Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Thomas Carlyle >

Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 129
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel.
Erloschen.

So tritt denn am Freitag, den 31. Mai 1793, ins Sommersonnenlicht eine der merkwürdigsten Scenen. Maire Pache erscheint mit der Munizipalität im Tuileriensaal des Konvents; man hat ihn rufen lassen, da sich Paris in so sichtbarer Gärung befindet. Er bringt die merkwürdigsten Neuigkeiten.

In der Dämmerung des heutigen Morgens saßen wir, für das Gemeinwohl besorgt, eben »in Permanenz« im Stadthause. Da traten, gerade wie am 10. August, etwa sechsundneunzig fremde Personen ein, erklärten, sie seien im Zustande der Insurrektion, seien absolut bevollmächtigte Kommissionäre der achtundvierzig Sektionen, der Sektionen oder Mitglieder des souveränen Volkes, alle im Zustande der Insurrektion. Ferner, daß im Namen des genannten in Insurrektion begriffenen Souveräns wir unseres Amtes entlassen wären. Daraufhin legten wir unsere Schärpen ab und zogen uns in den anstoßenden Saal der Freiheit zurück. Nach ein oder zwei Augenblicken wurden wir zurückgerufen und wieder in unser Amt eingesetzt, da der Souverän geruhe, uns noch immer vertrauenswürdig zu erachten. Dadurch sehen wir uns, da wir einen neuen Diensteid abgelegt haben, nun plötzlich in eine insurrektionäre Behörde verwandelt mit einem fremden Komitee von sechsundneunzig neben uns, und ein Bürger Henriot, einer, den gewisse Leute der Septembermetzelei beschuldigen, ist zum Generalissimus der Nationalgarde ernannt. Seit sechs Uhr läuten die Glocken und dröhnen die Trommeln. Unter solch besonderen Umständen fragen wir: Was beliebt einen hohen Konvent zu befehlen, was sollen wir thun?Débats de la Convention (Paris 1828), IV, 187–223; Moniteur, Nos. 152,153, 154, an 1er.

Ja, das ist die Frage! »Die insurrektionären Behörden sind aufzulösen,« antworteten einige heftig. Vergniaud will wenigstens haben, daß »die Nationalrepräsentanten alle auf ihren Posten sterben« sollen; dies wird beschworen, unter raschem, lautem Beifall. Aber was das Auflösen der insurrektionären Behörden betrifft, – ach, was ist das für ein Ton, mitten in unsere Debatte hinein? Es ist der Donner 316 der Alarmkanone auf dem Pont-Neuf, die, beim Tode von Gesetzes wegen, niemand abfeuern darf ohne Befehl von uns.

Nichtsdestoweniger donnert sie weiter, verbreitet Schrecken über alle Herzen. Und die Sturmglocken machen eine ernste Musik dazu, und Henriot mit seiner bewaffneten Macht hält uns, den Konvent, umschlossen! Und Sektion folgt auf Sektion den lieben langen Tag, fordert mit Cambyses Beredsamkeit, unterm Rasseln von Musketen, daß Verräter, zweiundzwanzig oder mehr, bestraft, daß die Zwölferkommission unwiderruflich aufgelöst werde. Das Herz der Gironde ergreift Verzagen, fern sind die zweiundsiebzig respektabeln Departements, diese wilde Munizipalität ist nahe! Barrère ist für einen Mittelweg, indem man etwas zugesteht. Die Zwölferkommission erklärt, daß sie, ohne auf ihre Auflösung zu warten, sich hiermit selbst auflöse und aufhöre zu existieren. Gern möchte der Berichterstatter Rabaut sein und der Kommission letztes Wort sprechen, wird aber niedergebrüllt. Ein Glück nur, daß die Zweiundzwanzig noch immer unverletzt geblieben sind. – Vergniaud, der die Gesetze des feinen Anstands aufs weiteste ausdehnt, beantragt, zum Erstaunen einiger, eine Konventserklärung, »daß die Sektionen von Paris sich um das Vaterland verdient gemacht haben.« Worauf in später Abendstunde die sich verdient gemacht habenden Sektionen nach ihren respektiven Wohnungen sich zurückziehen. Barrère soll über die Vorgänge des Tages einen Bericht erstatten. Geschäftig mit Feder und Kopf sitzt er über seiner Arbeit, für ihn giebt's diese Nacht keinen Schlaf. So hat Freitag der letzte Mai geendet.

Die Sektionen haben sich verdient gemacht, aber sollten sie sich nicht noch mehr verdient machen? Girondismus und seine Faktion sind wohl für den Augenblick zu Boden geschlagen und er muß selber seine Machtlosigkeit zugestehen; aber wird er nicht bei andrer, günstiger Gelegenheit sich erheben, noch grimmiger, und dann trotzdem die Republik nochmals gerettet werden müssen? So denkt der Patriotismus, noch immer »in Permanenz«, so folgert am nächsten Tage die in der dunkeln Welt der Sektionen sichtbare Gestalt Marats, und überzeugt diese Welt! – So kommt es, daß zur Abendzeit am Samstage, als eben Barrère, durch die Arbeit einer Nacht und eines Tages, das Ding schon überfirnißt hat und sein Bericht eben mit der Abendpost abgehen soll, wieder die Sturmglocken läuten. Generalmarsch wird geschlagen, Bewaffnete beziehen Posten auf dem Vendômeplatz und sonstwo 317 für die Nacht, mit Speisen und Getränken versehen. Dort unter den Sternen der Sommernacht werden sie diese Nacht abwarten, was Henriot und das Stadthaus für Befehle geben werden, was sie zu besorgen und zu thun bekommen werden.

Der Konvent eilt auf den Schall des Generalmarsches zurück in seinen Saal, doch nur etwa in einer Anzahl von hundert Mitgliedern, und besorgt wenig Geschäfte, verschiebt sie auf morgen. Die Girondisten eilen nicht dorthin, die Girondisten suchen Bett und Zuflucht außerhalb ihrer Wohnungen. Der arme Rabaut, der am Morgen mit Louvet und einigen anderen, durch ganz in Gärung begriffene Straßen auf seinen Posten zurückkehrt, ringt die Hände und ruft: »Illa suprema dies!«Louvet, Mémoires, p. 89. Es ist Sonntag geworden, der 2. Juni des Jahres 1793 nach altem Stil; nach neuem Stil des Jahres 1 der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Wir sind zur letzten Scene gelangt, die diese Geschichte girondistischer Senatorschaft beendet.

Es erscheint fraglich, ob irgend ein irdischer Konvent jemals unter solchen Umständen zusammenkam, als jetzt dieser Nationalkonvent. Sturmglocken läuten, die Barrieren sind geschlossen, ganz Paris ist unter Waffen oder schaut zu. Die Zahl der unter Waffen Versammelten wird nicht unter hunderttausend Mann berechnet; Nationalgarden und die bewaffneten Freiwilligen, die nach der Grenze oder der Vendée hätten eilen sollen, aber so lange der Verrat zu Hause noch nicht bestraft wurde, es nicht wollten, sondern nur hin und her zogen. So viele, beständig in Waffen, umschließen die Nationaltuilerien und den Nationalgarten, da ist Reiterei, Fußvolk, Artillerie, Sappeurs mit Bärten; die Artillerie kann man mit ihren Feldöfen in diesem Nationalgarten sehen, sie machen Kugeln glühend rot und ihre Lunten brennen. Henriot, mit wehendem Federbusch, reitet da inmitten seines befederten Stabes, alle Posten und Zugänge sind besetzt, Reserven liegen bis an den Boulognerwald, am nächsten dem Schauplatz aber sind die auserwählten Patrioten. Einen anderen Umstand wollen wir bemerken, daß eine vorsorgliche, mit Feldöfen freigebige Munizipalität auch Proviantkarren nicht vergessen hat.

Kein Mitglied des souveränen Volkes braucht nach Hause zu gehen, um zu essen, sondern kann in Reih und Glied bleiben, – da, ohne daß man zu suchen braucht, reichliches Essen 318 umhergereicht wird. Versteht dieses Volk nicht die Insurrektion? Ihr nicht unerfinderischen Gualches! –

Darum möge jetzt eine Nationalrepräsentation »die Mandatare des Souveräns,« sich wohl bedenken. Ausstoßung der Zweiundzwanzig und eurer Zwölferkommission! Hier stehen wir, bis dies gethan. Deputation nach Deputation, mit immer entschiedeneren Worten, kommt mit dieser Forderung. Barrère schlägt einen Mittelweg vor: Wollen nicht vielleicht die angeschuldigten Deputierten freiwillig zurücktreten, großmütig ihren Abschied nehmen und ein Selbstopfer um des Vaterlandes willen darbringen? Isnard, der die Frage bereut, »auf welchem Ufer Paris gestanden habe,« erklärt sich bereit zum Rücktritt. Bereit ist auch der Tedeum-Fauchet; der alte Dusaulx von der Bastille, »vieux radoteur, alter kindischer Schwätzer,« wie Murat ihn nennt, ist noch bereiter. Dagegen erklärt Lanjuinais, der Bretagner, daß es einen Mann gebe, der niemals freiwillig verzichte, sondern protestieren werde bis aufs äußerste, solange ihm eine Stimme bleibe. Und so protestiert er denn zu, mitten unter Wut und Lärm, bis zuletzt Legendre ruft: Lanjuinais, komm herunter von der Tribüne, oder ich werfe dich herunter, ou je te jette en bas! denn es ist jetzt zum Äußersten gekommen. Ja, gewisse eifrige Bergmänner hängen sich an Lanjuinais, können ihn aber nicht herunterwerfen, denn er »klammert sich fest ans Gitter,« und »seine Kleider werden zerrissen.« Tapferer, mitleidswerter Senator! Ebensowenig will Barbaroux verzichten; er »hat geschworen, auf seinem Posten zu sterben und diesen Eid will er halten.« Worauf die Galerien alle sich im Sturm erheben und einige Waffen schwingen und hinausstürzen mit dem Rufe: »Allons denn, wir müssen unser Vaterland retten.« Solch eine Sitzung ist die vom Sonntag, den 2. Juni.

Kirchen füllen sich über das ganze christliche Europa hin, und leeren sich dann wieder, aber dieser Konvent leert unterdessen sich nicht; es ist ein Tag des Geschreies und Streitens, der Angst, Demütigung und des Kleiderzerreißens, illa suprema dies! Rund um die Tuilerien stehen Henriot und seine Hunderttausend, reichlich erfrischt mit Speisen und Getränken, ja, Henriot »teilt fünf Franken auf den Mann aus,« wir Girondisten sahen es mit eigenen Augen; fünf Franken, um sie bei guter Stimmung zu erhalten! Und bewaffneter Aufruhr versperrt unsere Thüren, tobt vor unseren Schranken, wir sind Gefangene in unserem eigenen Saal! Bischof Grégoire konnte nicht einmal hinausgelangen für ein 319 besoin actuel, ohne daß vier Gendarmen ihn auf Schritt und Tritt begleiteten! Was ist aus der Würde eines Nationalrepräsentanten geworden? Und nun fällt das Sonnenlicht gelblicher auf die westlichen Fenster, und die Schornsteine werfen längere Schatten; aber die wohlerfrischten Hunderttausend rühren sich nicht, noch ihre Schatten! Was soll man beschließen? Der Antrag wird gestellt und überflüssigerweise, sollte man denken, zum Beschluß erhoben, daß der Konvent insgesamt hinausgehe, um sich mit eigenen Augen zu vergewissern, ob er frei sei oder nicht. Seht daher von dem östlichen Thore der Tuilerien den bedrängten Konvent hinausziehen, den schönen Hérault-Séchelles an der Spitze; er den Hut auf (das übliche Zeichen öffentlicher Not), die übrigen barhäuptig; hinausziehen gegen das Karussellthor, ein wundersamer Anblick, zu Henriot hin und seinem federgeschmückten Stab. »Im Namen des Nationalkonvents, macht Platz!« Nicht einen Zoll breit macht Henriot Platz: »Ich empfange keine Befehle, bis dem Souverän, euerem und meinem, gehorcht worden ist.« Der Konvent drängt vor, Henriot sprengt mit seinem Stab etwa fünfzehn Schritte zurück, und ruft: »Zu den Waffen! Kanoniere an euere Kanonen!« Er zückt sein mächtiges Schwert, so thut es sein ganzer Stab, so thun es die Husaren alle. Kanoniere schwingen die brennende Lunte, die Infanterie präsentiert das Gewehr, – ach, in horizontaler Lage, wie zum Feuern! Hérault mit dem bedeckten Kopf führt seine betrübte Herde wieder durch ihre Hürde, die Tuilerien, quer durch den Garten nach der entgegengesetzten Seite. Hier ist die Feuillantsterrasse, ach, da ist unser alter Saal der Manège; aber auch an diesem Thore der Tournant-Brücke ist kein Ausgang. Man versucht anderswo und wieder anderswo – nirgends ein Ausgang! Trostlos wandert man durch bewaffnete Reihen, die zwar grüßen mit »Es lebe die Republik,« aber auch mit »Es sterbe die Gironde.« Einen ähnlichen Anblick hatte im Jahr Eins der Freiheit die sinkende Sonne nie.

Und seht, da kommt uns Marat entgegen, denn er blieb von diesem demütigen Zuge zurück; er hat bei hundert auserwählte Patrioten hinter sich. Er befiehlt uns in des Souveräns Namen, auf unseren Platz zurückzukehren und zu thun, was uns geheißen und wozu wir verpflichtet. Der Konvent kehrt zurück. »Sieht der Konvent nicht,« sagt Couthon mit einer ganz einzigen Gewalt über sein Gesicht, »daß er frei ist,« – nichts als Freunde sind um ihn herum? Der Konvent, überflutet von Freunden und bewaffneten Sektionen, 320 geht an die Abstimmung, wie geheißen. Viele wollen nicht stimmen, sondern bleiben still. Einer oder zwei etwa protestieren in Worten, aber der Berg erlangt eine deutliche Einstimmigkeit. Es werden demnach die Zwölferkommission und die beschuldigten Zweiundzwanzig, denen man die Exminister Clavière und Lebrun zugesellt, diese (mit einigen kleinen von diesem oder jenem extempore vorgeschlagenen Veränderungen, worüber jedoch Marat entscheidet) werden unter »Arrest in ihren Wohnungen« erklärt. Brissot, Buzot, Vergniaud, Guadet, Louvet, Gensonné, Barbaroux, Lasource, Lanjuinais, Rabaut, – zweiunddreißig, wohlgezählt, alle, die wir als Girondisten gekannt haben, und mehr noch, als wir gekannt haben. Sie sollen »unter dem Schutze des französischen Volkes,« nach und nach unter dem Schutze von zwei Gendarmen für jeden, friedlich, als Nichtsenatoren, und bis auf weiteren Befehl in ihren Häusern wohnen. Damit endet die Séance vom Sonntag den 2. Juni 1793.

Um zehn Uhr, beim milden Sternenlichte, gehen die Hunderttausend, nach wohl vollbrachter Arbeit, heim. Am selben Tage hat das Central-Insurrektionskomitee Madame Roland verhaftet und in die Abbaye eingekerkert. Roland ist geflohen, niemand weiß wohin.

So fielen die Girondisten durch Insurrektion, so erloschen sie als Partei; nicht ohne daß ihnen von den meisten Geschichtschreibern ein Seufzer des Mitleids dargebracht wird. Sie waren Männer von bedeutenden Anlagen, von philosophischer Bildung, anständigem Benehmen; nicht verdammungswürdig darum, daß sie nur Pedanten waren und nicht noch größere Anlagen besaßen, nicht verdammungswürdig, sondern höchst unglücklich. Sie wollten eine Republik der Tugenden, an deren Spitze sie stehen würden, und sie erhielten nur eine Republik der Kräfte, in der andere als sie an der Spitze standen.

Barrère soll einen Bericht über diesen Tag erstatten. Der Abend schließt mit einer »Bürgerpromenade bei Fackellicht;«Buzot, Mémoires, p. 310. Siehe Pièces justificatives, Erzählungen, Kommentare &c. in Buzot, Louvet, Meillan, Documents complémentaires in der Histoire parlementaire XXVIII, 1-78. gewiß ist das wahre Reich der Brüderlichkeit jetzt nicht ferne? 321

 


 

 << Kapitel 128  Kapitel 130 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.