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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 132
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.
Rückzug der Elf.

Es ist einer der denkwürdigsten Rückzüge, die man durch die Geschichte kennt, dieser Rückzug der Elf. Die Handvoll verlassener Gesetzgeber flieht da, ohne Aufenthalt, im gelben Herbst, mit geschultertem Gewehr und wohlgefüllter Patrontasche. Hunderte von langen Meilen liegen zwischen ihnen und Bordeaux, das Land, das sie durchziehen, wird immer feindseliger, argwöhnt die Wahrheit, gährt und flüstert auf allen Seiten, mehr und mehr. Louvet hat den Reisebericht aufbewahrt, eine Erzählung, die alles aufwiegt, was er je geschrieben.

O tugendreicher Pétion, mit deinem früh ergrauten Haupte, o wackerer, junger Barbaroux, ist es dahin gekommen? Mühselige Wege, abgenutzte Schuhe, leichte Börse – dazu von Gefahren umringt, wie von einem Meere! Revolutionskomitees sind in jeder Stadt, von jakobinischer Sinnesart, unsere Freunde alle eingeschüchtert, unsere Sache die verlorene. Im Flecken von Moncontour ist unglücklicherweise bei unserem Eintreffen dort ein Markt, dem gaffenden Volke erscheint ein solcher Durchmarsch eines einsam daherziehenden Häufleins verdächtig; da bedarf es der Energie, Geistesgegenwart und guten Glückes, damit man uns durchmarschieren 1aßt. Eilt, ihr müden Pilger! Das Land gerät in Alarm, 334 das Gerücht von euch, einem einsamen in so geheimnisvoller Weise sich zurückziehenden Häuflein, verbreitet sich von Tag zu Tag; mit jedem neuen Tage wühlt es eine größere Welle neugierigen euch verfolgenden Tumultes auf, bis der ganze Westen in Aufregung ist. »Cussy wird von der Gicht gequält,. Buzot ist zu fett zum marschieren.« Riouffe, fußwund, blutend, marschiert nur auf den Zehen; Barbaroux hinkt daher mit verstauchtem Knöchel, doch immer munter, voll Hoffnung und Mut. Der leichte Louvet blickt scharf umher, als ob er Hasenaugen hätte, doch hat er ein Hasenherz. Des tugendreichen Pétion Heiterkeit »sah man nur einmal gestört.Meillan, p. 119-137. Sie ruhen in Strohspeichern, in dichtem Gebüsch; die rauheste Matratze auf dem Boden bei einem geheimen Freunde ist ihnen ein seltener Luxus. Sie werden mitten in der Nacht von jakobinischen Maires und Getrommel überrascht, kommen durch feste Haltung, Musketenrasseln und Geistesgegenwart mit heiler Haut davon.

Durch die feurige Vendée und den langen geographischen Raum, der noch zu bewältigen, hindurchzukommen bis nach Bordeaux, daran zu denken wäre Wahnsinn; glücklich wären sie, nach Quimper an die Seeküste zu gelangen und dort sich nach Bordeaux einschiffen zu können. Schneller, immer schneller. Der Boden ist vor dem Ende des Marsches so heiß für sie geworden, daß sie es ratsam finden, die ganze Nacht zu marschieren. Sie thun es, unterm stillen Nachthimmel schleppen sie sich weiter, und – seht, dennoch eilt das Gerücht ihnen voraus. Im elenden Dörfchen Carhaix (es seien dessen strohgedeckte Hütten und bodenlose Torfmoore lange merkwürdig für den Reisenden), sind die Flüchtlinge erstaunt, noch die Lichter schimmern zu sehen. Bürger sind noch wach bei brennenden Lichtern, in jenem Winkel des irdischen Planeten; als wir eilig durch die einzige elende Straße ziehen, läßt sich eine Stimme hören: »Da sind sie, les voilà qui passent!«Louvet, p. 138-164. Schneller, ihr lahmen unseligen Zwölf; eilt, ehe man sich bewaffnet hat. Erreicht die Wälder von Quimper vor Tag und haltet dort euch verborgen!

Die unglücklichen Zwölf thun es, doch unter Schwierigkeiten, sie verlieren den Weg, thun es unter Gefahren und den Irrungen einer ganzen Nacht. In Quimper giebt es befreundete Girondisten, die vielleicht die Obdachlosen 335 beherbergen, bis ein Schiff nach Bordeaux unter Segel geht. Müde an Leib und Seele, in der Angst der Erwartung, bis die Freunde in Quimper benachrichtigt sein werden, so liegen sie, gekauert unter dem dicken nassen Gestrüpp, das Angesicht des Menschen schauend. Haben wir einiges Mitleid mit den Tapferen, den Unglücklichen. Als ihr damals euer Gepäck rüstetet und das eine oder andere lederne Vehikel bestieget, um patres conscripti eines wiedergeborenen Frankreichs zu sein und unsterbliche Lorbeeren zu gewinnen – habt ihr unglücklichsten aller Legislatoren es damals gedacht, daß eure Reise dahin führen könnte? Die Samariter von Quimper finden sie da gekauert, richten sie auf mit Hilfe und Trost, und werden sie an sicheren Orten verbergen. Von da mögen sie sich nach und nach zerstreuen, oder sie können ruhig bleiben und Mémoires schreiben, bis ein Schiff nach Bordeaux segelt.

Und so ist in Calvados alles auseinander gegangen. Romme ist aus dem Gefängnis heraus, denkt über seinen Kalender nach; in seinem Gefängnisse sind jetzt girondistische Rädelsführer eingesperrt. In Caen trauert still die Familie Corday, Buzots Haus ist in einen Haufen von Schutt und Zerstörung verwandelt, und inmitten des Schuttes steht ein Galgen mit der Inschrift: Hier wohnte der Verräter Buzot, der gegen die Republik konspirierte. Buzot und die anderen verschwundenen Deputierten sind hors la loi, wie wir sahen, ihr Leben jedem preisgegeben, wo sie gefunden werden. Den sichtbaren armen verhafteten Deputierten in Paris geht es jetzt schlimmer. »Arrest in ihren Häusern« droht »Einsperrung im Luxembourg« zu werden, um wo zu enden? Was ist das zum Beispiel für ein blasser hagerer Mann, der nach der Schweiz reist als ein Kaufmann aus Neuchâtel, und den man in der Stadt Moulins verhaftet? Dem Revolutionskomitee ist er verdächtig. Dem Revolutionskomitee ist er, nach Sondierung der Sache, offenbar der Deputierte Brissot! Zurück in deinen Arrest, armer Brissot, oder vielmehr in strengen Gewahrsam – wohin anderen zu folgen bestimmt ist. Rabaut hat sich eine falsche Wand in dem Hause eines Freundes gebaut, lebt dort, in undurchdringlichem Dunkel, zwischen zwei Mauern. Der ganze »Arrest in den eigenen Wohnungen« wird enden mit Kerker und Revolutionstribunal.

Auch Duperret dürfen wir hier nicht vergessen und die Versiegelung seiner Papiere wegen Charlotte. Ein Papier ist da, das geeignet ist, Wehe genug zu erzeugen: ein geheimer 336 feierlicher Protest gegen jene suprema dies des 2. Juni! Diesen geheimen Protest hatte unser armer Duperret noch in derselben Juniwoche aufgesetzt, in aller Deutlichkeit, deren die Sprache fähig ist; er hatte nur die Zeit zur Veröffentlichung abgewartet. Unter diesem geheimen Protest stehen seine und die Unterschrift anderer ehrenwerter Deputierter, und zwar nicht weniger, deutlich lesbar. Wie nun, wenn die Siegel von Duperrets Papieren abgenommen würden, während noch der Berg die Oberhand hat? Sie mögen wohl zittern, wenn sie daran denken, diese Protestierenden, die Merciers, Bailleuls, dreiundsiebzig an der Zahl, alles, was noch übrig ist im Konvente von respektablem Girondismus! – Dies sind die Folgen des Bürgerkrieges.

In diesen letzten Tagen des Juli sehen wir auch die berühmte Belagerung von Mainz beendigt: die Garnison zieht ab mit allen Kriegsehren, darf aber für ein Jahr nicht gegen die Koalition dienen. Liebhaber des Pittoresken und Goethe standen auf der Mainzer Chaussee und sahen mit gebührendem Interesse die Prozession in aller Feierlichkeit vorüberkommen:

»Angeführt durch preußische Reiterei kam zuerst die französische Garnison. Seltsamer war nichts, als wie sich dieser Zug ankündigte; eine Kolonne Marseiller, klein, schwarz, buntscheckig, lumpig gekleidet, trappelte heran, als habe der König Edwin seinen Berg aufgethan und das muntere Zwergenheer ausgesandt. Hierauf folgten regelmäßigere Truppen, ernst und verdrießlich, nicht etwa niedergeschlagen oder beschämt. Als die merkwürdigste Erscheinung dagegen mußte jedermann auffallen, wenn die Jäger zu Pferd heraufritten; sie waren ganz still bis gegen uns herangezogen, als ihre Musik den Marseillermarsch anstimmte. Dieses revolutionäre Tedeum hat ohnehin etwas Trauriges, Ahnungsvolles, wenn es auch noch so mutig vorgetragen wird; diesmal aber nahmen sie das Tempo ganz langsam, dem schleichenden Schritte gemäß, den sie ritten. Es war ergreifend und furchtbar und ein ernster Anblick, als die Reitenden, lange, hagere Männer von gewissen Jahren, die Miene gleichfalls jenen Tönen gemäß, heranrückten; einzeln hätte man sie dem Don Quixote vergleichen können, in Masse erschienen sie höchst merkwürdig.

Bemerkenswert war nun ein einzelner Trupp, die französischen Kommissarien. Merlin von Thionville in Husarentracht, durch wilden Bart und Blick sich auszeichnend, hatte eine andere Figur in gleichem Kostüm links neben sich; das Volk rief mit 337 Wut den Namen eines Klubisten und bewegte sich zum Anfall. Merlin hielt an, berief sich auf seine Würde eines französischen Repräsentanten, auf die Rache, die jeder Beleidigung folgen sollte; er wolle raten sich zu mäßigen, denn es sei das letzte Mal nicht, daß man ihn hier sähe. Die Menge stand betroffen, kein einzelner wagte sich vor.«Belagerung von Mainz (Goethes Werke, XXX, 315.) So ritt Merlin dahin, drohend, wenn auch überwunden. Aber was soll nun diese Preußenflut hindern, die durch den offenen Nordosten eindringt? Von Glück können wir sagen, wenn die befestigten Linien von Weißenburg und die unzugänglichen Vogesengebirge sie auf das französische Elsaß beschränken und davon abhalten, das Herz des Landes selbst zu überfluten!

Ferner noch endigt, genau am selben Tage, die Belagerung von Valenciennes im Nordwesten – gefallen ist's unter dem rotglühenden Hagel Yorks! Condé fiel vor etwa vierzehn Tagen. Die kimmerische Koalition drängt immer näher. Was auch sehr auffallend scheint, ist, daß über all diesen eroberten französischen Städten nicht das royalistische Fleur de Lis-Banner, im Namen eines neuen Ludwig des Prätendenten weht, sondern die österreichische Fahne, als ob Österreich sie für sich zu behalten gedächte! Vielleicht kann General Custine, der noch immer in Paris ist, einige Erklärungen geben wegen des Falls dieser Festungen? Die Muttergesellschaft murrt laut, von Tribüne und Galerie, daß er es sollte; – bemerkt indes mit Verdruß, daß »die Messieurs im Palais-Royal« dem General ein Hoch bringen.

Die Muttergesellschaft, gereinigt jetzt durch wiederholte »Untersuchungen oder épurations« von allen girondistischen Flecken, ist eine große Macht geworden: etwas, was wir Schildträger, Mundschenk nennen könnten; ja, nennen wir's Flügelmann des gesäuberten Nationalkonvents selber. Über die Jakobinerdebatten wird, wie über die parlamentarischen, im Moniteur Bericht erstattet.

 

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