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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 127
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.
Die Fehde.

Unsere Republik mag durch papiernen Beschluß die »Eine und Unteilbare« sein; aber was nützt das, solange es in dieser Weise zugeht? Föderalisten im Konvent, Renegaten in der Armee, Verräter überall! Frankreich ist schon seit dem 10. März in verzweifeltem Rekrutieren, fliegt aber nicht an die Grenze, sondern nur hin und her. Dieser Abfall des hochfahrenden diplomatischen Dumouriez fällt schwer auf die schönrednerischen, hochnasigen Hommes d'état, zu denen er sich hielt, ja, bildet eine zweite Epoche in ihren Geschicken.

Oder wir würden vielleicht genauer sein, wenn wir sagten: die zweite Epoche für die Girondisten begann, obgleich damals wenig beachtet, an dem Tage, wo die Girondisten sich mit Danton überworfen wegen dieses Abfalles. Es war der erste Tag des April, Dumouriez war noch nicht durch Gräben und Morast zu Coburg gestürzt, aber war ersichtlich in der Absicht, es zu thun, und unsere Kommissionäre waren auf dem Wege, ihn zu verhaften, als der Girondist Lasource sich erhebt, es für gut findet, was zu thun? Jesuitisch zu fragen und zu insinuieren, des Langen und des Breiten, ob nicht ein Hauptmitschuldiger Dumouriez' wahrscheinlich – Danton gewesen sei! Die Gironde grinst höhnisch ihren Beifall, der Berg hält den Atem an. Die Gestalt Dantons, sagt Levasseur, war, während diese Rede vom Stapel ging, höchst interessant zu beobachten. Er saß aufrecht, bemüht, in einer Art inneren Krampfes, sich bewegungslos zu verhalten, während sein Auge von Zeit zu Zeit wilder aufflammte, seine Lippe sich kräuselte in titanischem Hohn.Mémoires de René Levasseur (Bruxelles 1830), I, 164. Lasource fährt in schönrednerischer Advokatenmanier fort: hier kommt ihm diese Wahrscheinlichkeit zu Sinn, dort findet er jenes, Wahrscheinlichkeiten, die ihn schmerzlich berühren, die den Patriotismus Dantons unter einen peinlichen Schatten versetzen; – welchen peinlichen Schatten Danton ja wohl, wie er, Lasource, hofft, nicht unmöglich finden werde, zu verscheuchen.

»Les scélérats!« ruft Danton, mit geballter Faust aufspringend, als Lasource geendet hat, und steigt, gleich einer Lavaflut, vom Berg herunter. Seine Antwort hat er bereit. Die Wahrscheinlichkeiten des Lasource zerfliegen wie leerer Staub; aber sie lassen eine Folge zurück. »Ihr hattet recht, 307 Freunde vom Berge,« beginnt Danton, »und ich hatte unrecht: da ist kein Friede möglich mit diesen Leuten. So sei's denn Krieg! Sie wollen die Republik nicht mit uns retten, so soll sie denn gerettet werden ohne sie, gerettet trotz ihnen.« Dantons Rede ist ein Ausbruch roher parlamentarischer Beredsamkeit, wirklich noch immer wert, gelesen zu werden im alten Moniteur. Mit Feuerworten zerhaut und züchtigt der aufgebrachte in Zorn kochende Titane diese Girondisten. Bei jedem Hieb stimmt der erfreute Berg den Chor dazu an; Marat wiederholt die letzte Phrase,Séance du 1 Avril 1794 (in der Histoire parlementaire XXV, 24-35) wie im Refrain, wie ein musikalisches bis. Lasources Wahrscheinlichkeiten sind verschwunden, aber Dantons Fehdehandschuh bleibt liegen.

Eine dritte Epoche oder Scene im girondistischen Drama, oder eher nur die Vollendung der zweiten Epoche, rechnen wir von dem Tage an, wo die Geduld des tugendhaften Pétion endlich riß und wo die Gironde Dantons Fehdehandschuh sozusagen aufnahm, indem sie Marat in Anklagezustand versetzt erklärte. Es war am elften desselben Monats April bei Gelegenheit einer entstandenen Aufregung, wie deren oft vorkamen, und der Präsident hatte sich bedeckt, da jetzt ein Tollhaus herrschte. Berg und Gironde stürzten auf einander los mit geballten Fäusten und sogar mit Pistolen, als, seht, der Girondist Duperret ein Schwert zog! Beim Anblick des blanken, mörderischen Stahls erhob sich ein Schrei des Entsetzens, das jeden anderen Lärm sofort verstummen machte. Worauf Duperret das Schwert wieder in die Scheide steckte, indem er gestand, daß er es wirklich gezogen habe, aufgeregt durch eine gewisse heilige Wut, »sainte fureur«, und durch auf ihn gerichtete Pistolen; wenn er aber, brudermörderisch, eines Nationalrepräsentanten äußerste Haut zufällig damit geritzt hätte, so möge man wissen, daß auch er Pistolen bei sich trage und sich auf der Stelle das Gehirn zerschmettert haben würde.Histoire parlementaire, XV, 397.

Aber nun, bei solcher Lage der Dinge erhob sich am nächsten Morgen der tugendhafte Pétion, um diese Auftritte zu beklagen, diese unaufhörliche Anarchie, die in das gesetzgebende Heiligtum selber eindringe; und hierbei, vom Berge angeknurrt und angeheult, riß ihm die langgeprüfte Geduld, wie gesagt, und er sprach heftig, in hohen Tönen, mit Schaum auf den Lippen, »woraus ich schloß,« sagt Marat, »er habe 308 la rage bekommen,« die Tollwut oder Hundswut. Tollwut ist ansteckend für andere, darum entsteht, mit Schaum auf den Lippen, von neuem die Forderung, daß die Anarchisten unterdrückt und besonders Marat in Anklagezustand versetzt werde. Einen Repräsentanten vors Revolutionstribunal stellen? Die Unverletzlichkeit eines Repräsentanten verletzen? Nehmt euch in Acht, Freunde! Dieser arme Marat hat Fehler genug, aber gegen Freiheit und Gleichheit, was hätte er dagegen gesündigt? Daß er sie geliebt und für sie gekämpft hat, nicht weise, aber nur zu gut. In Kerkern und Kellern, in drückender Armut, unter den Flüchen der Menschen, ja eben in diesem Kampfe ist er so schmutzig, so triefend geworden, eben dadurch ist sein Kopf ein Stylitenkopf geworden! Ihn wollt ihr euerm scharfen Schwert, dem Revolutionstribunal überliefern, während Coburg und Pitt feuerspeiend gegen uns heranziehen?

Der Berg ist laut, die Gironde ist laut und taub, alle Lippen sind voll Schaum. In »permanenter Sitzung von vierundzwanzig Stunden«, durch namentliche Abstimmung und mit ungeheurer Anstrengung setzt es die Gironde durch: Marat wird vors Revolutionstribunal gesendet, um sich wegen seines Februarartikels über die am Thürpfosten aufzuhängenden Aufkäufer nebst anderer Vergehen zu verantworten, und, nach wenigem Zögern, gehorcht er.Moniteur (du 16 Avril 1793, etc.).

So ist denn Dantons Fehdehandschuh aufgenommen, so ist nun, wie er's gesagt hat, »Krieg ohne Waffenstillstand oder Unterhandlung, ni trève ni composition.« Darum, Formel und Wirklichkeit, werdet jetzt handgemein mit einander, faßt euch zum Kampfe auf Leben und Tod, und kämpft es aus! Beide könnt ihr nicht leben, sondern eines nur.

 

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