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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 128
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.
Im Kampfe auf Leben und Tod.

Daß dieser Kampf auf Leben und Tod jetzt noch über sechs Wochen oder mehr dauern sollte, dies beweist, welche Kraft, und wäre es nur die Kraft der Trägheit, in hergebrachten Formeln liegt, wie schwach dagegen die erst im Werden begriffene Wirklichkeit ist; und manches wird dadurch erläutert. Die Nationalgeschäfte, die Diskussion über die 309 Konstitutionsakte, denn unsere Konstitution sollte gewiß fertig gemacht werden, dies alles geht unterdessen seinen Gang. Wir verändern sogar unsern Sitzungssaal, siedeln am 10. Mai vom alten Saal de Manège in unsern neuen Saal über, im einst königlichen, aber jetzt republikanischen Tuilerienpalast. Noch kämpfen in den Seelen der Menschen die Hoffnung und das Mitleid, aufflackernd gegen Verzweiflung und Wut.

Es ist ein äußerst dunkles, verworrenes Ringen auf Leben und Tod, diese folgenden sechs Wochen. Formalisten-Wahnsinn gegen Realisten-Wahnsinn, Patriotismus, Egoismus, Stolz, Zorn, Eitelkeit, Hoffnung und Verzweiflung, alles bis auf den höchsten Punkt des Wahnsinns gesteigert; Wahnsinn gerät an Wahnsinn, wie dunkle, zusammentreffende Wirbelwinde, keiner versteht den andern, der schwächere nur wird verstehen, eines Tages, daß er wirklich hinweggefegt ist. Der Girondismus ist stark als hergebrachte Formel und Respektabilität, erklären sich denn nicht volle zweiundsiebzig Departements oder wenigstens die respektabeln Behörden derselben für uns? Calvados, das seinen Buzot liebt, will sich sogar erheben, revoltieren, so deuten es die Adressen an; Marseille, die Wiege des Patriotismus, wird sich erheben, Bordeaux und das Gironde-Departement werden sich erheben wie ein Mann, kurz, wer wird sich nicht erheben, sollte unsere Représentation Nationale verletzt oder ein Haar auf eines Deputierten Haupt gekrümmt werden? Der Berg dagegen ist stark als Wirklichkeit und Verwegenheit. Sind nicht alle fördernden Dinge möglich für die Wirklichkeit des Berges? Ein neuer 10. August, wenn nötig, ja, ein neuer 2. September. –

Aber am Mittwoch Nachmittag, am 24. April 1793, was ist das für ein Tumult, wie ein gewaltiges Jubelschreien? Marats Rückkehr vom Revolutionstribunal ist's! Todesgefahr eine Woche oder länger, und jetzt triumphvolle Freisprechung; das Revolutionstribunal kann keinen Anklagegrund finden gegen diesen Mann. Und so sieht das Auge der Geschichte, wie der Patriotismus, der die ganze Woche finster über unaussprechlichen Dingen gebrütet hat, in lauten Jubel ausbricht, seinen Marat umarmt, ihn auf einen Triumphsessel hebt und schulterhoch ihn durch die Straßen trägt. Schulterhoch, gekrönt mit einer Eichenlaubguirlande befindet sich der verkannte Volksfreund inmitten einer wogenden See von roten Nachtmützen, Carmagnolejacken, Grenadierhelmen und weiblichen Morgenhauben, weithin schallend, wie 310 Meeresbrausen! Der verkannte Volksfreund hat hier seinen Höhepunkt erreicht, auch er berührt die Sterne mit seinem erhabenen Haupt.

Aber der Leser kann sich denken, mit welchem Gesichte Präsident Lasource, der mit den »peinlichen Wahrscheinlichkeiten«, der jetzt in diesem Konventsaale präsidiert, diese Jubelflut bewillkommnen mochte, als sie hierher gelangte mit dem in Anklagezustand Erklärten an ihrer Spitze! Ein National-Sappeur, Sprecher des Volkes bei dieser Gelegenheit, sagt, das Volk kenne seinen Freund und liebe sein Leben wie das eigne; »wer den Kopf Marats verlangt, muß zuerst den meinigen nehmen.«Séance (im Moniteur No. 116, du 26 Avril, an 1er). Lasource antwortete mit einer Art undeutlichen peinlichen Gemurmels, – worüber man, wie Levasseur sagt, sich nicht enthalten konnte, zu kichern.Levasseur, Mémoires, I, 6. Patriotische Sektionen, Freiwillige, die noch nicht an die Grenze marschiert sind, kommen und fordern die »Reinigung von den Verrätern an euerm eignen Busen,« die Ausstoßung oder sogar den Prozeß und die Verurteilung aufrührerischer Zweiundzwanzig.

Nichtsdestoweniger hat die Gironde ihre Kommission von zwölf Mitgliedern durchgesetzt, eine eigens zur Untersuchung der Tumulte im Heiligtum der Gesetzgebung bestimmte Kommission; laßt den Sansculottismus sagen, was er will, das Gesetz soll triumphieren. Der alte Konstituant Rabaut Saint-Etienne präsidiert in dieser Kommission; »sie ist der letzte Balken, worauf eine gescheiterte Republik sich vielleicht noch retten mag.« Darum sitzen Rabaut und die anderen eifrig beisammen, verhören Zeugen, erlassen Arrestbefehle, sehen hinaus in ein weites Meer von Unruhen – den Schoß der Formel oder vielleicht ihr Grab! Begieb dich nicht auf dieses Meer, o Leser. Dort ist nur trübe Verwüstung und Verwirrung, rasende Weiber und rasende Männer. Sektionen kommen und verlangen die Zweiundzwanzig, denn bei der von der Sektion Bonconseil zuerst bezeichneten Zahl bleibt man, sollten auch die Namen der Zweiundzwanzig sich ändern. Andere Sektionen von der wohlhabenderen Klasse kommen und verdammen eine solche Forderung, ja, eine Sektion mag es fordern heute, und die Forderung morgen verdammen. Je nachdem die Reicheren Sitzung halten oder die Ärmeren. Weshalb denn die Girondisten beschließen, daß alle Sektionen 311 »um zehn Uhr abends« geschlossen werden sollen, bevor die Arbeiter kommen können; ein Beschluß, der ohne allen Erfolg bleibt. Und nächtlich jammert die Mutter des Patriotismus kläglich, kummervoll, aber mit funkelnden Augen! Und Fournier l'Américain und die zwei Banquiers Frey, und Varlet, der Apostel der Freiheit, sind geschäftig, die Stierenstimme des Marquis Saint-Huruge wird gehört. Und kreischende Weiber führen das Wort von allen Galerien aus, von denen des Konvents und von den Galerien weiter abwärts. Ja, ein »Centralkomitee« von allen achtundvierzig Sektionen wird weithin sichtbar, ungeheuer und zweifelhaft, sitzt verborgen im Archevêché, dem alten erzbischöflichen Palast, erläßt Beschlüsse und nimmt solche entgegen: ein Mittelpunkt der Sektionen, in furchterregender Beratung über einen neuen 10. August.

Eines wollen wir specifizieren, um Licht über viele zu verbreiten: den Anblick, unter dem sich der Patriotismus des zarteren Geschlechtes zeigt, gesehen mit den Augen dieser girondistischen Zwölf, oder mit unseren eigenen Augen. Es giebt weibliche Patrioten, die Girondisten nennen sie Megären, und berechnen sie auf achttausend; mit zerzaustem Schlangenhaar, Weiber, die den Spinnrocken vertauscht haben mit dem Dolche. Sie gehören zur »Gesellschaft genannt die brüderliche,« fraternelle richtiger die schwesterliche, die sich unter dem Dache der Jakobiner versammelt. »Zweitausend Dolche,« oder ungefähr so viel, sind bestellt worden – zweifelsohne für sie. Sie stürzen nach Versailles, um mehr Weiber aufzubieten; aber die Versailler Weiber wollen sich nicht erheben.Buzot, Mémoires, p. 69, 84; Meillan, Mémoires, p. 192, 195, 196. – Siehe Commission des Douze (in Choix des rapports, XII, 69-131).

Seht da, im Nationalgarten der Tuilerien wird selbst Demoiselle Théroigne von ihren eigenen Hunden oder Hündinnen angefallen, wie eine Diana, eine braungelockte; wär's möglich, eine keusche Diana. Die Demoiselle, die sich ihre eigene Equipage hält, ist zwar für die Freiheit, wie sie dies vollkommen hinreichend bewiesen hat, aber für Freiheit mit Respektabilität, worauf diese schlangenhaarigen, extremen Patriotinnen sich über sie hermachen, sie zerzausen, schmählich peitschen in ihrer schamlosen Manier, sie beinahe in den Gartenteich geworfen hätten, wäre nicht Hilfe gekommen. Hilfe, ach von geringem Nutzen. Der armen Demoiselle Kopf- 312 und Nervensystem, keines von den gesündesten, ist so zerrüttet und beunruhigt, daß es sich nie wieder erholt, sondern sich mehr und mehr verschlimmert, bis es aus den Fugen geht; und nach Jahr und Tag hören wir, daß sie im Irrenhause ist und in der Zwangsjacke, wobei sie bis an ihr Ende bleibt! Solch eine braungelockte Gestalt flatterte durch einen Abschnitt dieses achtzehnten Jahrhunderts, plapperte unartikuliert und gestikulierte, wenig fähig, den dunkeln Sinn von allem auszusprechen. Sie verschwindet hier für immer aus der Revolution und der Öffentlichkeit.Deux Amis, VII, 77-80; Forster, I, 514; Moore, I, 70. Sie starb nicht bis 1797; in der Salpêtrière, im häßlichsten Zustande geistiger Krankheit. Siehe Esquirol, Des maladies mentales (Paris) I, 445-50.

Ein ander Ding wollen wir nicht nochmals hervorheben, aber den Leser bitten, es sich vorzustellen: das Reich der Brüderlichkeit und vollkommenen Glückseligkeit. Stelle dir vor, Leser, sagen wir, daß das tausendjährige Reich hart vor der Thür war, und doch konnte man nicht einmal Spezereiwaren haben, – wegen der Verräter. Mit welcher Wucht würde ein Mann, in solchem Falle, Verräter niederschlagen! Ach, du kannst dir das nicht vorstellen; du weißt deine Spezereien sicher in den Läden, und hegst wenig oder keine Hoffnung, daß ein tausendjähriges Reich jemals kommen werde. Aber in der That, in der Höhe, zu der der Verdacht gestiegen war, haben wir einen Maßstab, der genug sagt, in welcher Stimmung Männer und Weiber waren. Widernatürlich haben wir diesen Argwohn oft genannt, es mag scheinen, als ob wir darin übertrieben; aber man höre auf die kalten Aussagen von Zeugen. Da kann kein musikalischer Patriot in süßer Schwärmerei auf dem Dache seines Hauses sich ein Stückchen auf dem Waldhorn blasen, ohne daß Mercier darin ein Zeichen erblickt, das ein Verschwörerkomitee dem andern giebt. Der Wahn hat sogar der Harmonie sich bemächtigt, lauert in den Tönen der Marseillaise und des Ça-ira.Mercier, Nouveau Paris, VI, 63. Louvet, der so gut als nur irgend einer in einen Mühlstein hineinzuschauen vermag, sieht klar, daß wir durch eine Deputation sollten eingeladen werden in unsern alten Saal der Manège, und daß, während wir hinübergehen, die Anarchisten zweiundzwanzig von uns niedermachen werden. Dahinter stecken Pitt und Coburg, das Gold Pitt's. – Armer Pitt! Sie wissen wenig, wie genug ihm seine eigenen 313 Volksfreunde zu schaffen machen, wie er die ausspionieren, köpfen, ihre habeas-corpus-Akte suspendieren, und seine eigene gesellschaftliche Ordnung und englischen Geldkasten festhalten muß, – und da sich einbilden, er hetze den Pöbel auf unter seinen Nachbarn!

Aber die merkwürdigste Thatsache französischen oder menschlichen Argwohns überhaupt ist vielleicht der Argwohn eines Camille Desmoulins. Camilles Kopf, einer der klarsten in Frankreich, ist nachgerade durch alle Fibern so mit widernatürlichem Argwohn durchtränkt, daß im Rückblick auf jenen zwölften Juli 1789, wo die tausende um ihn herum im Palais-Royal-Garten seinem Worte jubelnd zustimmten, sich um ihn erhoben und Kokarden an die Hüte steckten, – er eine Erklärung hierfür nur in der Hypothese findet, daß sie alle gemietet waren dafür, ihm zuzustimmen, und angestiftet durch fremde und andere Verschwörer. »Es geschah nicht ohne Grund«, sagt Camille mit Einsicht, »daß diese Menge um mich herum losbrach, als ich sprach.« Nein, nicht ohne Grund. Hinten, vorn, ringsum ist alles nur ein ungeheures widernatürliches Puppenspiel von Komplotten, und Pitt zieht die Drähte.Siehe Histoire des Brissotins par Camille Desmoulins (ein Pamphlet Camilles, Paris 1793). Fast vermute ich, daß ich, Camille Desmoulins selber, ein Komplott bin, von Holz und mit Drähten zum ziehen. – Die Kraft der Einsicht könnte nicht weiter gehen.

Sei dem nun, wie es wolle, die Geschichte erzählt, daß die Zwölferkommission, nachdem sie jetzt über die Komplotte hinreichend sicher ist und glücklicherweise »die Fäden von allen in den Händen hält«, wie sie sagt, – daß sie nun in diesen Maitagen schnell Verhaftsbefehle erläßt und die Sache in allem Ernst betreibt, entschlossen, dem Meere von Wirren Schranken zu setzen. Welcher Hauptpatriot, welcher Sektionspräsident sogar, ist jetzt sicher? Man kann ihn verhaften, ihn aus seinem warmen Bette reißen, weil er unregelmäßige Sektionsverhaftungen vorgenommen hat! Man verhaftet Varlet, den Apostel der Freiheit. Man verhaftet den Procureur-Substituten Hébert, Père Duchesne, einen Volksmagistrat, der im Stadthause amtiert. Mit hoher Märtyrerwürde nimmt er Abschied von seinen Kollegen, bereit, dem Gesetze zu gehorchen, und würdig ergeben verschwindet er ins Gefängnis.

Um so hitziger fliegen die Sektionen, fordern ihn energisch zurück, fordern statt der Verhaftung populärer Magistrate die 314 Verhaftung der verräterischen Zweiundzwanzig. Sektion nach Sektion kommt anmarschiert, defiliert energisch, der Kambysesader ihrer Redekunst freien Lauf gestattend, ja, es kommt die Kommune sogar, Maire Pache an der Spitze, und stellt nicht allein Fragen wegen Hébert oder wegen der Zweiundzwanzig, sondern die alte, jetzt aber wieder neue verhängnisvolle Frage: »Könnt ihr die Republik retten, oder müssen wir es thun?« Worauf der Präsident der Zwölferkommission, Max Isnard, eine hitzige Antwort giebt: Wenn, durch verhängnisvollen Zufall bei einem der seit 10. März immer wiederkehrenden Tumulte, Paris frevelhafte Hand an die Nationalrepräsentation legen sollte, so würde Frankreich sich erheben wie Ein Mann zu nie erhörter Rache, und bald »würde der Reisende fragen, auf welcher Seite das Seine-Paris gestanden hätte!«Moniteur, Séance du 25 Mai 1793. Wogegen der Berg und jede Galerie nur um so lauter brüllen und ringsum das patriotische Paris kocht und siedet.

Und der Girondist Valazé hält nächtliche Versammlungen in seinem Hause, sendet Zettel: »Kommt pünktlich und wohl bewaffnet, denn es giebt zu thun.« Und Megären durchstreifen die Straßen mit Fahnen und kläglichem alleleu-Geheul.Meillan, Mémoires, p. 195; Buzot, p. 69, 84. Die Konventsthüren sind durch brüllende Haufen versperrt; schönrednerische Hommes d'état werden beim Zugang gepufft, mißhandelt, und in solcher Todesgefahr redet sie Marat an und sagt: Du bist auch einer von ihnen. Wenn Roland um Erlaubnis nachsucht, Paris zu verlassen, so geht man zur Tagesordnung über. Es geht nicht anders, der Substitut Hébert, der Apostel Varlet, sie müssen zurückgegeben werden, um mit Eichenlaub bekränzt zu werden. Die Zwölferkommission wird aufgelöst in einer Konventssitzung, in der brüllende Sektionen ihren überwältigenden Einfluß ausüben, dann morgen in einer Sitzung, bei der die Girondisten sich wieder aufgerafft haben, wiederhergestellt. Trübes Chaos oder eine See von Wirren, sie streben in all ihren Elementen, ringend und sich abreibend, zu einer neuen Schöpfung zu werden. 315

 

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