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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 133
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.
O Natur!

Werfen wir aber auf die Stadt Paris einen besondern Blick, was ist's, was die Geschichte dort am 10. August des 338 Jahres Eins der Freiheit »Jahr 1793 nach altem Stil« wahrnimmt? Der Himmel sei gelobt, ein neues Pikenfest!

Denn Chaumettes »tägliche Deputation« hat ein Resultat erzielt: eine Konstitution. Es war eine der raschest zusammengefügten Konstitutionen, die es je gab, in acht Tagen, wie manche sagen, durch Hérault Séchelles und andere gemacht; wahrscheinlich eine tüchtige, lebensfähige Konstitution – worüber wir indessen aus gewissen Gründen wenig berufen sind, ein Urteil abzugeben. Tüchtig oder nicht, die vierundvierzigtausend Kommunen Frankreichs beeilten sich, sie mit überwältigenden Mehrheiten anzunehmen, glücklich über jede Konstitution, wie immer sie sei. Ja, es sind Departementsabgesandte gekommen, die ehrwürdigsten Republikaner aus jedem Departement, mit der feierlichen Botschaft der Annahme; und nun, was bleibt übrig, als daß unsere neue endgültige Konstitution verkündet und beschworen werde mit einem Pikenfest? Die Departementsgesandten sind, wie gesagt, schon vor einiger Zeit gekommen; Chaumette ist sehr besorgt um sie, damit nicht girondistische Messieurs, Börsenwucherer oder gar girondistisch gesinnte filles de joie ihre Sitten verderben.Deux Amis, XI 73. Der 10. August, der unsterbliche Jahrestag, größer beinahe als der Bastillenjuli, ist der Tag.

Maler David war nicht müßig. Dank ihm und dem französischen Genie, tritt an diesem Tage eine scenische Phantasmagorie ohnegleichen ans Licht der Sonne – wovon die mit wirklichen Phantasmagorien so beschäftigte Geschichte nur wenig sagen wird.

Zum ersten kann die Geschichte mit Befriedigung auf den Ruinen der Bastille eine riesige Statue der Natur wahrnehmen, die aus ihren beiden mammelles Wasser spritzt; nicht ein Traum, sondern eine Thatsache, handgreiflich sichtbar. Da sprudelt sie, die große Natur, im Dunkeln schon, vor Tagesanbruch. Aber als die aufgehende Sonne den Osten rötet, da kommen zahllose Mengen, geordnet und ungeordnet, da kommen Departementsgesandte, kommen die Muttergesellschaft und Töchter, kommt der Nationalkonvent, angeführt vom schönen Hérault, und sanfte Blasinstrumente lassen Töne der Erwartung erschallen. Seht, als die große Sonne ihre erste Handvoll himmlischen Feuers ausstreut, die Spitzen der Hügel und der Schornsteine vergoldend, da ist Hérault zu Füßen der großen Natur (sie ist nur aus Gips), da schöpft Hérault 339 mit eiserner Kelle Wasser, das aus den heiligen Brüsten geflossen, da trinkt er davon mit einem beredten heidnischen Gebet, das anfängt: »O Natur!« und alle Departementsgesandten trinken, jeder mit dem besten und passendsten Ausruf oder einer prophetischen Äußerung, wie er's eben vermag, unter den zu lautem Rauschen anwachsenden Tönen der Blasinstrumente, dem Gebrüll von Kanonen und von menschlichen Stimmen; womit der erste Akt dieser Feier würdig schließt.

Als Nächstes giebt es Prozessionen die Boulevards entlang, Deputierte oder Beamte zusammen verbunden durch ein langes unteilbares trikolores Band; »Mitglieder des Souveräns« im allgemeinen wandeln durcheinander mit Piken, Hämmern, den Werkzeugen und Emblemen ihres Handwerks; darunter bemerken wir einen Pflug, worauf die alten Baucis und Philemon sitzen, gezogen von ihren Kindern. Vielstimmige Harmonie und Dissonanz erfüllt die Luft. Durch Triumphbogen die Menge geht der Zug. Am Fuße des ersten erkennen wir – wen denkst du? – die Heldinnen des Weiberaufstandes. Kräftige Damen vom Markte sitzen da, sitzen fest auf ihren Kanonen, mit Eichenzweigen und in trikolorem Flitter. Die Théroigne ist zu krank, fürchtet man, um gegenwärtig zu sein. Vor diesen Damen hält der schöne Hérault in Bewunderung still, richtet schmeichelhafte Worte an sie, worauf sie sich erheben und mit dem Zuge gehen.

Und nun seht, auf dem Platz de la Révolution, welch andere erhabene Statue mag dies sein da, eingehüllt in Leinwand, die man nun, vermittelst Rollen und Seilen, schnell hinwegzieht? Die Statue der Freiheit ist's. Auch sie ist von Gips, hofft aber Metall zu werden. Sie steht, wo einst ein Tyrann Ludwig der Fünfzehnte stand. Hier läßt man »dreitausend Vögel« fliegen, hinaus in die ganze Welt, mit Zetteln um ihren Hals: Wir sind frei; ahmt und nach. Sühnopfer von royalistischem und ci-devant-Trödel, was man davon noch zusammenbringen konnte, wird verbrannt, priesterliche Beredsamkeit muß durch den schönen Hérault wieder sich ergießen, und heidnische Gebete müssen dargebracht werden.

Und dann weiter über den Fluß, wo wieder eine enorme Statue, ein enormer Gipsberg sich erhebt: das Volk als ein Herkules, mit hochgehobener, alles bezwingender Keule, dazu »der vielköpfige Drache des girondistischen Föderalismus, der sich aus stinkendem Sumpfe erhebt« – was neuer 340 Beredsamkeit Héraults bedarf. Vom Champ de Mars wollen wir nicht reden und von dem Altare des Vaterlandes dort, mit der Aschenurne gefallener Verteidiger, mit der Zimmermannswage der Gerechtigkeit; dies alles erfordert so viel enthusiastisches Explodieren, Gestikulieren und Perorieren, daß Héraults Lippen blaß werden und seine Zunge ihm am Gaumen festkleben muß.Choix des Rapports, XII, 432-442.

Gegen sechs Uhr kann der ermüdete Präsident, der Pariser Patriotismus im allgemeinen sich niedersetzen zum geselligen Mahle, so gut es zu haben, da können sie bei schäumendem Becher oder funkelndem Glase die neue und neueste Ära einleiten. Ist nicht thatsächlich Rommes neuer Kalender bald fertig? Auf allen Häusern flattern kleine trikolore Flaggen, deren Stock eine Pike mit einer Freiheitsmütze darstellt. An allen Hausmauern – denn kein unverdächtiger Patriot will hinter dem anderen zurückbleiben – stehen die Worte gedruckt: »Eine und unteilbare Republik, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, oder Tod.«

Was den neuen Kalender betrifft, so dürfen wir es eher hier als anderswo sagen, daß die Ungleichheiten und Ungereimtheiten des alten Kalenders schon lange spekulativen Köpfen aufgefallen waren, daß lange schon ein neuer Kalender so gut wie beschlossen war. Maréchal, der Atheist, schlug vor beinahe zehn Jahren einen neuen, zum wenigsten von Aberglauben freien Kalender vor; diesen würde, in Ermangelung eines besseren, die Pariser Munizipalität nun adoptieren, jedenfalls laßt uns entweder den Maréchals oder einen besseren haben, nun da die neue Ära gekommen ist. Petitionen dafür sind mehr als einmal eingereicht worden, und thatsächlich datieren schon seit einem Jahre alle öffentlichen Behörden, die Journale und Patrioten im allgemeinen: Erstes Jahr der Republik. Es ist eine Sache, die nicht ohne Schwierigkeiten ist, aber der Konvent hat sie in die Hand genommen, und Romme, wie gesagt, hat darüber nachgedacht. Nicht Maréchals neuen Kalender, sondern einen besseren neuen von Romme und von uns selbst werden wir haben. Romme, unterstützt von einem Monge, einem Lagrange und anderen, besorgt das Mathematische, Fabre d'Eglantine die poetische Nomenklatur; und so geben sie, nach vieler Mühsal, am 5. Oktober 1793 diesen ihren neuen republikanischen Kalender vollständig heraus, und er erhält gesetzliche Kraft.

341 Vier gleiche Jahreszeiten, zwölf gleiche Monate, jeder von dreißig Tagen; dies macht dreihundertsechzig Tage, und fünf überzählige Tage wollen wir zu Festtagen machen und sie die fünf Sansculottides oder Tage ohne Hosen nennen: Festtag des Genies, Festtag der Arbeit, der Thaten, der Belohnungen, der Meinung – dies sind die fünf Sansculottiden. Womit der große Zirkel oder das Jahr voll gemacht wird; nur alle vier Jahre, im ehemals Schaltjahr genannten Jahr, fügen wir eine sechste Sansculottide ein, und nennen sie Festtag der Revolution. Nun was den Tag des Anfangs betrifft, der Schwierigkeiten macht, ist es da nicht einer der glücklichsten Zufälle, daß die Republik selbst am 21. September begann, gerade um die Herbst-Tag- und Nachtgleiche? Von der Herbst-Tag- und Nachtgleiche, um Mitternacht für den Meridian von Paris, im Jahr einst 1792 nach Christo – von diesem Augenblicke an soll die neue Ära ihren Beginn datieren. Vendémiaire, Brumaire, Frimaire oder Wein-, Nebel-, Frostmonat, dies sind die drei Herbstmonate. Nivose, Pluviose, Ventose oder Schnee-, Regen-, Windmonat, sind unsere Wintermonate. Germinal, Floréal, Prairial oder Keim-, Blüten-, Wiesenmonat sind unsere Frühlingsmonate. Messidor, Thermidor, Fructidor (dor ist griechisch für Gabe) oder Ernte-, Hitze-, Fruchtmonat sind unser republikanischer Sommer. Diese Zwölf teilen das republikanische Jahr in einfacher Weise. Was aber die kleineren Unterabteilungen betrifft, so laßt uns gleich einen kühnen Zug wagen, laßt uns das Decimalsystem adoptieren und statt der uralten Woche von sieben Tagen eine von zehn Tagen oder eine Dekade machen; – nicht ohne Resultat. So giebt es drei Dekaden in jedem Monat, was sehr regelmäßig ist und der Dekade oder zehnte Tag soll immer der »Tag der Ruhe« sein. Und dann der christliche Sabbath? Mag für sich selber sorgen!

Dies ist in Kürze der neue Kalender von Romme und dem Konvent, berechnet nach dem Meridian von Paris und nach dem Evangelium von Jean Jacques. Er ist für den heutigen Leser französischer Geschichte nicht das Geringste der ihn betrübenden Vorgänge, – denn er verwirrt die Seele mit Messidors, Prairials, bis man zuletzt, zur Selbsthilfe, sich gezwungen sieht, sich ein Grundschema, oder eine Verwandlungstabelle vom neuen in den alten Stil zu konstruieren und neben sich hinzulegen. Solch ein Grundschema, das sich in des Verfassers Dienste fast abgenützt hat, aber immer noch leserlich und druckbar ist, werden wir hier in einer 342 Anmerkung dem Leser vorlegen. Denn der Rommesche Kalender hat sich in jenen Zeitabschnitt durch so viele Zeitungen, Memoiren, öffentliche Akten tief eingeprägt; und eine neue Ära, die bei zwölf Jahre und darüber dauert, ist wohl nicht zu verachten. Der Leser helfe sich deshalb mit einem solchen Grundschema, wo es nötig, aus dem neuen Stil in den auch »Sklavenstil, stile-esclave« genannten alten Stil, – von welchen beiden wir in diesen Seiten so viel als möglich den letztern nur gebrauchen werden.


Der 22. September ist der 1. Vendémiaire des Jahres Eins, und die neuen Monate haben alle 30 Tage; also:

zur Zahl des Tages im   addiere   so giebt des die Zahl des Tages im   Tage 




Vendémiaire 21  September 30
Brumaire 21  Oktober 31
Frimaire
 
20
 
 November
 
30
 
Nivose 20  Dezember 31
Pluviose 19  Januar 31
Ventose
 
18
 
 Frebruar
 
28
 
Germinal 20  März 31
Floréal 19  April 30
Prairial
 
19
 
 Mai
 
31
 
Messidor 18  Juni 30
Thermidor 18  Juli 31
Fructidor 17  August 31

Am Ende des Fruktidors müssen fünf Sansculottiden und in einem Schaltjahre eine sechste hinzugefügt werden.

Der neue Kalender hört am 1. Januar 1806 auf. Siehe Choix des Rapports, XIII, 83-99; XIX, 199.


So hat denn Frankreich mit neuem Pikenfeste und neuer Ära oder neuem Kalender seine neue Konstitution angenommen, die demokratischste Konstitution, die je zu Papier gebracht worden. Wie wird sie in der Praxis wirken? Patriotische Deputationen suchen von Zeit zu Zeit darum nach, daß Frankreich des Genusses seiner Konstitution teilhaftig werde, daß sie in Wirksamkeit gesetzt werde. Immer jedoch scheint dies bedenklich, für den Augenblick unpassend. Bis, nach 343 einigen Wochen, Salut public, der Wohlfahrtsausschuß, durch das Organ Saint-Just, es aussprechen läßt, daß unter den gegenwärtigen alarmierenden Umständen Frankreich im Revolutionszustande sei, daß seine »Regierung revolutionär bleiben müsse bis zum Frieden!« Als Papier also allein, und als eine Hoffnung, muß diese arme neue Konstitution existieren – in welcher Gestalt wir sie, mit einer Menge anderer Dinge zusammen, noch heute, liegen sehen können im – Monde. Weiter als auf Papier ist sie nie gelangt und wird sie nie gelangen.

 

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