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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.
Bedrucktes Papier.

In einem so überaus praktischen Frankreich kann es, mag die Perfektibilitäts-Theorie sagen, was sie wolle, an Unzufriedenen keinen Mangel geben: denn die verheißene Neugestaltung, so unerläßlich sie ist, kommt noch immer nicht; – wer will auch damit bei sich selbst den Anfang machen? Die Unzufriedenheit mit dem, was um uns, noch mehr mit dem, was über uns ist, nimmt immer zu und sucht stets nach neuen Auswegen.

Wir brauchen weder von Gassenliedern noch von Epigrammen zu sprechen, die von jeher den Despotismus mäßigten. Auch von Manuskript-Zeitungen (Nouvelles à la main) sprechen wir nicht. Bachaumont und seine Helfershelfer und Anhänger mögen ruhig jene »dreißig Bände gemeinen Klatsches« schließen und ihr Handwerk aufgeben; denn endlich haben wir, wenn auch keine freie, so doch eine zügellose Presse. Pamphlete können als Nachdruck in Paris verkauft und gelesen werden, wenn nur ein ausländischer Druckort angegeben ist, hieße es auch: »Gedruckt in Peking!« So erscheint in jener Zeit in London der »Courrier de l'Europe,« dessen Herausgeber, einen gewissen de Morande, die Guillotine noch nicht verschlungen hat. Hier kann auch der unbotmäßige und noch nicht guillotinierte Linguet, dem der Boden seines Vaterlandes zu heiß geworden und den die eigenen Kollegen, die Advokaten, aus ihren Reihen gestoßen haben, seine Jeremiaden anstimmen und seine »Bastille devoilée« in alle Welt hinausflattern lassen. Der redselige Abbé Raynal sieht endlich seinen Wunsch erfüllt; seine Histoire Philosophique (zu der das ganze Philosophentum im Namen und zur Ehre des Abbé beigetragen haben soll) mit ihrer »Schlüpfrigkeit,« Verlogenheit, ihrem lauten, freiheitstollen Phrasenschwall wird von gemeiner Henkershand verbrannt, – und der Abbé geht als Märtyrer auf Reisen. Es war die Ausgabe vom Jahre 1781, vielleicht das letzte bemerkenswerte Buch, dem die Glückseligkeit des Feuertodes zu teil wurde, das letzte, weil der Henker endlich die Fruchtlosigkeit einer derartigen Strafart einsah. Und was sieht man in den Gerichtshöfen mit ihren Geldstreitigkeiten und Ehescheidungsprozessen, was sieht man überall, wohin man einen Blick in das Familienleben werfen kann! Die Parlamente von Besançon und Aix beschäftigen sich so laut mit den 57 Herzensangelegenheiten und Schicksalen des jungen Mirabeau, daß ganz Frankreich es hört. Er, der unter der Obhut eines »Menschenfreundes« gestanden, hat in Staatsgefängnissen, Infanterieregimentern, als Schriftsteller in holländischen Dachstübchen und auf ganz anderen Schauplätzen »zwanzig Jahre lang gelernt, dem Despotismus zu widerstehen,« dem Despotismus der Menschen und leider auch der Götter. So ist das Heiligtum der Familie unter dem rosenroten Schleier des allgemeinen Wohlwollens und der Astraea redux nur eine öde Wüste oder eine finstere, streit- und hadererfüllte Hölle auf Erden! Der alte Menschenfreund hat auch seinen Scheidungsprozeß, und zeitweilig sitzt »seine ganze Familie mit Ausnahme eines Mitgliedes« hinter Schloß und Riegel; er schreibt viel über Neugestaltung und Befreiung der Welt – und benötigt für seinen Privatgebrauch sechzig Lettres de cachet. Und doch ist er ein Mann von Einsicht, Entschlossenheit, ja von mannhaften Grundsätzen; aber die wesentlichen Züge seines Charakters, tierische Genußsucht und Habgier, diese Gegensätze aller edleren Gefühle des Herzens, beherrschen sein inneres und äußeres Leben und machen ihn halb wahnsinnig. Thoren, die ihr ein grünendes Millennium voll Liebe und Überfluß erwartet, Bäche, die von Wein fließen, Lüfte, die melodisch flüstern – während doch die Wurzel und Grundlage eures Daseins nur ein Sumpf von Sinnlichkeit ist, der immer tiefer und bald ein bodenloser Abgrund sein wird.

Betrachtet nur die unerhörte Halsbandgeschichte. Der Kardinal Louis de Rohan im roten Kardinalshute, der sicilianische Sträfling Balsamo Cagliostro, die Putzmacherin Dame de Lamotte »mit pikantem Gesicht«: Die höchsten Würdenträger tanzen wie am Hexensabbath in der Walpurgisnacht einen Reigen mit falschen Propheten, Beutelschneidern und öffentlichen Dirnen; – eine ganz unsichtbare Satanswelt wird aufgedeckt, die im Tageslicht der sichtbaren Welt unbemerkt und rastlos arbeitet; in alle Ewigkeit wird der erstickende Qualm ihres teuflischen Werkes zum Himmel emporsteigen. Den Thron hat man mit der Galeere in schändliche Verbindung zu bringen versucht. Zehn Monate lang hallt das erstaunte Europa von dem Geheimnis wieder und sieht nur Lüge auf Lüge sich enthüllen, sieht Verderbtheit unter Hohen und Niederen, sieht überall nichts als Gier, Leichtgläubigkeit und Geistesschwäche, – Stärke nirgends als im Hunger. Holde Königin, weine deine ersten Thränen 58 ungemilderten Schmerzes. Ein unreiner Hauch hat deinen reinen Namen für dein ganzes Leben befleckt. Nicht die Herzen der Lebenden, nein, erst kommende Geschlechter werden dich lieben und bemitleiden, wenn dein eigenes Herz schon lange kalt und all sein Schmerz geheilt ist. – Die bisher scharfen, ätzenden, bitteren Epigramme werden von nun an so grausam, so gräßlich, daß man sie nicht wiederholen kann. Schon am 31. Mai 1786 verläßt der elende Kardinal Groß-Almosenier Rohan die Bastille; eine jauchzende Menge begleitet ihn, obgleich er nicht beliebt ist und auch keine Liebe verdient; aber er ist eine bedeutende Person, seitdem der Hof und die Königin seine Feinde sind.Fils Adoptif: Mémoires de Mirabeau, IV, 325. Siehe Carlyle, Miscellanies (London 1847), III, § Diamond Necklace, § Count Cagliostro.

Wie trübt sich unsere strahlende Ära der Hoffnung, der ganze Himmel wird fahl, und Vorboten des Orkans und Erdbebens ziehen heran. Die Welt ist dem Fluche verfallen; seitdem der »Gehorsam, der die Menschen frei macht,« geschwunden ist, schwindet rasch auch der Gehorsam, der die Menschen zu Sklaven macht, – wenigstens untereinander. Jetzt sind sie nur mehr Sklaven ihrer eigenen Lüste und werden es bleiben, Sklaven der Sünde und deshalb notwendigerweise auch der Sorge. Betrachtet doch die verwesende Masse der Sinnlichkeit und Lüge, um die ein eitler Schimmer von Sentimentalität spielt, die ja selbst nur eine Phosphorescenz der Sinnlichkeit ist, und seht ihre Bundeslade, den alles überragenden, finsteren, vierzig Fuß hohen Galgen, der jetzt auch beinahe verfault ist. Fügt noch hinzu, daß die charakteristische Eigenschaft der französischen Nation, durch die sie sich von allen anderen Nationen unterscheidet, die Reizbarkeit ist mit ihren guten und schlechten, ja oft verderblichen Seiten, wozu man auch Rebellionen und Explosionen von ungeahnter Ausdehnung rechnen muß, – und ihr habt, wie Chesterfield sagte, alle Anzeichen, die uns in der Geschichte begegnet sind.«

Sollen wir also sagen: Wehe dem Freidenkertum, daß es die Religion zerstört oder, wie es in seiner Sprache hieß, »die Ruchlosigkeit vernichtet hat« (écraser l'infame)? Nein, wehe vielmehr denen, welche das Heilige zum Ruchlosen stempelten, das Vernichtung verdiene; wehe allen Sterblichen, die in einer solchen Zeit der Weltruchlosigkeit und Weltvernichtung leben. Ja, sagen die Höflinge, Turgot und Necker mit ihren 59 wahnwitzigen Neuerungen waren die Schuldigen; der Königin Mangel an Etikette war es; der war es, die war es, das war es. O Freunde, jeder Schurke war es in seiner Weise – vom Stiefelputzer bis zum souveränen Fürsten hinauf, der seit Karls des Großen Tagen oder noch früher gelebt und wie ein Charlatan der Welt vorgegaukelt hat, als hätte er etwas Rechtes gethan, während er nur gegessen oder Böses verübt hat. All das Böse hat sich tausend Jahre hindurch aufgehäuft (denn die Lüge stirbt nicht ab, sie wächst vielmehr wie ein ausgestreuter Samen); nun ist der Tag der Abrechnung gekommen, und streng wird sie sein: denn alle Rache ist aufgespart für den Tag der Rache. O mein Bruder, sei nicht auch du ein Gaukler! Wenn du auf meinen Rat hören willst, dann stirb lieber; du kannst nur einmal sterben und bist des Todes für immer ledig. Aber solches Thun ist verflucht, und der Fluch folgt ihm nach durch ganze Geschlechter, wenn du samt dem Lohne, den es dir einbrachte, schon längst dahin bist, ja, der Fluch folgt ihm, wie die alten Weisen schreiben, in alle Ewigkeit nach; denn er ist wirklich im Schuldbuch eines Gottes eingetragen!

Aufgeschobene Hoffnung macht das Herz krank. Allerdings ist sie, wie gesagt, nur aufgeschoben, nicht zerstört; die Hoffnung ist ja unzerstörbar. Es ist rührend und beachtenswert, wie eben diese Hoffnung der französischen Nation noch während der entsetzlichsten Schicksale voranleuchtet. Ihr Schein strahlt uns bald liebevoll lockend, bald zornig drohend überall entgegen: erst schimmert sie als ein mildes, himmlisches Licht, dann lodert sie als lohender Feuersbrand empor und brennt noch in der Finsternis des Schreckens mit schwachleuchtender Flamme, ohne je völlig zu erlöschen; ist doch selbst die Verzweiflung nur eine Art von Hoffnung. So ist unser Zeitalter noch immer eine Zeit der Hoffnung zu nennen, wenn auch im traurigsten Sinne, – weil eben nichts mehr übrig bleibt als die Hoffnung allein.

Will aber jemand in aller Kürze erfahren, was für eine Pandorabüchse zum Öffnen bereit liegt, so kann er dies gar leicht durch das Symptom aller Symptome, durch die überlebende Litteratur dieser Periode, erkennen. Kaum hat der Abbé Raynal mit seiner Schlüpfrigkeit und seinem lauten, schwulstigen Phrasenschwall sein Wort gesprochen, so giebt die eilig weiterhastende Generation schon auf ein anderes Antwort. Seht euch nur Beaumarchais »Mariage de Figaro« an, ein Stück, das jetzt (im Jahre 1784) nach vielen 60 Schwierigkeiten auf die Bühne gelangt und, von aller Welt bewundert, hundert Aufführungen erlebt. Heute mag sich ein Leser mit Verwunderung fragen, welchem Reiz oder innerem Wert dieses Stück solche Erfolge verdankte; sie lassen sich nur dadurch erklären, daß es dem Zug der Zeit Rechnung trug und schmeichelte, indem es das aussprach, was alle fühlten und auszusprechen verlangten. In dem ganzen Figaro ist wenig Gehalt: seichte, lang ausgesponnene Intriguen, seichte, langatmige Gefühlsergüsse und Sarkasmen, das Ganze mager und trocken, aber es verrät eine feine Witterung und windet sich geschickt durch eine ganze tolle, wunderliche Welt, sodaß ein jeder, und das ist das große Geheimnis, darin sein eigenes Bild, sein Thun und Treiben erkennt. Darum geht es hundertmal hintereinander über die Bühne, darum geht ganz Frankreich mit, lacht und klatscht Beifall. Wenn der Barbier in seinem Monolog fragt: »Was haben Ew. Gnaden gethan, um dies alles zu verdienen?« und nur antworten kann: »Sie gaben sich die Mühe geboren zu werden« (Vous vous êtes donné la peine de naître), – so müssen alle lachen; der lustige, wettrennende, anglomane Adel lacht am lautesten. Denn wie können kleine Bücher eine große Gefahr in sich bergen? Fragt Sieur Caron und wähnt, in seinem seichten Epigramme liege auch schon eine Art Begründung. Beaumarchais hat jetzt den Gipfel seines Ruhmes erreicht und führt als Eroberer eines goldenen Vließes durch Riesenschmuggel, als Bändiger der Höllenhunde im Parlament Maupeou und endlich als gekrönter Orpheus im Théâtre français die Attribute mehrerer Halbgötter. Wir werden ihm noch einmal begegnen, – wenn sein Glücksstern sinkt.

Noch bezeichnender sind zwei Bücher, die am Vorabend des ewig denkwürdigen Ausbruches erschienen und von aller Welt eifrig gelesen wurden; wir meinen Saint Pierres »Paul et Virginie« und Louvets »Chevalier de Faublas,« zwei beachtenswerte Bücher, die man als das Schlußwort des alten feudalen Frankreich betrachten kann. In dem ersteren erklingt die melodische Klage einer sterbenden Welt; überall liegt die gesunde Natur im ungleichen Kampfe mit der kranken, falschen Kunst, der sie nirgends entrinnen kann, nicht einmal in der niedrigsten Hütte auf dem fernsten Meereseiland. Verderben und Tod müssen die Geliebte treffen, und was das bezeichnendste von allem ist, der Tod erfolgt auch hier nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Etikette. Welche Welt lüsterner Verderbtheit offenbart sich in dieser überidealen 61 Keuschheit! Im ganzen ist aber unser guter Saint Pierre, wenn auch sehr krankhaft, doch musikalisch und poetisch; wir wollen sein Buch den Schwanengesang des alten sterbenden Frankreich nennen.

Louvet dagegen wird kein Mensch musikalisch finden. Im Gegenteil, wenn dieser elende Faublas das letzte Wort eines Sterbenden ist, so ist es das letzte Wort eines unbußfertigen Missethäters unter dem Galgen. Elende »Kloake« eines Buches, das selbst als »Kloake« ohne Tiefe ist! Was für ein »Bild der französischen Gesellschaft« spiegelt sich darin wieder? Eigentlich gar kein Bild, höchstens das Bild des unreinen Geistes, der es für ein Bild ausgab; und doch ist es ein vielsagendes Symptom, zumal jener Welt, die darin eine geistige Nahrung finden konnte. 62

 


 

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