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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 130
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Schrecken.

Erstes Kapitel.
Charlotte Corday.

In den blätterreichen Monaten Juni und Juli keimen in mehreren französischen Departements eine Anzahl rebellischer Papierblätter, genannt: Proklamationen, Resolutionen, Journale oder Diurnale »der Union zum Widerstand gegen Unterdrückung.« Besonders die Stadt Caen in Calvados sieht ihr Papierblatt, das Bulletin de Caen, plötzlich aufblühen, plötzlich sich als Zeitung unter Redaktion girondistischer Nationalrepräsentanten etablieren.

Denn unter den geächteten Girondisten giebt es einige von mehr als verzweifeltem Mute. Einige, wie Vergniaud, Valazé, Gensonné, »unter Arrest in ihren eigenen Wohnungen,« werden mit stoischer Ergebenheit erwarten, was das Ende sein wird. Einige, wie Brissot, Rabaut, werden die Flucht ergreifen, sich auswärts verstecken, was noch nicht schwer ist, da die Barrieren von Paris nach ein oder zwei Tagen wieder geöffnet werden. Andere dagegen eilen mit Buzot nach Calvados oder weit über Frankreich hin, nach Lyon, Toulon, Nantes und anderswohin, und dann zum Rendezvous nach Caen, um wie mit Kriegstrompeten die respektablen Departements zu erwecken und eine anarchistische Bergpartei niederzuschlagen, wenigstens ihr nicht zu weichen ohne einen Versuch dazu. Zu denen zählen wir etwa zwanzig oder mehr unter den »unter Arrest« befindlichen, und den noch nicht Verhafteten, wie Buzot, Barbaroux, Louvet, Guadet, Pétion, die dem Arrest in ihren eigenen Wohnungen entronnen sind, dann Salles, den pythagoräischen Valady, Duchâtel, den nämlichen Duchâtel, der in Leintüchern und Nachtmütze kam, um für Ludwigs Leben zu votieren; diese letzteren sind der Gefahr und wahrscheinlicher Verhaftung entronnen. Die Genannten alle, ihrer siebenundzwanzig, wohnen also hier in der Intendance oder dem Departementspalais der Stadt 322 Caen in Calvados, willkommen geheißen von den Behörden, willkommen und auf Gemeindekosten unterhalten, da sie selber kein Geld haben. Und das Bulletin de Caen geht in die Welt hinaus, mit den aufmunterndsten Artikeln: Wie das Departement von Bordeaux, das von Lyon, ein Departement nach dem anderen sich für Girondismus erklärten, wie sechzig oder gar neunundsechzig oder zweiundsiebzigMeillan, p. 72, 73. Louvet, p. 129. respektable Departements sich erklären oder im Begriffe sind, es zu thun. Ja, Marseille wird, so scheint es, für sich allein gegen Paris marschieren, wenn es sein muß. So hat's die Stadt Marseille gesagt, daß sie marschieren will. Daß dagegen die Stadt Montélimart gesagt hat: kein Durchlaß, daß sie eher unter ihren eigenen Steinen und Trümmern »sich begraben« will, – davon erwähne man beileibe nichts im Bulletin de Caen.

Solche aufmunternden Artikel lesen wir in dieser neuen Zeitung, und glühende Reden und beredte Sarkasmen, Tiraden gegen den Berg und aus der Feder des Deputierten Salles, die, wie Freunde sagen, Pascals »Les provinciales« ähnlich sind. Was mehr zum Zwecke dient, ist, daß diese Girondisten einen General en chef haben, einen gewissen Wimpfen, der früher unter Dumouriez diente, auch einen zweiten fraglichen General Puisage und andere, und daß sie ihr Möglichstes thun, eine Kriegsmacht zusammenzubringen. Nationalfreiwillige, wer immer das Herz am rechten Flecke hat, sammelt euch hier um uns, ihr Nationalfreiwilligen, Freunde der Freiheit!

Von unsern Calvadosstädten, von der Eure, aus der Bretagne, von fern und nah! Auf nach Paris und an die Unterdrückung der Anarchie! So haben wir in Caen in den ersten Tagen des Juli Trommeln und Paradieren, Perorieren und Konsultieren, Stab und Armee, Ratsversammlungen, einen Klub der Carabots, antijakobinischer Freunde der Freiheit, zur Denunziation des abscheulichen Marat. Mit allem dem und der Herausgabe des Bulletin de Caen. hat ein Nationalrepräsentant die Hände voll Arbeit.

In Caen geht es äußerst lebhaft zu, und wie man hofft, wird es mehr oder weniger lebhaft hergehen in den »zweiundsiebzig Departements, die zu uns halten.« Dazu sind wir also gelangt – in einem von kimmerischen Koalitionen umschlossenen und überschwemmten., im Innern von der Vendée 323 zerrissenen Frankreich – dazu, daß wir die Anarchie auch noch unterdrücken müssen durch Bürgerkrieg. Durum et durum, sagt das Sprichwort, non faciunt murum. Die Vendée ist in hellem Brande, Santerre vermag dort nichts auszurichten, er könnte heimkehren und Bier brauen. Kimmerische Bomben fliegen die ganze Nordgrenze entlang. Jene Belagerung von Mainz ist berühmt geworden; Liebhaber des Pittoresken (wie Goethe bezeugen wird), gewaschene Landleute beiderlei Geschlechts schlendern am Sonntag hin, um die Artillerie arbeiten und gegenarbeiten zu sehen, »man bückt sich nur ein wenig, wenn die Kugeln vorübersausen.«Belagerung von Mainz (Goethes Werke, XXX, 278–334). Condé kapituliert vor den Österreichern, die königliche Hoheit von York beschießt seit mehreren Wochen Valenciennes aufs heftigste. Denn, ach, unser befestigtes Lager von Famars wurde erstürmt, General Dampierre getötet; General Custine erhielt einen Verweis, und ist eben nach Paris gekommen, um »Erklärungen« zu geben.

Dem allen müssen der Berg und der abscheuliche Marat nun eben die Stirne bieten, so gut sie können. Sie erlassen Dekrete – ein anarchistischer Konvent der sie sind –, klagend, erklärend, jedoch nicht ohne Strenge; sie senden Kommissäre aus, einzeln oder paarweise, den Olivenzweig in einer Hand, jedoch das Schwert in der anderen. Kommissäre kommen sogar nach Caen, jedoch ohne Erfolg. Mathematiker Romme und Prieur, genannt von der Côte d'Or, die sich nach Caen wagen mit Olivenzweig und Schwert, werden ins Gefängnis gesteckt; dort mag Romme »fünfzig Tage« hinter Schloß und Riegel liegen und über seinen neuen Kalender nachdenken, wenn's ihm beliebt. Kimmerisches Europa am Eindringen, die Vendée und Bürgerkrieg. Niemals war sie in schlechterm Fahrwasser, die Eine und unteilbare Republik.

Mitten im trüben Gären von Caen und der Welt bemerkt die Geschichte besonders eines: in der Vorhalle des Palais der Intendance, wo geschäftige Deputierte kommen und gehen, nimmt eine junge Dame, von einem alten Diener begleitet, anmutig ernsten Abschied vom Deputierten Barbaroux.Meillan, p. 75 Louvet, p. 114. Sie ist von stattlicher normannischer Gestalt, im fünfundzwanzigsten Jahre, mit schönem ruhigen Angesicht; ihr Name Charlotte Corday, früher, als es noch Adel gab, Corday d'Armans. Barbaroux hat ihr einen Brief an den 324 Deputierten Duperret gegeben, denselben, der einst in der Hitze der Konventsdebatte das Schwert zog. Offenbar will sie nach Paris zu irgend einem Zwecke. »Sie war eine Republikanerin vor der Revolution und nie fehlte es ihr an Energie.« Eine Vollendung, eine Entschiedenheit in dieser schönen weiblichen Gestalt: »unter Energie versteht sie den Geist, der einen antreibt, sich für sein Vaterland zu opfern.« Wie, wenn sie, diese schöne junge Charlotte, aus ihrer abgeschlossenen Stille aufgetaucht wäre wie ein Stern, grausam-lieblich, halb engelhaften halb dämonischen Glanzes, um für einen Augenblick zu schimmern und in einem Augenblick verlöscht zu werden, um dann im Gedächtnisse der Welt zu bleiben, durch lange Jahrhunderte, so hell, so vollendet, als sie es war? – Die kimmerischen Koalitionen draußen und die trübe gärenden fünfundzwanzig Millionen drinnen wird die Geschichte verlassen, um aufmerksam diese eine schöne Gestalt einer Charlotte Corday zu beobachten, um festzustellen, wohin Charlotte sich wendet, wie dies zarte Leben so strahlenden Schein wirft, dann verschwindet, vom Dunkel der Nacht verschlungen.

Mit Barbaroux's Einführungsschreiben und wenig Reisegepäck sehen wir Charlotte am Dienstag, den 9. Juli, in der Caen-Diligence sitzen, mit einem Fahrschein bis nach Paris. Niemand nimmt Abschied von ihr, wünscht ihr glückliche Reise, ihr Vater wird einige von ihr zurückgelassene Zeilen vorfinden, worin sie ihm anzeigt, daß sie nach England gegangen, daß er ihr verzeihen, sie vergessen möchte. Die schläfrige Diligence rumpelt dahin, die ganze Nacht, den ganzen Tag und wieder die ganze Nacht, unter dem schläfrigen Geplauder über Politik und Lob des Berges, worein Charlotte sich nicht mischt. Am Donnerstag, nicht lange vor Mittag, ist man bei der Brücke von Neuilly angelangt, hier liegt Paris mit seinen tausend schwarzen Kuppeln, dem Ziel und Zweck deiner Reise! Im Gasthof de la Providence in der Rue des Vieux Augustins angekommen, verlangt Charlotte ein Zimmer, eilt zu Bett, schläft den ganzen Nachmittag und die Nacht, bis zum anderen Morgen.

Am anderen Morgen überreicht sie den Brief an Duperret. Er bezieht sich auf gewisse Familienpapiere, die in den Händen des Ministers des Innern sind und die eine Nonne in Caen, eine alte Klosterfreundin Charlottes, notwendig bedarf; Duperret soll ihr behilflich sein, sie zu erlangen. Also das war der Zweck ihrer Reise nach Paris? Sie hat dieses Geschäft 325 erledigt im Laufe des Freitags – sagt aber noch nichts von Zurückkehren. Sie hat Verschiedenes gesehen und in der Stille erforscht. Sie hat den Konvent in leibhafter Wirklichkeit gesehen, hat gesehen, wie der Berg aussieht. Das lebendige Angesicht Marats konnte sie nicht sehen; er ist gegenwärtig krank und hütet das Zimmer.

Ungefähr um acht Uhr am Samstag morgen kauft sie ein großes Messer, dann nimmt sie sogleich auf dem Platz des Victoires eine Mietkutsche »nach der Rue de l'École de Médecine, Nr. 44.« Es ist die Wohnung des Bürgers Marat! – Der Bürger Marat ist unwohl und nimmt keinen Besuch an, was sie sehr zu verdrießen scheint. Was sie hier noch hat, ist ein Geschäft mit Marat, also? Unglückliche, schöne Charlotte, unglücklicher schmutziger Marat. Von Caen, im äußersten Westen, von Neuchâtel im äußersten Osten, so kommen diese beiden einander nahe, sie beide haben, sehr merkwürdig, ein Geschäft miteinander. – Charlotte kehrt in ihren Gasthof zurück, sendet einen kurzen Brief an Marat, ihm mitteilend, daß sie von Caen, dem Sitze der Rebellion komme, ihn dringend zu sehen wünsche und »es in seine Hand legen wolle, Frankreich einen großen Dienst zu erweisen.« Keine Antwort. Charlotte schreibt ein zweites noch dringenderes Billet, fährt um sieben Uhr des Abends selber damit hin. Ermüdete Tagelöhner haben wieder einmal die Arbeit einer Woche beendet. Das ungeheuere Paris treibt sich herum und erregt sich in mannigfaltiger Weise, entsprechend seinen ziellosen Neigungen; diese eine holde Gestalt aber ist von einem entschiedenen Sinn erfüllt, geht direkt – auf ein Ziel los.

Es ist ein schöner Juliabend, der 13. des Monats, Vorabend des Bastillentages, an dem, vor vier Jahren, »Monsieur Marat« im Gedränge auf dem Pont-Neuf, von den Besenvalschen Husaren, die so freundliche Gesinnungen zeigten, schlau verlangte, »daß sie nun auch absteigen und ihre Waffen niederlegen sollten;« wodurch er bekannt wurde unter den Patrioten. Vier Jahre – welchen Weg hat er seitdem zurückgelegt! Und nun sitzt er um etwa einhalb acht Uhr schwitzend in einer Badewanne, schmerzlich betrübt, krank am Revolutionsfieber, – an welch anderer Krankheit, das möchte diese Geschichte lieber nicht näher bezeichnen. Äußerst siech und erschöpft, der arme Mann, mit genau dreiundzwanzig Sous baren Geldes, in Papier, einer Badewanne, einem starken dreifüßigen Stuhl, um inzwischen darauf zu schreiben, und 326 einer schmutzigen – Waschfrau, so mag man sie nennen. Das ist sein bürgerlicher Haushalt in der Rue de l'École de Médecine, dahin und nicht weiter hat sein Weg ihn geführt. Nicht zum Reich der Brüderlichkeit und vollkommenen Glückseligkeit, aber sicherlich auf den Weg dahin? Horch, wieder ein Klopfen! Eine wohlklingende Frauenstimme, die dagegen protestiert, abgewiesen zu werden; es ist die Bürgerin, die Frankreich einen Dienst erweisen wollte. Marat, der das von drinnen erkennt, ruft: Laß sie herein. Charlotte Corday wird hereingelassen.

»Bürger Marat, ich bin von Caen, dem Sitze der Rebellion, und wünschte mit Ihnen zu sprechen.« – »Setzt Euch, mon enfant. Nun, was thun die Verräter in Caen? Welche Deputierten sind in Caen?« – Charlotte nennt einige Deputierte. – »Innerhalb vierzehn Tagen sollen ihre Köpfe fallen,« krächzt der eifrige Volksfreund und greift nach seinen Schreibtäfelchen, um zu schreiben. Mit nacktem, zusammengeschrumpftem Arm, sich in seinem Bade auf die Seite drehend, schreibt er: Barbaroux, Pétion, Louvet und – Charlotte hat ihr Messer aus der Scheide gezogen, versenkt es mit einem sicheren Stoß in des Schreibenden Herz. »A moi, chère amie, hilf, Liebste!« – nicht mehr konnte der zum Tode Getroffene sagen oder schreien. Die getreue Waschfrau stürzt herein, aber da ist kein Volksfreund, kein Freund der Waschfrau mehr vorhanden, sondern sein Leben entflieht, mit einem Röcheln, unwillig zu den Schatten hinab.Moniteur, Nos. 197, 198, 199; Histoire parlementaire XXVIII, 301-305; Deux Amis, X, 368-374.

Und so hat Marat, der Volksfreund, geendet, der einsame Stylit ist plötzlich von seiner Säule heruntergeschleudert worden, – wohin, das weiß der, der ihn schuf. Das patriotische Paris mag dreifach und zehnfach ertönen in Klage und Jammern, vom Wiederhall im ganzen patriotischen Frankreich begleitet; und der Konvent, »Chabot blaß vor Schrecken und erklärend, daß sie alle ermordet werden sollen,« mag ihm ein öffentliches Leichenbegängnis und die Ehren des Pantheons zuerkennen, in dem Mirabeaus Staub ihm Platz machen muß. Mögen die Jakobinergesellschaften in jammernden Reden, seine Charaktereigenschaften aufzählend, ihn in Parallele stellen mit einem, den sie mit dem Titel »der gute Sansculotte« zu ehren wähnten, und den wir hier nicht nennen;Siehe Éloge funèbre de Jean Paul Marat, prononcé à Strasbourg (in Barbaroux, p. 125-131) Mercier, etc. mag auch 327 für die sein Herz enthaltende Urne eine Kapelle auf dem Karussellplatze errichtet werden, mögen neugeborene Kinder Marat genannt werden, mögen Hausierer vom Lago di Como Berge von Gips zu häßlichen Büsten formen und David ein Portrait oder seine Todesscene malen, und mögen auch andere Apotheosen noch veranstaltet werden, wie sie nur das menschliche Genie unter diesen Umständen erdenken kann: Marat kehrt nicht wieder zurück ans Licht der Sonne. Einen einzigen Umstand haben wir im alten Moniteur mit wahrer Sympathie gelesen: wie Marats Bruder von Neuchâtel kommt, um vom Konvent zu erbitten, »daß des verstorbenen Jean Paul Marats Muskete ihm gegeben werden möge?«Séance du 16 Septembre 1793. Denn auch Marat hatte einen Bruder und natürliche Gefühle, und war einst in Windeln gewickelt worden und hatte ruhig in einer Wiege geschlafen, wie wir alle. O, ihr Kinder des Menschen! – Eine Schwester Marats soll bis auf diesen Tag, im Jahre 1836, noch in Paris leben.

Was Charlotte Corday betrifft, so ist ihr Werk vollendet, der Lohn dafür nahe und sicher. Die chère amie und Nachbarn stürzen auf sie los, sie »stürzt einige Möbel um,« verschanzt sich damit, bis die Gendarmen kommen, überliefert sich dann ruhig, geht ruhig ins Abbayegefängnis; sie allein ruhig, während um sie herum ganz Paris ertönt in Staunen, Wüten oder Bewunderung. Duperret wird ihretwegen verhaftet, seine Papiere werden versiegelt, – was noch Folgen haben mag. Desgleichen Fauchet, obgleich Fauchet nicht einmal etwas von ihr gehört hatte. Charlotte, diesen beiden Deputierten gegenübergestellt, lobt die ernste Festigkeit Duperrets, tadelt die Niedergeschlagenheit Fauchets. Am Mittwoch Morgen sieht die im Palais de Justice und Revolutionstribunal sich drängende Menge Charlotte Cordays Antlitz, schön und ruhig; sie datiert den Tag. »den vierten Tag der Vorbereitung des Friedens.« Ein seltsames Gemurmel lief durch den Saal bei ihrem Anblick, man konnte nicht sagen, was es bedeutete.Procès de Charlotte Corday, etc. (Histoire parlementaire XXIII, 311-338. Tinville mit seinen Anklagen und Akten ist da, der Messerschmied vom Palais Royal will bezeugen, daß er ihr das Messer verkauft hat; »alle diese Einzelheiten sind nicht notwendig,« unterbricht Charlotte, »ich bin es, die Marat getötet hat.« Auf wessen Anstiftung? – »Auf 328 niemandes Anstiftung.« Was hat Sie denn dazu veranlaßt? – »Seine Verbrechen. Ich tötete einen Mann,« fügte sie, als man fortfuhr mit Fragen, hinzu, indem sie ihre Stimme aufs Äußerste (extrêmement) erhob, »ich tötete einen Mann, um Hunderttausende zu retten; einen Bösewicht, um Unschuldige zu retten, ein wildes Raubtier, um meinem Vaterland Ruhe zu verschaffen. Ich war Republikanerin vor der Revolution, nie fehlte es mir an Energie.« Da ist nun nichts mehr zu sagen. Das Publikum schaut erstaunt, schnelle Maler skizzieren ihre Züge, ohne daß Charlotte es wehrt, die Männer des Gesetzes fahren fort mit ihren Förmlichkeiten. Das Urteil lautet: Tod als Mörderin. Charlotte dankt ihrem Advokaten in sanften, jedoch von hohem klassischen Geiste beseelten Worten. Dem Priester, den man ihr sendet, dankt sie, hat aber weder Beichte noch geistliche oder andere Hilfe von ihm nötig.

So fährt am selben Abend ungefähr um ein halb acht Uhr der verhängnisvolle Karren aus dem Thor der Conciergerie in eine neugierig auf den Zehen stehende Stadt; auf ihm sitzt ein holdes junges Wesen, in die rote Bluse einer Mörderin gehüllt, so schön, so heiter, so voll von Leben, dem Tode entgegengehend – allein inmitten der Welt. Manche nehmen ihre Hüte ab, grüßen ehrerbietig; denn welches Herz müßte nicht gerührt werden?Deux Amis, X, 374-384. Andere murren und heulen. Adam Lux von Mainz erklärt, daß sie größer sei als Brutus, daß es herrlich sein müßte, mit ihr zu sterben; der Kopf des jungen Mannes scheint verwirrt. Auf dem Platze de la Révolution zeigt das Antlitz Charlottes dasselbe stille Lächeln. Die Scharfrichter machen sich daran, ihr die Füße zu binden, sie widersetzt sich in der Meinung, es sollte ihr damit ein Schimpf angethan werden; auf ein Wort der Erklärung fügt sie sich, mit freundlicher Entschuldigung. Als letztes, da alles nun bereit ist, nimmt man ihr das Halstuch ab; ein Erröten mädchenhafter Scham überzieht das schöne Gesicht und den Hals, noch waren die Wangen davon gefärbt, als der Scharfrichter den vom Körper getrennten Kopf emporhob, um ihn dem Volke zu zeigen. »Es ist vollkommen wahr,« sagt Forster, »daß er höhnisch die Wange schlug, denn ich sah es mit meinen eigenen Augen; die Polizei setzte ihn dafür ins Gefängnis.«Briefwechsel, I, 508.

329 So trafen das Schönste und das Abscheulichste zusammen, und eines vernichtete das andere. Jean Paul Marat und Marie Anna Charlotte Corday, beide sind plötzlich nicht mehr. »Tag der Vorbereitung des Friedens?« Ach, wie wäre Friede möglich oder vorbereitbar, während zum Beispiel die Herzen lieblicher Mädchen in ihrer klösterlichen Stille nicht von Liebesparadiesen und dem Lichte des Lebens träumen, sondern von Selbstopfern in der Art des Königs Kodros, und vom wohl errungenen Tode? Daß 25 Millionen Herzen bis zu einer solchen Stimmung gelangt sind, dies ist die Anarchie, die Seele der Anarchie liegt darin; und die Verkörperung dieser Stimmung kann nicht der Friede sein! Der Tod Marats, der alte Feindschaft zehnfach verschärft, wird ärger sein als sein Leben. O ihr unglücklichen Zwei, gegenseitig euch auslöschend, das Schöne und das Abscheuliche, schlaft wohl, – in der Mutter Erde Schoß, der beide euch gebar!

Dies ist die Geschichte Charlotte Cordays, der Zielbewußten, Vollendeten, engelhaft Dämonischen, die war wie ein Stern! Adam Lux geht heim, halb im Delirium, um seine Apotheose Charlottes in die Welt zu senden in Druck und Papier, um vorzuschlagen, daß ihr eine Statue gesetzt werde mit dieser Inschrift: Größer als Brutus. Freunde halten ihm die Gefahr vor Augen, die er läuft; Lux ist unbekümmert darum, denkt, es wäre herrlich, mit ihr zu sterben.

 

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