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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 126
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.
Der Verräter.

Aber Dumouriez, mit seinem fliehenden Heer, mit seinem König Ludovicus oder König Philippus? Da ist die Krise, daran hängt die Frage: Revolutionswunder oder Contrerevolution? – Ein lauter Schrei ertönt über die nordöstliche Region hin. Soldaten, voll Wut, Argwohn und Schrecken, strömen hin und her, Dumouriez, dem es sonst nie an Rat fehlt, der nie von seinem Pferde steigt, der weiß sich jetzt keinen Rat, der nicht schlechter wäre als gar keiner; den nämlich: sich mit Coburg zu verbinden, nach Paris zu marschieren, den Jakobinismus zu vernichten, und mit irgend einem neuen König Ludovicus oder König Philippus, die Konstitution von 1791 wieder herzustellen!Dumouriez, Mémoires, IV, 7-10.

302 Hat Klugheit, hat der Herold des Glücks ihn verlassen? Grundsätze, politischen oder anderen Glaubens, außer einem gewissen Kasernenglauben und der Offiziersehre, hatte er nicht zu verlieren. Jedenfalls ist sein Quartier im Orte Saint-Amand und sein Hauptquartier, eine kurze Strecke davon im Dorfe Saint-Amand des Boues, zu einem wahren Tollhaus geworden. Nationalrepräsentanten, Jakobinermissionare reiten und rennen. Von den »drei Städten« Lille, Valenciennes oder auch nur Condé, die Dumouriez für sich zu erschnappen wünschte, kann nicht eine erschnappt werden. Sein Kapitän wird zugelassen, aber dann schließen sich die Stadtthore hinter ihm und dann, ach, das Gefängnisthor, und »seine Soldaten wandern auf den Wällen herum.« Kuriere galoppieren atemlos hin und her, hier warten Leute, oder scheinen zu warten, um zu morden, ermordet zu werden; dort stehen Bataillone, nahezu rasend bei dem herrschenden Verdacht und der Ungewißheit, rufen Vive la République und Sauve qui peut, und stürzen hierhin und dorthin. Unterdessen liegen Ruin und Vernichtung in der Gestalt Coburgs verschanzt in der Nähe.

Dame Genlis und ihre holde Prinzessin von Orléans finden den Aufenthalt hier im Orte Saint-Amand nicht mehr ratsam für sie. Schutz von Dumouriez ist jetzt schlimmer als gar keiner. Die Genlis, eine zähe Natur, eines der zähesten Weiber, ein Weib sozusagen mit neun Leben, die nichts umbringt, sogar die packt ihre Bänderschachteln zusammen, bereit zur Flucht in einer privaten, heimlichen Weise. Ihre geliebte Prinzessin will sie – hier lassen, bei dem Prinzen Chartres Égalité, deren Bruder. In der kalten Morgendämmerung finden wir sie entsprechend untergebracht in ihrem gemieteten Fuhrwerk, auf der Straße von Saint-Amand Die Postillone knallen eben mit ihren Peitsche zur Abfahrt, als, – seht – der junge prinzliche Bruder hastig herbeigestürzt kommt, hastig ruft, die Prinzessin auf seinen Armen! Hastig hat er die arme junge Dame, noch im Nachtgewande, erfaßt, von ihren Habseligkeiten nichts gerettet als die Uhr vom Bettkissen; in brüderlicher Verzweiflung wirft er sie in den Wagen der Genlis, in die Arme der Genlis mitten unter die Bandschachteln: Verlassen Sie sie nicht, um Gottes und des Himmels willen! Eine stürmische, aber kurze Scene, die Postillone knallen und fahren zu. Ach, wohin? Auf Nebenwegen, über unwegsame Pässe, den Weg bei Nacht mit Laternen suchend, durch Gefahren und Coburgs 303 Österreicher, und argwöhnische französische Nationalsoldaten, endlich nach der Schweiz, sicher, doch fast ohne Geld.Genlis, IV, 139. Der tapfere junge Égalité hat ein höchst wildes Morgen vor sich, aber jetzt doch nur sich allein durchzuschlagen.

Denn wirklich dort drüben im Dorfe, genannt Saint-Amand der Kotbäder, Saint-Amand des Boues, steht's noch schlimmer. Gegen vier Uhr am Nachmittag des Dienstag, 2. April 1793, kommen zwei Kuriere daher galoppiert, als ob's das Leben gälte: »Mon Général! Vier Nationalrepräsentanten, der Kriegsminister an ihrer Spitze, sind von Valenciennes hierher unterwegs, folgen uns dicht auf den Fersen, – mit welchen Absichten, läßt sich erraten!« Während die Kuriere noch sprechen, kommen der Kriegsminister und die Nationalrepräsentanten schon an, der alte Archivar Camus als ihr Hauptsprecher. Kaum hat mon Général Zeit gehabt, dem Husarenregiment de Berchigny den Befehl zu geben, daß es sich in Bereitschaft halte und nahebei warte, für den Fall der Not. Und schon tritt der Kriegsminister Beurnonville herein mit freundschaftlicher Umarmung, treten der Archivar und die anderen drei herein.

Sie zeigen Papiere vor, laden den General vor die Schranken des Konvents, bloß um eine Erklärung zu geben oder zwei. Der General findet dies unpassend, ja unmöglich, und daß »der Dienst leiden würde.« Dann geht es ans Diskutieren, die Stimme des alten Archivars wird laut. Vergebens ist's, mit diesem Dumouriez zu diskutieren, er antwortet mit bloß zornigen Unehrerbietigkeiten. Und so, inmitten eines Kreises stattlich ausstaffierter, doch sehr düster dreinschauender Stabsoffiziere, wagend und unsicher, debattieren und beraten diese armen Nationalgesandten, ziehen sich zurück und treten wieder ein, während wohl zwei Stunden, immer ohne Erfolg. Darauf verkündet der Archivar Camus, der endlich sehr laut wird, im Namen des Konvents, denn er hat Vollmacht dazu, daß General Dumouriez arretiert sei. »Werden Sie diesem Nationalbefehl gehorchen, General« »Pas dans ce moment-ci, nicht in diesem Augenblick,« antwortet der General auch laut, dann, zur Seite blickend, äußert er gewisse unbekannte Worte in befehlendem Ton; wie's schien ein deutsches Kommando.Dumouriez, IV, 159, etc. Husaren packen die vier Nationalrepräsentanten und den Kriegsminister 304 Beurnonville, führen sie aus dem Zimmer, aus dem Dorfe, in zwei Chaisen, dieselbe Nacht, über die französischen Wachtposten hinaus, hinüber zu Coburg – als Geiseln, Gefangene, die lange zu liegen haben werden in Mastricht und in österreichischen Festungen.Ihre Erzählung, geschrieben von Camus (in Toulongeon, III, 60-87.) Jacta est alea.

Diese Nacht druckt Dumouriez seine »Proklamation«, diese Nacht und morgen soll die Dumouriez-Armee, im Dunkeln tappend, in der Wut der halben Verzweiflung, wie sie vorhanden ist, überlegen, was der General thut, was sie selber dabei thun will. Man denke sich, ob dieser Mittwoch ein sorgenloser war für irgend einen! Aber am Donnerstag Morgen sehen wir Dumouriez mit kleiner Eskorte, mit Chartres Égalité und einigen Stabsoffizieren langsam dahinreiten auf der Straße nach Condé. Vielleicht wollen sie nach Condé und versuchen, dort die Garnison zu überreden; jedenfalls wollen sie zu einer Zusammenkunft mit Coburg, der, nach Verabredung, in den Wäldern in jener Gegend wartete. Nahe beim Dorfe Doumet streichen drei Nationalbataillone, Leute, unter denen der Jakobinismus immer vorherrschte, an uns vorüber, sie marschieren etwas eilig, – offenbar infolge eines Versehens, da wir ihr Marschieren auf diesem Wege nicht befohlen hatten. Der General steigt vom Pferde, tritt in eine Hütte, ein wenig vom Wege ab, um schriftlich den Bataillonen den richtigen Befehl zu geben.

Horch! Was hört man für ein seltsames Murren, was für ein Bellen und lautes Heulen und Rufe »Verräter«, und »Nehmt sie gefangen«? Die Nationalbataillone haben eine Schwenkung gemacht, geben Schüsse auf uns!

Aufs Pferd, Dumouriez, und reite um dein Leben! Dumouriez und sein Stab geben den Pferden die Sporen, setzen über Gräben, in Felder hinein, die sich als Moräste erweisen, zappeln und rennen um ihr Leben, ihnen nach schallen Flüche, pfeifen Kugeln. Bis an die Hüften von Kot bedeckt, mit oder ohne Pferde, mehrere ihrer Bedienten getötet, so entrinnen sie dem Bereich der Kugeln und retten sich zu General Mack ins österreichische Lager. Wohl kehren sie am nächsten Tage nach Saint Amand und zu dem getreuen fremden Regimente Berchigny zurück, aber was hilft's? Die ganze Artillerie hat revoltiert, rasselt davon nach Valenciennes, alle haben revoltiert oder sind im Begriffe zu revoltieren; mit Ausnahme des einzigen Fremdenregiments Berchigny, armseliger 305 fünfzehnhundert Mann, will niemand Dumouriez folgen gegen Frankreich und die unteilbare Republik. Dumouriez' Beschäftigung ist dahin.Dumouriez, Mémoires, IV, 162-180.

Es lebt in diesen Männern ein solcher Instinkt von Franzosentum und Sansculottismus, daß sie keinem Dumouriez, keinem Lafayette, oder irgend einem Sterblichen bei einem solchen Unternehmen folgen würden. Sie mögen schreien »sauve qui peut,« aber sie schreien auch wieder »vive la République.« Neue Nationalrepräsentanten treffen ein, ein neuer General Dampierre, der bald in der Schlacht fällt, ein neuer General Custine. Die aufgeregten Truppen ziehen sich nach einer Art Lager von Famars zurück, bieten Coburg, so gut sie können, die Stirne.

Und so ist Dumouriez im österreichischen Quartier, sein Drama zu Ende gegangen in dieser wohl traurigen Weise. Ein höchst gewandter, verwendbarer Mann, ein Soldat von Gottes Gnaden, der nur Bethätigung bedurfte. Fünfzig Jahre unbeachteter Mühen und unbeachteter Tapferkeit; ein einziges Jahr der Mühe und Tapferkeit, die nicht unbeachtet, sondern gesehen von allen Ländern und Jahrhunderten; dann wieder andere dreißig Jahre der Nichtbeachtung, mit Memoirenschreiben, englischer Pension, vergeblichem Pläne- und Projektemachen. Lebe wohl, du Soldat von Gottes Gnaden, du warst eines besseren Endes wert!

Sein Stab geht verschiedene Wege. Der junge wackere Égalité erreicht die Schweiz und der Genlis Hütte, mit einem starken Knotenstock in der Hand, ein starkes Herz in der Brust: seine prinzliche Würde ist nun auf dies beschränkt. Égalité der Vater saß in seinem Palais Égalité in Paris, am 6. dieses selben Monats April, und spielte Whist, als ein Häscher eintrat: Bürger Égalité wird vor das Konventkomitee geladen.Siehe Montgaillard, IV, 144.

Verhör, das seine Verhaftung zur Folge hat, endlich Einkerkerung, Fortschaffung nach Marseille und nach dem Château d'If! Orléanismus ist in den schwarzen Strom versunken, das Palais Égalité, einst Palais-Royal, wird wohl Palais-National werden. 306

 

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