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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 122
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.
Culotten und Sansculotten.

Berg und Gironde sind nun in vollem Streit, ihre Wut gegeneinander, sagt Toulongeon, wird zur »blassen« Wut. Merkwürdig, beklagenswert ist's, daß alle diese Leute doch ein und dasselbe Wort Republik im Munde führen, im Herzen 279 eines jeden einzelnen lebt ein leidenschaftliches Verlangen nach etwas, was er Republik nennt: und dennoch dieser Streit auf Leben und Tod. So indessen sind die Menschen. Sie sind Geschöpfe, die in Verwirrung leben, die, einmal zusammengeworfen, gar so leicht in diese Verwirrung von Verwirrungen, den Streit, geraten, einfach weil ihre Verwirrungen von einander abweichen, mehr noch, weil sie von einander abzuweichen scheinen. Des Menschen Sprache ist ein dürftiger Exponent seines Gedankens; ja, sein Denken selbst ist ein dürftiger Exponent seines unnennbaren inneren Mysteriums, aus dem Gedanke und That entspringen. Niemand kann sich selber erklären, kann selber erklärt werden; die Menschen sehen nicht einer den andern, sondern verzerrte Phantasmen, die sie für einander halten, die sie hassen und mit denen sie kämpfen: denn jeder Kampf ist, wie richtig gesagt worden, ein Mißverständnis.

Aber wirklich war jener Vergleich unserer armen französischen Menschenbrüder mit einem Brander nicht ohne Bedeutung, wo sie selbst so feurig und auch im feurigen Elemente arbeiten mußten. Betrachten wir den Vergleich wohl, so ist ein Schatten von Wahrheit darin. Denn ein Mann, der sich einmal mit Leib und Seele dem republikanischen oder einem anderen Transcendentalismus ergeben hat und inmitten einer in gleicher Weise erfaßten Nation kämpft und sich fanatisiert, wird sozusagen in eine ihn rings umgebende Atmosphäre von Transcendentalismus und Raserei eingehüllt, sein eigenes Selbst geht auf in Etwas, das nicht er selber, sondern etwas Fremdes und doch von ihm Untrennbares ist. Seltsam ist der Gedanke. Des Menschen Mantel scheint noch denselben Menschen zu umschließen, und doch ist der Mann nicht da, sein Wollen ist nicht da, ebensowenig die Quelle seines Thuns und Denkens; statt des Menschen und seines Wollens ist da: ein Stück Fanatismus und Fatalismus, das sich in Fleisch und Blut von seiner Gestalt verwandelt hat. Er, der unglückliche Fleisch gewordene Fanatismus, geht seinen Weg; niemand vermag ihm zu helfen, er sich selber am wenigsten von allen. Es ist eine mißliche Lage, wunderbar und tragisch, eine Lage, wie sie nur durch Gleichnisse zu skizzieren versucht werden kann, da die menschliche Sprache an derartige Dinge nicht gewöhnt und nur bestimmt ist für den Gebrauch des gewöhnlichen Lebens. Feuer ist nicht wilder und, obschon unsere Augen sichtbar, nicht wirklicher als dieses den Fanatismus einhüllende feurige Element. Das Wollen bricht sich 280 Bahn unwillkürlich willkürlich, dahingerissen, die Bewegung freier Menschenseelen wird zu rasenden Tornados von Fatalismus, blind, wie Winde sind; und Berg und Gironde, wenn sie wieder zum Bewußtsein kommen, sind gleich erstaunt zu sehen, wohin sie geschleudert und wo sie niedergelassen wurden. In einer so wunderbaren Weise kann der Mensch auf den Menschen einwirken, so ist Bewußtes und Unbewußtes unerforschlich in diesem unserm unerforschlichen Leben vermischt, so ist Willensfreiheit umgeben von unendlicher Notwendigkeit.

Die Waffen der Gironde sind Staatsphilosophie, Respektabilität und Beredsamkeit. Ihre Beredsamkeit, oder nenne man's Rhetorik, ist wirklich von höherem Stil. Vergniaud zum Beispiel drechselt Perioden so anmutig, wie nur irgend einer seiner Generation. Die Waffen des Berges sind die der bloßen Natur, Verwegenheit und Ungestüm, die zur Wildheit werden können, wie für Leute sich's paßt, die durchaus entschieden, durchaus überzeugt sind, ja, als Septembermänner zum Teil, entweder siegen oder sterben müssen. Der Boden, um den gekämpft wird, ist die Popularität. Man kann sie suchen entweder bei den Freunden von Freiheit und Ordnung, oder bei den Freunden der Freiheit allein; unglücklicherweise ist's unmöglich geworden, sie bei beiden Seiten zu suchen. Bei den Freunden von Freiheit und Ordnung und im allgemeinen bei den Departementsbehörden, bei den Lesern der Parlamentsdebatten und bei respektabeln, friedliebenden, besitzenden Leuten genießen die Girondisten den Vorzug. Beim extremen Patrioten dagegen, bei den notleidenden Millionen, besonders bei der Bevölkerung von Paris, die nicht so viel liest als sieht und hört, sind die Girondisten gänzlich im Nachteil und der Berg genießt den Vorzug.

An Eigennutz oder gemeiner Gesinnung fehlt es nicht auf beiden Seiten. Gewiß nicht auf der Girondisten Seite, wo eben der durch die Umstände gar zu hervorragend entwickelte Selbsterhaltungstrieb eine beinahe traurige Rolle spielt, wo sich auch hier und da eine gewisse Verschmitztheit zeigt, die sich sogar zu Unredlichkeiten und kleinen Betrügereien versteigt. Die Girondisten sind im Advokatengefecht geübte Leute. Man hat sie die Jesuiten der Revolution genannt,Dumouriez, Mémoires III, 314. doch das ist ein zu harter Name. Es muß auch zugegeben werden, daß der rohe polternde Berg ein Gefühl in sich hat, was die Revolution bezweckt, das diesen beredten Girondisten völlig 281 abgeht. Wurde die Revolution gemacht und wurde dafür diese vier schweren Jahre hindurch gekämpft gegen die Welt, damit eine Formel verwirklicht werde, damit die Gesellschaft methodisch, logisch nachgewiesen werde und nur die alte Noblesse mit ihren Anmaßungen verschwinde? Oder sollte sie nicht vielmehr all den fünfundzwanzig Millionen einen Sonnenstrahl und einige Erleichterung bringen, die schwerbedrückt in Finsternis saßen, bis sie sich erhoben mit Piken in ihren Händen? Zum mindesten und als geringsten Gewinn sollte sie ihnen einen Anteil von Brot zum Leben einbringen. Für dies ist beim Berg hier und da, in Marat, dem Volksfreund, selbst im unbestechlichen Seegrünen, so dürr und förmlich er auch sonst ist, ein tiefgehendes Verständnis vorhanden; – ohne das jedes andere Verständnis hier nichts wert, und die ausgesuchteste forensische Beredsamkeit nichts ist als ein tönendes Erz und eine klingende Schelle. Höchst kalt, vornehm gönnerhaft, unwesentlich ist dagegen der Ton der Girondisten gegen «unsere ärmeren Brüder,« diese Brüder, die man so oft bezeichnen hört mit dem Kollektivnamen »die Massen,« als wären sie überhaupt keine Menschen, sondern Haufen leicht entzündbaren explosiven Stoffes, gut genug, um Bastillen damit in die Luft zu sprengen! Die Hand aufs Herz: ist denn ein Revolutionär dieser Art nicht ein Verstoß gegen seinen Namen, gegen die Sprache? Ein Wesen, das Natur und Kunst nicht anerkennen, das nur verdient, von der Erde vertilgt zu werden? Sicherlich, unseren »ärmeren Brüdern« von Paris ist die ganze gnädige Gönnerschaft der Girondisten wie Gift und Tod, um so falscher, um so verhaßter wirklich, wenn in schönen Worten und mit unwiderlegbarer Logik ausgesprochen.

Ja, ohne Zweifel hat der Girondist, hier unter unseren »ärmeren Brüdern« in Paris, ein schwieriges Spiel beim Buhlen um Volksgunst. Wenn er sich bei den Respektablen in der Ferne, in der Provinz, Gehör verschaffen will, so muß er besonderen Nachdruck auf den September und dergleichen Dinge legen, also auf Unkosten von Paris reden, dieses Paris, wo er wohnt und redet. Schlimm ist's, da vor solchen Zuhörern zu reden über solches. Weshalb die Frage entsteht: Könnten wir nicht den Konvent nach außerhalb, von diesem Paris wegverlegen? Zweimal oder noch öfter wird ein solcher Versuch gemacht. Wenn wir selber es nicht könnten, denkt Guadet, so könnten zum wenigsten unsere suppléants thun; denn jeder Deputierte hat seinen suppléant oder 282 Stellvertreter, der, wenn nötig, seinen Platz einnimmt. Könnten sich nicht diese einmal selber versammeln, zum Beispiel in Bourges, einer ruhigen bischöflichen Stadt im ruhigen Berry, gute vierzig Stunden von hier? Wenn unsere suppléants ruhig in Bourges säßen, und wir nur zu ihnen zu eilen hätten, was hülfe es den Sansculotten dann, uns in Paris zu verhöhnen? Ja, Guadet meint, man könnte sogar die Urwählerversammlungen wieder zusammenberufen und einen neuen Konvent wählen lassen mit neuen Vollmachten vom souveränen Volke, und recht gern würden Lyon, Bordeaux, Rouen, Marseille, bis jetzt nur Provinzstädte, uns willkommen heißen der Reihe nach, und eine Art Hauptstädte werden und diese Pariser Vernunft lehren.

Zärtlich gehegte Pläne, die alle fehlschlagen. Werden sie heute, in der Bruthitze beredter Logik, zum Beschluß erhoben, so werden sie unter Geschrei und leidenschaftlicher weiterer Ueberlegung morgen schon widerrufen.Moniteur, 1793, No. 140 etc. Wollt ihr Girondisten uns in getrennte Republikchen zerlegen, also, wie die schweizerischen, die amerikanischen, sodaß es keine Hauptstadt, keine ungeteilte französische Nation mehr gäbe? Eure Departementalgarde schien darauf hinzuzielen! Föderalrepublik? Föderalisten? Männer und strickende Weiber wiederholen »Fédéraliste,« mit oder ohne viel Verständnis für seine Bedeutung; aber sie fahren fort, das Wort zu wiederholen, bis es, wie das in solchen Fällen geht, eine fast magische Kraft erlangt und als Bezeichnung für alle mögliche mysteriöse Schändlichkeit passend erscheint; und Fédéraliste ist ein Wort der Teufelsbeschwörung geworden, ein Apage Satanas. Nun bedenke man ferner, welch eine »Vergiftung der öffentlichen Meinung« in den Departements von diesen Zeitungen Brissots, Gorsas', Caritat-Condorcets ausging! Dann auch, welch noch abscheulicheres Gegengift von Héber »Père Duchesne«, der gemeinsten Zeitung, die je auf Erden erschien, dann von einem Rougiff von Guffroy, von den »Brandblättern« Marats! Mehr als einmal wird infolge Klage und entstehender Entrüstung beschlossen, daß man nicht beides zugleich, Gesetzgeber und Zeitungsschreiber, sein dürfe, daß man zwischen der einen und der andern Thätigkeit wählen müsse.Histoire parlementaire, XXV, 25 etc. Aber auch dies, was in der That wenig helfen konnte, wird widerrufen oder umgangen, bleibt bloß ein frommer Wunsch.

283 Seht, o ihr Nationalrepräsentanten, wie unterdessen, als traurige Frucht solchen Streitens, überall zwischen den Freunden der Ordnung und den Freunden der Freiheit nichts als Hitze und Eifersüchteleien entstanden sind, die ganze Republik in Fieber geraten ist! Die Departements, die Provinzialstädte sind gehetzt gegen die Hauptstadt, Reich gegen Arm, Culotte gegen Sansculotte, Mann gegen Mann. Von den südlichen Städten kommen Adressen von beinahe anschuldigendem Charakter, denn Paris hat zu lange Zeitungsverleumdung erlitten. Bordeaux verlangt mit Nachdruck ein Reich des Gesetzes und der Respektabilität, worunter es den Girondismus versteht. Mit Nachdruck fordert Marseille das Nämliche. Ja, von Marseille kommen zwei Adressen, eine girondistische und eine jakobinisch-sansculottistische. Der hitzige Rebecqui, der Arbeit im Konvent müde, hat seinem Stellvertreter Platz gemacht und ist nach Hause gegangen, wo es bei solchen Spaltungen auch Arbeit giebt, deren man müde werden kann.

Lyon, eine Stadt von Kapitalisten und Aristokraten, befindet sich in noch ärgerem Zustande, fast in Revolte. Chalier, der jakobinische Stadtrat, ist gar zu buchstäblich in einen Streit Dolch gegen Dolch geraten mit dem Maire Nièvre-Chol, dem Modérantin, einem von den gemäßigten, vielleicht aristokratischen, royalistischen oder föderalistischen Maires! Chalier, der nach Paris pilgerte, »um Marat und den Berg zu sehen«, hat sich an ihrem geweihten Gefäße geradezu entzündet. Denn am 6. Februar letzthin sah Geschichte oder Gerücht ihn seine Lyoner Jakobinerbrüder in einer ganz transcendentalen Weise haranguieren, mit einem gezückten Dolche in seiner Hand. Er empfahl ihnen (so heißt's) geradezu die Septembermethode, da die Geduld endlich erschöpft sei, und es sollten die Jakobiner Brüder ohne weiteres jetzt die Guillotine selber handhaben! Man findet ihn noch auf Bildern, auf einem Tische stehend, mit vorgeschobenem Fuß, gekrümmtem Körper, ein kahles, rohes, schiefstirniges, wütendes Gesicht von hündischem Typus, mit aus ihren Höhlen hervorquellenden Augen; in der gewaltigen rechten Hand den geschwungenen Dolch oder eine Reiterpistole, wie einige es darstellen. Andere Hundegesichter unter ihm geraten ebenfalls in Feuer. Ein Mann, der wohl nicht gut enden wird! Indessen wurde an jenem Tage die Guillotine nicht ohne weiteres »auf dem Pont Saint-Clair« oder sonstwo aufgestellt, sondern fuhr fort, in ihrem Schuppen weiter zu 284 rosten.Histoire parlementaire, XXIV, 385-393; XXVI, 229 etc. Nièvre-Chol zog mit Militär umher, ließ Kanonen lärmen in der unsinnigsten Weise, und den »neunhundert Gefangenen« geschah nichts. So unruhig ist es in Lyon geworden, wo die Kanonen herumrasseln. Es müssen Konventkommissäre sofort dahingesendet werden. Werden aber auch die es beruhigen und die Guillotine in ihrem Schuppen zurückhalten können?

Man bedenke schließlich, ob bei all der tollen Zwietracht der südlichen Städte und Frankreichs im allgemeinen nicht eine verräterische Krypto-Royalisten-Klasse auf der Lauer steht und wacht, bereit im rechten Momente loszuschlagen! Kein Brot, keine Seife dazu! Seht die patriotischen Weiber Zucker verkaufen zum richtigen Preis von zweiundzwanzig Sous das Pfund! Bürger, Repräsentanten, es wäre wahrlich gut, euer Streit hörte auf, und das Reich vollkommener Glückseligkeit finge an.

 

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