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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 119
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.
Die drei Abstimmungen.

Ist Ludwig Capet schuldig, gegen die Freiheit konspiriert zu haben? Soll unser Spruch endgültig sein, oder der Genehmigung bedürfen durch Appellation an das Volk? Wenn schuldig, welche Strafe? Dies ist die Form, über die man sich geeinigt hat nach gewaltigem Lärm und »mehreren Stunden tumultuarischer Unentschiedenheit.« Das sind die drei sich folgenden Fragen, worüber nun der Konvent sich entscheiden soll. Paris wogt in Menge und laut um den Saal. Europa und alle Nationen warten gespannt auf die Antwort. Ein Deputierter nach dem anderen soll unter Namensaufruf antworten: »Schuldig« oder »Nicht schuldig.«

Was die Schuld betrifft, so giebt es, wie schon angedeutet, keinen Zweifel in den Anschauungen der Patrioten. Überwältigende Mehrheit spricht sich für die Schuld aus, der einmütige Konvent votiert für »schuldig«, nur etwa achtundzwanzig stimmen nicht für Unschuld, sondern lehnen es überhaupt ab zu votieren. Auch erweist sich die zweite Frage als nicht zweifelhaft, was immer die Girondisten sich für Rechnung machen mochten. Wäre Appellation an das Volk nicht nur ein anderer Name für Bürgerkrieg? Eine Majorität von zwei gegen eins entscheidet, daß keine Appellation stattfinden soll; auch dies ist also abgemacht. Der laute Patriotismus mag sich, jetzt um 259 zehn Uhr, beruhigen für die Nacht und sein Bett aufsuchen, nicht ohne Hoffnung. Der Dienstag ist gut verlaufen. Morgen kommt die Frage dran: Welche Strafe? Morgen ist der große Entscheid.

Man bedenke darum, ob an diesem Mittwoch Morgen der Patriotismus zusammenströmen, Paris auf den Zehen stehen wird, ob alle Deputierten auf ihren Posten sein werden. Siebenhundertneunundvierzig ehrenwerte Deputierte, nur etwa zwanzig auf Sendungen abwesend, Duchatel und sieben andere durch Krankheit abgehalten. Inzwischen stehen der erwartungsvolle Patriotismus und Paris auf den Zehen und müssen sich gedulden. Denn dieser Mittwoch vergeht wieder unter hitzigen Debatten, da Girondisten eine »Majorität von drei Vierteln« verlangen, Patrioten sich dem grimmig widersetzen. Danton, der gerade von der Sendung nach den Niederlanden zurückgekehrt ist, erlangt den »Übergang zur Tagesordnung« über den Antrag der Girondisten, ja, er setzt es ferner durch, daß wir entschieden sans désemparer, in permanenter Sitzung, bis wir die Sache abgethan haben.

Und so beginnt endlich um acht Uhr am Abend diese dritte gewaltige Abstimmung, unter Namensaufruf oder appel nominal. Welche Strafe? Unentschiedene Girondisten, entschiedene Patrioten, Leute, die das Königtum, andere, die die Anarchie fürchten, alle müssen sie hier jetzt Rede stehen. Zahllose Patrioten wogen in trübem Lampenlicht in allen Korridoren, drängen sich auf allen Galerien, finster wartend, um die Abstimmung zu hören. Schrill rufen die Beamten jeden auf nach Namen und Departement, auf die Tribüne muß er steigen und sein Votum geben.

Augenzeugen haben uns diese dritte Abstimmung und die anderen aus ihr entspringenden Abstimmungen als eine der merkwürdigsten Vorgänge der französischen Revolution dargestellt, als eine schier endlose, in die Länge gezogene Scene, die mit wenigen kurzen Unterbrechungen vom Mittwoch bis Sonntag Morgen dauerte. Lange Nacht wird zum Tag, die Blässe einer durchwachten Nacht ist sichtbar auf allen Gesichtern, und wieder sinken die Schatten des Winterabends herab und die trüben Lampen werden angezündet. Aber durch Tag und Nacht und den Wechsel aller Stunden steigt ein Mitglied ums andere beständig die Stufen zur Tribüne empor, bleibt oben dort für eine Weile, im helleren Lichte stehend und sein Schicksalswort aussprechend, und taucht dann wieder unter ins Dunkel und Gedränge. Wie Phantome in 260 mitternächtiger Stunde, geisterhaft wie in einem Dämonentempel. Nie sonst hat Präsident Vergniaud oder überhaupt irgend ein irdischer Präsident eine solche Scene geleitet. Eines Königs Leben und so manches sonst, was daran hängt, schwebt zitternd auf der Schwertesspitze. Deputierter nach Deputiertem steigt herauf, das Summen verstummt, bis er gesprochen: Tod – Verbannung – Einkerkerung bis zum Frieden. Viele sagen »Tod« mit so behutsamen, wohlstudierten Phrasen und Paragraphen zur Erklärung, zur Bekräftigung, zur leisen Empfehlung der Begnadigung, als sie nur ausdenken konnten. Viele auch sagen »Verbannung,« etwas milder als Tod. Die Wage zittert, noch kann niemand erraten, wohin. Darüber brüllt der besorgte Patriotismus, ununterdrückbar durch die Saaldiener.

Unter dem Drucke solch grimmigen Brüllens des Patriotismus sagen viele der armen Girondisten »Tod,« dieses für sie so widerwärtige Wort kurz rechtfertigend, motivant, mit irgend welchen kasuistischen und jesuitischen Bemerkungen. Vergniaud selber sagt »Tod,« und motiviert durch eine solche jesuitische Bemerkung. Der reiche Lepelletier St.-Fargeau hatte zum Adel und dann in der Constituante zur patriotischen Linken gehört, und hatte dort und anderswo nicht wenig gegen Todesstrafe geredet und berichtet; nichtsdestoweniger sagt er jetzt »Tod,« ein Wort, das ihm teuer zu stehen kommen mag. Manuel stand im letzten August sicherlich auf Seite der Entschiedenen, aber seit dem September ist er immer mehr in der öffentlichen Gunst zurückgegangen, in diesem Konvent gar konnte kein Wort von ihm das Volk befriedigen. Jetzt sagt er »Verbannung« und verläßt in stummem Zorn den Platz für immer, – in den Korridors vielfach mit Stößen traktiert. Philipp Égalité stimmt, in seiner Seele und nach seinem Gewissen, für »Tod,« bei welchem Wort, von ihm ausgesprochen, sogar der Patriotismus den Kopf schüttelt; es läuft ein Murren und Schaudern durch diesen Saal des Schicksals. Robespierres Votum kann nicht zweifelhaft sein; seine Rede ist lang. Die Gestalt des scharfzüngigen Sieyès sieht man hinaufsteigen, kaum verweilend, nur im Vorübergehen sagt sie: »La mort sans phrase, Tod ohne Phrasen,« und schwindet weg und hinunter. Gespenstisch, dämonenhaft!

Und doch, wenn der Leser sich das Ganze leichenhaft, traurig oder auch nur ernst vorstellt, so irrt er. »Die Saalwärter in der Gegend des Berges,« sagt Mercier, »sind wie 261 Logenwärter in der Oper,« sie öffnen und schließen die Galerien für bevorzugte Personen, für »die Maitressen Orléans-Égalités,« oder für andere hochaufgeputzte Damen von Stande, die in Spitzen und trikoloren Bändern daherrauschen. Galante Deputierte gehen und kommen, um sie mit Eis, Erfrischungen und Geplauder zu unterhalten, die hochgeputzten Köpfe nicken zur Antwort und einige haben Karte und Pointiernadel bei sich, und merken sich darauf die »Ja« und »Nein« an, wie beim Rouge et Noir. Weiter oben thront Mutter Duchesse mit ihren ungeschminkten Amazonen; sie läßt sich nicht abhalten, ein langes Haha! von sich zu geben, wenn das Votum nicht lautet »La mort.« Auf diesen Galerien trinkt man Wein und Branntwein »wie in offener Schenke, en plaine tabagie.« Wetten sind im Gange in allen Kaffeehäusern der Nachbarschaft. Aber drinnen im Saal sieht man jetzt die Müdigkeit, Ungeduld und äußerste Erschöpfung auf allen Gesichtern, die sich nur von Zeit zu Zeit erhellen, wenn ein Wechsel im Spiele eintritt. Mitglieder sind eingeschlafen, Saaldiener kommen und wecken sie, damit sie ihre Stimmen abgeben; andere Mitglieder berechnen, ob sie wohl nicht Zeit hätten, eiligst zu gehen und zu dinieren. Gestalten, wie Phantome, blaß im trüben Lampenlichte, erheben sich, äußern von dieser Tribüne nur ein Wort: »Tod.« »Tout est optique,« sagt Mercier, »die Welt ist ganz ein optischer Schatten.«Mercier, Nouveau Paris, VI, 156-159; Montgaillard III, 348-387; Moore, etc. Mitten in der Donnerstagnacht, wo das Abstimmen vorüber und Sekretäre die Stimmen zusammenzählen, kommt der kranke Duchatel daher, gespensterhafter als alle anderen, auf einem Stuhl getragen; eingehüllt in Tücher, »in Schlafrock und Nachtmütze,« um für Gnade zu stimmen: eine einzige Stimme, glaubt man, kann den Ausschlag geben.

Ach nein. Inmitten tiefster Stille muß Präsident Vergniaud, mit einer Stimme voll Traurigkeit, sagen: »Ich erkläre im Namen des Konvents, daß die Strafe, die er über Louis Capet ausspricht, der Tod ist.« Tod mit einer kleinen Majorität von dreiundfünfzig. Ja, ziehen wir gewisse sechsundzwanzig Stimmen, die »Tod« sagten, aber eine schwache unwirksame Empfehlung zur Gnade damit verbanden, von der einen Seite ab und fügen sie zur anderen, so ist die Majorität nur Eins.

Tod ist das Urteil; aber die Vollstreckung? Noch ist es 262 nicht vollstreckt! Kaum ist es erklärt, so treten Ludwigs drei Advokaten in den Saal mit einem Protest in seinem Namen, mit der Forderung eines Aufschubes und der Appellation an das Volk. Hierfür sprechen Desèze und Tronchet mit kurzer Beredsamkeit, der wackere alte Malesherbes mit beredtem Mangel an Beredsamkeit, in abgebrochenen Worten, mit schmerzlicher Verwirrung und unter Schluchzen; das ehrliche, ehrwürdige Antlitz mit seiner grauen Energie, schlichten Klugheit und Treue wird von der Erregung überwältigt, zerfließt in stummen Thränen.Moniteur (in der Histoire parlementaire, XXIII, 210).Siehe Boissy d'Anglas, Vie de Malesherbes II, 139. – Die Appellation ans Volk wird verworfen, da das bereits abgemacht und ausgeschlossen worden ist. Was aber den Aufschub betrifft – sursis, wie sie's nennen, – so soll der in Erwägung gezogen werden und morgen darüber abgestimmt werden; für jetzt vertagen wir die Versammlung. Worauf der Patriotismus vom Berge »zischt;« aber eine »tyrannische Mehrheit« hat entschieden und vertagt sich.

Also immer noch diese vierte Abstimmung, murrt der unwillige Patriotismus, diese Abstimmung und wer weiß welch andere Abstimmungen und Vertagungen, und die ganze Sache noch immer im Ungewissen schwebend! Und bei jeder neuen Abstimmung möchten diese jesuitischen Girondisten, selbst diejenigen, die für Tod gestimmt haben, ein Loch zum Entwischen finden! Der Patriotismus muß wachen und toben. Eine tyrannische Vertagung haben wir schon gehabt, jetzt wieder eine um Mitternacht unter dem Vorwande der Müdigkeit, der ganze Freitag mit Zögern und Tändeln verschwendet mit nochmaligem Zählen der Stimmen, die dann, so wie sie standen, doch für richtig befunden wurden! Grimmiger als je bellt der Patriotismus, Patriotismus ist vom langen Wachen rotäugig, beinahe tollwütig geworden.

»Aufschub, ja oder nein?« Endlich stimmt man darüber ab, den ganzen Samstag, Tag und Nacht. Alle Nerven sind erschöpft, alle Herzen verzweifelt; jetzt soll es enden. Vergniaud wagt es trotz des Bellens zu sagen: »Ja, Aufschub,« obgleich er für den Tod gestimmt hat. Philipp Égalité sagt – nach Ehre und Gewissen –: »Nein.« Das nächste hinaufsteigende Mitglied: »Wo Philipp Nein sagt, sage ich für mein Teil Ja, moi je dis oui.« Noch immer schwankt die Wage. Bis endlich, um drei Uhr am Sonntag Morgen, eine Majorität von 263 Siebzig ergiebt: Kein Aufschub, Tod innerhalb vierundzwanzig Stunden!

Garat, der Justizminister, muß mit dieser ernsten Botschaft nach dem Temple gehen. Wiederholt ruft er aus: »Quelle commission affreuse, welch schrecklicher Auftrag!«Biographie des Ministres, p. 157. Ludwig bittet um einen Beichtvater, um noch drei Tage Leben zur Vorbereitung auf den Tod. Der Beichtvater wird bewilligt, die drei Tage und jede Frist abgeschlagen.

Giebt es denn keine Rettung? Keine! antworten die dicken Steinmauern. Hat König Ludwig keine Freunde? Giebt es denn keine Männer von Thatkraft, von verzweifeltem Mute, jetzt in dieser äußersten Not? König Ludwigs Freunde sind schwach und sind fern. Nicht einmal eine Stimme in den Kaffeehäusern erhebt sich für ihn; bei Méot dem Restaurateur speist jetzt kein Kapitän Dampmartin, es werden keine Tod verbreitenden Schnurrbärte auf Urlaub gesehen, die da ihre verbesserten Dolche herzeigen. Méots tapfere Royalisten auf Urlaub sind weit jenseits der Grenzen, wandern zerstreut durch die Welt, oder ihre Gebeine liegen modernd im Argonner Wald. Nur einige schwache Priester »legen Flugschriften auf alle Ecksteine,« über Nacht, worin sie zur Befreiung des Königs auffordern, die frommen Weiber aufrufen, sich zu erheben; oder sie werden ergriffen beim Verteilen der Flugschriften und ins Gefängnis geschleppt.Siehe Prudhommes Zeitung, Révolutions de Paris (in der Histoire parlementaire XXIII, 318.)

Doch nein, einen Haudegen von der alten Méot-Sorte giebt es, der alles daran setzte, sogar Geringeres und Schlimmeres zu thun: er hat einen Deputierten erschlagen und den ganzen Patriotismus von Paris in Harnisch versetzt! Es war fünf Uhr am Samstag Abend, als Lepelletier St.-Fargeau, nachdem er sein Votum »kein Aufschub« abgegeben, hinüber rannte zu Février im Palais-Royal, um eiligst einen Mund voll zu essen. Er hatte gespeist und war im Begriff, zu zahlen. Da trat ein untersetzter Mann »mit schwarzem Haar und blauem Bart,« in einen weiten Rock gekleidet, auf ihn zu; es war, wie Février und die Umstehenden sich erinnerten, ein gewisser Pâris von der ehemaligen Königsgarde. »Sind Sie Lepelletier?« fragt er. – »Ja.« – »Sie stimmten in der Sache des Königs –?« – »Ich stimmte für den Tod.« »Scélérat, nimm dies dafür!« schreit Pâris, einen Säbel unter 264 seinem Gewande hervorziehend, und stößt ihn Lepelletier tief in die Seite. Février packt ihn, aber er reißt sich los und ist fort.

Der Deputierte Lepelletier ist tot, er starb unter großen Schmerzen um ein Uhr des Morgens, – zwei Stunden, bevor die Stimmen für »Kein Aufschub« vollständig gezählt waren. Gardist Pâris flieht über ganz Frankreich, kann nicht erwischt werden; einige Monate später wird man ihn, von eigener Hand erschossen, in einem abgelegenen Wirtshause finden.Histoire parlementaire, XXIII, 275, 318. - Félix Lepelletier, Vie de Michel Lepelletier son frère, p. 61 etc. – Mit der beliebten Vorliebe für das Wunderbare meint Felix, daß der Selbstmörder in jenem Wirtshause nicht Pâris, sondern ein Doppelgänger desselben gewesen sei. Robespierre glaubt Grund zu haben für die Annahme, es halte sich der Prinz von Artois heimlich in Paris auf, daß man beabsichtige, den Konvent samt und sonders hinzuschlachten. Darüber Jammer und Rachegeschrei beim Patriotismus; Santerre verdoppelt und verdreifacht seine Patrouillen. Jedes Mitleid geht in dieser Wut und Furcht unter; der Konvent verweigert die drei Tage Leben und jede Frist.

 

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