Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Thomas Carlyle >

Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 13
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Das Parlament von Paris.

Erstes Kapitel.
Zurückgewiesene Wechsel.

Während überall unbeschreibliche Verwirrung im Inneren wogt und wallt und durch gar viele Risse an der Oberfläche Schwefeldämpfe entweichen, entsteht die Frage: Durch welchen Spalt wird die Haupteruption erfolgen? Durch welchen von den alten Kratern oder Schloten? Oder wird sie sich selbst einen neuen Krater schaffen müssen? In jeder Gesellschaft giebt es solche Schlote oder Institutionen, die deren Stelle vertreten: sogar Konstantinopel entbehrt nicht seiner Sicherheitsventile, obgleich sich dort die Unzufriedenheit – selbst durch wirkliches Feuer Luft machen kann; aus der Zahl der nächtlichen Feuersbrünste oder der gehenkten Bäcker kann die Regierung die Zeichen der Zeit lesen und danach ihren Kurs ändern.

Wir dürfen annehmen, daß die französische Eruption zweifelsohne zuerst durch die alten Sicherheitseinrichtungen einen Ausweg suchen wird, da jede von ihnen mit der inneren Tiefe in Verbindung steht oder zu stehen pflegte; diese Verbindung machte sie eben zu Nationalinstitutionen. Aber selbst wenn sie zu Personalinstitutionen geworden und dadurch ihrer ursprünglichen Bestimmung entzogen worden wären, so mußte doch bei ihnen der Widerstand geringer als anderswo sein. Also durch welche von ihnen? Ein aufmerksamer Beobachter hätte es erraten können: durch die Parlamente, vor allem durch das Parlament von Paris.

Kein Mensch, und wäre er noch so dicht in Würden eingehüllt, kann sich dem Einfluß seiner Zeit entziehen, am wenigsten können es Leute, die infolge ihres Berufes, und wäre es von ihren Richtersitzen aus, mit dem wirklichen Leben und Treiben der Welt in Berührung kommen. Wie kann sich ein Parlamentsrat, ja selbst der Präsident, der seine Stelle um schweres Geld gekauft hat, nur damit seine Mitmenschen zu ihm aufblicken, als Finsterling in den Philosophen-63 Soireen, in den Salons der vornehmen Welt bemerkbar machen? In Paris mag es unter der langen Richterrobe mehr als einen patriotischen Malesherbes geben, der nur eine Richtschnur kennt: sein Gewissen und das öffentliche Wohl; sicherlich giebt es mehr als einen hitzköpfigen D'Espréménil, dessen verworrener Kopf in dem Ruf eines Brutus den höchsten Ruhm erblickt. Die Lepelletiers, Lamoignons besitzen Titel und Reichtümer, und doch sieht man bei Hofe in ihnen nur eine »Noblesse de la robe«. Da giebt es Duports mit tiefdurchdachten Entwürfen, Fréteaus und Sabatiers mit rücksichtsloser, scharfer Zunge, alle mehr oder weniger mit der Milch des Contrat social genährt. Und ist nicht diese patriotische Opposition für die ganze Körperschaft auch ein Kampf um das eigene Leben? Wache denn auf, Parlament von Paris, und nimm deine alte Fehde wieder auf. Wurde nicht das Parlament Maupeou schmachbedeckt beseitigt? Jetzt hast du weder einen Ludwig XIV. mit seiner geschwungenen Peitsche und seinen olympischen Blicken noch einen Richelieu oder die Bastillen zu fürchten; nein, jetzt steht die ganze Nation hinter dir. Beim Himmel! Auch du kannst eine politische Macht werden und, wie Jupiter mit seinen ambrosischen Locken, mit dem Schütteln deiner Roßhaarperücke Fürstenthrone und Dynastien erschüttern.

Den alten leichtfertigen Monsieur de Maurepas hält schon seit dem Ende des Jahres 1781 der kalte Tod umfangen. »Nimmermehr,« sagte der gute Ludwig, »werde ich seinen Schritt im Zimmer über mir hören;« mit seinem leichten Scherzen, mit seinem Drehen ist es für immer vorbei. Durch liebenswürdigen Witz läßt sich weder die lästige Wirklichkeit verbergen noch das Übel des heutigen Tages auf den morgigen überwälzen. Das »Morgen« ist jetzt selbst da, und inmitten all der traurigen Thatsachen steht nur der solide, phlegmatische Monsieur de Vergennes, der nur wie ein einfacher, pünktlicher Beamter (der er ursprünglich war) dasitzt, der zugiebt, was sich nicht leugnen läßt, mag die Hilfe kommen, woher sie wolle. Von ihm ist kein Heil zu erwarten, höchstens eine schreibermäßige, schablonenhafte »Erledigung der Geschäfte.« So muß denn der arme König, der zwar an Jahren, aber kaum an Erfahrung zugenommen hat, so wenig er sich dazu eignet, anfangen, selbst zu regieren; seine Königin wird ihm dabei helfen. Holde Königin mit deinem klaren Blick und deinen raschen Impulsen. Wohl besitzest du Klarheit des Blickes, ja Edelmut, aber zur Bewältigung dieser 64 Riesenaufgabe reicht doch deine große Oberflächlichkeit und leidenschaftliche Heftigkeit nicht hin. Frankreich regieren, dies Problem wollt ihr lösen, und seid doch kaum mehr imstande, das Oeil de Boeuf zu beherrschen? Wenn schon ein verzweifeltes Volk seinen Notschrei erhebt, um wie viel mehr und noch vernehmlicher thut dies ein beraubter Hof! Dem Oeil de Boeuf ist es unbegreiflich, daß in einem Frankreich mit so reichen Hilfsquellen das Füllhorn des Überflusses versiegen könne: – pflegte es denn nicht immer zu fließen? Und trotzdem hat Necker mit seinen »Einkünften der Sparsamkeit« mehr als sechshundert Stellen »abgeschafft,« bevor es dem Hofe gelang, diesen Sparsamkeitspedanten beiseite zu drängen. Und jetzt hat wieder ein militärischer Pedant, Saint-Germain, mit seinen preußischen Manövern und seinen preußischen Grundsätzen, daß bei den Ernennungen nur das Verdienst, nicht das Wappenschild den Ausschlag geben solle, Unzufriedenheit beim Militär hervorgerufen. Die Musketiere und mit ihnen manches andere sind abgeschafft; denn auch er gehörte zu denen, welche nur abschafften und durch ihre Neuerungen nur Schaden brachten – nämlich dem Oeil de Boeuf. Klagen in Menge, überall nur Kargheit und Sorge, wahrhaftig ein völlig verändertes Oeil de Boeuf. Besenval sagt: »Schon in diesen Jahren (1781) herrschte im Vergleich zu früheren Zeiten eine solche Schwermut (tristesse) am Hofe, daß sein Anblick wehe that.« Kein Wunder, daß das Oeil de Boeuf melancholisch wird, wenn man seine Stellen abschafft. Keine Stelle wird aufgehoben, ohne daß dadurch ein Beutel leichter und mehr als ein Herz schwerer wird; denn wurden nicht dadurch auch die arbeitenden Klassen, die Erzeuger und Erzeugerinnen von Essenzen, Spitzen, kurz alle, die Vergnügen und Genuß im allgemeinen bereiteten, in Mitleidenschaft gezogen? Elende Ersparnisse, welche die 25 Millionen doch nie fühlen!

So geht es weiter, und noch ist kein Ende abzusehen. Noch einige Jahre, und die Wolfshunde, die Bärenhunde, die Falknerei werden abgeschafft sein: die Stellen werden so dicht fallen wie die Blätter im Herbste. Der Herzog von Polignac beweist so lange, daß seine Stelle unmöglich abgeschafft werden könne, bis er alle ministerielle Logik zum Schweigen bringt: dann wendet er sich an die Königin und legt ritterlich seine Stelle zurück, weil Ihre Majestät es wünsche. Weniger ritterlich, aber doch nicht glücklicher war der Herzog von Coigny. »Wir gerieten in einen regelrechten Streit, Coigny 65 und ich,« sagte König Ludwig; »aber selbst wenn er mich geschlagen hätte, ich hätte ihn nicht tadeln können.«Besenval, III, 255-258. Über diese Dinge kann nur eine Meinung herrschen. Baron Besenval versichert Ihrer Majestät mit jenem Freimut, der den unabhängigen Mann kennzeichnet, daß es schrecklich (affreux) sei: »Man geht am Abend zu Bett und weiß nicht, ob man nicht am nächsten Morgen verarmt aufsteht; man könnte ebenso gut in der Türkei leben.« Ja, es ist ein wahres Hundeleben.

Wie seltsam ist diese beständige Geldnot im königlichen Schatze! Leider ist sie ebenso unleugbar, wie unglaublich, eine traurige Wahrheit und ein Stein des Anstoßes, über den ein Minister nach dem anderen stolpert und fällt.

Sei es nun »Mangel an fiskalischem Genie« oder ein anderer Mangel, es besteht das handgreiflichste Mißverhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben, ein Deficit in den Revenuen: »das Deficit muß verstopft werden« (combler), sonst verschlingt es euch! Das ist das schwierige Problem und, wie es scheint, ebenso aussichtslos und unausführbar wie die Quadratur des Zirkels. Der Controleur Joly de Fleury, Neckers Nachfolger, wußte nichts anderes anzufangen, als Anlehen vorzuschlagen, die sich nur langsam durchführen ließen, und neue Steuern aufzulegen, die wenig Geld, aber viel Unzufriedenheit und Geschrei eintrugen. Ebenso wenig, ja noch weniger erreichte Controleur d'Ormesson; denn während sich Joly de Fleury über Jahr und Tag im Amte behauptete, erhielt sich d'Ormesson nur Monate, bis der König, »ohne ihn zu Rate zu ziehen, Rambouillet kaufte,« was d'Ormesson als einen Wink zu gehen betrachtete. Und so droht die Regierungsmaschine gegen das Ende des Jahres 1783 ganz stille zu stehen. Vergeblich scheint aller menschliche Scharfsinn, vergeblich bleibt alle Mühe unseres neuerfundenen »Finanzausschusses,« unserer Finanzbeamten, unseres Generalcontroleurs der Finanzen: es giebt eben keine Finanzen mehr, die zu kontrollieren wären. Eine verhängnisvolle Lähmung hemmt jeden socialen Fortschritt! Umgiebt uns die schwarze Nacht der Blindheit oder der Finsternis? Brechen wir denn unter den finsteren Schrecken des Nationalbankerotts zusammen?

Groß ist der Bankerott, er ist der große, bodenlose Schlund, in dem alle Unwahrheiten, die öffentlichen und die privaten. versinken und verschwinden, wozu sie alle von Uranfang an verurteilt waren; denn die Natur ist wahr und keine Lüge. 66 Du kannst dir weder in Worten noch durch Thaten eine Lüge zu Schulden kommen lassen, ohne daß sie nach kürzerem oder längerem Umlauf wie ein Wechsel, der auf die Wirklichkeit gezogen war, zur Zahlung präsentiert, aber mit der Antwort: Nicht acceptiert, zurückgewiesen wird. Es ist nur zu beklagen, daß der ursprüngliche Fälscher so selten dafür büßt. Lügen und die Last des Übels, das sie mit sich bringen, werden von Rücken auf Rücken, von einem Stand auf den anderen überwälzt, bis sie schließlich dem stummen, niedrigsten Stand aufgebürdet werden, der mit Karst und Spaten, mit wundem Herzen und leerer Tasche täglich mit der Wirklichkeit in Berührung kommt und den Betrug nicht weiter übertragen kann.

Beachtet indessen, wie nach einem gerechten, ausgleichenden Gesetz, wenn die Lüge sammt ihrer Last (in den verworrenen Strudel der Gesellschaft) hinabsinkt und immer tiefer fällt, dafür die durch sie hervorgerufene Not von unten herauf immer höher und höher steigt. So kam es, daß nach dem langen Leiden und Hungern jener zwanzig Millionen auch der Herzog von Coigny und Seine Majestät ihren wirklichen Streit« hatten. Das ist das Gesetz der gerechten Natur, daß sie, wenn auch nach langen Zwischenräumen und wäre es auch nur durch einen Bankerott, die Dinge wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückbringt.

Aber wie lange könnte sich nicht beinahe jede Lüge behaupten, wenn sie einen Fortunatussäckel in der Tasche hätte! Eure Gesellschaft, euer Familienleben, eure geistlichen und weltlichen Einrichtungen sind unwahr, ungerecht, ein Ärgernis vor Gott und Menschen. Und doch sammeln sich, wenn nur der Herd warm und die Vorratskammern wohlgefüllt sind, mit einer Art natürlicher Loyalität unzählige Schweizer des Himmels um sie und beweisen mit Pamphleten, mit Musketen, daß sie eine Wahrheit ist, oder, wenn keine lautere Wahrheit (die als etwas Überirdisches unmöglich ist), doch, und das sei noch besser, eine entsprechend gemilderte Wahrheit, die als solche (wie der milde Wind für das geschorene Schaf) zuträglich ist. Aber wie verändert sich das Bild, wenn Säckel und Vorratskammern leer werden! Wenn eure Ordnung so wahr, so naturgemäß war, wie konnte dann, in des Himmels Namen, die Natur in ihrer unendlichen Güte sie so hungern lassen? Jetzt steht es bei allen, bei Männern, Weibern und Kindern fest, daß eure Ordnung falsch war. Ehre dem Bankerott, der immer im Großen gerecht, im Einzelnen freilich so grausam ist; er untergräbt nimmer rastend alle Lügen. Es giebt 67 keine Lüge, und reichte sie bis zum Himmel und bedeckte sie die ganze Welt, die der Bankerott nicht eines Tages hinwegfegen und von der er uns nicht befreien würde.

 

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.