgeführt. Glücklich 351 jene, die zufällig abwesend waren! Condorcet ist ins Dunkel verschwunden, vielleicht sitzt er, wie Rabaut, zwischen zwei Mauern im Hause eines Freundes.

 

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